Cover in groß "Biomacht und Medien"
Margret Jäger / Siegfried Jäger / Ina Ruth / Ernst Schulte-Holtey / Frank Wichert (Hg.)

Biomacht und Medien

Wege in die Bio-Gesellschaft


ISBN-10: 3-927388-59-9
ISBN-13: 978-3927388598
Ausstattung: br., 359 Seiten
Preis: 19.90 Euro

DISS - Backlist
lieferbar ab 1.1.2004


Ein bisher vernachlässigtes Forschungsfeld, für das die vorliegende Untersuchung den Blick schärfen will, ist der diskursive Komplex der - wie Michel Foucault diesen Zusammenhang nennt - Biomacht. Dabei geht es heute im wesentlichen um die Nutzung moderner Biowissenschaften und -technologien, in deren Gefolge sich teilweise neue Institutionen und Wissenspraktiken formieren, die sich mit Bestehendem vernetzen. Ziel dieser Studie ist zu beschreiben, wie sich diese Vernetzungsprozesse in bundesdeutschen Printmedien präsentieren und welche Effekte von ihnen ausgehen.

Doch es geht nicht nur um eine neutrale Beschreibung dieser Sachverhalte. Die Analyse will gleichzeitig einen Beitrag zu einem sich vielfältig artikulierenden Widerstand leisten, der sich gegen die zunehmende Ausbreitung und Normalisierung biotechnologischer Logiken und Praktiken richtet. Zu deren Durchsetzung wird häufig auf den ›Standort Deutschland‹ verwiesen und die ökonomische Zukunft der Bundesrepublik hysterisch beschworen.

Das Ergebnis der Analyse zeigt zum einen, daß die Print-Medien in mancherlei Varianten und in unterschiedlichem Grad biopolitische Anrufungen präsentieren, die gerade deswegen den größten Teil der bundesdeutschen Bevölkerung erreichen. Zum anderen zeigt sich, daß mit Hilfe dieser Berichterstattung die vielfach vorhandene Skepsis abgetragen wird. Mit anderen Worten: Die meisten Artikel tragen dazu bei, daß in der Bevölkerung eine Akzeptanz gegenüber biotechnologischen Logiken hergestellt wird. Überraschend ist dabei allerdings, daß sich trotz dieses Befundes der biopolitische Diskurs zwischen Akzeptanz und Ablehnung bewegt. Letzteres ist für die Entwicklung weiterer Gegendiskurse von Bedeutung.


Inhalt
Vorwort
Margret Jäger, Ernst Schulte-Holtey, Frank Wichert
Biomacht und Medien
Neue Formen der Regulierung von Bevölkerungen
Margret Jäger / Ina Ruth
Keine Heilung ohne Risiko!
Biopolitik in der WAZ
Siegfried Jäger
Spiel mir das Lied vom Tod
Biopolitik in BILD
Gabriele Cleve
Schwierige Alternativen
Der biopolitische Diskurs in der TAZ
Transkription des TAZ-Artikels
Iris Bünger
Auf der Haftspur der Biotechnik?
Der biopolitische Diskurs in der FRANKFURTER RUNDSCHAU
Transkription des FR-Artikels
Bianca Hartmann
Steter Tropfen höhlt den Stein
Der biopolitische Diskurs in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG - Ein Überblick
Klaus Hildebrand
»Weil wir zu viele sind« - Bevölkerungspolitik in der FAZ
Transkription des FAZ-Artikels
Karin Kipka, Karin Putzker
Instrumentelle Rationalität als Moral
Wie DIE ZEIT gute Deutsche sieht
Transkription des Artikels in DIE ZEIT
Frank Wichert
Und die Gene sind es doch!
Biopolitik im FOCUS
Transkription der Artikel im FOCUS
Ernst Schulte-Holtey
Gesundheit. Angst. Lebensstil
Orientierungs-Service und Subjektivierung in der WOCHE
Transkription der Artikel in DIE WOCHE
Siegfried Jäger / Margret Jäger
Vernetzung biopolitischer Diskurse und ihre Machteffekte
Literaturverzeichnis
Anhang: Handreichung zur Diskursanalyse


