
"Die herrschende Symbolik in unserer Gesellschaft ist männlich geprägt und deshalb für den Selbstausdruck von Frauen und Mädchen völlig ungeeignet. Daher bedarf es speziell feministischer Symbolwelten, für deren Schaffung die Autorin in ihrem kämpferischen, gut lesbaren Buch plädiert. Ihre Beispiele entnimmt sie der Mythologie und Kulturgeschichte [...] und der Jugendkultur [...] Abschließend wird die Anwendung dieser Symbolik in der Mädchenpädagogik dargestellt."
Regine Hart/ ekz-Informationsdiens
Projekte der feministischen Mädchenpädagogik sind die Highlights der 90er Jahre, hier erhalten Mädchen und junge Frauen die Chance, ein neues Selbstwertgefühl aufzubauen.
Doch wohin mit diesem Selbstbewußtsein? – Wo finden Mädchen positive Identifikationsfiguren, Symbole feministischer Kultur und Gegenwart?
Im Geschichtsunterricht werden sie weiter mit Jägern und Sammlern, Feldherren und sogenannten Kriegshelden gelangweilt. Mädchen müssen sich ihre geschichtlichen und kulturelle Bezüge in unserer Gesellschaft selbst erarbeiten.
Claudia Zötsch hat sich deshalb auf die Suche nach weiblichen Symbolwelten in Geschichte, Mythologie und moderner Jugendkultur begeben, um sie für eine feministische Mädchenpädagogik verwertbar zu machen. Daneben gibt das Buch auch Tips und praktische Vorschläge für die Umsetzung einer feministische Mädchenkulturpädagogik.
aus dem Inhalt 1 Einleitung
2 Wie oder was sind Symbole?
2.1 Etymologie und Entstehungsgeschichte des
Begriffs »Symbol«
2.2 Unterscheidung zwischen Symbol, Klischee und
Zeichen nach Lorenzer
2.3 Unterscheidung zwischen Symbol und Bild
2.4 Das Symbolische bei Mary Douglas
2.5 Symbolgemeinschaften
2.6 Rituale als symbolische Handlungen
2.7 Symbolverwirrung
2.8 Mißbrauch des »Symbolhungers«
3 Theoretische Grundlagen einer Philosophie
symbolisch verstandener Kultur und ihre
Bedeutungen aus feministischer Sicht.
3.1 Der Mensch als »animal symbolicum« – Cassirers
Philosophie der symbolischen Formen
3.2 Die Sprache als symbolische Form und in
symbolischer Interaktion
3.2.1 Interaktion mit den Anderen
3.2.2 Selbstgespräche
3.3 Psychoanalytische Sichtweisen nach Irigaray und
Kristeva
3.3.1 Luce Irigaray
3.3.2 Julia Kristeva
3.4 Die individuelle und die menschheitsgeschichtliche Entwicklung des Symbolischen
3.5 Sinn und Ziel symbolisch verstandener Kultur
3.5.1 Eine sozialpädagogische Sichtweise
3.5.2 Eine feministische Sichtweise
4 Der symbolische Ausdruck in der Jugendkultur
4.1 Die Bedeutung des symbolischen Ausdrucks in Jugendkultur und Jugendästhetik
4.2›Jugendlichkeit‹ als Symbol und Ideal der postmodernen Gesellschaft
4.3 Die Massenmedien als Inspirationsquelle und Enteignungsinstanz für jugendkulturelle
Symbolwelten
4.4Jugendästhetik zwischen Vermarktung und Authentizität
4.5 Die Symbolwelten der Jugendkultur
4.5.1 Die Welt der Rock- und Popmusik
4.5.2 Mode und Marken
4.5.3 Jugendsprache
4.5.4 Jugendzeitschriften
5 Entdeckung und Erschaffung weiblicher Symbolwelten
5.1 Weibliche Symbolwelten aus Mythologie und kulturgeschichtlicher Überlieferung
5.1.1 Die Menstruation – Kulturgeschichte eines Symbols
5.1.2 Die Menstruation als Drachenzeit – Eine Suche nach mythologischen Zusammenhängen
5.1.3 Die Göttin und das Symbol der Dreiheit
5.1.4 Das Symbol der Göttin in der heutigen Zeit
5.1.5 Der biblische Paradies – Mythos und seine Symbole feministisch gedeutet
5.2 Weibliche Symbolwelten aus Jugendkultur und Jugendästhetik
5.2.1 Bekannte Frauen-Symbole und ihre mythischen und modernen Bedeutungen
5.2.2 Die Spice-Girls – »Spice up your life with Girl-Power«
5.2.3 Von den Riot grrrls zu den »Girlies« – Die Macht
der Ironie und das Spiel mit den Symbolen
5.2.4 Die Stimme als Symbol der Persönlichkeit
5.2.5 Weibliche Symbole im Film am Beispiel der
»Prinzessin Fantagiro«
6 Das Symbolische in der feministischen
Mädchenpädagogik
6.1 Die Pubertät und ihre symbolischen Themen
6.2 Symbolische Mütter und weibliche Vorbilder
6.3 Die Theorie der feministischen Mädchenarbeit
6.4 Die pädagogische Wirksamkeit des Symbolischen
6.5 Praktische Anregungen für die feministische
Mädchenkulturpädagogik
6.5.1 Sprachliche Symbole verändern
6.5.2 Musikhören mit Tarotkarten
6.5.3 Musikhören mit Fragen zu inneren Symbolen
6.5.4 Vorbilder finden in der Rock- und Popmusik
6.5.5 Den eigenen Namen singen
6.5.6 Beispiel einer Gesangsimprovisations-Einheit zu symbolischen Themen
6.5.7 Arbeit mit inneren symbolischen Vorstellungen am Beispiel Gesang
6.5.8 Die Diskussion mit den Emder Mädchen anhand verschiedener Frauenbilder
6.5.9 Vorschläge zur pädagogischen Arbeit mit der Menstruationssymbolik
6.5.10 Die Wirkung des Symbolischen thematisieren
6.5.11 Wer bin ich eigentlich und wie möchte ich sein?
6.5.12 Symbolische Exkursionen in die Kunst
6.5.12 Die Ahninnengalerie
7 Abschließende Gedanken
Anhang
Schriftliche Vorbereitungen der Mädchen zur Diskussion
Diskussion zum Thema Symbolwelten
Leseprobe Von den Riot Grrrls zu den »Girlies« – Die Macht der Ironie und das Spiel mit den Symbolen
Das Phänomen der Spice-Girls und des Girl-Power ist keine Erscheinung, die aus dem Nichts entstanden wäre. Es steht in einem Kontext. Dieser nahm seinen Anfang zu Beginn der 90er Jahre in der amerikanischen Bewegung der »Riot Grrrls«. Sie führt über Madonna, Cindy Lauper, Hole und diversen anderen Frauen-Punk-Bands hin zu den sog. »Girlies«. Diese Bewegung trägt den Namen »Girlism«. Und »Girlism« hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern vielmehr mit einem bestimmten Bewußtseinszustand. Auch Madonna kann sich deshalb heute noch »Girlie« nennen, und erst recht spielt es keine Rolle, daß die Spice-Girls allesamt bereits über 20 sind.
