Cover in groß "... die Erinnerung darf nicht sterben ..."
Franziska Bruder, Heike Kleffner (Hg.)

... die Erinnerung darf nicht sterben ...

Barbara Reimann - Eine Biografie aus acht Jahrzehnten Deutschland ...


ISBN: 3-89771-802-2
Ausstattung: br., 258 Seiten
Preis: 13.00 Euro

„Vorbereitung zum Hochverrat, Abhören ausländischer Sender und Wehrkraftzersetzung“. So lautete der Haftbefehl, mit dem die damals 23jährige Hamburgerin Barbara Reimann 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater von der Gestapo verhaftet wurde. Ohne Prozeß, mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“, wurde Barbara Reimann und ihre Mutter wenig später ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt. In …die Erinnerung darf nicht sterben… schildert die „Tochter einer typischen Hamburger Arbeiterfamilie“ ihren Weg in den Widerstand gegen das Naziregime, den alltäglichen Kampf ums Überleben in Ravensbrück und das Bemühen, nach 1945 einen politischen Neuanfang mitzugestalten. Die Biografie eines Frauenlebens, das eng mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung in Deutschland verbunden und gleichzeitig immer von kritischer Distanz zu den jeweils Herrschenden geprägt war.

"Die Erinnerung darf nicht sterben" ist eine lebendige und fesselnde Lebensgeschichte einer engagierten Antifaschistin, die zu den Menschen des Widerstandes gehört, "über die es vor allem zu sprechen gilt, wenn vom Widerstand die Rede ist."
DÜ, aktuelles; Herbst-Winter 2000

Vorwort

Die erste Begegnung mit Barbara Reimann kam eher zufällig zustande. Für eine Artikelserie über Menschen, die in Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime aktiv gewesen waren, suchten wir zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus 1995 nach Überlebenden, die wir interviewen könnten. Eine Ravensbrück-Überlebende aus Dresden vermittelte eine Berliner Telefonnummer, und nach einem knappen Gespräch am Telefon mit dem unmißverständlichen Nachsatz – »eigentlich mache ich das nicht mehr so gerne, weil wir alle schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht haben« – gab Barbara ihre Zustimmung zu einem Interview.
Aus einem für zwei Stunden geplanten Interview im April 1995 wurde ein intensives Gespräch, das sich bis spät in den Abend hinzog. Es folgten weitere Treffen mit Kaffee und Kuchen, zu denen weitere Freundinnen und Freunde mitgenommen wurden. Sich Barbaras lebhafter Art, ihrem Humor, ihren energischen Nachfragen – »warum interessiert Euch das alles?« –, ihrem Wunsch nach Diskussionen – »und was haltet Ihr von der PDS?« – zu entziehen, war unmöglich. Was uns faszinierte, war die Offenheit, mit der die damals 75jährige Widersprüche und falsche Einschätzungen einräumte; aber auch ihr Festhalten an ihren politischen Überzeugungen. Barbara bestand darauf, daß wir ihr Leben als das »eines Kindes aus einer ganz normalen Hamburger Arbeiterfamilie« begriffen. Und genauso neugierig, wie wir auf die Geschichten dieser »ganz normalen Frau« waren, war sie auf unsere Einschätzungen tagespolitischer Entwicklungen und politischer Vorstellungen.
Nachdem der Artikel zum 50. Jahrestag der Befreiung geschrieben und von Barbara als »lesbar« abgesegnet worden war, wollten wir den Kontakt nicht abreißen lassen. Uns hatte der Wunsch gepackt, das Leben dieser Frau, mit der wir genauso intensiv über Kochrezepte, die wachsenden Aktivitäten von Neonazis in Berlin oder die Streitigkeiten zwischen den ehemaligen Häftlingsorganisationen und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten diskutierten, zu dokumentieren.
Nach einigem Zögern entschloß sich Barbara dazu. »Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen«, war ihr erster Satz, als wir das Aufnahmegerät auspackten und zwischen Blumen und Papierstapel auf Barbaras Eßtisch stellten. Was folgte, waren Gespräche und Verabredungen zu Ausflügen in die Vergangenheit, die sich über fünf Jahre hinzogen. Gemütliche Abendessen, Fahrten nach Ravensbrück und ins Berliner Umland, Spaziergänge in Hamburg, Diskussionsveranstaltungen, Besuche von Barbara in unseren Wohngemeinschaften mischten sich mit kurzen Verabredungen, die mehr von wechselseitigen Alltag geprägt waren – von Barbaras sich verschlechterndem Gesundheitszustand, von Uniprüfungen, Auslandsaufenthalten, anderen politischen Projekten. Nicht immer verliefen die Gespräche stringent, mal war es ein Foto oder ein verschollenes Dokument, das unser sorgfältig durchdachtes Fragekonzept über den Haufen warf. Es gab Momente, in denen die Frau mit der Ravensbrücker Häftlingsnummer 37301 nur mühsam die Fassung bewahrte – wie an jenem Januartag 1997, als ihr eine Freundin aus Hamburg die Kopie einer Liquidationsliste geschickt hatte, auf der die Hamburger Gestapo die Namen jener Häftlinge vermerkt hatte, die noch kurz vor der endgültigen Niederlage Nazi-Deutschlands hingerichtet werden sollten. Über fünfzig Jahre nachdem Barbara gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Patentante 1944 mit dem Vermerk »Rückkehr unerwünscht« auf Transport nach Ravensbrück gegangen war, erinnerte diese Liste mit brutaler Deutlichkeit daran, wie knapp sie dem Tod entkommen war.