Vorwort
Es ist ›Tradition‹ des DISS, sich mit solchen gesellschaftlichen Problemen wissenschaftlich zu befassen, die in der ›etablierten‹ Forschungs- und Bildungslandschaft der Bundesrepublik Deutschland eher vernachlässigt werden oder gar nicht vorkommen. Ein solches Forschungsfeld stellt der diskursive Komplex der Biomacht dar - wie Michel Foucault diesen Zusammenhang nennt -, der heute als Biopolitik umgesetzt wird.
In diesem Band veröffentlichen wir die Ergebnisse eines Projektes, in dem dieser Problemzusammenhang zwar nicht vollständig, aber in wesentlichen Bereichen als Zusammenhang erforscht worden ist. Es war uns in erster Linie darum zu tun, alle Artikel wirkungsvoller Printmedien zu archivieren, in denen direkt oder indirekt das Verhältnis der heute lebenden Menschen zu ihrem Körper thematisiert wurde und die uns über den Zeitraum eines Jahres als solche aufgefallen waren. Durch diese Fragestellung bekamen wir auch solche Themenbereiche (Diskursfragmente) in den Blick, die bei den Untersuchungen zu Bio- und Gentechnologie grundsätzlich ausgespart bleiben. Wie überhaupt zu konstatieren ist, daß das Untersuchungsfeld, dem wir uns hier zuwenden, in den Medien und in den wissenschaftlichen Analysen immer nur in Einzelaspekten dargestellt wird, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die gefundenen Artikel wurden arbeitsteilig einer »Kritischen Diskursanalyse« unterzogen, deren Vorgehen in der folgenden Einleitung und im Anhang überblickshaft umrissen wird.
Die Printmedien stellen die Diskursebene dar, durch die der Alltagsdiskurs nachhaltig geprägt wird. Wir sind der Ansicht, daß deren Untersuchung stark verallgemeinernde Aussagen über den gesellschaftlichen Gesamtdiskurs und seine Beschaffenheit zuläßt, da sie alle Themen, die auch in wissenschaftlichen und im politischen Diskursen vorkommen, in einer Form aufgreifen, die geeignet ist, im Alltag ›anzukommen‹. Die unterschiedlichen medialen Ebenen sind heute zudem - auch durch institutionelle Querverbindungen - sehr eng miteinander verknüpft. Das ist der Grund, weshalb wir meinen, ohne die Wirkung etwa des Fernsehens gering schätzen zu wollen, uns auf eine Untersuchung der Printmedien beschränken zu können. Welchen zusätzlichen ›Verstärker‹-Effekt das Fernsehen mit seinen vielfältigen Genres ausübt, ist zur Zeit schwer auszumachen. Eine genauere Untersuchung des Wirkungszusammenhangs der unterschiedlichen Diskursebenen steht unseres Wissen noch aus.
Das Ergebnis unserer Analysen, das wir in der vorliegenden Studie präsentieren, überrascht wohl weniger durch die Tatsache, daß die Printmedien - in mancherlei Varianten und zu unterschiedlichen Graden - biopolitische Anrufungen so präsentieren, daß die vielfach vorhandene Skepsis in der Bevölkerung abgetragen wird. Mit anderen Worten: Die meisten Artikel dienen offen oder versteckt der Herstellung von Akzeptanz.
Überraschend ist dem gegenüber jedoch, daß der biopolitische Diskurs sich als sehr umfassend und im Kern einen Zusammenhang bildend erweist, wenn man die Artikel unter der genannten Fragestellung nach dem Bezug auf den Menschen als Bios ermittelt und analysiert.
Träger dieses Projekts, mit dem wir 1994 begonnen haben, ist die Diskurswerkstatt im DISS, deren Mitglieder mehrere tausend biopolitisch geprägte Zeitungsartikel gesammelt, archiviert und ausgewertet haben. Alle BeiträgerInnen zu diesem Band haben - allein oder zu zweit, in jedem Fall aber in ›Rückkopplung‹ zur gesamten Diskurswerkstatt - den biopolitischen Diskurs jeweils einer Zeitung untersucht und durch eine exemplarische Einzelanalyse dargestellt. Die theoretische Einleitung wurde in einer Arbeitsgruppe der HerausgeberInnen entworfen, die im wesentlichen die theoretischen und methodologischen Vorarbeiten der Diskurswerkstatt weitergedacht haben. Die zusammenfassende Analyse zielte auf den gesamten deutschen Printmedien-Komplex, aus dem wir die Zeitungen ausgewählt haben, die nach unserer Einschätzung den biopolitischen Diskursstrang der Bundesrepublik Deutschland repräsentieren.
Wenn auch der theoretische Zusammenhang und das Analyseverfahren gemeinsam erarbeitet und für diese Untersuchung modifiziert worden sind, so sind die Beiträge doch nicht auf eine Linie hin ›getrimmt‹ worden. Individuelle Vorlieben und Fähigkeiten haben wir bewußt nicht eingeebnet. Ja, wir meinen, daß gerade die dadurch in Erscheinung tretenden Besonderheiten geeignet sind, den Charakter dieser kollektiven Monographie als einer qualitativen Diskursanalyse zu unterstreichen, die letztlich auf dem theoretischen Hintergrund der Foucaultschen Diskurstheorie aufruht. Es geht uns nicht darum, die untersuchten Diskursfragmente durch das Raster einer allen vorausgesetzten Methode zu pressen. Eine solche ›Empirie-Maschine‹ verführt unseres Erachtens eher dazu, ein Ergebnis zu erzielen, das durch die Methode im Grunde schon weitgehend prädestiniert ist. Da wir zudem der Ansicht sind, daß nicht die Methode an den Gegenstand herangetragen, sondern in Auseinandersetzung mit dem Gegenstand kreativ entfaltet werden sollte, sehen wir die Vielfalt der Zugänge, die freilich durch einen gemeinsamen Denkhorizont gebündelt werden konnte, nicht nur als Vorteil an, sondern geradezu als Bedingung qualitativer Sprach- und Sozialforschung.
Die zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben - mit Ausnahme einer studentischen Hilfskraft - an diesem Projekt ohne Honorar mitgearbeitet. Das gilt auch für die Beschaffung und archivalische Aufbereitung der Zeitungstexte. Dafür sei ihnen herzlich gedankt. Aber auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Diskurswerkstatt sei gedankt, die in diesem Buch nicht mit einem Beitrag vertreten sind. Durch Diskussionsbeiträge und Mitarbeit bei der Klärung theoretischer Zusammenhänge haben auch sie dazu beigetragen, daß dieses Projekt in der vorliegenden Form fertiggestellt werden konnte.
Die Herausgeberinnen und Herausgeber
Duisburg, im Mai 1997