Die »Riot Grrrls« entstanden aus der amerikanischen Punk-Rock-Szene. Ihr Hauptinteresse galt dem Kampf gegen das Patriarchat und in einem Manifest mit dem Namen: »Revolution Girl Style Now« prangerten sie Vergewaltigungen, Frauendiskriminierung und die gesellschaftliche Einteilung von Frauen in »gut« oder »böse«, »Hure« oder »Heilige«, »Ehefrau« oder »Schlampe« an. Ihr symbolisches Ausdrucksmittel war die Ironie. Sie gründeten ihre eigenen Bands, und nannten sie ironisch »Schlampenbands« mit Namen, wie: »Hole« (Loch), »Nymphs« (Nymphen), »Dickless« (Schwanzlos), »Babes in Toyland« (Babes im Spielzeugland), »Cunts with Attitude« ( Mösen mit Stolz) und »7-Year-Bitches« (7jährige Huren). In ihren Konzerten sangen sie über das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, über Vergewaltigung und Prostitution. Die ironische Übernahme von Bezeichnungen und Symbolen, die eigentlich diskriminierend gebraucht und daraus folgend abgelehnt werden müßten, birgt eine besondere Kraft in sich. Die Schwulenbewegung bediente sich ihrer, indem sie die Bezeichnung »schwul«, vorher ein Schimpfwort, für sich übernahm. Das Gleiche geschah mit ›Huren‹, ›Hexen‹ und ›Niggern‹. Es handelt sich um eine subversive Form der Politik, die der Religionswissenschaftler Rudi Thiessen den »kynischen Trick« nannte. Die Bezeichnung leitet sich ab von »kyon«, der Hund. Dahinter steht eine Geschichte um einen Mann, der von den Menschen auf der Straße »Hund« gerufen wurde. Anstatt diese Beschimpfung abzulehnen und gegen sie zu kämpfen, pinkelte er ihnen ans Bein. Durch Ironie und Übertreibung wird das Symbol zurückerobert und es entsteht eine neue Möglichkeit des Spiels mit seinen Bedeutungen. Alles kann durcheinandergeworfen und neu zusammengesetzt werden. Im Grunde handelt es sich um eine erneut ins Rollen gebrachte Verlebendigung des Symbolischen. Ein erstarrtes Klischee wird wieder zu einem Symbol mit vielfältigen Bedeutungen. Wenn der alte, diskriminierende Sinn-Inhalt nicht mehr akzeptiert wird, muß über das Symbol neu kommuniziert werden. Die Wirkung ist also viel größer, als wenn das kränkend interpretierte Symbol nur abgelehnt wird. Die Ironie nimmt der beabsichtigten Demütigung den Wind aus den Segeln. Plötzlich erreicht sie ihr Ziel nicht mehr. Die ›Schlampen‹ lachen nur noch über diesen Begriff und schreiben ihn sich auch noch selber fett auf ihre T-shirts. Besonders wirksam wird die Ironie, wenn sie mit einer gewissen Übertreibung einhergeht. Die vormals abwertenden Symbole werden nun erst recht überbetont und damit in ihrer alten Bedeutung lächerlich gemacht. »Ironisch betrachtet bleibt kein Ding, wie es ist« und das machten sich die Riot Grrrls zu Nutze.
Madonna war es, die inspiriert von den Riot Grrrls zum ersten Mal den Begriff der »Girlies« ins Spiel brachte. 1993 ging sie mit ihrer »Girlie-Show« auf Tournee. Sie provozierte mit Hits, wie »Material Girl« und ihrem spielerischen Umgang mit Sexualität, Erotik und einem auffallend schrillen, ständig wechselnden Outfit.
»Sie verhandelt Selbstbefriedigung, Homosexualität und sadomasochistische Phantasien auf der Bühne; sie ist jetzt Heilige, gleich Hure. (…) Wer definiert das Girlie, wenn nicht das Girlie selbst? Madonnas Spiel mit den weiblichen Rollen erinnert unverkennbar an die Methode der Riot Grrrls und trug ihr in Teilen der Bewegung Hochachtung ein. »Riot Grrrls entstand aus Punk via Madonna« (…) Madonnas lebenslange Selbstinszenierung, ihr sicherer Riecher für den »schlechten Geschmack« und infolgedessen pointierte Tabubrüche, beruhen allesamt auf dem zutiefst ironischen Spiel der lustvollen Auseinandersetzung mit Sex (und dem Katholizismus) »Ich will vor allem den jungen Frauen zeigen, daß Frauen schön und stark sein können«, sagt sie, und sie tut es. Wenn Madonna im Mediendiskurs über die Girlies unzweifelhaft Göttinnenstatus erhalten hat, dürfte es genau daran liegen. Madonna ist Vermittlerin zwischen Riot Grrrls und Girlies.«
Aber die Spanne der Girlie-Diskussion reicht weiter. Madonna bildet darin nur den einen symbolischen Eckpfeiler. Auf der anderen Seite steht der Mythos »Lolita«. Er ist es, der den Girlies immer wieder ein schlechtes Image bringt. Auf diesen Mythos bauen die Mißverständnisse über die Girlies, sowohl von Seiten der Männer, als auch durch manche Feministinnen. Ein Mythos ist Lolita im von mir zuvor beschriebenen ersteren Sinn. Tietjen betont außerdem, es handele sich bei dieser Art von Mythos um einen Begriff, der aus seinem Zusammenhang herausgenommen und nicht wieder an die richtige Stelle zurückgesetzt wurde. Das heißt, es geht längst nicht mehr um die Romanfigur Dolores Haze im Roman des Schriftstellers Nabokov. In dieser Geschichte wird das junge Mädchen Dolores durch die Wünsche und Projektionen des männlichen Hauptdarstellers Humbert Humbert sexuell ausgebeutet und schließlich zugrundegerichtet. Der Roman beschreibt eine Verquickung zwischen realer und irrealer Macht. Überaus subtile Abhängigkeitsmechanismen spielen dabei eine Rolle. Diese stehen in Verbindung mit männlichen Projektionen und Wünschen. Humbert überträgt seine sexuellen Sehnsüchte auf das Mädchen Dolores, die er »Lolita« nennt.