Unsere Motivation, Barbaras Leben in einem Buch zu veröffentlichen, setzt sich aus vielen Fragmenten zusammen: vor allem aus unseren Fragen, wie es kam, daß Menschen sich dazu entschlossen, Widerstand zu leisten. Wie war es möglich, Gestapohaft und Konzentrationslager zu überleben? Wie gehen Menschen mit dem Wissen um, von ehemaligen politischen Weggefährten, denen sie vertrauten, verraten und ins Gefängnis gebracht zu werden? Aus unserem Interesse, jenseits von Heldinnenverehrung und Mythen einen Lebensweg zu dokumentieren, den wir spannend, ungewöhnlich und zugleich auch repräsentativ fanden.
Dem Buch ist ein umfangreicher Anmerkungsteil angefügt, in dem geschichtliche Ereignisse und Personen, die Barbaras Leben gekreuzt haben, näher erläutert werden. Der Anhang mit mehreren Texten zur Lagergemeinschaft Ravensbrück und ein umfangreicher Bild- und Dokumententeil schließen das Buch ab.
Dieses Buch wäre ohne die Hilfe von vielen FreundInnen, ZeitzeugInnen und Überlebenden nicht möglich gewesen. Unser besonderer Dank gilt der Ehren-Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück Gertrud Müller, Irmgard Konrad, Ingrid Rabe, der Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Ravensbrück Rosel Vadehra-Jonas und der stellvertretenden Vorsitzenden Ursel Ertel-Hochmuth sowie Herbert Diercks, Carola Tischler und Christa Schikorra. Darüber hinaus möchten wir uns bei Ahlrich, Claudia, Klaus, Philipp, Ulrike, Viola und dem einen Berliner Freundinnenkreis für ihre Unterstützung sowie bei Patricia für das gründliche Lektorat bedanken.
Die Herausgeberinnen, Berlin im Frühjahr 2000








2

Barbara wurde am 16. Juni 1943 auf ihrer Arbeitsstelle verhaftet. Am gleichen Tag nahm die Gestapo auch ihre Mutter und ihren Stiefvater fest. In den Wochen zuvor hatte die Gestapo bereits Max Kristeller, Franz und Minka Heitgres und Liesbeth Rose verhaftet, mit deren Gruppe Barbara Kontakt gehabt hatte. Durch das Eindringen des V-Mannes Alfons Pannek in unterschiedliche illegale Widerstandszusammenschlüsse war es dem Hamburger Gestapo-Dezernat II A1 gelungen, mehrere Widerstandsgruppen oder –zusammenhänge in Hamburg und Umgebung aufzudecken und zu zerschlagen. Dazu gehörte ein Teil der »Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe« und die von der Gestapo als »Gruppe der Nichtvorbestraften« bezeichneten jüngeren KommunistInnen, die aufgrund ihres Alters erst nach 1933 politisch aktiv geworden waren. Am 16. Juni wurde auch Gerda Gromberg verhaftet, die zu diesem Zeitpunkt bei Barbara, deren Mutter und Stiefvater in der Bundesstraße wohnte. Sie hatte als Angestellte eines Fleischerladens die Familie des öfteren illegal mit Lebensmittelmarken versorgt. Gerda Gromberg wurde später von der Gestapo dazu gebracht, als Spitzel zu arbeiten.
»Wir hatten mitbekommen, daß es im Frühsommer 1943 eine Reihe von Verhaftungen in Hamburg gegeben hatte. Und wir hatten von meinem älteren Stiefbruder Hermann Claßen, der in Borgfelde mit einer kommunistischen Familie zusammenwohnte, die meine Eltern aus den Jahren vor 1933 kannte, erfahren, daß dort ebenfalls Verhaftungen durchgeführt wurden. In dem pharmazeutischen Handelsbetrieb, in dem ich arbeitete, haben wir mittwochs nur bis mittags gearbeitet. Viele Apotheken hatten Mittwoch nachmittags geschlossen. Meine Festnahme lief folgendermaßen ab: Ein Gestapo-Beamter rief vormittags bei mir auf der Arbeitsstelle an und sagte: ›Hier ist die Gestapo, Stadthausbrücke 8, ich möchte zu Ihnen kommen.‹ Ich konnte mir nicht vorstellen, daß die Gestapo anruft und antwortete daher: ›Das kann jeder sagen. Wenn Sie was von mir wollen, schicken Sie mir bitte eine schriftliche Aufforderung. Auf telefonische Anrufe dieser Art gebe ich nichts.‹ Ich war der Meinung, daß der Anrufer ein Bekannter einer Arbeitskollegin gewesen sein könnte. Sie hatte einigen ihrer Freunde, wenn sie sie abholten, meinen Namen genannt. Und die hatten dann versucht, bei mir anzurufen, um mit mir Kontakt aufzunehmen und mich zu treffen. Aber ich wollte mit ihren Freunden nichts zu tun haben. Ich habe mich nach diesem Anruf umgedreht und zu dieser Kollegin gesagt: ›Wenn das einer Ihrer Freunde gewesen ist, dann kriegen Sie ein paar Ohrfeigen von mir und derjenige auch. Mit solchen Dingen scherzt man nicht.‹ Aber die Kollegin hat hoch und heilig versichert, daß sie meinen Namen nicht mehr weitergegeben hätte.
