„Wer die Stärke der IRA begreifen, also die Menschen, die sie tragen, verstehen will, lese dieses Buch.“ Die Wochenzeitung

Nordirland der achtziger Jahre: Die beiden IRA-Aktivisten Mallone und Massey leben, lieben und leiden unter den Widersprüchen, die ihnen die Existenz zwischen Krieg und Frieden, Aufbegehren und Konventionen im geteilten Belfast abverlangt. Morrison erzählt wie das vermeintlich sturmsichere Haus der IRA durch die Brutalisierung des Alltags und die permanente Angst vor Verrat von innen her ausgehölt wird, und wie groß in der Bevölkerung die Sehnsucht nach einem Ende des Bürgerkriegs ist.
Leseprobe Róisín hatte die Schießerei gehört, und vor lauter Sorge war ihr schlecht geworden. Sie hatte Aidan hereingerufen. Er erzählte, er habe Raymond gesehen. Etwa zwei Stunden später kam eine Frau mit der Nachricht vorbei, daß Raymond das Gebiet sicher verlassen habe, aber nicht nach Hause komme könne, bis Soldaten und Polizei abgezogen seien. Im ersten Moment sorgte sie sich um ihn, dann war sie wütend, ihn verfluchend. Sie wollte etwas aus der Küche holen, nahm den Becher, den sie ihm in den Flitterwochen gekauft hatte, und warf ihn zu Boden.
Wie kann ich unter solchen Bedingungen lernen, schrie sie. Wie kann ich irgendwas mit meinem Leben anfangen.
Später nahm sie eine Tablette, um ihre Nerven zu beruhigen und ihr beim Einschlafen zu helfen, erwachte aber angeschlagen, als Aidan sie rüttelte.
»Mammy, Mammy, draußen sind die Brits!«
»Öffnen Sie die scheiß Tür, oder wir brechen sie auf! Öffnen Sie jetzt!« brüllte ein Soldat.
Sie stand auf und zog ihren Morgenmantel an.
»Ich komme, ich komme! Immer mit der Ruhe!«
»Sie öffnete die Sicherheitstür an der Treppe, ging zur Tür und entfernte die Riegel. Sie hatte den Bolzen kaum gelöst, als die Tür aufgedrückt wurde und sie an der Schläfe traf. Sie stürmten herein, und sie war außerstande, ihre Bewegungen einzudämmen oder zu überwachen.
Ein Polizist fragte: »Wer wohnt hier?«
»Ich, mein Kind und mein Mann.«
»Wo ist er?«
»Ich dachte, Sie wüßten das. Wissen Sie nicht alles?«
»Ab ins Wohnzimmer. Sie stehen beide unter Arrest, während wir durchsuchen.«
»Kann ich in die Küche?«
»Nein«, erwiderte der Polizist. Dann: »Haben Sie getrunken? Sie sehen betrunken aus.«
Sie ging darüber hinweg, war aber gekränkt.
Sie gingen nach einer Stunde.
Róisín war danach zumute, das Lernen ganz aufzugeben. Sie hatte versucht, ihr Bestes zu geben, doch ihr Wissen war teilweise lückenhaft, und sie war sicher, daß sie nicht genug wiederholt hatte
(…)
Selbst an Tagen, an denen Róisín wußte, daß die Ergebnisse unmöglich mit der Post kämen, ging sie beklommen in den Flur, nur um ins Wohnzimmer zurückzukehren, nicht erleichtert, sondern wütend auf alles und jeden. Aidan sah zu, wie sie eine Haarsträhne mit unnötigem Kraftaufwand zurücksteckte, spürte die Schärfe ihres Atems. Er lernte früh, sie in Ruhe zu lassen, und angesichts ihrer seltsamen Art die eigene Traurigkeit in sich hineinzufressen.
