Cover in groß "»Ich hab’ von allem was dazugelernt ...« - Neue Ansätze in der Mädchenarbeit"
Diakonisches Werk der Ev. Kirche von Westfalen u. a.

»Ich hab’ von allem was dazugelernt ...« - Neue Ansätze in der Mädchenarbeit

Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Modellprojekt »Macht uns nicht an!«

Mit einem Vorwort von Renate Klees-Möller

ISBN-10: 3-89771-351-9
ISBN-13: 978-3897713512
Ausstattung: br., 153 Seiten
Preis: 13.00 Euro

Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Modellprojekt
"Macht uns nicht an!"

Im Rahmen eines Modellprojektes, in dem Jugendhilfe, Schule und kommunale/regionale Frauenförderung mit wissenschaftlicher Begleitung zusammenwirkten, schrieben Mädchen das Buch „Macht uns nicht an!“.
Der jetzt vorliegende Titel ist zugleich Auswertung und Vertiefung in pädagogischer Hinsicht. Er gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte und den Verlauf des Projektes und stellt Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung vor.

aus dem Inhalt

Einleitung
von Renate Klees-Möller
Innovative Ansätze in der Mädchenarbeit –
ein wichtiges Element der Gewaltprävention
von Rita Kühn
Von Mädchen ausgehen – mit Mädchen ein Buch über
Selbstbehauptung und Selbstverteidigung schreiben
von Christiane Wortberg Christiane Wortberg
Lebenszusammenhänge von Sonderschülerinnen –
Alltag und Erfahrungswelten der am Projekt
beteiligten Mädchen
von Renate Klees-Möller
Berufs- und Lebensplanung der Mädchen –
Ein Weg mit vielen Widersprüchen
von Sabine Gerecht
Erfahrungsbericht aus der Johannesschule
von Michael Weß
Wo bleiben die Mädchen? – Überlegungen zum
Prinzip Schüler(innen)orientierung im Unterricht
von Jutta Laumann und Christiane Wieging
Zusammenfassung und Ausblick
von Renate Klees-Möller
Literatur
Dokumentation: Fragebogen



Leseprobe

Gewalt gegen Frauen und Mädchen:
Problemfeld und Begriffsbestimmung

Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Problemfeld und Begriffsbestimmung
Die Frauenbewegung hat die Verknüpfung von Männergewalt gegen Frauen und Mädchen mit der Geschlechterhierarchie in dieser Gesellschaft thematisiert und den Mythos beendet, dass es sich hier um eine private Angelegenheit handelt. Männergewalt gegen Frauen steht im engen Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft, der Vorherrschaft des Mannes und der untergeordneten Position der Frauen in allen Lebensbereichen. Infolge der Enttabuisierung wurde öffentlich:
· Das im Artikel 2 GG garantierte Recht auf körperliche Unversehrtheit ist bis heute nicht im vollen Umfang umgesetzt worden. Tagtäglich sind Frauen und Mädchen Opfer von körperlicher und/oder seelischer Gewalt oder werden von ihr bedroht.
· Besonders erschreckend ist, dass der größte Teil physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen im privaten Nahbereich von Familie, Haushalt und Partnerschaft stattfindet. Kriminologische Dunkelfeldbefragungen im In- und Ausland haben lange Zeit diese Form der Gewaltkriminalität kaum erfasst.
· Männergewalt gegen Frauen zieht sich durch alle Schichten, die Mehrzahl der Täter kommt aus dem sozialen Nahraum der Opfer. Betroffen sind im häuslichen Bereich in der Regel auch Kinder.