Ungefähr zwanzig Minuten danach ging die Tür auf, und zwei Männer kamen herein. Ich sah schon, daß das nur die Gestapo sein konnte. Die Männer forderten mich auf, mit ihnen zu kommen. Ich habe ihnen gesagt: ›Ich mache hier den Ein- und Verkauf und muß erst noch meine Bestellungen erledigen.‹ Ich habe zwei Stühle in den Raum, in dem ich arbeitete, gestellt und habe sie dort hingesetzt. Sie haben sich tatsächlich nicht getraut, Krach zu schlagen. Ich habe dann das Buch geholt und alles, was an Bestellungen möglich war, noch erledigt. Dabei konnte ich meine Handtasche, die im Nebenraum und nicht bei mir am Schreibtisch stand, ›sauber‹ machen. In der Handtasche hatte ich Briefe, die der Gestapo nicht in die Hände fallen durften. Ich habe sie rausgenommen und konnte sie dem Buchhalter, einem Bruder des Chefs, geben. Die Familie war parteilos, aber sehr anständig.
Damals kannte ich die Namen der beiden Gestapo-Beamten, die mich verhafteten, noch nicht. Später stellte sich heraus, daß es Heinrich-Karl Neddenin und der Grönwold waren. Heinrich Neddenin war erst ziemlich spät zur Gestapo gekommen, er war ein unangenehmer, schleimiger Mensch. Grönwold dagegen kam von der Kriminalpolizei und war ausgebildeter Kriminalist. Er gehörte nicht zu den brutalen Schlägern der Gestapo, die sofort losprügelten, sondern besaß eine gewisse Achtung für Leute, die ihm entschieden entgegengetreten sind.
Die beiden Gestapo-Beamten nahmen mich dann mit. Auf dem Wege zu ihrem Auto hörte ich, wie sie sagten: ›Die Alte haben wir auch schon verhaftet, und nun werden wir auch noch den Alten holen.‹ Das hieß, daß meine Mutter bereits verhaftet war und sie auch meinen Stiefvater holen wollten. Ich wurde zum Hauptsitz der Gestapo an der Stadthausbrücke 8–12 gebracht. Dort kam ich nach oben und hatte dann mit den Gestapo-Beamten Fritz Knuth und Baier zu tun. Knuth und Baier waren die beiden, die meinen Vater 1933 verhaftet hatten. Nun begegnete ich ihnen wieder.«
In gewissem Sinn sind die Laufbahnen der Gestapo-Beamten, mit denen Barbara zu tun hatte, beispielhaft für viele, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Gestapo tummeln. Im Prozeß gegen die Gestapo Hamburg 1949 heißt es in der Urteilsbegründung über den Angeklagten Neddenin: »Der Angeklagte Neddenin, 62 Jahre alt, bisher nicht bestraft, war nach der Beendigung seiner kaufmännischen Lehrzeit im Jahre 1912 einige Jahre als Monteur bei einer Hamburger Akkumulatorenfabrik beschäftigt. Er nahm vom Jahre 1915 ab am ersten Weltkrieg teil, wurde schwer verwundet und ist seither 70 % kriegsbeschädigt. Nach Kriegsschluß arbeitete er bis zum Jahre 1929 wieder in seiner alten Firma. (...) 1941 wurde der Angeklagte zur Luftwaffe eingezogen und mit der Zeit bis zum Oberfeldwebel befördert. Im März 1943 wurde er wegen seiner alten Kriegsbeschädigung entlassen. Er meldete sich freiwillig zur Polizei und wurde zur Gestapo dienstverpflichtet. Als Kriminalangestellter fand er im Dezernat des Angeklagten Bockelmann Beschäftigung. (...) Neddenin trat im Mai oder Juni 1933 in die NSDAP ein. Nach der Kapitulation war er vom 28. Februar 1946 bis zum 18. Juli 1947 in Neuengamme interniert. Er wurde wegen seines schlechten Gesundheitszustandes wieder entlassen.«
Grönwold war Kriminalsekretär und SS-Untersturmführer. Er arbeitete bei der Kriminalpolizei und wurde von dort zur Gestapo versetzt. Im September 1943 mußte die Gestapo eine größere Anzahl ihrer Leute nach Dänemark abstellen. In Zuge dessen kam Grönwold nach Aarhus. Er wurde dort später inhaftiert, und nach 1945 wurde ihm in Dänemark der Prozeß gemacht. Fritz Knuth war Kriminalinspektor, SS-Obersturmführer und leitender Sachbearbeiter der Abteilung II A1 des Gestapo-Referats zur »Bekämpfung des Kommunismus«. Knuth hatte in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel eigens eingerichtete Vernehmungsräume, die er seit 1935 offensichtlich schon als Mitarbeiter des »Sonderkommandos Kraus« nutzte. Der Kriminalrat und SS-Sturmbannführer Peter Kraus hatte in der Weimarer Republik bei der Politischen Polizei in Hamburg das Sachgebiet »Kommunismus« geleitet und ab 1935 die Verfolgung von Kommunisten und anderen politischen Gegnern des NS-Regimes in einem eigenen Sonderkommando bei der Gestapo fortgesetzt. Nach 25 Jahren bei der Politischen Polizei kam Knuth im Juli 1943 – kurz nach der Verhaftung der Familie Dollwetzel/Claßen – bei einem alliierten Bombenangriff auf Hamburg ums Leben.
»Fritz Knuth war seit der Verhaftung meines Vaters bei der Gestapo zum Leiter der Abteilung aufgestiegen. Knuth und Baier konfrontierten mich mit gezielten Beschuldigungen und Fragen, auf die ich schlicht entsetzt reagierte. Laut sagte ich dazu nur: ›Das ist ja Wahnsinn‹, während ich die Frage, die mich am meisten beschäftigte, nämlich woher sie das alles wußten, nicht aussprach. Nachdem ich alle Vorwürfe abgestritten hatte, sagten sie schließlich: ›Gut, Sie können das jetzt noch alles abstreiten. Wir haben Zeit. Die nächste Vernehmung ist morgen.‹ Für mich war es gut, daß sie in dem Moment geglaubt haben, daß ich alles leugnen wollte. Ich war erst mal erschrocken, und immer wieder schoß mir der Gedanke durch den Kopf: ›Das ist ja Wahnsinn, woher wissen sie das alles.‹ Das habe ich aber trotz des Schocks zum Glück nicht laut gesagt.