Wie gesagt: Die Figur der Lolita erfuhr eine mythologische Verkehrung. Wer Lolita sagt, muß den Roman längst nicht mehr kennen. Mit dem Klischee »Lolita« wird nicht mehr die Romanfigur Dolores bezeichnet, sondern ein Mädchen, die mit Hilfe ihrer weiblichen Reize, die sie bewußt einsetzt, Männer verrückt macht. Sie ist also in der neuen Version diejenige, die mit ihrem erotischen Outfit Männer an der Nase herumführt, ihnen den Kopf verdreht, um sie dann nach Belieben wieder fallenzulassen. Im Roman weiß Humbert noch darum, daß er es ist, der einem Bildnis nachläuft. Der Mythos Lolita jedoch interpretiert die Verhältnisse verkehrt herum. »Die Identifizierung verläuft nicht über Dolores, sondern über Humbert Humbert.« Lolita ist zur kindlichen Verführerin geworden, zur »Eva« im patriarchalen Sinn. Ihre Vergewaltigung hat sie demnach selber zu verantworten, denn sie war es ja, die berechnend und unter Ausnutzung ihrer weiblichen Reize den Mann rasend machte. Diese Interpretation ist ebenso schrecklich, wie alt. Es verwundert daher kaum, daß sie in der medialen Diskussion um die Girlies erneut auftaucht.
Auch von Seiten mancher Feministinnen wurde den Girlies vorgeworfen, mit Hilfe ihres sexy Outfits wieder nur den Männern gefallen und deren Wünschen gerecht werden zu wollen. Beispielsweise in »Lucilectrics« Song »Weil ich ein Mädchen bin« sahen einige eine Abkehr von feministischen Forderungen und eine Rückkehr zu patriarchalen Verhaltensweisen. Lucy van Org nämlich singt in diesem Song davon, wie sehr ihr der männliche Hintern, den sie an der Theke erblickt, gefällt. Sie flirtet mit dem »Typ, der da mit dran hängt«, um ihm anschließend den ersten Schritt zu überlassen. Er darf sie zum Essen einladen, darf mit ihr ins Bett, und während der Vorbereitungen fragt sie sich, ob sein Schwanz, den er als »der Größte, der’s am längsten kann von allen«, bezeichnet, »heute Nacht auch wirklich hält, was er verspricht.« Und im Refrain verkündet Lucy van Org, die Sängerin immer wieder: »Ich bin so froh, daß ich ein Mädchen bin (…) Komm doch mal rüber Mann, weil ich ja sowieso gewinn, weil ich ein Mädchen bin…« Wie kann sie sich bloß mit über 20 Jahren »Mädchen« nennen? Ihr wurde »Pseudo-Feminismus« und sogar Sexismus vorgeworfen. Eine echte Feministin ergötzt sich doch nicht an knackigen Männerhintern, sie läßt keinen Mann für sich bezahlen – welche Demütigung – und sie interessiert sich nicht für die Größe des männlichen Phallus! Dabei scheint mir, und auch Tietjen vertritt diese Auffassung, daß eine solchermaßen argumentierende feministische Kritik sich im Grunde unbewußt ins eigene Fleisch schneidet, weil sie die männlich interpretierte Lolita übernimmt und voraussetzt. Sie übersieht die Ironie des »Girlism« und den spielerischen Umgang mit dem Symbolischen und fordert statt dessen lieber den Kampf gegen die Männer. Die Girlies sind vielleicht nicht politisch, aber ihre Symbole sind auch nicht die einer Lolita. Lolita ist eine reine Männerphantasie. Madonna, verstanden als das Gegensymbol, ist es zwar auch, aber wesentlicher ist sie Erschafferin ihrer eigenen Symbolwelt. Lolita ist ein Opfer. Madonna ist Siegerin, Spielerin und Schöpferin ihrer Selbst. Sie übertreibt den Lolita-Mythos, um ihn in der Übertreibung zu zerstören und neu zu beleben. Lolita ist zum Klischee und damit starr geworden. Madonna befreit das Symbol, indem sie es sich aneignet, indem sie die erotische Symbolik wieder in die Welt der Frauen zurückholt. Sie sagt damit so etwas wie: »Das sind unsere Symbole, die durch Männerphantasien entstellt wurden. Wir könnten nun für immer die Finger von ihnen lassen, weil wir nicht im patriarchalen Sinne mit ihnen identifiziert werden wollen; wir könnten vermeiden, uns erotisch und sinnlich anzuziehen; wir könnten unser Hauptaugenmerk darauf richten, keinem Mann mehr zu gefallen; aber wir können diese Symbole auch in einem anderen Kontext wieder für uns selber nutzbar und fruchtbar machen und uns selber daran erfreuen.« Es handelt sich also um eine ironische Zurückeroberung der Erotik und Weiblichkeit von Frauen und ihrer Symbole, und in diesem Sinne sprechen Madonna, Lucy van Org und andere Künstlerinnen für die Girlies.