Margret Jäger / Ernst Schulte-Holtey / Frank Wichert
Biomacht und Medien

Neue Formen der Regulierung von Bevölkerungen
Ein bisher vernachlässigtes Forschungsfeld, für das die vorliegende Untersuchung den Blick schärfen will, ist der diskursive Komplex der Biomacht.
Mit dem Begriff Biomacht bezeichnet der Diskursanalytiker Michel Foucault einen Machttyp der europäischen Moderne, der sich auf die Steigerung und Vervielfältigung des Lebens und des Menschen als Lebewesen richtet. Die zentralen Orte der Wissensproduktion und Verwaltung von Biomacht stellen die Humanwissenschaften dar.
Infolge des enormen Fortschritts in ihrem Bereich bekommt heute mit den Möglichkeiten der Biowissenschaften und -technologien die Problematik einer solchen auf das Leben gerichteten Macht erneut eine gesteigerte politische Radikalität: Spätestens seit den 80er Jahren läßt sich in der BRD die Entstehung eines Netzwerks beobachten, das sich um die gesellschaftliche Nutzung von Biowissenschaften und -technologien gruppiert. Als Teile klinischer Praxis und Einrichtungen der Beratung oder als unabhängige Institute oder Kommissionen sind sie einerseits an die wissenschaftlichen Spezialdiskurse angeschlossen. Anderseits jedoch koppeln sie sich mit Formen und Ritualen der Massenmedien und der Public Relation - Expertenrunden, Debatten, Foren, Diskursen usw. - auch an Bereiche gesellschaftlicher öffentlichkeit.
Hier nimmt das Projekt der Diskurswerkstatt im DISS seinen Ausgang, indem es in diskursanalytischer Perspektive diese strategische Vernetzung als (Macht-)Dispositiv analysiert und dabei vor allem die Bedeutung der Medien erfassen will. Denn die publizistischen Massenmedien tragen wichtige Funktionen für die Reproduktion des biopolitischen Machtdispositivs: Mit dem Anspruch zu informieren und zu diskutieren binden sie die oft genug bereits als fast autonome Subpolitik wahrgenommenen Bereiche der Biowissenschaften und -technologie zurück an die gesellschaftliche öffentlichkeit und bestimmen dadurch in entscheidendem Maße über deren Akzeptanz oder Ablehnung durch die Bevölkerung. Am Beispiel von acht Zeitungen und Zeitschriften sollte in diesem Sinne ein möglichst breites Spektrum von Positionen dargestellt werden. Ausgewählt wurden die Tageszeitungen BILD, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (FAZ), FRANKFURTER RUNDSCHAU (FR), DIE TAGESZEITUNG (TAZ) und die WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG (WAZ), sowie die Wochenzeitungen bzw. Magazine FOCUS, DIE WOCHE und DIE ZEIT.
Es wurde außerdem analysiert, inwieweit mit der Aufnahme und Reproduktion spezifisch biowissenschaftlichen Wissens in den ausgewählten Zeitungen und Zeitschriften eine Veränderung des individuellen und sozialen Aussagewerts zentraler kultureller Gegenstände - Tod und Leben, Krankheit und Gesundheit, Wohlergehen und Not, Glück und Unglück - einhergeht. In zunächst nur grober Orientierung an sechs zentralen thematischen Bereichen belegte die über das Jahr 1994 laufende regelmäßige Auswertung der acht Zeitungen und Zeitschriften sehr bald eine solche Verschiebung des Inhalts einer Vielzahl normalerweise nur verstreut wahrgenommener Themen und deren Bündelung zu einem semantischen Biomacht-Komplex.
Die Einzelstudien belegen, wie unabhängig von der jeweils individuellen Position der untersuchten Zeitung bzw. Zeitschrift in Hinblick auf Biowissenschaften und -technologien dieser thematische Komplex einen überraschend einheitlichen Diskursstrang bildet, der die gesellschaftliche Wahrnehmungsweise nachhaltig prägen wird.


Margret Jäger / Ina Ruth
Keine Heilung ohne Risiko!

