
Die Bewohner des Dorfes Dono leben in feudalistischen Strukturen, unterdrückt und ausgebeutet von einem Aga, der nicht nur das gesamte Land besitzt und ihnen durch die Anschaffung eines Mähdreschers die Arbeit nimmt, sondern der auch die Macht hat, mißliebige Bewohner zu schlagen oder aus dem Dorf zu jagen. Doch auch der Aga hat sich an die überlieferten Regeln zu halten. Als er eine junge Frau gegen ihren Willen zur Drittfrau nimmt und seinen Berater der Polizei ausliefert, sind seine Tage gezählt.
Skurile Figuren, dramatische Szenen und amüsante Episoden machen den Roman zu einem Lesevergnügen erster Güte.
Rezensionen Zugegeben. Ich las das Buch ohne Genaueres über die Kultur und Geschichte der Kurden zu wissen. Bestenfalls ein vages Wissen davon, daß es eine Geschichte der Verfolgung ist. Angenommen, dies sei die Perspektive der meisten deutschen Leser und Leserinnen, so wäre der Roman Dono ein guter Anfang, um etwas mehr über kurdische Kultur und Geschichte in Erfahrung zu bringen. Denn dies leistet das Buch: es erzählt auf spannende, unterhaltsame und kluge Weise ...
In drastischen Bildern schildert Baksi die unerträglichen Geschlechterverhältnisse in der traditionellen Vielehe, und er zeigt die gnadenlose Unterdrückung der Frauen, die von Bauern wie Patriarchen wie Waren gehandelt und angeeignet werden. Er zeigt aber auch starke Frauen, die sich durchaus zu wehren wissen, wie die 14-jährige Aso, die den Großgrundbesitzer Haci Zorav im letzten Augenblick regelrecht entmannt, bevor er sie mit einem glühenden Eisen brandmarken kann. Eine schreckliche Szene, in der die gesellschaftliche Gewalt, die der Roman auf verschiedenen Ebenen ausleuchtet, zu einem Höhepunkt sich steigert. Und genau hier der verblüffende Ausweg: das Mädchen Aso wehrt sich in der ausweglosen Situation und kann sich befreien. Hoffnung am tiefsten Abgrund.
Mit dem Mädchen Aso beginnt das Buch. Sie kommt vom Wasserholen. Es ist Frühjahr. Sie ist auf dem Heimweg ins Dorf. Die Stimme des Erzählers begleitet sie mit Bildern und Gedanken über das Verhältnis von Männern und Frauen.
...
Baksi schreibt den Roman im Sinne einer kritischen Erinnerungskultur. Das heißt, Geschichte und Tradition werden in literarischer Erinnerungsarbeit kritisch-reflexiv fortgeschrieben. Die Grundthese des Romans „Dono“ kreist um die Möglichkeit von politischem Widerstand in einem Unrechtsregime. Ausgehend von der Frage, warum das kurdische Volk der Unterdrückung durch das türkische Regime keinen erfolgreichen Widerstand entgegen zu setzen vermag, untersucht Baksi in seinem Roman zunächst die historischen Wurzeln und die verpassten Chancen von Widerstand in der ländlich-abgeschiedenen und überholungsbedürftigen kurdischen Feudalgesellschaft selbst. Baksi sucht nach den geschichtlichen Möglichkeiten des Aufbegehrens der Bauern gegen die Großgrundbesitzer – kurdisch: „Agas“, welche die Bauern hemmungslos und trickreich ausbeuten, ihnen mit Hinterlist und offener Gewalt ihr Hab und Gut abschwatzen oder schlicht stehlen. ...
(Auszug)
Angela Delissen – Lorretas Leselampe
Leseprobe Haci Zorav war ein Enkel Scheich Evdilhekims. Scheich Evdilhekim wiederum stammte ursprünglich vom Stamme der Pencînar. Im Xerzantal hatte es nie einen größeren Scheich gegeben. Sein Schrein galt im Volk als ein Ort der Heiligen, der Propheten, der Erleuchteten.
Scheich Evdilhekim war der geistliche Nachfolger von Scheich Ehmedê Xiznayê. Zu seinen Lebzeiten war dieser Scheich Ehmed als Prophet verehrt worden. Seine Nachfolge anzutreten, galt als äußerst ehrenvoll.