In der Tradition der Riot Grrrls sind es längst auch die deutschen Girlies, die kräftig dabei sind, die alten, diskriminierenden Symbole durch Umsturz neu zu definieren. Sie spielen mit ihnen, setzen sie in andere Zusammenhänge und sich selber »offensiv in Szene« Auch in Deutschland und Europa sind in den letzten Jahren eine große Anzahl Frauenbands gegründet worden. Ich sagte ja bereits, welch wesentliche Rolle der Rock- und Popmusik zukommt, wenn es um die Symbolwelten der Jugendkultur geht. Deutsche Mädchen-, und Frauenbands sind zum Beispiel »Schön blond«, »Die fabulösen Thekenschlampen« oder »TicTacToe«. Auch die Rapperin Sabrina Setlur und die bereits erwähnte Band »Lucilectric« spielen in der Girlie-Debatte eine wesentliche Rolle. Europaweit möchte ich außerdem die isländische »Pop- Göttin« Björk mit ihren schrägen Selbstinszenierungen, die schwedische Band »The Cardigans« um Sängerin Nina Person, Polly Jean Harvey und die Sängerin Shirley Manson der Gruppe Garbage (»Müll«) nicht unerwähnt lassen. Letztere verkündete zum Beispiel in Interviews Ansichten, wie:
·»Ich brauche einen Mann, der das Biest in mir akzeptieren kann. Ich brauche einen Mann, der mich in seinen Bauchnabel pissen lässt.«
oder:
·»Ich will keinen Mann, mit kleinem Penis, und ich will auch keinen, mit einem Riesending – ich will einen, der gerade so paßt. Wenn er zu groß ist, tut’s weh und es dauert eine Ewigkeit bis er steht.«
Auch gewisse Zeitschriften spielen in der Jugendkultur eine wichtige Rolle. In den großen deutschen Städten erschienen ab 1995 verschiedene feministische, ausschließlich von Frauen gemachte und in der Tradition der Riot Grrrls höchst ironische Zeitschriften. So beispielsweise das in Hamburg erscheinende Blatt »Planet Pussy«, das sich durch die Fähigkeit auszeichnet, nahezu alles Alltägliche gnadenlos zu sexualisieren. Die männliche Sexualität und die Verherrlichung des Phallus wird auf ironische Weise gründlich verhöhnt, zum Beispiel, indem die Mitarbeiterinnen von Planet Pussy in Hamburger Bäckereien nach »Penistorten« fragten und die Reaktionen im Heft festhielten. Außerdem bezeichneten sie Lothar Matthäus Frau als »Lolita«, die so blöd war, ein solches »Rassisten-Schwein« zu ehelichen«. Manche Feministinnen empfanden das Blatt als »geschmacklos« und »antifeministisch«, weshalb es zumindest in einem Hamburger Frauenbuchladen aus Protest nicht verkauft wird.
Ganz im Stil der »Girlzines« der Riot Grrrls versteht sich auch die Darmstädter Zeitschrift »Görls«. Die behandelten Themen reichen von Gewalterfahrungen, lesbischer und heterosexueller Liebe und diversen Ängsten hin zu allerlei Dilettantischem und Komischem.
Wie aus alledem vielleicht schon deutlich geworden ist, spielt die weibliche Heterosexualität eine sehr wichtige Rolle beim Phänomen der Girlies. Seit Beginn der neuen Frauenbewegung war sie immer wieder ein Thema. Dabei ging es jedoch hauptsächlich um die Kritik an der »Zwangsheterosexualität« und um eine Enttabuisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und Erotik; ohne Zweifel wichtige Anliegen. Der Feminismus hat auf diesem Gebiet einiges ins Rollen gebracht, worauf Frauen und auch Männer heute aufbauen können. Der feministische Kampf ließ allerdings wenig Spielraum für ironische Verkehrungen der Symbole. Ein großer Schritt der Frauenbewegung war die Klarstellung: »Nein heißt Nein«. Girlies aber sind »gnadenlos heterosexuell«251 und damit Ausdruck der anderen Seite. Sie scheinen zu sagen: »Ja heißt Ja.« Die große (Wieder)betonung sexueller Aspekte, weiblicher Schönheit und weiblicher Erotik in ihrem symbolischen Ausdruck bearbeitet meiner Meinung nach wesentlich dieses Thema der Bejahung heterosexueller Beziehungen. Soweit sie Platz bieten für die eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Lebensentwürfe, versteht sich. Zum ersten Mal etablierte sich mit den Girlies eine ›Frauenszene‹, die aus ganzer Überzeugung »ja« zum Heterosex sagt und dafür jedes Symbol nutzt, das zur Verfügung steht.«
Die Girlies machen sich nichts mehr aus den Symbolen des Feminismus ihrer Mütter. Lila Latzhosen und indische Tücher sind out. Der kynische Trick ist es, der sie die Bedeutung von »Weiblichkeit« selber in Anführungszeichen setzen läßt. Und dazu gehört, alles tragen zu dürfen, was gefällt, auch »super-ultra-kurze«, bauchfreie T-shirts oder nur einen »Wonderbra« auf nackter Haut. Worauf es ankommt, ist Spaß haben, frei sein und selbstbewußt sein. Und zwar mit den Jungs! Die Girlies sagen den Jungs deutlich, wie sie sich eine Beziehung mit ihnen vorstellen. Die weibliche Erotik steht den Jungs nicht zur Verfügung. Es ist die Frau, die den Apfel vom Baum der Erkenntnis weiterreicht an ihren Geliebten. Er ist schlau, wenn er davon ißt. Wenn nicht, ist das sein Pech, und wenn er sich nehmen will, was ihm nicht angeboten wurde – nun, die Girlies haben dicke Stiefel, und zwar sowohl im realen, als auch im symbolischen Sinn. Was sagen die Mädchen meiner Gruppe zu den Girlies?
C: Was sagt ihr denn hierzu? Das sind doch Girlies, oder? (Symbol Nr. 5)
K: Relativ normal.
T: Normal.
K: Girlies sind so… (Sie zeigt, wie kurz die Röcke und die Tops sein müssen, und wie hoch die Schuhe)
K: Girlies wollen auch was verstecken.
C: Sie sind doch knuddelig und süß, und können keinem Mann was anhaben?!
K/T: (Entrüstet) Girlies?????
K: Ja, o.k., es gibt verschiedene Typen von Girlies, einerseits gibt’s die ganz wilden, andererseits eben die ganz süßen, die keiner Menschenseele was antun können.
A: Was du da eben gesagt hast, klang so Emma-mäßig, so ganz kurze Sachen. (Emma von den Spice Girls)
K: Ja, aber es haben auch andere Leute kurze Sachen an.
C: Würdest du dich als Girlie bezeichnen?