Engagierte Frauen setzten und setzen sich dafür ein, dass eine Gesellschaft, die solche Gewaltverhältnisse hervorbringt, verpflichtet ist, die eigenständige Existenzsicherung gewaltbetroffener Frauen, die Garantie von Schutz und Unterkunft, das Vorhalten therapeutischer und beratender Hilfestellung zu gewährleisten. Gleichzeitig wurde und wird Gerechtigkeit für die Opfer, d.h. die öffentliche und eindeutige Sanktionierung der Täter gefordert.
Ging es zu Beginn der Diskussion vor allem um Schläge und körperliche Misshandlungen von Frauen – »insbesondere die körperliche Gewalt in Ehen und eheähnlichen Beziehungen … war im Rahmen des Komplexes Gewalt gegen Frauen das erste öffentlich breit diskutierte Problemfeld« (Hagemann-White 1997, S.52) –, so wurde später die Frage der psychischen Gewalt verstärkt in den Blick genommen.
Die Einrichtung von Frauenhäusern, später kamen Notrufe und Frauenberatungsstellen dazu, und die Arbeit im Kontext sexualisierter Gewalt gegen Frauen, Mädchen und auch Jungen bewirkte eine wachsende gesellschaftliche Sensibilisierung bezogen auf Erscheinungsformen der Gewalt im Geschlechterverhältnis.
»Das Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist in der Bundesrepublik, ebenso wie in anderen westlichen Industrienationen… durch Aktionen der Frauenbewegung und durch Berichte von Betroffenen öffentlich gemacht worden. Diese Veröffentlichung vorher tabuisierter Männergewalt verlief wellenförmig, indem immer neue Gewaltformen in den Brennpunkt des Interesses rückten. …. In ganz unterschiedlichem Ausmaß sind aus diesen öffentlichen Thematisierungen verschiedener Gewaltdimensionen gesellschaftliche Sensibilisierungen und Verbesserungen für die Situation der betroffenen Frauen und Mädchen in Form konkreter Hilfsangebote hervorgegangen« (vgl. Brückner 1997, S.72f). Nach der Thematisierung von Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe wurde der sexuelle Missbrauch an Kindern öffentlich gemacht, später der Frauenhandel, Gewalt in der Prostitution sowie in Institutionen (ebd.).

Die Erfahrungen in der Arbeit mit den betroffenen Frauen und Mädchen sowie die Erkenntnisse über die Vielfalt der Erscheinungsformen führten zu einer breiteren Gewaltdefinition. In den Blick kamen neben den körperlichen Verletzungen auch die psychischen und seelischen Misshandlungen und Schäden der Opfer.

In den letzten Jahren wurde deutlich: Zu einem geringen Teil beuten auch Frauen Mädchen und Jungen »sexuell« aus. Die mögliche Unterstützung der Täter in diesem Bereich und in den Problemfeldern Menschenhandel und Zwangsprostitution durch Frauen wird in diesem Kontext ebenfalls thematisiert.

Vor dem Hintergrund der Vielschichtigkeit der Gewaltproblematik entwickelt Carol Hagemann-White folgende Definition:
»Bei der Gewalt im Geschlechterverhältnis im Hinblick auf mögliche Interventionen… geht es um:
– jede Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität einer Person, welche
– in Zusammenhang mit der Geschlechtlichkeit des Opfers und des Täters steht und
– unter Ausnutzung eines Machtverhältnisses durch die strukturell stärkere Person zugefügt wird.« (1997, S.29)
Gewalt gegen Frauen, Mädchen und auch Jungen wird in der überwiegenden Mehrzahl durch männliche Täter ausgeübt. Übergriffe oder Unterstützungstätigkeiten durch oder von Frauen sind ebenfalls durch Strukturen geprägt, die viel mit der Ausübung von Macht und Dominanz und damit der durch die hierarchische Stellung der Geschlechter zueinander geprägten männlichen Verhaltensweisen zu tun haben (vgl. Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten 1997, S. 49).
Ohne die Tatsache weiblicher Beteiligung auszublenden oder zu leugnen, dass auch Jungen Opfer von (sexueller) Gewalt sind, wird in diesem Beitrag die von Anita Heiliger vertretene Begrifflichkeit »Männergewalt gegen Frauen und Mädchen« bevorzugt. Sie ist kürzer, von daher griffiger und bezieht die Benennung der vorherrschenden Täter- und Opferdimension in einem Satz direkt mit ein.