In den weiteren Verhören haben sie mir dann Gespräche vorgehalten, die ich mit Alfons Pannek geführt hatte. Sie haben mir den Gesprächsinhalt wörtlich wiedergegeben: Die Diskussionen über den Krieg, politische Einschätzungen und daß ich ausländische Sender gehört hatte. Diese Gespräche hatten wir nur mit Pannek geführt. Da wurde mir klar, warum Pannek immer so lange auf die Toilette gegangen ist. Er hat dort wörtlich alles aufgeschrieben, was wir gesagt haben, und es anschließend der Gestapo berichtet.
Nachdem ich zunächst in den Keller des Gestapogebäudes gebracht worden war, kam ich auf ›Transport‹. Wir wurden mit dem Gefangenentransporter, der ›Grünen Minna‹, in den B-Flügel der JVA Fuhlsbüttel gebracht, in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel, ins ›KolaFu‹, das der Gestapo unterstand. Die Männer wurden in den größeren Teil des Transporters hinein gepreßt. Ein SS-Mann stellte sich breit hin, die Tür wurde aufgerissen, und der Mann hat mit dem Fuß nachgedrückt, um alle Gefangenen noch hinein zu quetschen. Vorn in der ›Grünen Minna‹ waren zwei kleine Zellen, wo eigentlich immer eine Person sitzen sollte. In Wirklichkeit wurden wir da zu zweit und zu dritt zusammengequetscht – je nachdem, wie groß die Frauen waren. Dann gab es noch zwei kleine Bänke. Dort saß ein SS-Mann zur Begleitung, und neben ihm saßen oder standen die Häftlinge. In diesem Gefangenenwagen waren auch meine Mutter und mein Stiefvater. Ich saß neben dem SS-Mann, und mir gegenüber saß meine Mutter. Mein Stiefvater war mit bei den Männer im hinteren Teil. Die anderen Gefangenen kannte ich nicht.
Als meine Mutter mich sah, begann sie zu weinen. Ich versuchte ihr Mut zu machen, nickte ihr zu und lächelte sie an. Der SS-Mann brüllte mich an: ›Hör auf mit diesem blödsinnigen Grinsen, sonst sorge ich dafür, daß Du gleich drei Tage in den Keller kommst.‹ Nach der Ankunft in Fuhlsbüttel mußte ich bis zur Tür gehen, die in den Gestapo-Flügel, den B-Flügel, führte und dort auf die Klingel drücken. Dann öffnete sich die Tür, und ein paar SS-Leute kamen rausgestürzt. Wir wurden in den Gang des B-Flügels geführt. Dort standen wir ahnungslos im völligen Durcheinander. Plötzlich kamen einige SS-Leute um die Ecke und brüllten uns an: ›Schnauzen an die Wand! Wir wollen Eure dreckigen Visagen nicht sehen!‹ Wir, die Neuen des Transports, wußten in dem Moment nicht, was das zu bedeuten hatte. Diejenigen, die schon zur Vernehmung gebracht worden waren, kannten das bereits. Ein Mann, der neben mir stand, drehte sich zur Wand um und bekam gleich einen solchen Faustschlag, daß er gegen die Wand flog und ihm das Blut aus der Nase strömte und die Lippen aufplatzten. Da begriff ich, was los war. Wir mußten mit den Fußspitzen die Wand berühren und ganz stramm stehen, also auch mit dem Kopf bis an die Wand. In dieser Stellung mußten wir warten, bis wir aufgerufen wurden. Dann wurde mein Name aufgerufen: Dollwetzel, Barbara, und es hieß: ›Auf B 3 nachher.‹ Wir wurden auf die einzelnen Etagen gebracht und dort den Aufseherinnen übergeben. Danach kamen wir in die Zelle.«
Hamburg Fuhlsbüttel existierte als Gefängnis seit 1869. Wenige Wochen nach der Machtübernahme errichteten die Faschisten hier im B-Flügel ein Konzentrationslager, das KolaFu, das bis zum Kriegsende bestehen blieb. In ihm wurden vor allem ihre politischen Gegner, das heißt in der Mehrzahl bekannte KommunistInnen und SozialdemokratInnen, eingesperrt, mißhandelt oder totgeschlagen, so wie Barbaras Vater Max. Am 4. September 1933 wurde die Leitung und Verwaltung von Fuhlsbüttel an besonders berüchtigte SS- und SA-Angehörige übergeben. In KolaFu wurden bis Mai 1945 mehr als 250 Frauen und Männer ermordet oder in den Tod getrieben. Erster Verantwortlicher war im Sommer 1933 SS-Sturmführer Willi Dusenschön, er wurde von Paul Ellerhusen als erstem KZ-Kommandanten in den Jahren 1933/34 abgelöst. Von 1934 bis 1943 war Johannes Rohde Kommandant, anschließend übernahm Willi Tessmann von 1943 bis 1945 die Leitung von KolaFu. Tessmann war auch während Barbaras Haftzeit Kommandant der Gestapo-Haftanstalt Fuhlsbüttel. Er war dafür bekannt, sich eigenhändig an Mißhandlungen und Folterungen von politischen Gefangenen zu beteiligen. 1947 verurteilte ihn ein britisches Militärgericht zum Tode. Er wurde als einer der wenigen hochrangigen Hamburger SS-Führer hingerichtet.