K: (Nö) ist ja auch vom Auftreten her, von der Art her…
Keine von ihnen bezeichnet sich selber als »Girlie«. Auch die Mädchen auf der Bravo-Modeseite sind für sie keine Girlies, sondern »relativ normal«. Sicher wird auch das Girlie-Outfit vermarktet und so zu einem mehr oder weniger alltäglichen Anblick. Einiges von dem, was die Girlies auszeichnet, beispielsweise ihre Vorliebe für bauchfreie T-shirts, der Anspruch, »Spaß« zu haben – auch mit den Jungs – extrem schwere und hohe Schuhe und die hohe Bewertung des eigenen Selbstbewußtseins, beobachtete ich auch bei den (deutschen) Mädchen der Emder Gruppe. Die türkischen, kurdischen, libanesischen und albanischen Mädchen der Migrantinnen-Gruppen waren zwar aufgrund elterlicher Verbote offiziell eingeschränkter. Mehr oder weniger heimlich experimentierten jedoch auch sie auf vielfältige Weise mit diesen Outfits und Verhaltensweisen. Dennoch läßt die Reaktion der Emder Mädchen (»Girlies???«) vermuten, daß die Bezeichnung »Girlie« bei ihnen für ein irgendwie extremeres Verhalten steht. Einerseits sind Girlies zwar niedlich, klein und auffallend »kindlich-hübsch.« Aber das sollte nicht zu falschen Schlüssen verführen. Sie tragen bunte Klamotten und superkurze Röcke, Kinderspangen mit Käferchen im Haar und geringelte Kniestrümpfe. Aber niemand sollte auf die Idee kommen, sie wegen dieses offenen und kindlichen Outfits blöd anzumachen. Er muß damit rechnen einfach lautstark und frech ausgelacht oder angeschrien und mit den obligatorischen Kampfstiefeln in die Eier getreten zu werden. Wenn ein Typ das Minikleidchen als Einladung für Übergriffe auffaßt, ist das nach Auffassung der Girlies, und im übrigen auch der Mädchen der Emder Gruppe, sein Pech und sein Problem. Unterdessen stylen sich die Girlies genauso sexy, wie sie es mögen. Schließlich haben sie keinen Grund, sich zu verstecken und voller Ironie erzählen sie sich auch noch gegenseitig die neuesten Blondinenwitze.
Girlies »müssen nichts und dürfen alles«. Erlaubt ist, was Spaß macht. Und sie erobern sich alle alten und neuen Symbole (zurück). Eben auch diejenigen, die einstmals übereinstimmend abgelehnt werden mußten. Das Auftreten der Girlies orientiert sich nicht mehr vorrangig an politischen Forderungen, wie sie beispielsweise die Feministinnen um Alice Schwarzer erkämpft haben. Sie haben längst von deren Bemühungen profitiert. Sie haben nicht mehr das Gefühl, politisch kämpfen zu müssen, denn sie sind mit dem Anspruch, selbstbewußt zu sein, und sich zu nehmen, was ihnen gefällt aufgewachsen. Auch an den Girlies zeigt sich wieder, worauf ich schon mehrfach hingewiesen habe: Worum es feministischen Bemühungen in Zukunft wesentlich gehen muß, ist die Eroberung und Neubestimmung der symbolischen Welten. Dies setzt voraus, daß Mädchen und Frauen lernen, zu sehen, welche Symbole um sie herum von Bedeutung sind. Rein formal und rechtlich betrachtet soll der Eindruck gestärkt werden, wir hätten es »geschafft.« Ich vermute allerdings, es stecken auch diverse machtpolitische Interessen dahinter, Frauen glauben zu machen, der Feminismus sei aufgrund aktueller Gleichstellungsbemühungen kein Thema mehr. Die kulturelle Wirklichkeit jedenfalls hinkt diesem Anspruch weit hinterher. Dennoch empfinde ich es als sehr ermutigend, wenn die Mädchen, mit denen ich arbeite, es ablehnen, sich daran zu orientieren, wie Männer etwas machen. Weder streben sie es an, so zu werden »wie die Männer«, noch sind sie »männerfeindlich«. Auch, wenn sie mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sind sie doch dabei, sich selber als Mädchen zu inszenieren. Sie ringen um eigene Definitionen und eigene Bewertungen verschiedener Verhaltensweisen oder Lebensformen.
C: Kannst du zu irgendeinem von den Symbolen was sagen, K?
K: Zu dem ersten würd’ ich sagen: Dominante Frau.
C: Ist das denn ‘ne positive Eigenschaft, oder werden Mädchen, die so sind, eher geschmäht?
K: Kommt drauf an, ob es zu viel ist. Wenn es zu viel ist, find’ ich’s nicht mehr schön.
C: Wann ist es zu viel, wenn ein Mädchen dominant ist? Wenn sie weiß, was sie will, wenn sie laut und deutlich sagt, was ihr nicht paßt?
K: Ne, das ist ja noch o.k. Aber, wenn sie jedem und wirklich alles, jede Kleinigkeit einem aufdrängen will, wenn man genauso denken muß, wie sie, wenn man keine eigene Meinung haben darf…
A: Wenn sie einen anderen Menschen total umkrempeln will, wenn sie ein zweites Sich – selber schaffen will, also
K: Wenn man genauso denken muß, wie der andere, wenn man den Willen, die Meinung, oder den Gedanken aufzwingen will, wenn man keine eigene Meinung mehr haben kann – dann find’ ich’s zu viel.
C: Kennt ihr solche Mädchen?
(Schweigen)
C: Kennt ihr solche Jungs?
(Gemurmel, eine nickt, eine schüttelt den Kopf)
T: Solche extremen Fälle kenne ich eigentlich auch nicht.