Biopolitik in der WAZ
Die auflagenstärkste Regionalzeitung im Ruhrgebiet behandelt ein relativ eingegrenztes biopolitisches Feld und fokusssiert auf diese Weise diesen Diskurs. So rankten sich die Artikel vor allem um Fragen der Transplantation sowie der Genforschung und Gentechnik. Darüber hinaus wurden die Themenbereiche: Leben / Krankheit / Tod und Bevölkerung / Bevölkerungskontrolle angesprochen. Schließlich nahm die WAZ auch ethische Perspektiven auf und machte auf die gesellschaftliche Situation behinderter Menschen aufmerksam.
Bei den Berichten über Behinderte fällt ins Auge, daß es der WAZ- entgegen ihrer Absicht - nicht gelingt, die Hilflosigkeit, die vielfach entsteht, wenn es darum geht, gegen Diskriminierungen gegenüber Behinderten anzugehen, zu überwinden. Es wird zwar die vorhandene Ausgrenzung behinderter Menschen beklagt, es werden aber keine Alternativen dargestellt oder diskutiert.
Auch beim Thema Bevölkerung und Bevölkerungskontrolle gelingt es ihr nicht, eine Position zu formulieren, die sich vom Mainstream absetzt. Zwar verweist der referierende Stil dieser Artikel darauf, daß sie das Thema nicht emotional aufladen will. Andererseits entwirft sie durch den massiven Einsatz von Kollektivsymbolen in diesen Artikeln am Ende ein bedrohliches Szenario, das auf die Botschaft hinausläuft, das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern sei eine Gefahr für Europa und Deutschland.
Aus ethischer Perspektive beschäftigt sich die WAZ vor allem mit der 1994 vorgelegten Bioethik-Konvention des Europarates. Die Inhalte dieser Konvention werden strikt abgelehnt.
Im Themenbereich Leben / Krankheit / Tod werden das Sterben und das Problem von Sterbehilfe ausführlich besprochen. Insgesamt läßt sich sagen, daß die WAZ Sterben ohne technische Lebensverlängerung befürwortet. Eine rechtlich abgesicherte Sterbehilfe wird nicht eindeutig gutgeheißen, aber auch nicht ausgeschlossen.
Die Skepsis der WAZ gegenüber der "Apparatemedizin", die das Leben verlängert, geht jedoch nicht so weit, daß sie diese, vor allem in Gestalt der Genforschung, ablehnen würde. Genforschung und Gentechnik wird fast durchgängig befürwortet. Dabei auftretende Risiken werden gesehen, doch sie wiegen nicht so stark wie der mögliche Nutzen einer besseren Behandlung von Krankheiten.
Die Artikel zum Themenbereich Transplantation machen das Bemühen der WAZ darum deutlich, daß dieser medizinische Sektor von der Bevölkerung akzeptiert wird. Dabei werden die Probleme und Gefahren nicht verschwiegen. Doch es wird insgesamt Stellung für Organtransplantation bezogen. Der Hirntod als definitiver Zeitpunkt des Todes ist aus Sicht der WAZ ein wichtiges Bedenken, das gegen die Transplantationsmedizin insgesamt spricht.
Um herauszufinden, inwieweit diese Bedenken tragen, wurde ein Artikel feinanalysiert, in dem diese in den Mittelpunkt gestellt wurden. Dabei handelte sich um die Stellungnahmen zweier Experten zum Thema Hirntod, die unter der Rubrik "Die andere Meinung" von der WAZ als eine Kontroverse ins Bild gesetzt wurden.
Das Ergebnis der Analyse zeigt jedoch, daß die Experten gar nicht kontrovers diskutierten. Beide sind sich darin einig, daß der Hirntod der Tod des Menschen ist. Allerdings wird durch die Inszenierung dieser Debatte und durch die graphische Aufmachung der Eindruck einer Kontroverse aufrecht erhalten. Insofern fallen Form und Inhalt des Artikels krass auseinander. Denn von geringfügigen Differenzen sind sich beide Experten einig, daß der Hirntod zu Recht das derzeit gültige Todesdatum ist.
Auf diese Weise wird ein Fortschrittsglauben an die Medizin gestärkt, die allerdings in der WAZ auch als Risikomedizin konstituiert wird. Das Spannungsfeld zwischen dem unabweisbaren Nutzen medizinischer Forschung, auch der Genforschung, und den damit verbundenen Risiken wird dadurch zu einer Einheit geschmolzen, die sich kaum mehr entwirren läßt: Medizin ist per se Risikomedizin.


Siegfried Jäger
Spiel mir das Lied vom Tod

Bio-Politik in BILD
Die Botschaft der analysierten BILD-Serie über das "Schöne Sterben" lautet: Wir Menschen sind der Zukunft zugewandt! Der Tod ist nicht das Ende. Er ist die Belohnung für das Leben, denn es gibt ein Paradies, das uns aufnimmt, wenn wir gestorben sind.
Von einer irdischen Zukunft ist nicht die Rede. BILD enttabuisiert die Rede über den Tod. Das Blatt schafft damit einen Horizont, in den hinein ohne Probleme wieder über den Tod gesprochen werden kann, auch über Praxen, die mit dem Tod zu tun haben, etwa Organtransplantation, Todesdefinition (Hirntod, Herztod).
BILD argumentiert generell nicht stringent oder gar rational; die Zeitung greift Probleme meist nicht direkt auf, sondern schafft Hintergründe, allgemeine Gefühls- und Denkfolien bzw. nutzt vorhandene Inhalte des Alltagsbewußtseins (populäres Wissen), um bestimmte Botschaften zu implantieren. Daneben ist in BILD eine Art Schaukelstrategie zu beobachten, mit der sie auf die Diskurse Einfluß zu nehmen versucht: Es wird mal dies, mal das berichtet, scheinbar wie das Leben so spielt. Das erweckt den Anschein von Ausgewogenheit oder auch von ideologischer Beweglichkeit, führt aber trotzdem zu einer Regulation im Sinne der politischen Position von BILD, weil diese letzten Endes dominiert.
BILD schürt einerseits ängste, andererseits relativiert sie die Grausamkeit des Todes. So kann BILD den schönen Tod anpreisen, aber zugleich die Organentnahme an Scheintoten als Schrecken an die Wand malen.
Mit der Konzentration des Blicks auf das Jenseits und die prächtigen Jenseitserwartungen (das Paradies, die jenseitige Idylle) wird von den irdischen Problemen abgelenkt. Die Hoffnungen werden nicht auf diese Welt und ihre Möglichkeiten der Veränderung gerichtet, sondern fundamentalistisch auf ein Jenseits, inklusive Hölle, in der diejenigen schmoren sollen, die sich nicht brav verhalten. Das Gesellschaftsbild von BILD muß daher als reaktionär bezeichnet werden. Doch es entspricht exakt den Vorstellungen, wie sie etwa von Wolfgang Schäuble auffällig deutlich in der Tradition der Konservativen Revolution in seinem Buch "Und der Zukunft zugewandt" von 1994 ausformuliert worden sind.