Als Scheich Evdilhekim noch ein Kind war, starb sein Vater. Trotz Armut und Hunger ließ ihn sein Bruder studieren. So wurde Evdilhekim mit zehn Jahren Koranschüler und schlief in der Moschee. Er war ein fleißiger Schüler, sog gierig alles Angebotene auf, und sein Lehrer hatte ihn sehr gerne. Mit dessen Hilfe wurde er nach seinen Prüfungen Mele in Teliba.
Zu jener Zeit herrschte große Rivalität unter den Scheichs von Kurdistan. Die berühmten Scheichs und die großen Agas machten sich daran, das Land Kurdistan und seine Güter Handbreit um Handbreit unter sich aufzuteilen.
Die Meles beteiligten sich an diesem Wettlauf. Für ein Stück Brot waren sie bereit, für die Scheichs die Trommel zu rühren. Doch die Scheichs wußten nicht zu teilen, sie nahmen alles für sich. Jeder schlaue Scheich hielt zudem Ausschau nach weiteren tüchtigen Meles. Mele Evdilhekim war einigen Schülern von Scheich Ehmedê Xiznaiyê aufgefallen. Sie sandten Scheich Ehmed Nachricht, und es dauerte nicht lange, da lud er Evdilhekim zu sich ins Dorf Binê Xetê ein.
Evdilhekim diente Scheich Ehmedê Xiznayê fast fünf Jahren lang. Monatelang lebte er allein in einer Höhle. Er gewöhnte sich an Dunkelheit, ans Erdulden, an Geheimnisse und Angst. Er verbesserte sein Arabisch, las dicke Bücher über Logik, Dialektik und Astronomie und lernte sie auswendig. Während all der Jahre übte er sich im Handwerk eines Scheichs, die dazugehörige Macht und Niedertracht eingeschlossen.
Und der Tag kam, an dem er Scheich Ehmedê Xiznaiyê die Hand küßte und die Erlaubnis zur Lehre erhielt. Nun war er kein gewöhnlicher Mele mehr, sondern selber ein Scheich. In kurzer Zeit sammelte er Hunderte von Jüngern um sich. Mit seiner Unterstützung wurde der Orden von Scheich Ehmedê Xiznaiyê im Xerzantal täglich mächtiger.
Aber Scheich Evdilhekim verdankte seinen Ruhm nicht allein seinem Amt als Stellvertreter von Scheich Ehmed. Eines Tages nämlich brach Evdilhekim mit zwei seiner Jünger nach Mekka auf. Zu jener Zeit dauerte die Pilgerfahrt Monate. Nach beschwerlicher Reise gelangten die drei Männer ans Ziel. Es war Sommer, die Stadt kochte in der Hitze. Hunderttausende umkreisten die Kaaba und küßten den schwarzen Stein. Tausende erkrankten schwer oder starben an Hitze und Durchfall.
In einem Laden in Mekka sah Scheich Evdilhekim zum ersten Mal in seinem Leben elektrische Taschenlampen, die durch Batterien gespeist wurden. Zunächst erschrak er sehr und traute sich nicht, sie anzufassen. Doch nach einigen Tagen des Nachdenkens kehrte er in den Laden zurück, kaufte sich drei Lampen und verbarg sie im Gewand. Die kleinen Lämpchen vor dem Schwarzen Stein in Mekka hatten auch im Kopf des Scheichs ein Licht entzündet. Das Spiel konnte beginnen.
Nach einigen Monaten kehrten der Scheich und seine Jünger in die Heimat zurück. Als sie ins Xerzantal gelangten, versteckte sich der Scheich in der Nähe des Dorfes, und seine Jünger gingen allein weiter. Es war die Zeit des Abendessens, und Dunkelheit senkte sich auf die Erde. Mit der Hilfe der Koranschüler versammelten die zwei Jünger die Dorfbevölkerung in der Moschee. Die Leute hatten lange voller Hoffnung auf die Rückkehr des Scheichs gewartet – vergeblich. Denn seine Jünger gaben nun in tiefer Trauer sein Ableben bekannt. Die Bauern begannen zu schluchzen und zu schreien. Einige Koranschüler rezitierten Verse und verfielen in Trance. Die Moschee verwandelte sich in ein Tollhaus und blieb es für Stunden. Um Mitternacht führten die zwei Jünger die Bauern zum Haus des Scheichs, dessen Fenster weit offen standen. Plötzlich verbreitete sich göttliches Licht im Zimmer. Das lange grüne Gewand des Scheichs erglänzte im Licht der elektrischen Lampen. Den Dörflern stockte der Atem, manche bissen sich auf die Zunge vor Schreck.