In Deutschland lebende Mädchen und junge Frauen, Girlies oder nicht Girlies, orientieren sich anscheinend weniger an männlichen Idealen, wie Dominanz oder Macht, als die vorhergehende Generation von Feministinnen. Sie lehnen diese Begriffe aber auch nicht radikal ab. Ich denke, sie bringen sie in neue Zusammenhänge und erschaffen so ihre eigenen Wertigkeiten. Dieses Verhalten möchte ich unterstützen und den Mädchen möglichst viel neues Material und neues Wissen zur Verfügung stellen. Die Riot Grrrls und die Girlies haben diese Bewegung in Gang gebracht. Den ›postmodernen‹ Mädchen kommt es auf die eigene, persönliche und individuelle Mischung an. Viele von ihnen haben kein oder wenig Verständnis für das hierarchische Prinzip der männlich geprägten Gesellschaft. Vielmehr ist ihre Maxime: Jede/r soll so sein, wie sie/er sein will. Hauptsache alle haben Spaß und sind selbstbewußt. Auch die Migrantinnen, mit denen ich arbeitete, vertraten in Ansätzen diese Meinung. Sie zeigten allerdings eine weit stärkere Akzeptanz gegenüber rollenbedingten Zumutungen von Seiten ihrer Brüder und Väter, als ich es von deutschen Mädchen her kenne. Forderungen, wie etwa für die männlichen Familienmitglieder zu kochen oder gar zu heiraten, wen die Eltern aussuchen, verteidigten einige unter ihnen, indem sie beispielsweise auf »Traditionen« in ihren Herkunftsländern verwiesen. Auch die familiäre Orientierung am Vater hinterfragten sie von sich aus nicht und ›Tabubrüche‹, zum Beispiel Kleidung oder Sexualität anderer Mädchen betreffend, kritisierten sie in weit schärferem Maße, als die deutschen Mädchen es nach meiner Erfahrung tun würden. Dies alles hinderte sie aber keineswegs daran, in der Mädchengruppe ihren Spaß einzufordern. Die Orientierung am Spaß soll dabei nicht falsch verstanden werden und als Oberflächlichkeit oder gar Interessenlosigkeit ausgelegt werden. Auch die Shell Studie 1997 betont das soziale Engagement vieler Jugendlicher, trotz sinkendem Interesse an der Politik. Einige der Mädchen, mit denen ich zu tun hatte, waren sehr stark in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Sie kümmerten sich um die Vorbereitung und Durchführung von Kinder- und Jugendgottesdiensten, besuchten regelmäßig unterschiedliche Gruppen, wie Theater AG und Chor, und sie übernahmen vielfache Verantwortung für das Leben in der Gemeinde. Niemand kann ihnen nachsagen, ihr Engagement sei unehrlich, weil sie offen zugeben, daß es ihnen Spaß macht und der christliche Glaube eher selten in ihren Gesprächen thematisiert wird. Keine von ihnen käme auf die Idee zu behaupten, oder in Erwägung zu ziehen, sich so stark zu engagieren, wenn es ihr nicht persönlich Spaß machen würde. Jugendliche engagieren sich aus Überzeugung, nicht aus Selbstverleugnung und ich halte diese Einstellung für uneingeschränkt förderungswürdig.
Die Diskussionen um die Girlies und ihre Nachfolgerinnen wird sicher auch weiterhin kontrovers geführt werden. Die Spice-Girls zum Beispiel sorgen aktuell gleichermaßen für überschwengliches Lob, wie für enorme Verachtung. Auffallend scheint mir dabei die Tatsache zu sein, daß die schneidendste Kritik hauptsächlich von der »liberalen« Seite zu kommen scheint. Offensichtlich haben gerade Linke und Feministinnen Probleme mit dieser Art der weiblichen Emanzipation. Was sie bemängeln ist unter anderem fehlender Tiefgang, das ›Plastikimage‹, das künstlich anmutende Erscheinungsbild, die offensichtliche Erotisierung und die Übertreibungen in Outfit und Auftreten. Und natürlich allem voran die immense wirtschaftliche Vermarktung der Spice-Girls, die in deren Namen alles nur erdenkliche an Fanartikeln herausbringt. Sogar Barbiepuppen mit dem Aussehen der Girls gibt es inzwischen. Immer wieder taucht deshalb die Frage nach Authentizität auf, wie ich es ja bereits beschrieben habe. An ihr scheinen sich die ›guten‹ und ›reinen‹ von den ›schlechten‹ Absichten zu trennen. Ich meine allerdings, auch wenn man diese Frage beantworten könnte, wäre doch letztendlich gar nicht so viel gewonnen. Jedenfalls kein Verständnis für den symbolischen Ausdruck dieser Mädchen. Auch sollte nicht unterschätzt werden, daß hier endlich einmal ausschließlich Frauen und Mädchen das Thema sind.
Die Girlies sind – vielleicht – nicht politisch, aber sie sind ein Politikum. Es gilt, die aus ihm erwachsenden Möglichkeiten herauszuarbeiten. (…) Wie sagte Jessica Nitschke in einem Vortrag zum Thema vor einiger Zeit so schön: »It’s up to you, girls!« Der Streit ist nicht entschieden, solange er geführt wird.« usetzen, sind sie »ein netter Kumpel«, aber quasi geschlechts- und damit identitätslos. Gleiches gilt für den Bereich der Sexualität. Auch hier wird erwartet, dass sie verfügbar sind und ihre Interessen zurückstellen. Verweigern sie sich oder führen gar ein aktives Sexualleben, laufen sie Gefahr, abgewertet zu werden. Dazu kommt die Gewalterfahrung vieler Mädchen und Frauen in Kindheit und Jugend, die noch zu oft mit Selbstverschuldung der Opfer verknüpft wird. »Der Rock war zu kurz« oder »sie war ja auch zu freizügig«; bewusst oder unbewusst bestehen diese Vorurteile in vielen Köpfen weiter.
· Mädchen und junge Frauen machen rigide Diskrepanzerfahrungen: Ihnen wird vermittelt, dass sie gleichberechtigt sind, dass sie alle Chancen haben. Es ist hinreichend belegt, dass die Realität anders aussieht. Mädchen und Frauen sind in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt und erfahren spezifische Zuweisungen. Mängel, Lücken, Hindernisse bei der Einlösung dieser vermeintlich gleichen Chancen geraten so zu Problemen, die sie in ihrer Person vermuten, sie suchen die Ursachen bei sich selbst. Eine moderne Frau, ein modernes Mädchen zu sein, ist eine ständige Herausforderung, die immer wieder zur Demütigung werden kann.
· Die Übernahme der Geschlechtsidentität und damit die Anpassung an die Geschlechterhierarchie ist in der Regel mit dem Verlust der Wahrnehmung und Durchsetzung eigener Interessen und Rechte verbunden. Bewusst und unbewusst werden ambivalente Erwartungen und Botschaften an Mädchen und junge Frauen gerichtet. Es wird erwartet, dass Frauen und Mädchen selbstbewusst und stark sind, sie sollen beruflich erfolgreich sein und nebenbei die Erziehung der Kinder sicherstellen. Aber sie dürfen nicht zu stark sein, sondern die Karriere abgeschwächt verfolgen; oder auch, es ist nicht so wichtig, dass sie einen gleichwertigen Schulabschluss erlangen, »sie bleiben ja eh zu Hause«.
