Änneke Winckel gelingt ein eindrücklicher Nachweis darüber, wie präsent die Bilder von den »Zigeunern« in Deutschland sind und wie tödlich deren Folgen auch heute noch sein können. Erstmals wird mit diesem Buch auf der Grundlage einer umfangreichen Auswertung von Tageszeitungen und Zeitschriften eine systematische Untersuchung des Antiziganismus in Deutschland seit 1989 vorgelegt. Ihre Analyse verdeutlicht anschaulich, wie sehr Kontinuitäten den heutigen Antiziganismus prägen.
Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung
1.1 Klärung zentraler Begriffe
1.2 Literatur und Vorgehensweise
2. Historisch-theoretische Voraussetzungen des Antiziganismus
2.1 Ökonomischer Hintergrund der Entstehung des Antiziganismus im westlichen Zivilisationsprozess
2.2 Das religiöse Moment des Antiziganismus
2.3 Politischer Hintergrund der Entstehung des Antiziganismus im westlichen Zivilisationsprozess
2.4 Die Konstruktion des bürgerlichen Subjekts
2.5 Stabilisierung der ‚Zigeuner'-Konstruktion durch staatliche Politik
2.6 Psychologische Aspekte bei der Ausbildung des ‚Zigeuner'-Stereotyps
2.6.1 Einfache Sündenbockthese
2.6.2 Projektive Identifikation
2.7 Gemeinsamkeiten in der Entstehung von Antisemitismus und Antiziganismus
3. Geschichte des Antiziganismus in Deutschland zwischen 1871 und 1989
3.1 Abriss der ‚Zigeuner'-Sondergesetze und -Politik im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
3.2 Nationalsozialistische Verfolgung und systematische Ermordung der europäischen Sinti und Roma
3.3 Staatsangehörigkeitsentzug, Sondererfassung, Nicht-Entschädigung: Politik gegen Sinti und Roma nach 1945
3.3.1 Sondererfassung
3.3.2 Nicht-Entschädigung
3.3.3 Entzug der Staatsangehörigkeit
3.3.4 ‚Zigeunerforschung' nach 1945
3.3.5 Die Situation der Sinti und Roma in der DDR
3.4 Resümee
4. Diskussionen, Auseinandersetzungen, Meldungen: Antiziganismus in Deutschland seit 1989
4.1 Staatliche Stellen
4.1.1 Bund, Länder, kommunale Einrichtungen
4.1.1.1 Blockaden, Besetzungen und Bettelmärsche: Der Kampf um das Bleiberecht
4.1.1.2 Der Kampf für die Anerkennung als Minderheit
4.1.1.3 Der Stellplatz Dreilinden in Berlin
4.1.1.4 Die ‚Verordnung zur Gefahrenabwehr' (Frankfurt/Main)
4.1.2 Justiz
4.1.2.1 Ein Mieturteil in Bochum
4.1.2.2 Prozesse gegen NS-Verbrecher, die an der Ermordung von Sinti und Roma beteiligt waren
4.1.3 Polizei
4.1.3.1 Polizeiübergriffe
4.1.3.2 Razzia in Köln 1990
4.1.3.3 Razzia gegen Roma-Frauen in Köln 1995
4.1.3.4 Datenbanken und Erfassungsbögen der bayerischen Polizei über Sinti und Roma
4.1.4 Kampf ums Geschichtsbild
4.1.4.1 Entschädigungsdebatte
4.1.4.2 Der Streit um ein ‚nationales Holocaust-Mahnmal' in Berlin
4.1.4.3 Der Kampf um eine Gedenktafel in Frankfurt/Main
4.1.4.4 Verweigerte Gedenkfahrten nach Auschwitz
4.1.5 Resümee
4.2 Die deutsche Mehrheitsbevölkerung
4.2.1 "Asozial, unzivilisiert und kriminell": Antiziganistischer Alltag
4.2.2 "1.000 DM für die Ergreifung": Steckbrief gegen eine Romni in Köln
4.2.3 "Wir wollen hier keine Zigeuner": Studien und Statistiken
4.2.4 Resümee
4.3 Zusammenfassung
5. Berichterstattung in den Medien
5.1 Die Situation der Roma in Osteuropa im Rahmen der Diskussion um die Asylrechtsänderung
5.2 Darstellung von RepräsentantInnen der Organisationen der Sinti und/oder Roma
