AG gegen Rassenkunde (Hrsg.)

Deine Knochen - Deine Wirklichkeit

Texte gegen rassistische und sexsistische Kontinuität in der Humanbiologie


ISBN-10: 3-928300-80-6
ISBN-13: 978-3928300803
Ausstattung: br., 224 Seiten
Preis: unbek. Euro

- dieser Titel ist beim Verlag vergriffen, jedoch noch in einigen gut sortierten Buchhandlungen erhältlich -

Rezension der Antifaschistischen Nachrichten:

Die Vielfalt der Menschen wird der Einfalt der Typen geopfert
Texte wider die Rassenkonstruktion durch die Humanbiologie

»Mit Begriffen, die häufig nicht wertfrei benutzt werden, findet am Institut ein sensibler Umgang und eine kritische Auseinandersetzung statt.« Wie bitte? Ein sensibler Umgang mit »rassischen Mischehen«,
»fremdrassischen«, oder »gleichrassischen Partnern«? Ja, meinen Studierende und Lehrende am Institut für Humanbiologie der Uni Hamburg und erklären, daß sie im Rassenkundeunterricht »keine ... biologistischen Haltungen erkennen konnten«. Dem widerspricht die AG gegen Rassenkunde - jetzt auch in Buchform - und dokumentiert die seit 1986 geführte Auseinandersetzung um Forschung und Lehre am Institut für Humanbiologie der Universität Hamburg. Im Zentrum ihrer 225 Seiten umfassenden Kritik steht das Lehrbuch des Institutsleiters, Prof. Dr. Rainer Knußmannn.
Die »Texte gegen rassistische und sexistische Kontinuitäten in der Humanbiologie« verweisen auf die Geschichte, die Wissenschaftskritik der Aufklärung und Carl Linne'. Auf letzteren geht die Konstruktion der Hautfarbe als bestimmendes Merkmal zur Einteilung von Rassen zurück. Phänotypische und physiologische Merkmale - hauptsächlich Haut-, Haarfarbe sowie Körperformen - wurden herausgepickt, um die Herrschaft der europäischen Eroberer über die kolonialisierten Völker zu legitimeren. Warum aber war die Hautfarbe ausschlaggebend? Die Antwort ist relativ simpel: der Einfachheit halber. »Rassen« kommen in der Natur nicht vor. Sie sind das Produkt klassifikatorischer Anstrengungen, und der größte Teil der Informationsaufnahme erfolgt über das menschliche Auge. Der Rassenbegriff verknüpft nun äußere zumeist sichtbare, Merkmale mit sozialen Verhaltensweisen und erklärt das Konstrukt zur »natürlichen Abstammung«. Mit naturgesetzlichen Erkenntnissen hat das nichts zu tun.
In den eigenen Fachkreisen ist der Rassenbegriff - vorsichtig ausgedrückt - umstritten. Im Juni 1995 beschäftigte sich eine Konferenz »Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung« der UNESCO speziell mit dem Forschungsstand in der Anthropologie, Biologie und Humangenetik. In einer gemeinsamen Abschlußerklärung gelangen achtzehn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zur Schlußfolgerung, daß es »keinen wissenschaftlichen Grund (gibt), den Begriff 'Rasse, weiterhin zu verwenden«. Warum? Erstens sorge nur ein verschwindender Anteil der menschlichen Gene für das verschiedene Äußere, auf das sich der typologische Rassenbegriff bezieht: etwa 50 oder noch weniger von 60.000; Und zweitens seien die genetischen Unterschiede zwischen verglichenen Menschengruppen verschiedener Erdregionen fließend und weisen keine größeren Brüche zwischen den Gruppen auf. Dagegen variieren die genetischen Merkmale der einzelnen Menschen innerhalb einer Gruppe vergleichsweise stark.