All diese Botschaften erhalten Mädchen und junge Frauen in unterschiedlicher Ausprägung und unterschiedlicher Intensität. Wichtig ist, sie erfahren diese Botschaften als ambivalent, das Risiko, verunsichert und unsicher zu werden, ist hier enthalten (vgl. Brown/Gilligan 1994).
Die genannten Erkenntnisse und Erfahrungen sind zusammenzuführen und für die Entwicklung gewaltpräventiver Handlungsansätze in der Arbeit mit Mädchen und Jungen in allen Handlungsfeldern von Jugendhilfe und Schule zu nutzen.
Gewaltpräventive Konzepte in der Arbeit mit
Mädchen und jungen Frauen
Ein Beispiel, wie die in diesen Zusammenhängen gewonnenen Erfahrungen in die Konzeptentwicklung übertragen werden können, sind die Trainingskurse zur »Selbstbehauptung und Selbstverteidigung« für Frauen und Mädchen. Diese Kurse werden zunehmend an Schulen in dem Wissen angeboten: Schule ist ein Ort der systematischen, pädagogischen Einflussnahme und darüber hinaus auch ein Lebensraum, in dem »soziales Lernen« stattfindet. Viele Untersuchungen haben bestätigt, der pädagogische Lernort Schule reproduziert nach wie vor auf nahezu allen Ebenen stereotype Geschlechterrollen, die Männlichkeit immer noch mit Dominanz und notfalls gewaltsamer Durchsetzung von Interessen verknüpft.
Gewalt gehört zum Alltag der Schulen und wird zum allergrößten Teil von Vertretern des männlichen Geschlechts ausgeübt. Auch in der Schule hat Gewalt gegen Mädchen und Frauen viele Formen: Gewalt in der Schule betrifft ebenso die Lehrerin als Frau und bewirkt Gefühle der Bedrohung.
Der Schulalltag vieler Mädchen wird geprägt durch den Stress mit den Jungen, die die Mädchen ärgern, sie nicht ernst nehmen, sie begrapschen, sich über sie lustig machen und vor allen Dingen das Nein eines Mädchens nicht akzeptieren wollen oder können. Die zuschauenden oder zumindest informierten pädagogischen Fachkräfte tun leider noch zu oft vieles davon als tollpatschige Annäherungsversuche von unbeholfen Pubertierenden ab (vgl. Heiliger/Engelfried 1995). Die vielfach genutzten Feststellungen: »Die Jungen sind nun mal so«… »Die Mädchen wollen das ja«, entlasten und entbinden von der pädagogischen Bearbeitung der Problematik. Entweder sie sind nicht dazu in der Lage oder sie sind überfordert, diese Situationen zum Erlernen eines respektierenden Umgangs der Geschlechter miteinander zu nutzen. Faktisch fehlt an den Schulen nach wie vor die Verankerung von Konzepten zum Umgang mit Konflikten, zur Initiierung und Begleitung von Aushandlungsprozessen, die die Interessen von Mädchen und Jungen berücksichtigen, ohne Grenzverletzungen zuzulassen.
In der Konsequenz initiiert sich hier tagtäglich ein Lernfeld, das die Geschlechterhierarchie reproduziert und einübt. Die Verharmlosung von übergriffigen Verhalten bis hin zur Ausübung desselben wird zu oft ausgeblendet und damit toleriert.
Aufgrund ihres verpflichtenden Charakters hat Schule einen enormen Wirkungsgrad und erreicht nahezu jedes Mädchen und jeden Jungen. Die Initiierung und Umsetzung einer Mädchen- und einer Jungenarbeit im Kontext Schule, die alte Geschlechtsstereotype verlässt und Gewaltprävention zum integralen Bestandteil macht, ist ein wichtiger und aus genannten Gründen effektiver Beitrag zur Gewaltprävention.
Die Installierung von Kursen zur Selbstbehauptung und selbstverteidigung von Mädchen an Schulen stärkt diesen den Rücken, »Nein« zu sagen, unterstützt sie bei der Abwehr von übergreifendem Verhalten und bereitet auch auf gefährdende Situationen außerhalb von Schule vor. Mädchen bekommen in diesen Kursen vermittelt: »Ich habe ein Recht, ‚Nein‘ zu sagen. Mädchen und Jungen haben gleiche Rechte. Kein Junge, kein Mann hat das Recht, seine Meinung mit Gewalt durchzusetzen.« Trainingselemente aus der Selbstverteidigung vermitteln ihnen, wie sie dieses Selbstverständnis körperlich unterstützen können, bis hin zur Einübung konkreter Abwehr- und Verteidigungsstrategien.
Die Chance der Übertragung der in diesen Kursen erarbeiteten Handlungsrepertoires in die Lebenswelten der Mädchen steigt mit der Bestätigung ihres neuen Verständnisses in anderen Zusammenhängen. Mädchen, die die Inhalte der genannten Kurse in ihren Lebensalltag übertragen wollen und erleben, dass sie mit ihrem neuen Selbstverständnis nicht angenommen oder sogar abgelehnt werden, laufen Gefahr, wieder verunsichert und unsicher zu werden. Auch im Mathe- oder Sportunterricht, im Jugendzentrum, in der Stadtteilgruppe und im Sportverein benötigen sie parteiliche Unterstützung und Begleitung, wenn sie sich behaupten und ihre Rechte durchsetzen wollen.
Konsequenterweise können die genannten Kurse langfristig nur erfolgreich sein, wenn sie in ein Gesamtkonzept der Mädchenförderung in allen Bereichen von Jugendhilfe und Schule eingebettet sind.
Gewaltpräventive Konzepte in der Arbeit mit Jungen und jungen Männern
In diesem Kontext ist auch die vermehrte Anstrengung zu begrüßen, Konzepte für eine gewaltpräventive Arbeit mit Jungen und jungen Männern zu entwickeln, die darauf abzielen, Verhalten einzuüben, das auf Gewalt als Konfliktregulierung verzichten lässt und einen respektvollen, empathischen Umgang mit Mädchen und jungen Frauen ermöglicht. Auch den Jungen gehört der Rücken gestärkt, wenn sie im Umgang mit Mädchen nicht mehr daran gemessen werden wollen, ob sie die Oberhand gewinnen, Mädchen und junge Frauen austricksen und/oder sich unterwerfen können.