Dieses Ereignis wiederholte sich während mehrerer Nächte. Alle Bauern im Xerzantal machten sich nach Teliba auf, um des Wunders teilhaftig zu werden und das Licht mit eigenen Augen zu sehen. In kurzer Zeit gewann Scheich Evdilhekim so Tausende von Jüngern.
Nach diesem Wunder, dem Eintreffen des göttlichen Lichtes, betrachtete das Volk den Scheich als den erwarteten Mahdi. Der jüngste Tag schien nahe. Wolf und Schaf würden vierzig Jahre lang friedlich nebeneinander weiden. Das Ende der Welt, dieser verlorenen und kranken Welt, war gekommen. Wer sich jetzt nur seiner Sünden entledigen, Gnade für seine Vergehen erwirken könnte!
Gnade fand sich bei Scheich Evdilhekim. Die reichen Bauern überließen ihm ihren Besitz und ihre Grundstückspapiere. Innerhalb weniger Monate wurde der Scheich Herr über Tausende von Schafen, Ziegen, Kühen, Ochsen und Wasserbüffeln. Und innerhalb ebenso weniger Jahre fielen ihm vier große Dörfer in die Hand. Eines von ihnen war das Dono.
Die Glückssträhne des Scheichs nahm kein Ende. Mit Hilfe von Scheich Ehmedê Xiznayê fand er einige geschickte Viehdiebe. Jeden Tag verschwanden Schafe und Rinder aus den Dörfern. Die armen und hilflosen Bauern mochten suchen, soviel sie wollten, sie fanden sie nicht. Schließlich begaben sie sich zum Haus des Scheichs. Dieser verfiel augenblicklich in Trance, begann Koranverse und Sprüche des Propheten aufzusagen und stieß Schreie aus. Nach einer Weile gab er schließlich den Ort an, wo die Tiere zu finden waren. Wenn die Bauern das Vieh dort vorfanden, wo der Scheich es vorausgesagt hatte, überfiel sie eine große Furcht, und sie überließen die Tiere dem Scheich als Geschenk.
Der Scheich hatte sich auch in seinem Haus ein gutgehendes Geschäft eingerichtet. In seinem Empfangszimmer hatte er zehn Kissen in verschiedenen Farben an den Wänden entlang aufgereiht. Jede Farbe hatte eine versteckte Bedeutung. Kam ein Schüler oder sonst jemand ins Haus und brachte ihm beispielsweise ein Schaf mit, so setzte der Jünger, der Dienst hatte, diesen Gast auf das blaue Kissen. Der Scheich ging dann geradewegs auf ihn zu und sagte:
»Nimm dein Schaf wieder mit, mein Sohn. Deine Kinder brauchen das Fleisch nötiger als ich.«
Nach diesen Worten und Wundern warf sich der Gast auf die Knie, um dem Scheich unter Tränen Hände und Füße zu küssen. Und natürlich wurde er bald zum Jünger und zwar zu einem, der dem Scheich für den Rest seines Lebens treu ergeben blieb.