Ende der neunziger Jahre ist festzuhalten: Zwar gibt es seit über 20 Jahren Konzepte und Handlungsansätze zur Unterstützung Betroffener – von den Frauenhäusern bis hin zu beleuchteten Parkplätzen und Frauennachttaxis – sie haben jedoch nicht zu einem Eindämmen der Gewalt geführt.
»Die Entwicklung der Frauenbewegung und die Schaffung von Orten für Frauen, die Gewalt erlitten haben, rücken den Blick auf die Mädchen und Frauen selbst in den Vordergrund. Dadurch entsteht die Gefahr, dass die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die diese Gewalt hervorgebracht haben, in den Hintergrund gedrängt wird, obwohl Gewalt gegen Frauen und Mädchen keineswegs weniger geworden ist« (vgl. Brückner 1997, S.81).
Entgegen der Gefahr, Männergewalt gegen Frauen in Hilfseinrichtungen lediglich zu »verwalten«, setzen sich engagierte Frauen verstärkt dafür ein, neben die Förderung und Absicherung von Projekten und Einrichtungen, die vorrangig zum Schutz und zur Unterstützung der Opfer eingerichtet wurden, neue »alte« Aspekte verstärkt in den Blick zu nehmen. Gefordert werden die konsequente Verfolgung, Bestrafung und Kontrolle der Täter, die gesellschaftliche Ablehnung von Männergewalt, die Ausdifferenzierung der Arbeit mit gewaltbetroffenen Mädchen und Jungen und das stärkere Augenmerk auf gewaltpräventive Ansätze (vgl. Hagemann-White 1997; Brückner 1997).
Die konsequente Strafverfolgung der Täter, aber auch die generelle gesellschaftliche Ächtung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen zielt auf eine Kultur des Einmischens, des Hinschauens und der Sanktionierung der Täter und wird als wichtiger gewaltverhindernder Faktor begriffen.

Gewaltprävention
Um die Ursachen der Gewalt im Geschlechterverhältnis zu bekämpfen, ist eine Verstärkung und Verbesserung der Gewaltprävention notwendig. Gewaltprävention bedeutet, der Frage nachzugehen: Wie kann verhindert werden, dass Opfer zu Opfern und Täter zu Tätern werden? Es geht um die Veränderung der Bedingungen und Strukturen, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen fördern. »Prävention kann auf drei Ebenen verstanden werden:
· Die primäre Prävention von Gewalt baut deren gesellschaftliche Ursachen ab;
· die sekundäre Prävention leistet individuelle Hilfe in akuten, auf Gewalt hintreibenden Konfliktsituationen, um das Umkippen in Gewalttätigkeiten zu verhindern;
· die tertiäre Prävention meint die Vorbeugung weiterer Gewalttätigkeiten und den Versuch, den Schaden zu mindern.« (Hagemann-White 1997, S.88)

Aspekte der Tertiärprävention
Die tertiäre Prävention, die sich darauf richtet, schon stattfindende Gewalt zu beenden und neue gewaltfreie Perspektiven der Lebensgestaltung zu eröffnen, steht im Mittelpunkt der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen in Frauenhäusern, in Notrufen und in Beratungsstellen für Frauen und Mädchen. Neben der Krisenintervention sind hier zentrale Momente die Überprüfung von Rollenmustern, Beziehungsstrukturen und Abhängigkeiten. Als wichtiger Anknüpfungspunkt zur Aufhebung von Abhängigkeiten hat sich die Forderung nach einer eigenständigen Existenzsicherung von Frauen herauskristallisiert.