Barbara kam wie die meisten Neuankömmlinge zunächst in Einzelhaft. Damit wollte die Gestapo verhindern, daß sich die Gefangenen vor den Verhören absprechen konnten. Außerdem erhöhte die Einzelhaft den psychologischen Druck.
»Ich saß alleine in meiner Zelle und mußte mir überlegen, warum sie mich eigentlich verhaftet hatten. Die Gestapo hatte ja nur einige Fragen gestellt. Dann begann ich über die Hintergründe ihrer Fragen zu rätseln: Wußten sie über Alfons Pannek, Ludwig Jörn und alle anderen Genossinnen und Genossen Bescheid? Wußten sie, daß wir jüdischen Familien geholfen hatten? Oder hatten sie uns verhaftet, weil die Frau meines Stiefbruders, Annemarie Claßen, über die Familie, die mit ihnen nach den Ausbombardierungen in einer Wohnung wohnte, gegenüber dem Blockwart geredet hatte und der Blockwart das der Gestapo gemeldet haben konnte? Wir kannten dieses Ehepaar, und im Zusammenhang mit der Verhaftung dieser Familie konnte man uns nichts nachweisen. Wir hatten nur über die Familie meines Stiefbruders miteinander zu tun, weil sie sich um die Kinder meiner Schwägerin gekümmert hatten, wenn sie unterwegs war.
In dieser ersten Nacht in Fuhlsbüttel habe ich nicht geschlafen, sondern darüber gegrübelt, was passieren würde. Am nächsten Tag kam ich wieder zur Vernehmung. Als ich dort ankam, war ich sehr ruhig und zurückhaltend. Da sagte Knuth höhnisch zu mir: ›Na, das Lachen ist Dir wohl schon nach einer Nacht vergangen.‹ Woraufhin ich meinen ersten Zusammenstoß mit ihm hatte, weil ich dann antwortete: ›Nein, mir war das Lachen nicht vergangen, aber wenn einem dafür gleich der Keller angedroht wird, dann kann man nicht mehr lachen.‹
...






... Obwohl sie ihren Auftrag, Kontakte zu deutschen Widerstandskämpfern herzustellen, nicht ausführen konnte, schien Käthe zunächst nicht niedergeschlagen. Sie war nicht offiziell zum Tode verurteilt. Es hatte keinen Prozeß gegen sie gegeben, weil die Gestapo verhindern wollte, daß ihre Verhaftung bekannt wurde, um die anderen Gruppen nicht zu warnen. Statt dessen wurde sie zur Vernichtung nach Ravensbrück geschickt. Deshalb hatte Käthe auch einen besonderen Status: Sie stand zweimal zur ›Verfügung des Kommandanten‹. Das bedeutete, daß sie nicht mehr in einem Kommando zur Arbeit geschickt wurde, das im äußeren Lagerbereich lag. Es gab noch den Versuch von Häftlingen, sie in ein Außenkommando zu bringen. Ich weiß nicht, ob das entdeckt wurde. Ich glaube aber, sie wollte das nicht. Vielleicht hat sie das nicht richtig eingeschätzt. Oder sie wollte die anderen Freundinnen nicht gefährden, weil sie wußte, die SS würde versuchen, sie doch zu finden. Aber man hätte sie ›sterben‹ lassen können. Man hätte ihr den Namen und die Nummer einer Toten geben können und dafür gesorgt, daß die Leiche gleich verbrannt wird. Das hätte ganz schnell über die Bühne gehen müssen, um sie dann mit einem Transport rausbringen zu können. Natürlich hätte die Gefahr bestanden, daß sie, wenn sie mit einem Transport in ein Außenkommando gebracht worden wäre, erkannt worden wäre. Diese Gefahr bestand in solchen Fällen immer. Käthe kam wenige Wochen nach ihrer Verlegung auf Block 3 in den Bunker. Leider habe ich dann nicht mehr viel von ihr gehört, weil ich zu der Zeit mit Scharlach im Revier lag.«
Käthe Niederkirchner wurde am 28. September 1944 von der SS im sogenannten Todesgang erschossen. Sie war im Frühjahr 1933 in die Sowjetunion emigriert und dort später für den Einsatz als Fallschirmspringerin ausgebildet worden. Am 7. Oktober 1943 sprang sie gemeinsam mit Theodor Winter, dem Schwiegersohn von Wilhelm Pieck, über Polen ab. Auf der Fahrt nach Berlin wurde sie verhaftet und in Gestapohaft genommen. Im Sommer 1944 wurde sie nach Ravensbrück transportiert. In ihrem letzten Kassiber, der aus der Bunkerhaft geschmuggelt wurde und erhalten blieb, schrieb sie: »27. 9. 1944, morgens. Heute früh war der Schutzhaft-Lagerführer bei mir und hat mir mein Urteil vorgelesen in so einer höhnischen, gemeinen, dreckigen Art, diese Bestie! Sie sind ja das Morden gewöhnt und haben eine besondere Freude, sich an den Qualen ihrer Opfer zu weiden. Bei mir hat er aber kein Glück. Also wird es wohl heute Abend passieren. Ich hätte doch so gern die neue Zeit erlebt. Es ist so schwer, kurz vorher gehen zu müssen. Lebt alle wohl, vielen Dank noch einmal für alles Gute, was Ihr mir in der kurzen Zeit angetan habt.«
Barbara arbeitete von Juni 1944 bis zum Dezember 1944 in dem Arbeitskommando Post- und Paketzensur. Das Arbeitskommando wurde von Genia, einer tschechischen Bibelforscherin, geleitet. Die Internationale Bibelforscher Gemeinschaft, die auch Zeugen Jehovas genannt wird, ist eine christliche Glaubensgemeinschaft, die seit April 1933 verboten war. Ihre AnhängerInnen wurden unter anderem wegen Verweigerung des Hitlergrusses oder wegen des Pazifismusgebots der Gemeinschaft bei der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1935 verfolgt. In den Frauenkonzentrationslagern Moringen und Lichtenburg zählten die Bibelforscherinnen zu der größten Gruppe nicht-politischer Häftlinge.
