Cover in groß "SchlagZeilen"
Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung

SchlagZeilen

Rostock: Rassismus in den Medien


ISBN-10: 3-927388-32-7
ISBN-13: 978-3927388321
Ausstattung: br., 104 Seiten
Preis: 5.00 Euro

DISS - Backlist
lieferbar ab 1.1.2004

Rostock steht auch wegen der Morde in Mölln und Solingen weiterhin dafür, daß Deutschland nach rechts driftet. Auf BrandSätze der Politiker folgten SchlagZeilen der Medien, denen Brandflaschen auf Menschen und ihre Unterkünfte folgten. Die Analyse zeigt, daß selbst nach dem Rostocker Pogrom die Medien weiterhin "Ausländer raus!" als Lösungsvorschlag propagierten. Mit suggestiven sprachlichen Bildern, Fotos, Karikaturen, mit oft verkürzten und übertriebenen Darstellungen von Einwanderern sind sie für den in Deutschland eskalierenden Rassismus erheblich mitverantwortlich.

U.a. analysiert Nora Räthzel in diesem Buch die Situation vor und nach der Vereinigung Deutschlands. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die rassistischen Angriffe u.a. der Konstruktion der nationalen Gemeinschaft dienen.

Erarbeitet von:
Katrin Althoetmar
Martin Dietzsch
Margret Jäger
Siegfried Jäger
Helmut Kellershohn
Joachim Pfennig
Hans-Peter Speer
Frank Wichert
und mit einem Beitrag von Nora Räthzel

Inhalt:
»Randale, bis sich was ändert!«
STERN-Fotos beschwören das Chaos
Aus Opfern werden Täter
Verschärfung der Asyl- und Ausländerpolitik
»Krawallos« »Kids und dumme Jungs
»Rostock«als Problem von Jugendlichen
Im wilden Osten
»Rostock«als Problem der Ostdeutschen
»Ohne Moos machen wir 'was los!«
Die sozialen Verhältnisse sind schuld!
»Welle von Ekel in Europa«
Wie die ausländische Presse »Rostock« sieht und was die deutsche Presse daraus macht
Rassismus und Ausgrenzung durch die Hintertür
oder: Von der Schwierigkeit, nicht rassistisch zu schreiben
BrandSätze und SchlagZeilen
Die Verarbeitung von »Rostock« im Alltagsdiskurs
Rechte Träume vom Terror
»Der Feind steht links!«
Die ganz und gar nicht erstaunlichen Schlußfolgerungen der rechtskonservativen
Presse (FAZ, WELT) aus den Rostocker Ereignissen
Warum müssen Deutsche immer nach rechts ausweichen, wenn es schwierig wird?
...und BILD hetzt weiter...
Hintergründe
Erscheinungsformen, Ausmaß und Ursachen von Rassismus in Deutschland
Neun Thesen
Nora Räthzel: Heimat, Nationale Identität, Nationalstaat und die Bilder des Anderen im heutigen Deutschland 78
Gegenöffentlichkeit durch Mailboxnetze 85