Aspekte der Primärprävention
Alle Einrichtungen und Initiativen haben von Beginn an die primäre Prävention und damit den Abbau gesellschaftlicher Ursachen für das Zustandekommen der Gewalt gegen Frauen und Mädchen konzeptionell mitgedacht und bearbeitet. Thematisiert wurde die hierarchische Stellung der Geschlechter zueinander, d.h. die Unterordnung der Frau als Vertreterin der Schwachen unter den Mann, stellvertretend für die Starken in dieser Gesellschaft. In Verknüpfung mit Leitbildern wie: der Stärkere setzt sich durch, notfalls mit Gewalt, wird diese Hierarchie der Geschlechter als gewaltfördernd und verursachend benannt.
Grundsätzlich wird dieser Analyse folgend eine konsequente Gleichstellung von Frauen und Männern mit dem Ziel, strukturellen Benachteiligungen von Frauen entgegenzuwirken und damit Abhängigkeiten von Frauen und Mädchen aufzuheben, als Anspruch formuliert. Begründungszusammenhängen der Gewalt von Männern an Frauen soll damit der Boden entzogen werden.

Aspekte der Sekundärprävention
Bezogen auf die Ausprägung von Geschlechtsrollenidentitäten und -verhalten lassen sich aus der Arbeit der Frauenhausmitarbeiterinnen Konsequenzen für eine sekundäre Prävention, die sich auf individuelle Hilfen in Bedrohungssituationen richtet, aufzeigen.

Ausgangspunkt war die Ausdifferenzierung der Arbeit mit gewaltbetroffenen Mädchen und Jungen im häuslichen Bereich, die von ihren Müttern mit in die Frauenhäuser gebracht wurden. Männergewalt in Beziehungen und in der Familie bedeutet für vorhandene Kinder immer, dass sie ebenfalls Gewalterfahrungen haben; durch direkte körperliche-seelische Misshandlungen oder aus dem Miterleben der Misshandlungen der Mutter.
Das Rollenverhalten in diesen Familien ist geprägt durch weibliche Zurücknahme und Unterordnung und männliche Dominanz in Verbindung mit der Vorstellung, dass Gewalt eine Form der Annäherung und der Auseinandersetzung ist. Mädchen und Jungen, die diese Rollenvorstellungen erleben und erlernen, laufen Gefahr, dieses Verhalten in späteren Beziehungen zu wiederholen. Die generationsübergreifende Wirkung im Zuge des Aufwachsens in Familien mit o.g. Beziehungs- und Gewaltstrukturen wurde durch verschiedene Studien bestätigt: »Es gibt einen engen unbestreitbaren Zusammenhang zwischen eigenen Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend und Gewaltausübung« (Christine Bergmann, Bonn (jpd) 1997/98, S.2). Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFFSJ) hat zu diesem Thema das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) geforscht (vgl. Dokumentation »Staatliche Intervention bei häuslicher Gewalt«, Hannover 1992).
Kenntnisstand ist: Mädchen und Jungen, die in von Männergewalt geprägten Familien gelebt haben, eignen sich die hier vorherrschenden Strukturen zur Gestaltung von Beziehungen an und sind stark gefährdet, in späteren Beziehungen die erlernten Muster zu wiederholen. D.h., diese Mädchen sind potentielle Opfer von Männergewalt in Beziehungen von morgen, ebenso wie diese Jungen potentielle Täter von morgen sind. Neben dem Schutz, der Aufarbeitung der traumatisierenden Erfahrungen, der Beratung und Unterstützung gilt es, in der Arbeit mit diesen Mädchen und Jungen das bisher erlernte Rollenverhalten zu überprüfen und zu verändern.
Beachtet werden muss leider, da nicht alle Frauen, die von Gewalt betroffen sind, die Unterstützungsangebote von Frauenhäusern oder -beratungsstellen in Anspruch nehmen, dass eine weitaus größere Anzahl von Mädchen und Jungen, als auf den ersten Blick vermutet, schon in der Herkunftsfamilie mit Männergewalt gegen Frauen konfrontiert und entsprechend sozialisiert wird.
In der Arbeit mit kindlichen Opfern sexualisierter Gewalt hat sich gezeigt: Täter sind durch selbstbewusstes lautes Auftreten irritiert und neigen dazu, sich eher bedürftigen und hilflos erscheinenden Mädchen und Jungen zu nähern.