»Neben Genia gab es in unserem Kommando noch eine weitere tschechische und eine polnische Bibelforscherin und einige Frauen mit rotem Winkel. Einige waren schon eine Zeitlang da. Erst nach ein paar Wochen habe ich erfahren, daß Anfang 1944 das gesamte Kommando abgelöst worden war. Vorher hatten dort ausschließlich Polinnen gearbeitet. Sie hatten Bibeln ins Lager geschmuggelt und sind verraten worden. Deshalb wurde das gesamte Kommando abgelöst.
Wir waren ein kleines Kommando mit bis zu zwölf Frauen. Die Räumlichkeiten waren nicht so groß, ca. 40 qm. Es gab große Regale mit drei Etagen, auf denen die Blocknummern standen. Ich war mit Hilde, einem jungen Mädchen, für das Männerlager zuständig. Das bedeutete nicht, nur die Pakete dort zu prüfen. Für die Männer mußten wir die Pakete mit einem platten Leiterwagen jeden Tag zum Tor des Männerlagers bringen und sie übergeben. Die beiden Bibelforscherinnen waren für die Pakete zuständig, die in die Außenkommandos oder Außenlager weiter geschickt wurden, wenn ein Häftling inzwischen verlegt worden war. Ich wurde von der SS gefragt, ob ich Schreibmaschine schreiben könne. Als ich das bejahte, wurde ich für die schriftlichen Arbeiten im Kommando eingesetzt. Das hieß, ich mußte die Listen für Häftlinge schreiben, die verlegt wurden oder die gestorben waren. Da stand dann: ›Überstellung ins neue Lager‹. Dies hieß meistens, daß der Häftling in ein Vernichtungslager verlegt worden war. Die Listen standen nur im Zusammenhang mit den Paketen. Manchmal konnten wir es auch arrangieren, daß ein Paket an die Angehörigen zurück geschickt wurde. Daran waren wir auch interessiert. Wenn die Angehörigen wußten, daß ein Häftling nicht mehr in Ravensbrück war, wollten wir sie dazu anregen, daß sie selber tätig wurden und herauszufinden versuchten, wohin der Häftling gebracht worden war.
Wir öffneten die Pakete nicht allein. Dazu mußte die Blockälteste der Gefangenen, die ein Paket erhalten hatten, mit der Stubenältesten und einigen Helfern geholt werden. Die Blockälteste wurde von einem von uns benachrichtigt. Hauptsächlich machte das Genia. Aber zwischendurch konnten das auch andere machen, wenn Genia gerade anders eingesetzt war. Da habe ich mich immer gemeldet, weil ich daran interessiert war, durch das Lager zu kommen, um zu erfahren, was im Lager los war. Dann wurden die ganzen Pakete des Blocks auf die Theke gelegt, und ein bis zwei SS-Aufseherinnen standen mit den Häftlingen da. Die Häftlinge machten die Pakete auf, die SS kontrollierte und legte fest, was drin bleiben konnte und was nicht. Unter der Theke waren große Waschkörbe. In den einen Waschkorb legte man das, was die SS in die SS-Kantine brachte: Butter, Speck und die guten Lebensmittel. Und in den anderen Korb kamen Erbsen, Bohnen und Nährmittel. Das wurde in die Häftlingsküche gebracht.
Es gab zwar feste Richtlinien, was in den Paketen bleiben durfte, aber das wurde nie richtig eingehalten. Wenn Hilde und ich für das Männerlager kontrollierten, kam der SS-Aufseher Zinneker zusammen mit der Aufseherin Hulan. Sie saßen abseits und beobachteten uns. Später war der SS-Aufseher Ellermann dafür zuständig. Ellermann war ein bißchen gleichgültiger. Wir haben dann gesagt: ›Ach wissen Sie, die bekommt nur einmal im Monat ein Paket, können wir nicht mal zwei Schachteln Zigaretten drin lassen?‹ Normalerweise mußten wir alle Schachteln bis auf eine rausnehmen. In den ersten Monaten, in denen ich in dem Kommando war, wurden diese Zigaretten noch gesammelt. Einmal im Monat brachte ich sie zum Männerlager. Wir kamen bis zum Tor des Männerlagers und haben die Zigaretten in einem offenen Karton übergeben. Sie waren gezählt. Dort wurden sie als Zusatz an die Männer ausgegeben, die in den Arbeitskommandos waren.
Um ein Paket zu erhalten, lief das so: Die Briefe, die rausgeschickt werden durften, waren ja vorgeschrieben. Der Name war vorne bereits vermerkt, ebenso das Lager. Und dann gab es noch 15 Zeilen, die man beschreiben durfte. Wir haben möglichst eng geschrieben. Wenn dort Sätze waren, von denen die SS annahm, daß sie Hinweise über das Lager enthielten, wurden sie in der Kommandantur von der SS schwarz überstrichen. So kamen bei den Angehörigen nur noch Reste an.