Außer den elektrischen Lampen brachte nichts dem Scheich so viel Ruhm ein wie das Schaffell. Eines Tages nämlich ließ er seine Jünger in die Moschee kommen. Sie war zum Bersten voll, die Dorfbewohner standen sich auf den Füßen. Der Scheich saß auf seinem Teppich und hatte einen kleinen Stock in der Hand. Vor ihm lag ein Schaffell ausgebreitet. Einige Koranschüler begannen Verse zu intonieren, und mehrere Bauern bewegten sich im Rhythmus dazu und fielen in Trance. Plötzlich schlug der Scheich mit dem Stock auf die Tierhaut. Das Schaffell begann sich zu bewegen, es geriet regelrecht ins Fließen… Als die Anwesenden das sahen, brach ein gewaltiger Lärm in der Moschee aus. Die Bauern schrien und schluchzten. Manche Jünger zerrissen sich die Kleider und schlugen sich mit der Faust auf die Brust, andere wieder verloren die Sinne, und Schaum stand ihnen vor dem Mund. Die einzigen, die die Fassung nicht verloren, waren der Scheich und seine Helfer. Auf sein Zeichen hin faßten die Helfer das Schaffell und falteten es zusammen. Aus dem Fell war das leise Quietschen von vier schwarzen Mäuschen zu hören…
Der Scheich liebte die Frauen. Seine Jünger ließen durch ihre eigenen Ehefrauen die Kunde verbreiten, daß jene Frauen, die mit dem Scheich schliefen, direkt ins Paradies kämen. Gott habe dem Scheich, wie früher dem Propheten, den Verkehr mit allen Frauen gestattet. Arme und unwissende Frauen ließen sich durch solche Reden betören und gaben sich dem Scheich hin. Sie sprachen sogar offen darüber und prahlten voreinander damit. Im Laufe einiger Jahre wurden so Dutzende von kleinen Scheich Evdilhekims im Xerzantal geboren.
Von seiner ersten Frau hatte Scheich Evdilhekim zwei Söhne und eine Tochter. Sein ältester Sohn war Scheich Mecîd. An ihn ging nach dem Tod des Vaters die Herrschaft über. Man munkelte, er habe seinen Bruder, Scheich Ali, umgebracht, indem er ihm Gift verabreichte. Aber Scheich Mecîd trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters. Die Zeiten hatten sich geändert, und die Bauern und Jünger ließen sich nicht mehr so leicht betrügen. Das Scheichtum war anstrengend, Aga zu sein viel angenehmer. Von nun an führte er die Agas vom Stamme der Pencînar an. Seine Frau war zudem die Tochter des Stammesoberhaupts der Þemdînan. Von dieser Frau hatte er vier Söhne und fünf Töchter. Der älteste Sohn hieß Zorav.
Nach dem Tod Scheich Mecids wurde Zorav Oberhaupt der Familie. Im selben Jahr pilgerte er nach Mekka und durfte sich Haci Zorav nennen. Nach einigen Jahren verlegte er den Sitz der Familie nach Dono. Sein Heimatdorf Teliba lag nämlich auf der andern Seite des Xerzan und damit zu nahe am Einflußgebiet von Scheich Mehmudê Zoqeydê. Dono bot ihm daher den besseren Zufluchtsort.
* * *
Diesen Sommer hatte Gott Haci Zoravs Weizenspeicher bis zum Rand gefüllt. Die Schatten der Ähren waren so lang wie die Schatten der Weißen Burg, die auf die umliegenden Felsen fielen.
Im staatlichen Speicher von Biþêri war kein Platz mehr. Zuvor hatte Haci Zorav seine vollen Lastwagen nach Qurtelan geschickt. Beide Amtsstellen steckten bis zum Hals in Schulden bei ihm. Wenn Haci Zorav in Biþêri spazieren ging, bückten sich die Staatsbeamten, Speiselokal- und Ladenbesitzer bis zur Erde vor ihm. Sogar der Kaymakam erfüllte ihm seine Wünsche.
Haci Zorav hatte sich diesen Sommer nicht nur einen Traktor, sondern auch eine Dreschmaschine angeschafft. Noch nie hatte man im Xerzantal eine solch starke und solide Maschine gesehen. Sie arbeitete wie eine Mühle, war grün und trug den Namen Volvo. In wenigen Wochen hatte sie nicht nur das Getreide von Haci Zorav, sondern auch das der umliegenden Dörfer gedroschen. Der Volvo wurde für die armen, hilflosen Landarbeiter zum Todesboten. Nach der Ankunft dieses Ungeheuers nahmen sie die Sichel auf die Schulter und zogen in die Berge, an Orte, wo es keine Maschinen gab.