Anmerkungen zur Lebenswelt und zu den Lebenserfahrungen von Mädchen und jungen Frauen
Lassen wir den Fokus bei den Frauen und Mädchen und unternehmen den Versuch, zu erklären, warum Frauen so lange in Gewaltbeziehungen aushalten, die von weiblicher Zurücknahme und Unterordnung als Gegenstück zu männlicher Dominanz geprägt sind, so gibt es viele Hinweise aus der Frauen- und Mädchenforschung.
Einige zentrale Punkte sind in diesem Kontext zu nennen:
· Im Laufe ihrer Sozialisation lernen Mädchen und junge Frauen, von sich selbst abzusehen. Sie lernen, dass nicht das, was sie sind und was sie denken, tun etc., ihnen Wert gibt, sondern ihr Aussehen, ihre Unterstützung für andere, ihre Freundlichkeit usw.. Mädchen und jungen Frauen wird vermittelt, dass ihre Bedürfnisse und Belange nicht so wichtig sind. Vor allem in der Pubertät, in der mit Erwachsenenrollen experimentiert wird, die freiere Kindrolle aufgegeben werden muss und die Zuweisung, aber auch die Selbstdefinition als Mädchen, als Frau erfolgt, verfestigt sich die weibliche Selbstlosigkeit. Hier wird deutlich, warum es Mädchen und Frauen oftmals so schwer fällt, für sich zu sorgen, »Nein« zu sagen und sich selbst zu behaupten.
· Zur Frau zu werden ist für viele Mädchen mit vielen innerlichen Konflikten verbunden. Sie spüren, dass von ihnen verlangt wird, wichtige Interessen, Erfahrungen, Wünsche aufzugeben oder zumindest nicht mehr als so wichtig besetzen zu dürfen wie bisher, wenn sie von anderen als Mädchen oder Frau erkannt werden wollen. Bleiben sie dabei, mitzumischen und sich durchzusetzen, sind sie »ein netter Kumpel«, aber quasi geschlechts- und damit identitätslos. Gleiches gilt für den Bereich der Sexualität. Auch hier wird erwartet, dass sie verfügbar sind und ihre Interessen zurückstellen. Verweigern sie sich oder führen gar ein aktives Sexualleben, laufen sie Gefahr, abgewertet zu werden. Dazu kommt die Gewalterfahrung vieler Mädchen und Frauen in Kindheit und Jugend, die noch zu oft mit Selbstverschuldung der Opfer verknüpft wird. »Der Rock war zu kurz« oder »sie war ja auch zu freizügig«; bewusst oder unbewusst bestehen diese Vorurteile in vielen Köpfen weiter.
· Mädchen und junge Frauen machen rigide Diskrepanzerfahrungen: Ihnen wird vermittelt, dass sie gleichberechtigt sind, dass sie alle Chancen haben. Es ist hinreichend belegt, dass die Realität anders aussieht. Mädchen und Frauen sind in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt und erfahren spezifische Zuweisungen. Mängel, Lücken, Hindernisse bei der Einlösung dieser vermeintlich gleichen Chancen geraten so zu Problemen, die sie in ihrer Person vermuten, sie suchen die Ursachen bei sich selbst. Eine moderne Frau, ein modernes Mädchen zu sein, ist eine ständige Herausforderung, die immer wieder zur Demütigung werden kann.
· Die Übernahme der Geschlechtsidentität und damit die Anpassung an die Geschlechterhierarchie ist in der Regel mit dem Verlust der Wahrnehmung und Durchsetzung eigener Interessen und Rechte verbunden. Bewusst und unbewusst werden ambivalente Erwartungen und Botschaften an Mädchen und junge Frauen gerichtet. Es wird erwartet, dass Frauen und Mädchen selbstbewusst und stark sind, sie sollen beruflich erfolgreich sein und nebenbei die Erziehung der Kinder sicherstellen. Aber sie dürfen nicht zu stark sein, sondern die Karriere abgeschwächt verfolgen; oder auch, es ist nicht so wichtig, dass sie einen gleichwertigen Schulabschluss erlangen, »sie bleiben ja eh zu Hause«.