Gabriele Cleve
Schwierige Alternativen
Der biopolitische Diskurs in der TAZ
Als alternatives Zeitungsprojekt gegründet, versteht sich die taz im Jahre ihrer Volljährigkeit (1997 - 18 Jahre taz) nach wie vor als journalistisches Gegenmodell: So dient sie u.a. als Forum für Homosexuelle, engagiert sich für alternative Energien und berichtet antirassistisch über Einwanderung und Flucht. Feministische Positionen finden ihren Ort nicht nur im Ladies Almanach .
Auch expandierende naturwissenschaftlich-technologische Entwicklungen wie z.B. in der Genlebensmittel-Industrie werden in der taz dokumentiert.
Doch daß sich solche Entwicklungen als biopolitisches Machtdispostiv formieren, ist in der taz nicht so ohne weiteres nachzulesen. Obwohl die TAZ ein breites Themenspektrum anspricht, zeigt die Einzelstudie (mit ca. 230 Artikeln als Materialgrundlage), daß eine Verbindung und Formierung der Themen Aids, Abtreibung, Organtransplantationen oder Gentomaten als biopolitischer Diskurs nicht ausgemacht wird. Das bedeutet, daß es auch der taz nicht gelingt, die Zersplitterung des Erscheinungsbildes von Biopolitik aufzuheben.
Ein weiteres Dilemma zeigt sich bei der Analyse eines exemplarischen Artikels, im dem über eine neuartige Aids-Therapie berichtet wird: Es gelingt nicht, ausgrenzende Oppositionen (hier: Aids-Kranke vs. Blutplasma-Spender) zu vermeiden. Die dargestellte Einfachheit der sogenannten PIT-Therapie läßt zudem Hoffnungen bei Betroffenen aufkommen, die so einfach wohl nicht erfüllt werden können.
Die Bandbreite der in der TAZ aufgefundenen Themen und die Art der Berichterstattung zeigen, daß die TAZ sich nicht an Ausgrenzungspraxen von homosexuellen Menschen, Aidskranken o.a. beteiligt. Ihr Forumscharakter, zu dem nicht nur Experten beitragen trägt eher zu einer sachlichen Auseinandersetzung bei.
Dennoch wäre es für die Zukunft wünschenswert, wenn sich die TAZ - gerade auch im Hinblick auf ihre Klientel, die sicherlich ausreichend sensibilisiert ist für biopolitische Strukturen und Konzepte - des biopolitischen Machtdispositivs als Gesamtheit annähme.


Iris Bünger
Auf der Haftspur der Biotechnik?
Der biopolitische Diskurs in der FRANKFURTER RUNDSCHAU
Ein Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften eröffnet immer mehr Möglichkeiten, auf den Organismus von Lebewesen einzuwirken, ihre Lebensdauer zu verlängern, zu verkürzen, ihre Genstruktur zu verändern und sie dadurch gesunder und ökonomisch ausnutzbarer zu gestalten.
Bei der Akzeptanzschaffung für die neuen Verfahren spielen die Medien eine bedeutende Rolle. Diese Akzeptanzschaffung bewegt sich über die biotechnischen Möglichkeiten, Lebensmittel zu manipulieren - einen Bereich, den man als von weichen Faktoren geprägt beschreiben kann - bis hin zur Eugenik und Eingriffen in die Genstruktur von Menschen - einem als von harten Faktoren geprägt beschreibbaren Bereich.
Inwieweit und mit welchen Mitteln war die FR, die ein gebildetes, wohl situiertes und urban orientieres Publikum anspricht und täglich etwa 1% des gesamten Print-Publikums der BRD erreicht, 1994 an diesem Prozeß beteiligt?
Es wurden 1027 Artikel in bezug auf die Themenbereiche Krankheit/Gesundheit; Ethik/Menschenbild; Ernährung; Geburt/Leben; Tod/Sterben und ökonomie grobanalysiert und ein ausgewählter Artikel feinanalysiert.
Die Grobanalyse zeigte eine Tendenz zur Ablehnung biotechnischer Innovationen mit steigender Härte , d.h. es wurden heilversprechende Innovationen im medizinischen Bereich und Maßnahmen zur Lebensmittelverbesserung weitgehend akzeptiert; Schritte, die insbesondere die Manipulation des menschlichen Erbguts betreffen, wurden als ethisch und moralisch zweifelhaft abgelehnt.
Diese zwischen Akzeptanz und Ablehnung verortete Position wurde in einer Feinanalyse einer Buchrezension deutlicher herausgearbeitet. Michael Emmrich rezensiert das Buch von Claus Koch Ende der Natürlichkeit - Eine Streitschrift zu Biotechnik und Biomoral. Emmrich, der als verantwortlicher Redakteur für den Bereich Biotechnik/Bioethik schreibt, stellt in seiner Rezension Abgesang auf den Menschen sein auf Natur und Natürlichkeit angelegtes Weltbild dem gentechnischen Szenario von Claus Koch gegenüber, das auf Biotechnik, Biowissenschaft und Biologismus angelegt ist.
In einer Analyse der Textstruktur, der Argumentationsstruktur und -strategien und der semantischen Struktur - hier wurde v. a. die Bedeutung der Fortschrittssymbolik herausgearbeitet - konnte das Ergebnis der Grobanalyse verifiziert und spezifiert werden.
Michael Emmrich zeichnet ein krasses Bild der Biotechnik als überwindung der Natur durch die Kultur. Von einem Ort aus entworfen, an dem der Prozeß der Ausschaltung der Natur schon eingesetzt hat, bleibt seine Kritik am Ende nur die Einsicht, daß eine Umkehr von dem, was als Fortschritt deklariert wird, nicht mehr möglich ist. Der Zug der Biotechnik rolle, sein Kurs ließe sich nur durch Weichenstellungen noch korrigieren, aufhalten ließe er sich nicht. - Wer jedoch ist in der Lage, die Weichen zu stellen, sollte dies vom fahrenden Zug aus noch möglich sein? Oder gibt es doch noch einen Ort außerhalb des Zuges?