Raymond hatte geschäftlich jenseits der Grenze zu tun, als der Umschlag endlich ankam, genau in dem Moment, als sie sich eingestand, ohne ihn zu öffnen, was sie die ganze Zeit gewußt hatte – daß sie durchgefallen war. Sie warf ihn in den Papierkorb und fühlte sich sofort besser. Trotz des strahlend hellen und warmen Tages ließ sie ein sehr heißes Bad einlaufen, bestieg die Wanne und rekapitulierte ihr Leben, fühlte, die letzten paar Jahre vergeudet zu haben. Es fiel ihr ein, wie es als Alleinerziehende gewesen war, als Aidan am Wochenende abgeholt wurde, sie frei war, zu tun, was ihr gefiel. Das Leben allein war einfach gewesen, und die Einsamkeit ab und an konnte sie nun mit einem Berufsrisiko vergleichen, wie eine Erkältung zu bekommen. Sie rieb den Hals hart mit dem Flanellappen ab. Was wäre passiert, wenn Raymond an jenem Tag nicht geklopft hätte, um sich zu entschuldigen, daß er mit ihr bei seiner Freilassungsparty gestritten hatte? Hätte sie einen anderen getroffen, jemanden, der ihr das Gefühl von Sicherheit und wirklichen Trost und Vertrauen gegeben hätte?
Sie hob die Hinternbacken und seifte ihre Schamgegend ein, an Micky denkend. Sie hatte gehört, daß er und seine Frau Alice nicht klarkämen. Ob er je an sie dachte oder Bedauern empfand. Nachdem Micky und Alice eine Tochter bekommen hatten, sah er Aidan seltener, aber in den letzten Monaten hatte er den wöchentlichen Kontakt wiederaufgenommen und hing manchmal endlos am Telefon, wobei sie Tratsch über gemeinsame Freunde austauschten. Direkt nach diesen Anrufen war sie in Hochstimmung, aber die wich rasch dem Staunen darüber, wie häufig das eigene Ego sich bereitwillig der Selbsttäuschung hingab. Sie hatte nie damit gerechnet, daß Micky sie derartig behandeln würde, also konnte sie ihn nicht richtig gekannt haben. Kannte sie Raymond richtig? Ungläubig schüttelte sie den Kopf, als sie all die Qualen überdachte, die diese beiden Männer ihr zugefügt hatten – Micky mit seinen Frauengeschichten, Raymond mit seiner Vernarrtheit in Kanonen und Bomben und der Besessenheit von den Brits und der ‘RA, den Fernseh- und Radionachrichten, den Zeitungen.
Plötzlich fiel ihr der Umschlag von unten wieder ein und wieviel Hoffnung sie in das Stück Papier, das er enthielt, investiert hatte, wie diese Ergebnisse für drei Jahre ihres Lebens standen, einschließlich größerer Störungen, zu denen sie jetzt auch die verlängerte Farce der Ehe zählte.
Ein paar Tage zuvor hatte sie einen Mann im 60-Sekunden-Quiz im Radio gehört und, trotz ihrer trüben Stimmung, zunächst gelacht und ihn dann bedauert. Den Kandidaten wurden recht einfache Fragen gestellt, damit sie gut punkten, sich entspannt fühlen und es genießen würden.
»Was hat Little Bo Peep verloren?« fragte der Moderator.
»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, versetzte der Kandidat. »Könnten Sie die Frage wiederholen?«
»Wieviele Grafschaften hat Irland?«
»Sechsundzwanzig, oder?«
»Mit der Frage ist, glaube ich, ganz Irland gemeint.«
»Was, achtundzwanzig?«
»Was wächst auf Paddy-Feldern?«
»Mir liegts auf der Zunge … Nein, es ist weg.«
Und so weiter und so fort, bis der Summer ertönte und der sichtlich verlegene Moderator erklärte: »Na ja, Kevin, Sie waren nicht so gut. Von zehn Fragen war keine richtig beantwortet. Seis drum. Viel Glück beim nächsten Mal.«
»Ach, ja«, erwiderte der Mann resigniert, und Róisín schämte sich für ihn, obwohl er kein Zeichen von Demütigung spüren ließ. Ob er sich danach wegen seiner Antworten blöd vorkam und als Volltrottel, weil er seine Unzulänglichkeit öffentlich gezeigt hatte? Wie schaffte er es, den Leuten auf der Straße zu begegnen, Freunden und Verwandten, die Zeugen seiner hundsmiserablen Vorstellung geworden waren?