All diese Botschaften erhalten Mädchen und junge Frauen in unterschiedlicher Ausprägung und unterschiedlicher Intensität. Wichtig ist, sie erfahren diese Botschaften als ambivalent, das Risiko, verunsichert und unsicher zu werden, ist hier enthalten (vgl. Brown/Gilligan 1994).

Die genannten Erkenntnisse und Erfahrungen sind zusammenzuführen und für die Entwicklung gewaltpräventiver Handlungsansätze in der Arbeit mit Mädchen und Jungen in allen Handlungsfeldern von Jugendhilfe und Schule zu nutzen.

Gewaltpräventive Konzepte in der Arbeit mit
Mädchen und jungen Frauen
Ein Beispiel, wie die in diesen Zusammenhängen gewonnenen Erfahrungen in die Konzeptentwicklung übertragen werden können, sind die Trainingskurse zur »Selbstbehauptung und Selbstverteidigung« für Frauen und Mädchen. Diese Kurse werden zunehmend an Schulen in dem Wissen angeboten: Schule ist ein Ort der systematischen, pädagogischen Einflussnahme und darüber hinaus auch ein Lebensraum, in dem »soziales Lernen« stattfindet. Viele Untersuchungen haben bestätigt, der pädagogische Lernort Schule reproduziert nach wie vor auf nahezu allen Ebenen stereotype Geschlechterrollen, die Männlichkeit immer noch mit Dominanz und notfalls gewaltsamer Durchsetzung von Interessen verknüpft.
Gewalt gehört zum Alltag der Schulen und wird zum allergrößten Teil von Vertretern des männlichen Geschlechts ausgeübt. Auch in der Schule hat Gewalt gegen Mädchen und Frauen viele Formen: Gewalt in der Schule betrifft ebenso die Lehrerin als Frau und bewirkt Gefühle der Bedrohung.
Der Schulalltag vieler Mädchen wird geprägt durch den Stress mit den Jungen, die die Mädchen ärgern, sie nicht ernst nehmen, sie begrapschen, sich über sie lustig machen und vor allen Dingen das Nein eines Mädchens nicht akzeptieren wollen oder können. Die zuschauenden oder zumindest informierten pädagogischen Fachkräfte tun leider noch zu oft vieles davon als tollpatschige Annäherungsversuche von unbeholfen Pubertierenden ab (vgl. Heiliger/Engelfried 1995). Die vielfach genutzten Feststellungen: »Die Jungen sind nun mal so«… »Die Mädchen wollen das ja«, entlasten und entbinden von der pädagogischen Bearbeitung der Problematik. Entweder sie sind nicht dazu in der Lage oder sie sind überfordert, diese Situationen zum Erlernen eines respektierenden Umgangs der Geschlechter miteinander zu nutzen. Faktisch fehlt an den Schulen nach wie vor die Verankerung von Konzepten zum Umgang mit Konflikten, zur Initiierung und Begleitung von Aushandlungsprozessen, die die Interessen von Mädchen und Jungen berücksichtigen, ohne Grenzverletzungen zuzulassen.
In der Konsequenz initiiert sich hier tagtäglich ein Lernfeld, das die Geschlechterhierarchie reproduziert und einübt. Die Verharmlosung von übergriffigen Verhalten bis hin zur Ausübung desselben wird zu oft ausgeblendet und damit toleriert.
Aufgrund ihres verpflichtenden Charakters hat Schule einen enormen Wirkungsgrad und erreicht nahezu jedes Mädchen und jeden Jungen. Die Initiierung und Umsetzung einer Mädchen- und einer Jungenarbeit im Kontext Schule, die alte Geschlechtsstereotype verlässt und Gewaltprävention zum integralen Bestandteil macht, ist ein wichtiger und aus genannten Gründen effektiver Beitrag zur Gewaltprävention.