Der Volvo erweckte gewaltigen Neid in den Herzen der Agas von Xerzan. Die meisten von ihnen verkauften ihre alten Maschinen und schafften sich ebenfalls einen Volvo an.
* * *
Obwohl es auf den Herbst zuging, hielt die Hitze im Xerzantal unvermindert an. Der Wind vom Berg der Babosî hatte sich diesen Sommer verspätet. Doch die Bauern aus Babosî brachten Eselslasten und Maultierlasten mit Trauben zum Verkauf nach Dono. Den Geschmack dieser süßen Trauben auf der Zunge vergaß man so bald nicht wieder. Auf dem Markt wurden nur Tauschgeschäfte getätigt: eine Waagschale voll Trauben gegen eine voller Weizen. Geld war bei den Leuten von Babosî nicht im Umlauf. Sie waren ein Bergvolk und lebten zwischen ihren stolzen und steil aufragenden Bergspitzen. Zwar fehlte es ihnen nicht an Früchten, doch galt ihre ganze Sehnsucht einem Stück Weizenbrot. Die Leute vom Xerzantal hingegen wünschten sich nichts mehr als reife Trauben.
Auch an diesem Tag drängten sich die Dorfleute wieder um die Traubenkörbe. Aso war ebenfalls mit einer Schale Weizen unterwegs. Die Diener Haci Zoravs hatten bereits die schönsten und süßesten Trauben sorgfältig aus den Körben herausgelesen und waren damit ins Haus zurückgekehrt. Wie immer war sein Teil der beste und größte. Den Bauern blieben die sauren und abgefallenen Trauben.
Aso blieb eine Weile neben den Körben stehen. Sie sprach mit niemandem. Sie fühlte sich, als wenn sie einen großen Stein in der Brust trüge. Die Schale mit Weizen zitterte in ihrer Hand. Die Sonne stach ihr in die Augen und blendete sie, der Schweiß floß ihr zwischen den Brüsten herunter wie die Bäche vom Gipfel des Mereto. An Augustnachmittagen brannte die Luft in Dono wie Feuer. Man konnte die Augen nicht vor dem Ansturm der Fliegen und Wespen schützen. Auch sie waren hinter den Trauben her, auch sie hatten sich um die Körbe versammelt und stürzten sich auf die Früchte. Hin und wieder, wenn sie nicht ans Ziel gelangten, surrten sie zornig auf und stachen die Menschen. Der Stich schwoll sofort an wie ein Ballon. Trotzdem hielten sich die Bauern nicht von den Körben fern.
Aso kehrte mit ihrer Schüssel voll Trauben ins Haus zurück. Ihre Gedanken waren durcheinander. Nun war schon ein Monat verflossen, seit Perixan, Salo und Bedo nach Konya verreist waren. Seither war die Welt für Aso klein geworden. Täglich erwartete sie Bedos Rückkehr. Wenn nur Perixan und Salo hier geblieben wären! Den neuen Chauffeuren konnte Aso nichts abgewinnen. Aber Perixan und Salo hatten sich nur noch durch Flucht vor Haci Zorav retten können. Haci Zorav hatte die arme Perixan am hellichten Tag belästigt, und Salo entkam nur knapp dem Tode. Hesenê Meysê hatte zweimal in der Dunkelheit auf ihn geschossen. Aus Zorn auf Haci Zoravs Sippe hatte auch Bedo das Dorf verlassen. Im Herbst, so hatte er versprochen, würde er zurückkommen und Aso entführen.