Der Umschlag von unten begann an ihrer Entschlossenheit zu nagen, und ihr dämmerte, wie albern ihr Standpunkt war. Die Leute würden fragen, wie sie abgeschnitten habe. Sie trocknete sich ab, hüllte sich in ein großes Handtuch und ging ins Wohnzimmer. Sie zupfte Fetzen eines Papiertuchs und Orangenschalenreste von dem Umschlag und holte ihn heraus. Riß ihn auf, aber bevor sie das Stück Papier entnahm, ging sie in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Trommelte mit den Fingern auf die Arbeitsfläche und versuchte zu pfeifen. Das Wasser kochte, und sie brühte einen Kaffee, brachte die Tasse ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Kamin. Entfaltete das Papier und las die Ergebnisse, ihr Herz hämmerte. Sie las sie immer wieder, bis sie begriff, daß es kein Vertun gab. Dann brach sie in Tränen aus und schluchzte, vor sich hin sprechend: »Du Scheißer, Raymond Massey. Du Scheißer.« Umklammerte die hochgezogenen Beine mit den Händen und schaukelte hin und her, Raymond immer wieder verfluchend.
Róisín war nicht lange draußen, als die innere Stimme wieder anfing zu reden, und sie unsicher wurde, als ob siamesische Zwillinge über die Richtung stritten.
Massey, du Bastard. Deine scheiß IRA-Treffen, dein scheiß IRA-Leben. Ob sie in der Disco im Korridor zur Damentoilette einen Mann geküßt hatte. Sie konzentrierte ihre Gedanken und begriff, daß es passiert war, daß sie die Augen geschlossen, es genossen und gelächelt hatte, als er zurücktrat, um ihr den Weg freizumachen. Einer jener impulsiven Vorfälle zwischen Betrunkenen. Als sie aus der Toilette kam, war er verschwunden. Aber es war passiert! Sie kicherte. Böses Mädchen. Was bist du? Ein böses Mädchen! In der Queens Street versuchte sie erfolglos, sich den Mann vorzustellen, der sie geküßt hatte. Sie übte, die Lippen halb zu öffnen und die Augen zu schließen, und lachte in sich hinein.
Raymond fraß den Frust über Róisíns andauernde Kühle in sich hinein. Er hatte nicht das Gefühl, jemanden zu haben, dem er wirklich vertrauen konnte. Im Zug, auf der Rückfahrt von Dublin, sprach er das Thema Bobby gegenüber an, der erneut Róisíns Partei ergriff, meinte, daß Raymond ihr mehr Zeit opfern solle, so wie er Patricia mehr Aufmerksamkeit gewidmet habe. Raymond erwiderte, er versuche es ja und habe eine Urlaubsüberraschung für sie.
Er bereute es auch, Tod von seinem Kummer erzählt zu haben: das indirekte Eingeständnis, daß er sein Leben nicht genauso beherrschte, wie es das Ziel seines Lebens war; daß er wie jeder andere von persönlichen Problemen bedrängt wurde: Er wünschte, Róisín akzeptierte ihn, wie er war, und würde erkennen, daß er außerhalb seiner Zeit als Republikaner nur ihr gehörte.
Die beiden Männer kamen aus dem Bahnhof, aber von Tod fehlte jede Spur.
»Du hast ihm genau den Zug genannt?«
»Ja. Vielleicht wird kontrolliert oder was.«
»Er sollte hier sein. Ich warte nicht gern an diesem Ort.«
»Es fährt ein Bus ins Zentrum. Oder wir könnten laufen.«
»Wir nehmen den Bus. Ich will nicht mit dir zu Fuß gesehen werden«, scherzte er.
»Du Witzbold. Du bist das rote Tuch.«
Die Vordertür war unverriegelt, und Raymond dachte, Róisín sei ausgegangen. Aber im Wohnzimmer und auf der Treppe lagen Kleider verstreut, und neben dem Sofa war ihre Handtasche. Und eine leere Weinflasche. Er hob ein Stück Altpapier vom Boden auf: die Ergebnisse. Er hatte vergessen, daß sie fällig waren. Er las sie und seufzte, hatte Angst, ihr unter die Augen zu treten, wußte aber, daß es sein mußte. Er ging nach oben, wußte nicht, was er erwarten sollte. Sie lag noch im Bett. Er lief auf ihre Seite und sah, daß sie an die Wand starrte. Obwohl er ein lautes »Phew« pustete, überging sie seine Anwesenheit. Neben dem Bett stand ein Glas, zu einem Viertel voll Wasser. Ihm fiel wieder ein, wie sie ihm Wasser in den Mund gespritzt hatte, als sie sich vor Jahren liebten: jetzt ein entferntes Land.