Die Installierung von Kursen zur Selbstbehauptung und selbstverteidigung von Mädchen an Schulen stärkt diesen den Rücken, »Nein« zu sagen, unterstützt sie bei der Abwehr von übergreifendem Verhalten und bereitet auch auf gefährdende Situationen außerhalb von Schule vor. Mädchen bekommen in diesen Kursen vermittelt: »Ich habe ein Recht, ‚Nein‘ zu sagen. Mädchen und Jungen haben gleiche Rechte. Kein Junge, kein Mann hat das Recht, seine Meinung mit Gewalt durchzusetzen.« Trainingselemente aus der Selbstverteidigung vermitteln ihnen, wie sie dieses Selbstverständnis körperlich unterstützen können, bis hin zur Einübung konkreter Abwehr- und Verteidigungsstrategien.
Die Chance der Übertragung der in diesen Kursen erarbeiteten Handlungsrepertoires in die Lebenswelten der Mädchen steigt mit der Bestätigung ihres neuen Verständnisses in anderen Zusammenhängen. Mädchen, die die Inhalte der genannten Kurse in ihren Lebensalltag übertragen wollen und erleben, dass sie mit ihrem neuen Selbstverständnis nicht angenommen oder sogar abgelehnt werden, laufen Gefahr, wieder verunsichert und unsicher zu werden. Auch im Mathe- oder Sportunterricht, im Jugendzentrum, in der Stadtteilgruppe und im Sportverein benötigen sie parteiliche Unterstützung und Begleitung, wenn sie sich behaupten und ihre Rechte durchsetzen wollen.
Konsequenterweise können die genannten Kurse langfristig nur erfolgreich sein, wenn sie in ein Gesamtkonzept der Mädchenförderung in allen Bereichen von Jugendhilfe und Schule eingebettet sind.

Gewaltpräventive Konzepte in der Arbeit mit Jungen und jungen Männern
In diesem Kontext ist auch die vermehrte Anstrengung zu begrüßen, Konzepte für eine gewaltpräventive Arbeit mit Jungen und jungen Männern zu entwickeln, die darauf abzielen, Verhalten einzuüben, das auf Gewalt als Konfliktregulierung verzichten lässt und einen respektvollen, empathischen Umgang mit Mädchen und jungen Frauen ermöglicht. Auch den Jungen gehört der Rücken gestärkt, wenn sie im Umgang mit Mädchen nicht mehr daran gemessen werden wollen, ob sie die Oberhand gewinnen, Mädchen und junge Frauen austricksen und/oder sich unterwerfen können.
Die Debatte um gewaltpräventive Konzepte in der Arbeit mit potentiellen Tätern, in der Regel Männer und Jungen, befindet sich in den Anfängen. Erste Konzepte werden in der Praxis erprobt. Erste Kurse und Projekte an den Schulen und in der Jugendhilfe werden angeboten.
Ging es hier zunächst um einen Anspruch, der von der Frauenbewegung an die Praxis der Arbeit mit Jungen und jungen Männern in Jugendhilfe und Schule formuliert wurde, zeichnen sich in der aktuellen Diskussion neue Akzente ab. Verkürzt geht es um das Hinterfragen eines Männerbildes, das durch Dominanz, Konkurrenz, Stärke und Leistung geprägt ist nicht nur im Interesse der Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen. Die Übernahme eines neuen Rollenverständnisses in Kombination mit der Erprobung neuer Verhaltensweisen kommt auch Jungen und Männern zugute. Die Erkenntnis, nicht immer erfolgreich und stark sein zu müssen, das Zulassen von Empathie, die Entschärfung der Konkurrenz unter Männern entlastet. Jungen und Männer müssen nicht mehr um jeden Preis erfolgreich und karriereorientiert sein. Untersuchungen zur Sozialisation und zur Lebenswirklichkeit von Männern und Jungen bestätigen, auch sie leiden unter Rollenzuschreibungen, das vorherrschende Männerbild kann zu Versagensängsten und zu Problemen bei der Lebensbewältigung führen (vgl. Böhnisch/Winter 1993; Möller 1997).