Die DozentInnen am Hamburger Humanbiologischen Institut kennen und bestätigen den Forschungsstand. Entsprechend relativiert Prof. Dr. Knußmann den Rassenbegriff, »denn im Sinne biologisch scharf voneinander abgegrenzter Gruppen gibt es tatsächlich keine Rassen«. In einem zweiten Schritt wird die Rasse dann hinterrücks wieder eingeführt: »Was es aber unbestreitbar gibt, ist eine phylogenetisch bedingte geographische Differenzierung, in der sich verschiedene - genetisch determinierte - Schwerpunkte erkennen lassen. Zumindest diese Schwerpunkte, aber auch die verschiedenen Abstufungen zwischen ihnen werden - dem Gebrauch des Begriffes in der gesamten Biologie folgend - als Rassen bezeichnet.« Eindeutiger kann oder will sich das Standardwerk der Anthropologie in der »Frage nach rassischer Bedingtheit oder Umweltresultanten« nicht festlegen. Um so entschlossener fällt das Wissen über die »Unterschiede zwischen den rassischen Gruppen nach Begabungsbereichen« aus. Wie diese Unterschiede genau aussehen, bleibt offen. Allerdings wird festgestellt, daß sie »deutlich« sind. Der Rest bleibt der Phantasie überlassen und entsteht im Auge des Betrachters. Die wenigen Ausführungen wie die »musische Begabung der Schwarzen« entstammen der Mottenkiste rassistischer Vorurteile und sind auf dem Niveau von »Neger können besser tanzen, Indianer besser Töpfe machen«.
Die Presseberichterstattung hat in den vergangenen zwei Jahren in Hamburger eine Menge Staub aufgewirbelt. Der ehemalige Wissenschaftssenator Leonhardt Hajen forderte vom Präsidenten der Universität, Jürgen Lüthje, eine Stellungnahme. Eine Arbeitsgruppe des Akademischen Senats wurde eingesetzt, der Kriminologe Fritz Sack mit einem Gutachten beauftragt. Dieser bezeichnet die im Lehrbuch behaupteten Zusammenhänge zwischen Kriminalität und »genetischer Belastung« bei Personen mit »psychischen Auffälligkeiten« als »irreführend, wissenschaftlich unvertretbar und politisch verantwortungslos«. Ganz anders der Abschlußbericht vom 30.10.1997: Der Akademische Senat kommt darin zu dem Schluß, daß die »Vorwürfe des Rassismus, des Antisemitismus und des Biologismus« gegenüber den Lehrenden des Institutes »nicht begründet« seien. Konsequenzen? Die Rassenkunde-Veranstaltung wird mit Beginn des neuen Semesters in »Geographische Variabilität des Menschen« umbenannt, und die beanstandeten Materialien aus der Zeit des Nationalsozialismus landen im institutseigenen Giftschrank.
Für die AG gegen Rassenkunde sind das kosmetische Maßnahmen, solange nicht der Rassenbegriff samt Begründungszusammenhang vom Tisch ist. Ihre Forderung lautet: Schließung des Institutes und Einrichtung eines Arbeitsbereiches ,Kritische Biologie'. Ihre in der Reihe antifaschistische Texte (rat) erschienene Aufsatzsammlung schließt mit einer »Chronik der Proteste« der letzten 12 Jahre. Da die Studierenden beispielsweise in Mainz oder Kiel mit ähnlichen Inhalten konfrontiert werden, hoffen sie, »daß unsere Erfahrungen dadurch auch für kritische Auseinandersetzungen und für Protestaktionen in anderen Städten genutzt werden können«. In den Beiträgen von Britta Bergmann, Jakob Michelsen und Elke Ostbomk-Fischer geht es um den Zusammenhang von »Geschlechterkonstruktionen« und »lesben- und schwulenfeindlicher Forschung am Humanbiologischen Institut«. Ruth Stiasny streift durch die geschichtlichen Verwicklungen des Rassismus, und Jakob Michelsen verfolgt die inhaltlichen und personellen Linien der NS-AnthropologInnen der »Breslauer Schule« bis heute. Naturwissenschaftliche Vorkenntnisse sind fürs Lesen und Verstehen nicht notwendig, und meine geographischen Kenntnisse sind auch begrenzt. Ich, übrigens, bin in Heidelberg geboren, aber mein Vater kommt aus dem Hannoverschen und die Familie meiner Mutter aus der Lausitz. Von wo stammen Sie eigentlich her?

kun

http://www.antifaschistische-nachrichten.de/1998/08/001.htm.php

Aus der Rubrik: Politik - Antifaschismus