»Tut mir leid – die Ergebnisse.«
Sie drehte sich rasch zu ihm um, sah ihn überrascht oder schockiert an: »Woher? Wer hats dir erzählt?«
»Sie liegen auf dem Fußboden.«
»Oh.« Ihr Kopf rollte wieder auf das Kissen.
»Kann ich dir was bringen.«
»Yeah, ein Schießeisen.« Sie zitterte.
»Komm schon, Róisín, so schlimm ist das nicht.«
»Ach so. Gestern habe ich allen erzählt, ich hätte bestanden.«
»Sorry? Was hast du gesagt?«
»Du hast richtig gehört.«
»Warum hast du das getan?«
Sie wandte sich ihm wieder zu. »Weil ich mich schämte, durchgefallen zu sein, darum.«
»Ach, Róisín, es tut mir so leid.«
»Ja. Also.«
»Wo ist Aidan?«
»Bei meiner Mom.«
»Wem hast du es schon erzählt?«
»Mom und Daddy, denen in meiner Klasse …«
»Finden die das nicht heraus?«
»Ja, heute, wenn ich ihnen die Wahrheit sage. Daß ich schizophren bin …«
Er beugte sich herüber und küßte sie, aber die Lippen waren runzlig, leblos. Sie roch nach Alkohol, in ihr verwesend. Etwas Schweres lastete auf ihrer Seele. Er sah in die flehenden, fast reumütigen Augen, aber er verstand sie nicht.
»Raymond, ich habe dich geliebt, du weißt das, oder?«
»Ich weiß, daß du mich liebst. Ich liebe dich auch«, versetzte er, im Glauben, eine Routinekrise vor sich zu haben.
»Sags nicht. Bitte sags nicht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du mich damit quälst.«
»Aber es ist wahr, Róisín. Es ist wahr. Jesus, du hast mich herausgefordert, es zu sagen! Weißt du noch?«
Die Decke war von ihren Schultern gefallen, gab den Blick auf eine nackte Brust frei. Anstatt sie einfach zu begehren, hatte er sie noch unschuldig und verletzlich vor Augen, so wie beim ersten Mal, als er sich in sie verliebte. Er wollte ihr eine Freude machen, sie aus dem Elend herausholen. Er küßte ihren Hals, was sie immer erbeten hatte, und meinte, sie lustvoll glucksen zu hören, obwohl es auch ein Zeichen der Irritation hätte sein können. Er streichelte ihre Wange, und sie schloß die Augen, als ob sie in diesen wenigen Zärtlichkeiten Trost finden könnte oder es nicht ertrüge, ihn anzusehen.
Sie war irgendwie verändert.
»Was dagegen, wenn ich reinkomme«, flüsterte er. »Es ist ne Weile her, oder?«
Sie öffnete die Augen, und er sah Zögern oder höchste Qual. Sie begann zu zittern, als ob der Liebesakt den alten Kreislauf wieder einleiten würde. Sie schien widerwillig, nickte jedoch und zog die Decke herunter, damit er neben ihr hineinschlüpfen konnte. Er schleuderte die Schuhe von sich, streifte die Jeans ab, behielt aber das Hemd an. Als er sie liebte, schien sie meilenweit weg. Er wälzte sich auf den Rücken und fragte sie dann nach dem gestrigen Tag. Sie umriß die Ereignisse so rasch sie konnte, erwähnte den Wein, ließ den Streit mit Aidan aus, erzählte vom Geldgeschenk der Eltern. Sie beschönigte den Abend und meinte, den gestrigen Tag wolle sie lieber wegschließen und nie wieder diskutieren.
»Arme Róisín. Arme Róisín.«
Plötzlich rückte sie von ihm ab.
»Sag nicht du Arme zu mir, Raymond. Ich glaube, ich bin oft genug herablassend behandelt worden, wenns dir nichts ausmacht.« Der Ton verriet einen Hauch von Aggression. Er war verwirrt. Sie wälzte sich wieder in die Lage, in der er sie vorgefunden hatte, als wären die letzten zehn Minuten nur eine Atempause in der Schlacht gewesen, Zeit und Gelegenheit für beide Seiten, vor der Wiederaufnahme des Kampfes die Verwundeten und Gefallenen einzusammeln.