Aso trat ins Haus und blieb stocksteif stehen. Die Schüssel fiel ihr aus der Hand und die Traubenbeeren rollten über den Boden. Vor Scham schnürte sich ihr die Kehle zusammen. Ihre Mutter Rihane erhob sich und sagte freundlich:
»Es macht nichts, mein Kind. Warum gibst du unseren Gästen kein Willkommen? Das gehört sich doch nicht. Hast du sie nicht gesehen?«
Zwei von Haci Zoravs Frauen, Eyþan und Menco, saßen mit bequem ausgestreckten Beinen auf ihren Kissen. Aso trat zu ihnen. Eyþan strich ihr über die Hüfte, drückte ein wenig und sagte:
»Aso ist kein Kind mehr, Faro. Du bist ein guter Vater, aber weshalb hast du kürzlich zu mir gesagt, sie sei noch klein? Herrgott, was an ihr soll da noch klein sein? Man muß die Rüben rechtzeitig ziehen und darf den Zeitpunkt nicht verpassen.«
»Wie du meinst«, erwiderte Faro, »ihr wißt das besser als ich.«
»Wie gesagt, Haci Zorav überläßt dir jährlich eine Ernte von dem einen Feld. Außerdem geben wir euch zehn Schafe, fünf Ziegen und einen Esel. Ich wette, die Leute im Dorf werden platzen vor Neid.«
»Möge euer Haus gedeihen, Eyþan. Sie ist nur ein Mädchen, sie sei euer. Was sind wir denn? Kleine Pächter.«
»Meinst du, Faro? Gebrauch deinen Verstand. Du hast den heiligen Prophet Elias im Haus, der dir zu Hilfe kommt, und du merkst es nicht einmal! Von heute an sind wir Verwandte!«
Aso verstand nicht, was hier vorging. Weshalb sollte Haci Zorav ihrem Vater so viele Schafe und Ziegen schenken? Weshalb die Ernte eines Feldes überlassen? Und warum sollte der Grausame ihnen helfen wollen?
Eyþan zog eine Tabakdose aus der Tasche, klopfte leicht darauf und schüttelte sie. Dann öffnete sie den Deckel. Der Tabakduft erfüllte den Raum. Mit zwei Fingern hielt sie sich einige Krümel unter die Nase und atmete tief ein. Nachdem sie geniest hatte, sagte sie:
»Wir müssen gehen, Faro. Die Sache gilt. Ihr könnt euch darauf verlassen.«
»Du bist unsere Herrin, wir haben immer Brot aus deiner Hand gegessen.«
Eyþan erhob sich und trat auf Aso zu. Sie steckte ihr einen goldenen Ring an den Finger und zog eine Kette mit fünf Goldmünzen aus der Tasche, die sie ihr um den Hals hängte. Dann streifte sie ihr drei goldene Reifen über den Arm. Aso blieb das Wort im Halse stecken. In Gedanken suchte sie verzweifelt, aber sie konnte sich nicht erklären, was da vor sich ging. Für welchen seiner Söhne hielt Haci Zorav um ihre Hand an? Ezedin? Nein, nein… der hatte sich vor zwei Monaten erst eine neue Frau genommen. Plötzlich keimte eine Hoffnung in ihr auf. Weshalb nicht? Wahrscheinlich hatte Haci Zorav die Sache zwischen ihr und Bedo regeln wollen!
Aber diese Hoffnung erlosch rasch wieder. Eyþan gab Aso einen Kuß. Menco wandte sich ihr zu und rief laut:
»Mädchen, Dummkopf, warum küßt du deiner älteren Nebenfrau nicht die Hand? Hast du Eselsmilch getrunken und den Verstand verloren?«
Menco hatte noch nicht ausgeredet, als Aso in Schluchzen ausbrach. Blindlings stürzte sie aus dem Zimmer und warf sich mit dem Gesicht nach unten auf die Erde. Sie schrie so sehr, daß die Mäuse vor Schreck aus den Löchern schlüpften und die Katze vor dem Speicher zu miauen begann. Das Lachen von Eyþan übertönte jedoch all diese Geräusche.
»Gib Asos Launen nicht nach, Faro«, sagte sie. »Ich kenne die Mädchen besser als du. Ich wette bei Scheich Ehmedê Xiznayê, daß Aso vor lauter Freude weint. Weinen gehört zur Brautzeit, Faro. Wenn’s nur bei diesem einen Weinen bleibt! Haci Zorav ist ein harter Mann, ein starker Mann. Jede Nacht sucht er seine Frauen auf. Glaub’ mir, niemand kennt ihn so gut wie ich, Faro.«
»Alles ist Schicksal, Eyþan«, sagte Faro. »Die Schrift in Gottes Buch kann niemand ändern.«
»Du hast Glück, Faro. Haci Zorav gehören nicht nur einige Dörfer, nein das ganze Xerzantal. Die Regierungsleute betteln an unserer Türe. Richter und Kaymakame weit und breit richten sich nach unseren Wünschen.«
»Wir wissen, daß die Regierung ein Nichts ist im Vergleich zu Haci Zorav. Ich kenne den Löwen vom Xerzantal.«
»Gut, gut, Faro. Es ist ja nicht nötig, daß ich den Haci hier noch ausführlich rühme. Doch höre mir gut zu. Der Haci will die Sache nicht in die Länge ziehen. Zu Beginn des nächsten Monats, am Freitag, ist die Hochzeit. Haci Zorav sagt, daß er Aso nach der Hochzeit in der Stadt einen Wohnblock bauen wolle. Wenn wir nur auch einen bekämen! Das Xerzantal genügt uns nicht mehr, Faro. Unsere Sippe braucht mehr Platz.«
Eyþan und Menco nahmen Abschied von Faro und Rihane und machten sich auf den Weg nach Hause.