Bianca Hartmann
Steter Tropfen höhlt den Stein
Der biopolitische Diskurs in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG - Ein überblick
Klaus Hildebrand
"Weil wir zu viele sind" - Bevölkerungspolitik in der FAZ
In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG (FAZ) finden sich biopolitisch relevante Themen vor allem in Beiträgen, die sich als neutrale, oft wissenschaftsjournalistische Information präsentieren. Jedoch beteiligt sich auch die FAZ an der Debatte um biopolitische Fragen. Dabei stehen 1994 die Neuregelung des Abtreibungsrechts, das gescheiterte rheinland-pfälzische Transplantationsgesetz und die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo im Vordergrund. Hier erweist sich die FAZ als bedenkenlose Statthalterin wissenschaftlicher, technologischer und ökonomischer Vernunft, für die es das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen gelte. Ihre alternativlose Evidenz erhält solcherart Rationalität in den Beiträgen allerdings durch die (symbolische) Logik des Alltagsverstandes. Sie begründet dann auch die aus den Texten folgenden Handlungsoptionen. Dies belegt die Einzelanalyse des Kommentars "Weil wir zu viele sind", der repräsentativ für die Position der Zeitung zur Bevölkerungspolitik ist: Nicht rationale Argumentation bestimmt hier die Aussage zur Entwicklung der Weltbevölkerung, sondern die symbolische Imagination eines westlichen Sozialkörpers, der von einer lebensgefährlichen Infektion durch einwandernde Massen aus dem Süden bedroht ist, wenn nicht sofort gehandelt wird.


Karin Kipka / Karin Putzker
Instrumentelle Rationalität als Moral
Wie DIE ZEIT gute Deutsche sieht
Die ZEIT informiert ihre LeserInnen über die gesamte Bandbreite biopolitischer Themen inhaltlich umfassend, aber unkritisch bis hin zu fast manipulativer Akzeptanzbeschaffung für spezifische Techniken. Sie präsentiert die Thematiken größtenteils im Rahmen der Wissenschaftsberichterstattung und weist ihnen auf diese Weise einen hohen gesellschaftlichen Wert zu. Aufgrund der spezifischen LeserInnenschaft der ZEIT ist zudem die Reichweite der Berichterstattung und Kommentierung als sehr groß einzuschätzen: Was die ZEIT schreibt, wirkt in vielen (klugen) Köpfen weiter.
Die ZEIT inszeniert in ihrer biopolitischen Berichterstattung durchweg eine Realität, die das Ressourcen- und Vermarktungspotential Mensch zum Gegenstand hat. Durch die Verknüpfung biopolitischer Themen mit bioethischen Argumentationsweisen wird moralischer Druck auf die LeserInnen erzeugt, neue Bio- und Gentechniken zu akzeptieren. Ein bioethisches Menschenbild - der Mensch als Konfiguration ökonomisch verwertbarer Bestandteile - wird eingeführt und untergräbt das westliche Menschenrechtsverständnis sowie demokratische Strukturen. Durch die Präsentation der BRD als biopolitisches Entwicklungsland und durch die diskursive Verbindung mit der Standortdebatte wird Existenzangst bewirkt. Den LeserInnen wird somit die Notwendigkeit einer (weiteren) bio- und gentechnischen Entwicklung einer bioethischen Moderne nahegelegt, will die BRD nicht in die humanistische Unmoderne abrutschen. Beide diskursiven Strategien bewirken eine Immunisierung der LeserInnenschaft gegen kritische Gedanken. Statt einer Ausrichtung des Urteilens und Handelns am ethischen Prinzip Verantwortung soll instrumentelle Rationalität als Moral und Nationalbewußtsein als Standortförderung dienen.
Zur Erhöhung der Akzeptanz des als notwendig präsentierten Fortschritts wird u. a. ein biopolitisches Thema mit positiver Konnotation - die Transplantation mit ihrem Heilungsversprechen - als Schlüsselthema verwendet. Die Bereitschaft zu Organspenden sollen laut der ZEIT ein Zeichen von moralischer Kompetenz und positivem Nationalbewußtsein sein. Moral und Nation können dann als diskursiver Effekt bei vielen Menschen auch auf weniger akzeptierte Themen wirken und als Applikationsvorgaben für richtiges Denken und Handeln dienen.
Tabuthemen - wie z. B. die Keimbahntherapie - werden mit einer ambivalenten diskursiven Strategie der Ablehnung und der stetigen Wiederholung präsentiert. Das gibt Sicherheit und öffnet gleichzeitig Denkgrenzen. Auch die themenbezogene Verwendung von zwei Menschenbildern, dem bioethischen und dem humanistischen, birgt eine Verschleierung des laufenden kulturellen Umbruchs, denn den Status des biopolitischen Entwicklungslandes verliert die BRD laut der diskursiven Logik in der Berichterstattung der ZEIT nur, wenn sie ihr humanistisches Menschenbild verabschiedet. Letzteres wird letztendlich wie ein kokettes Feigenblatt auf dem Denken in Humankapital verwendet. In der ZEIT hat die bioethische Moderne schon Einzug gehalten.