Er zog die Jeans an. Die Frauen verstehe ich nie, dachte er. Jedoch hoffte er noch immer, ihre Stimmung zu heben. Erneut lag er neben ihr.
»Hab für eine Woche ein Haus in Bundoran gebucht«, sagte er, im Gefühl, daß dies der beste Moment sei. Kein Kommentar ihrerseits. »Es sollte ne kleine Überraschung sein.«
»Woher kommt das Geld?« Wieder klang sie feindselig, und andeutungsweise traten mit der Frage neue, höhere Beweisstandards in ihr Leben. Sie kehrte ihm den Rücken.
»Keine Sorge. Es sind keine Schulden.«
»Keine Schulden? Das bezweifle ich. Aber, trotzdem danke. Ich will nicht.« Sie wälzte sich zu ihm herüber. »Fahr mit Bobby, wenn du magst.«
Raymond war getroffen. Er hatte einiges in Bewegung gesetzt, um das Geld und das Haus zu bekommen. Gedacht, es würde ihr gefallen und den Druck von ihnen beiden nehmen. Auch bot ein Geschäftsfreund der IRA ihm Geld für die Renovierung an. Er behielt diese Überraschung in der Hinterhand, aber ihre Haltung hatte die Freude zu geben zerstört.
»Soll das heißen, du willst nicht mit mir in Urlaub fahren, nach all dem Gestöhne, daß du mich nicht oft genug siehst, über die Prüfungen, daß das Haus dich deprimiert?«
»Genau das.«
»Du bist ein selbstsüchtiges Miststück, daß du es weißt!«
»Ich ein selbstsüchtiges Miststück? Bist du ganz dicht? … Raus aus dem Bett, weg von mir!« kreischte sie und begann Raymond zu treten, der von ihrer Gewalttätigkeit abermals erstaunt war. Das war nicht alles seine Schuld, dachte er.
»Du bist schizoid! Weißt du das!« brüllte er ihr ins Gesicht, bevor er das Zimmer verließ.
»Bastard! Mordender Bastard!« brüllte sie ihm hinterher.
Er drehte auf der Treppe um, purpurrot im Gesicht, und raste zurück, riß das Duvet herunter, packte und verdrehte ihren Knöchel. Sie hielt sich am Bettpfosten, aber er zerrte sie aus dem Bett, so daß ihr Kopf auf dem Boden aufschlug.
»Nenn mich niemals Mörder, hörst du! Niemals!«
Sie weinte und zog ein Laken über. Er stürmte nach unten, die Gedanken wirr durcheinander, und sie brüllte hinter ihm her: »Mörder! Mörder! Mörder!«
Diesmal reagierte er nicht, aber sie konnte ihn schimpfen und fluchen und im Zimmer kreisen hören wie eine gefangene, surrende Schmeißfliege. »Eine scheiß Verrückte. Eine scheiß Verrückte. Ich habe eine scheiß Matschbirne geheiratet!« An die Decke schreiend fuhr er fort: »Kein Wunder, daß Micky dich verlassen hat! Du hast mich kommen sehen! Scheiß zweite Wahl!« Das Gift schoß heraus.
Róisín zog einen Bademantel an, sprang die Treppe herunter, fand ihn mitten im Zimmer, stürzte sich auf ihn und begann auf seine Brust zu trommeln, versuchte dann, ihm die Augen auszukratzen. Er warf sie aufs Sofa, aber sie machte einen Satz, wie verbrüht, und rannte in die Küche. Er hörte, wie die Besteckschublade geplündert wurde, und ihm dämmerte, was sie wollte. Sie kam aus der Küche mit dem Tranchiermesser in der Hand. (…)
aus der Presse „Der Roman weckt Erinnerungen an schöne wilde Zeiten in West Belfast, wo Männer in ihren Träumen der irischen Revolution nachjagten und nicht erwachen wollten, weil sie wußten, daß die Wirklichkeit keine Wege zur Flucht eröffnet – auch nicht vor sich selbst.“
Kölner Stadtanzeige
Der Autor Danny Morrison, geboren und aufgewachsen in Belfast, ist heute einer der intellektuellen Köpfe der republikanischen Bewegung in Nordirland. Als Chefredakteur der Zeitung An Phoblacht/Republican News wurde er 1982 zum Direktor des Öffentlichkeitsreferats von Sinn Féin ernannt. Von 1982 bis 1986 war Morrison Sinn Féin-Abgeordneter im nordirischen Parlament, dem Stormont Assembly.