Vorwort
Nach Hoyerswerda nun Rostock! Wir wissen, daß die mit diesen Ortsnamen verbundenen rassistischen Gewalttaten nicht aus dem Nichts hervorgebrochen sind. Was hier geschah und weiter eskalieren wird, kommt aus der Mitte unserer Gesellschaft. Trotzdem zuckten wir zusammen, als die Meldungen aus Rostock signalisierten, daß wieder eine mordlüsterne Hatz auf Menschen ausgebrochen war.
Da das DISS seit Jahren genaue Analysen und Recherchen zum Problem des Rassismus und Rechtsextremismus vorgenommen hatte (s. auch die Liste von Veröffentlichungen im Anhang), haben wir den Versuch gemacht, eine Analyse der wichtigsten Aspekte der Berichterstattung zu Rostock vorzunehmen und - ähnlich wie die Broschüre zu Hoyerswerda - schnell in die Diskussion einzubringen. Das war nur dadurch zu bewerkstelligen, daß wir arbeitsteilig vorgingen. Unterschiedliche Gewichtungen und Sichtweisen sowie einige Überschneidungen haben wir bewußt in Kauf genommen.
Im Mittelpunkt der Analyse stehen die wichtigsten stereotypen Argumentationsfiguren, die Verwendung von Bildmaterial am Beispiel einer STERN-Reportage und die poltischen Zwecke, wie sie in der Presse mit der Kommentierung der Rostocker Ereignisse verfolgt wurden.
In einen abschließenden Teil "Hintergründe" haben wir einige Thesen über "Erscheinungsformen, Ausmaß und Ursachen von Rassismus" aufgenommen; ferner eine erste Analyse der spezifischen lokalen Bedingungen des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen auf dem Hintergrund der deutschen Vereinigung, sowie einige exemplarische Augenzeugenberichte und Stellungnahmen antirassitischer Initiativen.
Vorwort zur zweiten Auflage
Trotz der schrecklichen Verbrechen in Mölln steht Rostock weiterhin exemplarisch für die Tatsache, daß Deutschland weiter nach rechts driftet. Denn hier traten alle die Komponeneten gemeinsam auf, die verdeutlichen, daß die Rostocker Pogrome Ausdruck der Tendenz der Bundesrepublik Deutschland ist, sich in einen autoritären Staat zu verwandeln: die sorgfältige Vorbereitung durch die verantwortlichen Behörden, das gewollte Versagen der Polizei, die Duldung durch die Politiker, das organisierte Hervortreten militanter rechts-terroristischer Gruppen und der Beifall einer breiten Bevölkerung.
Doch es waren erst die Morde von Mölln, die für größere Teile der deutschen Bevölkerung deutlich machten, was im Gange ist. Selbst den Hetzern und geistigen Brandstiftern in den Medien und in den Parteien (mit Ausnahmer der CSU, die weiterhin unbeschwert auf völkischen Pfaden wandelt) wurde bewußt, daß der rassistische Terror dem deutschen Ansehen und damit den deutschen Geschäften in der Welt Abbruch tut, so daß sie deutliche symbolische Zeichen zu setzen versuchten.
Gleichwohl wird fast alles getan, um den latenten Rassismus in der Bevölkerung am Leben zu erhalten. Die Diskussion um die faktische Abschaffung des Artikel 16 GG wurde auf der politischen Bühne und in den Medien unbeirrt fortgesetzt. Die Änderung des Asylparagraphen ist beschlossene Sache. Die Führung der Sozialdemokratie hat sich den rassistischen Bestrebungen der Unionsparteien und der FDP unterworfen. Die Folge wird eine "Festung Deutschland" in einer "Festung Europa" sein, in der weiterhin Flüchtlinge Zuflucht suchen werden - als Illegale, die man sofort inhaftieren und in Abschiebegefängnisse sperren möchte. Da zugleich ein weiterer drastischer Sozialabbau vorgesehen ist (Waigel-Plan), da zugleich keinerlei politische Konzepte, die es ja längst gibt, in die Tat umgesetzt werden, ist mit einer weiteren und gefährlicheren Eskalation von Rassismus und rassistisch motivierten Verbrechen zu rechnen. Die Nutznießer dieser Entwicklung: "Republikaner", Militante, völkisch-nationalistische Politiker der Unionsparteien zollen Beifall.
Ansätze zum Widerstand gegen diese Entwicklung sind noch schwach, aber bereits deutlich sichtbar. Sie formieren sich neben den Parteien und teilweise in den Grünen und in der Sozialdemokratie. Es gilt, diese Ansätze zu stärken und zu zeigen, daß wir nicht "das dumme Volk" sind, mit dem man alles machen kann! Dazu reichen Lichterketten und ähnliche symbolische Aktionen jedoch nicht aus: Es kommt darauf an, den moralischen Protest in eine Basisbewegung gegen den Notstand im Verfassungsbewußtsein der herrschenden Klasse umzuwandeln.
Die erste Auflage von "Schlagzeilen" war nach zwei Monaten vergriffen. Die hier vorliegende 2. Auflage ist, abgesehen von einigen kleineren Korrekturen und Verbesserungen, im wesentlichen unverändert.
Siegfried Jäger, Helmut Kellershohn, Joachim Pfennig
Duisburg, im Januar 1993


Aus der Rubrik: Politik - Antifaschismus