Die Ermöglichung und Begleitung der Ausbildung einer Männlichkeit, die Empathie, Beteiligung und Achtung von Mädchen und Frauen einschließt, ist Voraussetzung zur Entwicklung einer Gesellschaft ohne Geschlechterhierarchie und damit ein zentraler Baustein zur Verhinderung von Gewaltbeziehungen und -strukturen.

Gewaltprävention als genereller Auftrag
Anknüpfungspunkt in der Arbeit mit verschiedenen Zielgruppen ist die Förderung des aktiven Eintretens gegen Männergewalt in Verbindung mit der Einübung von Handlungsstrategien, die mit dem Begriff Zivilcourage gefasst werden können. Zu häufig führt die sogenannte kultur des Wegschauens und Nichteinmischens dazu, dass in aller Öffentlichkeit Übergriffe auf Mädchen, Frauen und Jungen ungestört stattfinden können. Im Jahr 1998 bildeten die Meldungen der Vergewaltigung eines Mädchens in einer Regionalbahn sowie die Vergewaltigung einer jungen Frau in einer S-Bahn traurige Höhepunkte der Nichtbeachtung von Hilferufen und Schreien.

In der Arbeit mit potentiellen Opfern, d.h. Frauen, Mädchen und auch Jungen geht es darum, gewaltpräventive Konzepte in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu entwickeln und umzusetzen. Hier fließen die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen mit ein. Wer wirklich an einem Aufbrechen der Gewaltproblematik interessiert ist, muss Mädchen und junge Frauen sehen, wahrnehmen, unterstützen, stärken und fördern. Ausgehend von den Frauen- und Mädchenprojekten wird diese Diskussion sowohl in der Jugendhilfe als auch in der Schule von engagierten Pädagoginnen und Fachfrauen geführt. Leider laufen die Debatten in Schule und Jugendhilfe noch zu oft nebeneinander her.

Notwendig ist die Weiterentwicklung und Absicherung einer Mädchenarbeit mit dem Ziel der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung von Frauen und einer Jungenarbeit, die Jungen zu Männern werden läßt, die Empathie zeigen können und für die Gewalt kein Mittel zur Austragung von Konflikten ist. Thematisiert und bearbeitet werden sollte in diesem Zusammenhang die Entwicklung und Ausbildung von Rollenbildern und -verhalten, die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Wünsche, der Umgang mit Konflikten und der respektierende Umgang der Geschlechter miteinander. Das Zusammenspiel von Frauen und Männern bei der Reproduktion der unguten hierarchischen Geschlechterordnung sollte erkannt und konzeptionell berücksichtigt werden.

Dieser Wandel ist nicht allein Sache der Frauen, sondern verlangt gerade auch die Beteiligung der Männer. Als beispielhaft ist hier die Münchener Kampagne gegen Männergewalt an Frauen und Mädchen / Jungen »Aktiv gegen Männergewalt« zu nennen. Über ein Jahr lang wurden 1998 in Kooperation mit Institutionen und Einrichtungen in München modellhaft Projekte und Aktionen zum Thema »Aktiv gegen Männergewalt« geplant, entwickelt und umgesetzt. Durchgeführt wurden beispielsweise Projekte in Kindertageseinrichtungen und Schulen, Vortragsreihen in Universitäten und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen in Stadtteilen bis hin zur Initiierung von Runden Tischen. Die Initiatorinnen haben von Beginn an aktiv die Mitarbeit von Männern eingeworben.
Hier wie auch in anderen Zusammenhängen wurde ausgewertet, dass die Übertragung, Kooperation und Vernetzung gewaltpräventiver Handlungsansätze mit allen Handlungsfeldern von Jugendhilfe und Schule selbstverständlich sein sollte.

Aus der Rubrik: Emanzipation - Kinder