Ich habe beispielsweise an den Buchhalter meiner Firma geschrieben oder an meine Freundinnen. Es gab eine Festlegung, daß die Briefe nur an Verwandte geschickt werden durften. Deshalb habe ich immer in der Anrede ›Onkel Fritz‹ geschrieben. Die Nichte meine Stiefvaters habe ich auch immer mit: ›Meine liebe Cousine‹ angeschrieben. Hauptsächlich ist unsere Post an die Familie Claßen gegangen. Inwieweit die Briefe angekommen sind, wieviel im einzelnen geschwärzt oder nicht abgeschickt wurde, kann ich heute nicht mehr sagen. Von Onkel Fritz aus Hamburg habe ich Pakete bekommen, er schickte zum Beispiel Traubenzucker. An und für sich war das verboten. Der Traubenzucker wurde rausgenommen. Aber die Aufseherin hat manchmal weggeguckt, und die Freundinnen im Kommando haben den Traubenzucker wieder reingelegt, wenn meine Mutter das Paket abgeholt hat. Mitunter war ich bei der Übergabe dabei und konnte das selber organisieren. Wir hatten keine Freunde oder Verwandten, die genug Geld oder Tauschgegenstände hatten, um uns eine Wurst, Käse oder Butter zu schicken. Sie schickten eben Dinge wie Traubenzucker, Brot oder ein paar Bonbons.
Wir durften einmal im Monat ein Päckchen oder Paket bekommen. Als das Lager 15.–20.000 Häftlinge umfaßte, konnte man nicht mehr kontrollieren, wie viele Päckchen oder Pakete die Häftlinge bekamen. Damals gab es die moderne Technik mit Computern noch nicht. Das war unser Glück. Heute würde man alles in den Computer eingeben, und dann würde man jederzeit alles über einen Häftling abfragen können.
Weil ich vor der Verhaftung im pharmazeutischen Großhandel gearbeitet hatte und jetzt die Schreibarbeiten machte, erklärte ich, daß wir im Kommando einen kleinen Verbandskasten mit den notwendigen Medikamenten für uns haben müßten. Ich habe dafür gesorgt, daß Herzmittel, bestimmte Magenmittel und Heftpflaster da waren. Nachher gab ich vor, alle vierzehn Tage überprüfen zu müssen, ob die Medikamente nicht schon abgelaufen wären. Wenn die Medikamente auf der Theke lagen, habe ich gesagt, ich brauche noch was für uns. Ich habe damit argumentiert, daß ja auch die SS-Aufseherin vielleicht mal die Herztropfen bräuchte. Die angeblich abgelaufenen Medikamente konnte ich heimlich auf den Block mitnehmen und sie dort Edith Freund geben, die im Revier arbeitete, oder einer anderen Freundin, die Ärztin war. Da ich die Medikamente kannte, konnten die mir auch sagen: ›Du, wir brauchen mal wieder ein Herzmittel.‹ Normalerweise wurden alle Medikamente aus den Paketen herausgenommen und ins SS-Revier gebracht.
Wir wurden auch dazu eingesetzt, die Pakete von der Post abzuholen. Als die kleine Post in Fürstenberg die wachsende Zahl der Pakete nicht mehr fassen konnte, wurden wir mit dem LKW direkt zum Bahnhof gefahren und mußten die Pakete aus den Zügen auf den LKW laden. Entsprechend der deutschen Gründlichkeit wurden die Pakete folgendermaßen ›verlesen‹: Zwei Frauen von der Post wurden direkt bei uns in Ravensbrück eingesetzt. Im Sommer 1944 stand draußen vor unserem Raum ein Tisch mit zwei Stühlen. Die Postangestellten hatten die Karten, die für die Pakete notwendig waren. Die Pakete wurden gestapelt, und anhand der Nummern wurde verglichen, ob auch alle Pakete angekommen waren. Ich bin ab und zu mit diesen Frauen ins Gespräch gekommen. Einmal sagte ich ihnen, daß sie uns nicht vergessen sollten, wenn wir aus dem Lager nicht mehr lebend herauskämen, und daß sie ehrlich darüber berichten sollten, was sie im Lager gesehen hatten. Die beiden Frauen haben mir am nächsten Tag gesagt: ›Eines möchten wir Ihnen sagen, sagen Sie kein Wort, wenn unser Chef kommt. Unser Chef ist ein ganz fanatischer Nazi.‹ Der war mir wegen seines Parteiabzeichens ohnehin unsympathisch. Das hätte ich sowieso nicht gemacht. Aber von ihnen, die ja ›unpolitisch‹ waren, wie sie sich nannten, war das doch ein guter Hinweis für mich.
Natürlich haben die Fürstenberger uns gesehen, auch wenn sie jetzt das Gegenteil behaupten. Erna Lugebiel86 wurde z.B. nicht mit einem LKW nach Ravensbrück gebracht, sondern mußte mit ihrem Transport vom Bahnhof aus ins Lager laufen. Die Frauen sind von der Fürstenberger Bevölkerung angespuckt und als Verbrecher beschimpft worden. Wenn wir zum Bahnhof gefahren sind, hat man uns nicht gut gesehen, weil die LKWs Planen hatten. Am Bahnhof wurde hinten die Klappe runtergelassen, und damit wir nicht so viel zum Schleppen hatten, wurde der LKW bis an den Waggon herangefahren. Danach sind wir mit den Paketen zurück ins Lager gefahren. Manchmal gab es zwei bis drei Fuhren am Tag. Im Sommer 1944 sind so viele Häftlinge gekommen, zum Beispiel die großen Transporte aus Frankreich, die ungarischen Jüdinnen und griechische Zigeunerfamilien, wie man damals sagte. Als diese Transporte eintrafen, sind riesige Mengen Pakete gekommen. Wenn wir beim Abladen am Bahnhof nicht schnell genug waren, sprang der eine SS-Mann in den Waggon und schmiß uns alles runter. Wir haben versucht, die Pakete aufzufangen, weil wir verhindern wollten, daß etwas zerschlagen wurde. Einmal hat der SS-Mann eine Holzkiste auf mich geworfen, die ich nicht auffangen konnte. Hinterher hatte ich einen Bluterguß am Unterleib, der so groß wie meine ausgebreitete Hand war. Später stellte sich heraus, daß ich einen Riß in der Bauchwand hatte.