Die Debatte um gewaltpräventive Konzepte in der Arbeit mit potentiellen Tätern, in der Regel Männer und Jungen, befindet sich in den Anfängen. Erste Konzepte werden in der Praxis erprobt. Erste Kurse und Projekte an den Schulen und in der Jugendhilfe werden angeboten.
Ging es hier zunächst um einen Anspruch, der von der Frauenbewegung an die Praxis der Arbeit mit Jungen und jungen Männern in Jugendhilfe und Schule formuliert wurde, zeichnen sich in der aktuellen Diskussion neue Akzente ab. Verkürzt geht es um das Hinterfragen eines Männerbildes, das durch Dominanz, Konkurrenz, Stärke und Leistung geprägt ist nicht nur im Interesse der Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen. Die Übernahme eines neuen Rollenverständnisses in Kombination mit der Erprobung neuer Verhaltensweisen kommt auch Jungen und Männern zugute. Die Erkenntnis, nicht immer erfolgreich und stark sein zu müssen, das Zulassen von Empathie, die Entschärfung der Konkurrenz unter Männern entlastet. Jungen und Männer müssen nicht mehr um jeden Preis erfolgreich und karriereorientiert sein. Untersuchungen zur Sozialisation und zur Lebenswirklichkeit von Männern und Jungen bestätigen, auch sie leiden unter Rollenzuschreibungen, das vorherrschende Männerbild kann zu Versagensängsten und zu Problemen bei der Lebensbewältigung führen (vgl. Böhnisch/Winter 1993; Möller 1997).
Die Ermöglichung und Begleitung der Ausbildung einer Männlichkeit, die Empathie, Beteiligung und Achtung von Mädchen und Frauen einschließt, ist Voraussetzung zur Entwicklung einer Gesellschaft ohne Geschlechterhierarchie und damit ein zentraler Baustein zur Verhinderung von Gewaltbeziehungen und -strukturen.
Gewaltprävention als genereller Auftrag
Anknüpfungspunkt in der Arbeit mit verschiedenen Zielgruppen ist die Förderung des aktiven Eintretens gegen Männergewalt in Verbindung mit der Einübung von Handlungsstrategien, die mit dem Begriff Zivilcourage gefasst werden können. Zu häufig führt die sogenannte kultur des Wegschauens und Nichteinmischens dazu, dass in aller Öffentlichkeit Übergriffe auf Mädchen, Frauen und Jungen ungestört stattfinden können. Im Jahr 1998 bildeten die Meldungen der Vergewaltigung eines Mädchens in einer Regionalbahn sowie die Vergewaltigung einer jungen Frau in einer S-Bahn traurige Höhepunkte der Nichtbeachtung von Hilferufen und Schreien.
In der Arbeit mit potentiellen Opfern, d.h. Frauen, Mädchen und auch Jungen geht es darum, gewaltpräventive Konzepte in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu entwickeln und umzusetzen. Hier fließen die Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen mit ein. Wer wirklich an einem Aufbrechen der Gewaltproblematik interessiert ist, muss Mädchen und junge Frauen sehen, wahrnehmen, unterstützen, stärken und fördern. Ausgehend von den Frauen- und Mädchenprojekten wird diese Diskussion sowohl in der Jugendhilfe als auch in der Schule von engagierten Pädagoginnen und Fachfrauen geführt. Leider laufen die Debatten in Schule und Jugendhilfe noch zu oft nebeneinander her.
Notwendig ist die Weiterentwicklung und Absicherung einer Mädchenarbeit mit dem Ziel der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung von Frauen und einer Jungenarbeit, die Jungen zu Männern werden läßt, die Empathie zeigen können und für die Gewalt kein Mittel zur Austragung von Konflikten ist. Thematisiert und bearbeitet werden sollte in diesem Zusammenhang die Entwicklung und Ausbildung von Rollenbildern und -verhalten, die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Wünsche, der Umgang mit Konflikten und der respektierende Umgang der Geschlechter miteinander. Das Zusammenspiel von Frauen und Männern bei der Reproduktion der unguten hierarchischen Geschlechterordnung sollte erkannt und konzeptionell berücksichtigt werden.
Dieser Wandel ist nicht allein Sache der Frauen, sondern verlangt gerade auch die Beteiligung der Männer. Als beispielhaft ist hier die Münchener Kampagne gegen Männergewalt an Frauen und Mädchen / Jungen »Aktiv gegen Männergewalt« zu nennen. Über ein Jahr lang wurden 1998 in Kooperation mit Institutionen und Einrichtungen in München modellhaft Projekte und Aktionen zum Thema »Aktiv gegen Männergewalt« geplant, entwickelt und umgesetzt. Durchgeführt wurden beispielsweise Projekte in Kindertageseinrichtungen und Schulen, Vortragsreihen in Universitäten und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen in Stadtteilen bis hin zur Initiierung von Runden Tischen. Die Initiatorinnen haben von Beginn an aktiv die Mitarbeit von Männern eingeworben.
Hier wie auch in anderen Zusammenhängen wurde ausgewertet, dass die Übertragung, Kooperation und Vernetzung gewaltpräventiver Handlungsansätze mit allen Handlungsfeldern von Jugendhilfe und Schule selbstverständlich sein sollte.
Claudia Zötsch, 1970 in Hamburg geboren, ist Dipl. Sozialarbeiterin, Erzieherin und Gesangspädagogin. Studienschwerpunkte: feministische Mädchenpädagogik, Kulturarbeit, systemische und philosophische Beratung, sowie Musik- und Gesangspädagogik.
Sie lebt in Bremen und arbeitet in verschiedenen Projekten in der feministischen Mädchenarbeit und als Gesangspädagogin mit Mädchen und Frauen.
Die Autorin Claudia Zötsch, 1970, Dipl. Sozialarbeiterin, Erzieherin und Gesangspädagogin. Studienschwerpunkte: feministische Mädchenpädagogik, Kulturarbeit, systemische und philosophische Beratung, sowie Musik- und Gesangspädagogik.
Sie lebt in Bremen und arbeitet in verschiedenen Projekten in der feministischen Mädchenarbeit und als Gesangspädagogin mit Mädchen und Frauen.