Faro stürzte wutentbrannt ins andere Zimmer. Aso war schwach vor Weinen, sie konnte nicht aufhören zu schluchzen. Der Boden war naß von ihren Tränen und sie lag mit der Wange im Staub. Faro packte sie an einer Haarsträhne und schleppte sie über den Boden. Er gab ihr einige Fußtritte in die Seite und sagte:
»Hure, Tochter einer Hure. Tochter der Hure Rihane. Deine Mutter ist eine Hündin, doch du bist die größere. Ich bringe dich um, ehrlose, schmutzige Hündin.«
Rihane packte Faros Hand und schrie:
»Schlage nicht zu, Faro. Bist du wahnsinnig? Besinne dich, Dummkopf. Sie ist jetzt nicht mehr deine Tochter, sondern mit Haci Zorav verlobt. Ich schwöre dir, wenn er hört, was du tust, rottet er uns aus mit Stumpf und Stiel. Gehört es sich etwa, Haci Zoravs Verlobte zu prügeln?«
Faro erschrak bei der Erwähnung Haci Zoravs. Rihane hatte recht, Aso war nicht mehr seine Tochter. Von jetzt an hatte er ihr zu dienen. Er ging hinaus und drehte aus grünem Tabak eine dicke Zigarette. Seine Finger zitterten, und er konnte sie nicht ruhig zwischen den Lippen halten.
Der Autor MAHMUT BAKSI
wurde 1944 in Kozluk (Kurdistan/Türkei) geboren. Nach dem Militärdienst wurde er Journalist. Er zog nach Istanbul, wo sein erstes Buch 1968 auf Türkisch erschien. Das Buch über das Leben der Kurden in der Türkei wurde verboten, ebenso das nächste Buch des Autors. Mahmut Baksi verbrachte einige Zeit in Polizeihaft, wurde dann freigelassen und kam 1970 illegal nach Deutschland.
1971 stellte die Militärjunta einen Auslieferungsantrag für Mahmut Baksi. Er fand politisches Asyl in Schweden, wo er seither lebt und arbeitet. Als Schrifteller und Journalist befasste er sich hauptsächlich mit der Kurdenfrage, dem Mittleren Osten und Immigrationsproblemen. Er arbeitet für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Mahmut Baksi veröffentlichte 21 Bücher, viele davon für Kinder. Sie erschienen in dänischer, deutscher, englischer, kurdischer, norwegischer und türkischer Sprache. Einige seiner Kurzgeschichten wurden in Schulbüchern veröffentlicht und für den Rundfunk und das Theater dramatisiert.Sein Jugendroman " In der Nacht über die Berge" erhielt 1998 den österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis sowie den Schweizer Jugendbuchpreis. Baksi schrieb außerdem Liedtexte für den kurdischen Sänger Sivan Perwer.
Zur Buchreihe:
Die von
Yusuf Yesilöz - Vor Metris steht ein hoher Ahorn , Unrast - herausgegebene Edition arArat ist die Fortführung des engagierten Schweizer Ararat-Verlages. Mit dieser neuen Edition verfolgen der Herausgeber und der Unrast Verlag das Ziel, anspruchsvolle kurdische Literatur im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen.
Haydar Isik - Die Vernichtung von Dersim
Mahmut Baksi - Dono
Suzan – Samanci – Schnee auf schroffen Bergen