Frank Wichert
Und die Gene sind es doch!
Biopolitik im FOCUS
Das seit 1993 eingeführte Nachrichtenmagazin FOCUS erhebt den Anspruch, "Fakten, Fakten, Fakten" an die sogenannte Infoelite zu liefern. Diesen Anspruch versucht das Magazin dadurch zu unterstreichen, daß nahezu alle Artikel mit Grafiken und Bildern versehen werden, was dem Zweck dienen soll, dem/der Leser/in einen schnellen überblick zu verschaffen. Weiterhin scheint ein Hauptanliegen von FOCUS darin zu bestehen, über neue Entdeckungen und Entwicklungen aus dem biowissenschaftlichen und -technologischen Sektor zu berichten. Für den Untersuchungszeitraum 1994 konnte in diesem Sektor eine auf Akzeptanz zielende Strategie ausgemacht werden, die darin besteht, technologische Entwicklungen und dadurch entstehende neue medizinische Heilungs-chancen, als einen Segen für die Menschheit darzustellen. Dabei werden Kritiker nicht gänzlich ausgeschlossen. Jedoch werden deren Positionen und Aussagen häufig als überholt oder veraltet dargestellt. In diesem Kontext spielt gerade die (noch) in Deutschland umstrittene Gentechnologie eine besondere Rolle. Sie wird insbesondere für die Behandlung von Krebs, AIDS und anderen schweren Krankheiten als entscheidender Hoffnungsträger gepriesen. Daß, um dieses Ziel zu erreichen, Forschungen angestellt werden müssen, die den Menschen als Untersuchungsobjekt degradieren, davon wird eher beiläufig als ein behebbares ethisches Problem berichtet. Neben dieser Form einer rückhaltlosen Technikbegeisterung, ist in FOCUS ein Menschenbild auffindbar, in dem sozio-kulturelle Phänomen durch Ergebnisse von Verhaltens- und Soziobiologie zu einem Problem der Gene werden.


Ernst Schulte-Holtey
Gesundheit. Angst. Lebensstil.
Orientierungs-Service und Subjektivierung in der WOCHE
"Orientierung" zu bieten angesichts oftmals verunsichernder Dynamiken der Gegenwart - dies versteht DIE WOCHE als ihren journalistischen Auftrag. Bei Fragen von Gesundheit und Lebensführung bekommt dieses Projekt den biopolitisch relevanten Charakter medial vermittelter Lebenshilfe. Die Analyse des Ausgaben-Schwerpunktes "Krebs aus dem Supermarkt", den sie im April 1994 dem aktuellen Thema gesundheitlicher Risiken moderner Ernährung widmete, versucht am exemplarischen Beispiel, wichtige Strategien dieses Woche-Journalismus darzustellen. Es zeigt sich, daß DIE WOCHE eine demoskopisch abgefragte Verunsicherung deutscher Verbraucher durch Lebensmittelskandale, Novel-Food und bisher unbekannte internationale Nahrungsmittelprodukte innerhalb des Szenarios eines bedrohten nationalen Innenraums der Normalität gegenüber einem bedrohlichen europäisch-globalen Außen des Anormalen inszeniert. Gesunde Normalität im Bereich der Ernährung versichere in dieser Situation nur noch wissenschaftliche Kontrolle und mediale Aufklärung. Diese besteht in der WOCHE jedoch nicht in einer anwendungsbezogenen Vermittlung notwendiger Kenntnisse über moderne Nahrungsmittel, die in der Darstellung der WOCHE nur als immer schon geahnte bedrohliche Mischung unverständlicher Bestandteile existieren. Sondern in einer recht einfachen Message: Das als kluge Verbraucher adressierte Publikum halte sich an den Augenschein biologisch-kontrollierter Natürlichkeit . Eine dieser Anrufung folgende mündig-souveräne Unterwerfung unter das medial stabilisierte Wahrheitsregime von Biowissenschaften und -technologien würde belohnt - mit dem elitären Selbstbewußtsein, zumindest in Hinblick auf die Ernährungsgewohnheiten keiner Risikogruppe anzugehören.