Holzkisten durften den Häftlingen nicht mit auf den Block gegeben werden. Sie bekamen nur das Stück Holz, auf dem ihr Name und ihre Nummer stand. Das restliche Holz haben wir bei uns mit dem Beil zerschlagen und damit geheizt, wenn es kalt wurde. Einmal fand ich einen Kassiber in einer vernuteten Holzkiste aus der Tschechoslowakei. Ich habe nichts gesagt, sondern habe die Kassiber Käthe Rentmeister gebracht, die sie weitergeleitet hat. Später entdeckte der SS-Aufseher Zinnecker in einer anderen Holzkiste einen Kassiber. Als ich an dem Tag vom Bahnhof zurückkam, hat mir Hilde ganz aufgeregt davon erzählt und mich gefragt, ob ich in den Holzkisten schon einmal etwas gefunden hätte. Sie stotterte richtig vor Aufregung. Ich wurde aber nicht weiter gefragt, weil der SS-Mann gehört hatte, wie ich mich mit Hilde unterhielt. Ich hatte mich dabei völlig ahnungslos gegeben. Die Angelegenheit war damit erledigt. Dann leitete die SS Untersuchungen darüber ein, an welche tschechische Frau dieser Kassiber gerichtet war. Die tschechischen Kameradinnen haben eine benannt, die bereits im Koma lag und von der sie wußten, daß sie sterben würde. Daraufhin sind keinerlei weitere Untersuchungen mehr durchgeführt worden.
Zum Herbst 1944 kamen die großen Pakete aus Schweden für die norwegischen Häftlinge über das Rote Kreuz. Die SS wollte die Frauen wieder betrügen und bestimmte, daß immer vier Norwegerinnen ein großes Paket zusammen bekommen sollten. Die anderen Pakete verschwanden in der SS Kommandantur. Ich bin zu Käthe Rentmeister gegangen und habe ihr gesagt: ›Du mußt die Norwegerinnen darauf hinweisen, daß jedem ein Paket zusteht.‹ Zu jedem Paket gehörte eine Begleitkarte. Die SS hat vier oder fünf Karten in ein Paket gelegt, und jeder Häftling sollte eine Karte unterschreiben. Da sie aber über Käthe Rentmeister informiert waren, haben sie sich geweigert, diese Karten zu unterschreiben. ›Nein, eine Karte, auf der unterschreiben wir, wenn wir je ein Paket bekommen, und nicht anders.‹ Auf die Frage der Aufseherinnen, woher sie ihre Informationen hätten, antworteten sie, daß doch von Häftlingen gesehen worden sei, wie die Pakete in der Kommandantur abgeladen worden sind. Sie haben nicht gesagt, das wissen wir doch von der Paketzensur. Die SS hat natürlich nachgeforscht, ob es eine von uns gewesen ist. Ich weiß nicht, ob die norwegischen Häftlinge daraufhin alle Pakete bekommen haben, weil ich dann wieder die Pakete ins Männerlager wegbringen mußte. Ich habe auch in solchen Fällen nie nachgefragt. Denn sonst wären die SS-Aufseher eventuell aufmerksam geworden.«
Die Frauen, die zur inneren Bewachung des Frauenkonzentrationslagers eingesetzt waren, gehörten als SS-Aufseherinnen dem sogenannten SS-Gefolge an. Das KZ Ravensbrück fungierte zudem ab 1942 als Ausbildungsstätte für ca. 3.500 SS-Aufseherinnen. Die Französin Germaine Tillion gibt an , daß Kameradinnen, die in den Sekretariaten tätig waren, lückenhafte Unterlagen »über ca. 3.000 Aufseherinnen gefunden (hatten), deren Verteilung auf einige Einsatzorte sich wie folgt darstellt: – Auschwitz: 55–60, Groß-Rosen (mit Außenkommandos): ca. 490, Neuengamme (Hamburg): 150–160, Oranienburg: ca. 140, Ravensbrück (mit Außenkommandos): 550–560; ohne Außenkommandos: 300–350«.
»In unserem Kommando wurden wir von der SS nicht viel schikaniert. Es war bereits 1944. Selbst die Aufseherin Hulan, die aus dem Sudetenland kam und mitunter sehr grob und bösartig sein konnte, war zu dieser Zeit bereits eher zurückhaltend. Der Krieg ging dem Ende zu, und sie war intelligent genug, um einschätzen zu können, daß der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte. Sie war zwei Zentner schwer, und wenn sie in der SS-Kantine Milchsuppe bekamen, mochte sie das Essen nicht. Dann brachte sie die Milchsuppe in einem Töpfchen mit, und ich mußte sie essen. Sie meinte: ›Du siehst so verhungert aus, hier haste was. Dich müssen wir aufpäppeln. Wenn meine Weiber hier arbeiten, und sie müssen schwer arbeiten, dann müssen sie auch was zu fressen haben, damit sie nicht klauen.‹ Uns konnte das nur recht sein. In der Zeit, in der ich da war, hat sie sogar ein paar Mal Erbsen und Linsen mit einem Stückchen Speck aus den beiden Körben mit den beschlagnahmten Lebensmitteln herausgenommen und uns gegeben. Genia hat das dann gekocht, und wir hatten dadurch eine zusätzliche Linsen- oder Erbsensuppe.

Literatur zum Thema Ravensbrück und Uckermark

Katja Limbächer, Maike Merten, Bettina Pfefferle (Hg.) - Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart

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