Unter der Beschuldigung der IRA-Mitgliedschaft wurde er 1990 in Belfast verhaftet und später zu acht Jahren Haft verurteilt; im Zuge der eingeleiteten Friedensgespräche im Mai 1995 vorzeitig entlassen.
Heute lebt er als freier Journalist und Autor in Belfast.
Auf deutsch erschienen von ihm bereits die drei Romane West Belfast, Auf dem Rücken der Schwalbe (zur Zeit vergriffen) und Der falsche Mann, der Essayband Aus dem Labyrinth sowie das Sachbuch Troubles (zur Zeit vergriffen). Eine politische Einführung in die Geschichte Nordirlands (alle im Unrast Verlag).
irland almanach - Das andere Irland-Jahrbuch:
irland almanach #1 - Schwerpunkt: Krieg und Frieden Der Themenschwerpunkt „Krieg und Frieden“ nimmt den in Gang gekommenen Friedensprozeß in Nordirland zum aktuellen Anlaß, Fragen zur Geschichte und zur Perspektive des Landes zu stellen.
irland almanach #2 - Schwerpunkt: Das jüdische Irland Der irland almanach #2 versucht in einem ein Mosaik aus politischen und lebensgeschichtlichen Darstellungen der Juden in Irland, wohin sie als Flüchtlinge, in wenigen Fällen auch als Überlebende des Holocaust gelangt sind, eine Antwort zu geben.
Irland almanach #3 . Schwerpunkt: Irische und barbarische Spiele Sport ist in Irland in besonderem Maße kulturnationalistisch und politisch besetzt. Das gilt im Verhältnis der Republik zum Norden ebenso wie zwischen den beiden Communities in Nordirland.
irland almanach # 4- Schwerpunkt: Der keltische Tiger Der Irland Almanach #4 beleuchtet nicht nur die wirtschaftlichen Entwicklungen, sondern gerade auch Menschen, die bei diesem Prozeß auf der Strecke geblieben sind, zeigt die politisch-ökonomische Einmischung und Abhängigkeit von den USA und arbeitet xenophobische und rassistische Phänomene auf.
Weitere Bücher zum Thema Irland
Kevin Bean, Mark Hayes (Hg.) - Republican Voices Sechs ehemalige Mitglieder der republikanischen Guerilla stellen ausführlich dar, wie es vor allem die gesellschaftlichen Bedingungen in dem »Protestant State for Protestant people« waren, die sie zu republikanischen Aktivisten werden ließen.
Danny Morrison - Aus dem Labyrinth. Schriften auf dem Weg zum Frieden in Nordirland Neben autobiographischen Texten, die sich sowohl mit dem Leben im Gefängnis als auch Morrisons Weg zum Schriftsteller beschäftigen, und der Auseinandersetzung mit exemplarischen nordirischen Lebensläufen, in deren Mittelpunkt die in Irland allgegenwärtige Frage nach Treue und Verrat steht, zeichnet sich Morrisons mittlerweile fünftes Buch vor allem durch eine detaillierte Chronik des Friedensprozesses aus.
Danny Morrison - West Belfast. unrast roman 1 „….eine Lektüre, die ungeahnte Einsichten in das Lebensgefühl eines irischen Gettos gewährt.“
Kölner Stadtanzeiger
Danny Morrison - Der falsche Mann. unrast roman 7 „Wer die Stärke der IRA begreifen, also die Menschen, die sie tragen, verstehen will, lese dieses Buch.“ Die Wochenzeitung
T. Ryle Dwyer - Michael Collins. Biografie Michael Collins war der Prototyp des modernen Stadtguerilleros und der eigentliche Architekt des Unabhängigkeitskrieges gegen die britische Besatzung.
Bobby Sands - Ein Tag in meinem Leben Ein Tag in meinem Leben – schrieb Bobby Sands in den H-Blocks von Long Kesh auf Toilettenpapier, mit einem Stift, den er in seinem Körper versteckt hielt.
Bobby Sands war 27 Jahre alt, als er am 5. Mai 1981, am 66. Tag seines Hungerstreiks, starb.
Pádraic Ó Conaire – Exil. unrast roman 13 Der erste moderne Roman der irischen Literatur.
Tragisch, seltsam, bunt wie das Leben.