Siegfried Jäger / Margret Jäger
Die Vernetzung biopolitischer Diskurse und ihre Machteffekte.
In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der Einzelanalysen synoptisch betrachtet. Dies gilt sowohl für die in den Zeitschriften angesprochenen biopolitischen Unterthemen wie auch die strategischen Mittel, mit denen die Inhalte transportiert werden.
Dabei konnte deutlich werden, daß der biopolitische Diskurs in den Print-Medien, bedingt durch die unterschiedlichen Dis-kurspositionen der Organe, die Bevölkerung mehrstimmig erreicht. Diese Mehrstimmigkeit bildet in seiner Gesamtheit aber ein konsonantes Konzert. Das bedeutet, die Unterschiede sind nicht so gravierend, als daß sie dem Vormarsch eines biopolitischen Denkens und Praktizierens in Deutschland Einhalt gebieten könnten. Insofern läßt sich sagen, daß der Print-Mediendiskurs derzeit mit dazu beiträgt, die Bahn freizuschaufeln für (gen)technische Manipulationen an Mensch und Natur. Die dabei auftretenden ethischen Probleme werden zwar aufgenommen und diskutiert. Insgesamt stellen sie jedoch eher ein Randthema dar.
Am ungebrochensten scheint sich dieses Denken in der ZEIT eingegraben zu haben. So wird in dem untersuchten Artikel dafür plädiert, die Menschenrechte mit dem Hirntod enden zu lassen. Hier kündigt sich ein kultureller Wandel an, nach dessen Etablierung die breite Durchsetzung biopolitischer Konzepte auf keine nennenswerten Hindernisse mehr stoßen wird.
Dagegen wird der biopolitische Diskurs durch die FRANKFURTER RUNDSCHAU eher ambivalent präsentiert. Die kritische Begleitung der biopolitischen Debatte ist in dieser Zeitung sehr ausgeprägt. Dennoch trägt auch sie im Resultat dazu bei, daß keine grundsätzliche Kurskorrektur vorgenommen wird. Es geht ihr vornehmlich um richtige Weichenstellungen: der Zug der Bio- und Gentechnik selbst und seine hohe Geschwindigkeit, die er inzwischen aufgenommen hat, werden demgegenüber nicht mehr zum Problem.
In die gleiche Richtung wirkt auch die Berichterstattung zum biopolitischen Diskurs in der WAZ. Auch hier werden damit verbundene Probleme durchaus artikuliert oder zumindest angespielt. Auf diese Weise wird der Eindruck erweckt, als würde über Biopolitik in der Gesellschaft noch gestritten. Der Blick auf die Bandbreite der vorgetragenen Argumente zeigt jedoch, daß davon nicht die Rede sein kann. Das Spannungsfeld zwischen Risiken und Nutzen z.B. der medizinischen Nutzung von Gentechnologie wird so eingeschränkt, daß unterm Strich nur eine Akzeptanz des Unvermeidbaren herauskommt.
Die WOCHE engagiert sich mit kritisch akzentuierten Beiträgen und Themenseiten in der Debatte um die Durchsetzung und gesellschaftliche Nutzung biowissenschaftlich-medizinischer Forschung und Technologien. Dabei orientiert sie sich auf die regulativen Leitkonzepte von Natur und Natürlichkeit - Leitkonzepte modernen Normalismus. Der WOCHE-Journalismus belegt damit, daß diese Konzepte in der Debatte um Biopolitik keine Position der Resistenz mehr zu begründen vermögen.
Die Stimme der TAZ im biopolitischen Konzert ist dagegen schwieriger auszumachen. Als Organ, das sich vor allem an gesellschaftliche Minderheiten richtet, hat sie sich seit Jahren z.B. mit den Gefahren von Gentechnik intensiv auseinandergesetzt. Bestimmte Diskussionsprozesse, die derzeit in sogenannten hegemonialen Medien geführt werden, sind in ihrem Umkreis insofern bereits ausgetragen worden. Umso mehr überrascht, daß auch in der TAZ der bio-medizinisch technische Fortschritt um sich greift und ethische Bedenken dagegen in den Hintergrund geraten: Hirntod wird als endgültiger Tod und Organtransplantationen (bei Einverständnis des Spenders) werden wie selbstverständlich akzeptiert.
Die BILD-Zeitung zielt im Unterschied zu allen anderen untersuchten Medien auf eine existenziellere und zugleich primitivere Ebene der Wahrnehmung des biopolitischen Diskurses: Sie bereitet die "Seele" auf und macht sie dafür empfänglich, daß Menschen alles mit ihrem Körper geschehen lassen, da er völlig gleichgültig ist: Apparat, Ersatzteillager, ärgernis und Ort sexueller (und sonstiger) Stimulation. Eine solche Taktik, mit der die Menschen zwischen Angst und Hoffnung hin und her gejagt werden und nicht zur Ruhe kommen, kann dabei durchaus als Psychotechnik bezeichnet werden.
Eine solche Technik ist beim FOCUS nicht zu finden. Er ist im Vergleich zu BILD geradezu naiv offen: Fast gebetsmühlenartig verkündet er sein soziobiologisches Glaubensbekenntnis und trägt dazu bei, daß diese Rationalität akzeptiert wird.
Bei der synpotischen Analyse der strategischen Mittel sind folgende Gesichtspunkte besonders betrachtet worden: Autor und Anlaß der Artikel, Gestaltung und grafische Effekte, interne Verknotungen und externe Verschränkungen des biopolitischen Diskurses, Komposition und Argumentation, Implikate und Anspielungen, Kollektivsymbolik, Stil, Wortschatz, Redewendungen. Außerdem ist das in die Artikel einfließende Bild vom Individuum und Gesellschaft, von Technik und Zukunftsperspektive analysiert worden. Im Schlußkapitel wird u.a. auf die Rolle der Medien, das Problem der Akzeptanz und seinen ökonomischen Hintergrund eingegangen