5.3 "Giftsuppe" und Gerüchteküche: Höhepunkte journalistischer Reproduktion antiziganistischer Bilder
5.4 Rund um das "Sinti-und-Roma-Schnitzel": "Nachhilfe in politischer Korrektheit"
5.5 "Zigeunerin aus der Volksgruppe der Roma": Der Kampf um die Begriffe
5.6 "Behandelt wie der sprichwörtlich letzte Dreck": Mediale Kritik des Antiziganismus
5.7 Resümee
6. Motive und Motivationen des modernen ‚Zigeuner'-Bildes in Deutschland seit 1989
6.1 ‚Kriminalität'
6.2 ‚Betteln'
6.3 ‚Kinder'
6.4 ‚Hygiene'
6.5 ‚Aberglaube'
6.6 ‚Primitivität'
6.7 ‚Sippen'
6.8 ‚Zigeunerlager'
6.9 ‚Nomaden'
6.10 ‚Selbst schuld'
7. Fazit
Literatur
Rezensionen "Durch kluges Argumentieren und der
Kontrastierung mit Aussagen von Betroffenen entlarvt Winckel den
Konstruktionscharakter der klischeehaften medialen Zuschreibungen." Martin Holler, H-Soz-u-Kult
"... Winckel verweist auf den antikommunistischen Entstehungszusammenhang des deutschen Asylrechts und gibt einen Einblick in die personellen und strukturellen Kontinuitäten bei der Verfolgung von Sinti und Roma im postfaschistischen Deutschland. Sie betont dass der Antiziganismus genauso wie der Antisemitismus mit dem Rassismusbegriff nicht ausreichend erfasst werden kann. Winckel deutet auf die Momente autoritärer Rebellion und projektiver Identifikation im Antiziganismus hin und arbeitet Gemeinsamkeiten zwischen Antisemitismus und Antiziganismus heraus, ohne die zentrale Differenz einzuebnen: 'Der Antiziganismus halluziniert den >Zigeunern< keine derart unfassbare, allumfassende Macht wie der Antisemitismus den Jüdinnen und Juden.' ..."
Stephan Grigat, Context XXI
Diskriminierung und Kriminalisierung Zwei neue Bücher über (amtlichen) Rassismus in D von Ali Al NasaniMit der gesellschaftlichen und politischen Realität des Rassismus in Deutschland beschäftigen sich zwei Bücher, die trotz ihrer unterschiedlichen Aspekte zusammen gelesen werden sollten. Änneke Winckel schließt mit ihrer Studie über Rassismus gegen Sinti und Roma in Deutschland eine Lücke in diesem Forschungsbereich. Dabei konzentriert sie sich auf die Situation im vereinigten Deutschland, in dem rassistische und diskriminierende Stereotypen gegenüber „Zigeunern“, die ins 19. Jahrhundert und zum Teil bis ins Mittelalter zurück reichen, nahtlos weiter transportiert werden. Sie geht zu Recht davon aus, dass selbst „positive Stereotype“ wie z.B. zugeschriebene Musikalität, im Grunde nur eine Variante von Rassismus sind, da sie von Individuen abstrahieren und unveränderliche biologistische Gegebenheiten annehmen. Vor dem Hintergrund konkreter antiziganistischer Vorkommnisse in Berlin, Bochum, Köln oder Frankfurt beschreibt Winckel diese Funktionsweisen rassistischer Zuschreibungen. Sie beschreibt und dekonstruiert Motive wie Kriminalität, Betteln, Kinderreichtum oder Wanderschaft, mit deren Hilfe Ausgrenzung und Diskriminierung von Sinti und Roma bis heute funktionieren.Winckel schließt ihre Studie mit einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Zeitungslandschaft zwischen 1987 und 2001 ab und weist nach, wie oft gegen besseres Wissen rassistische Stereotypen zur Meinungsmache in der Bevölkerung eingesetzt werden. Dahinter verbirgt sich auch ein politisches und gesellschaftliches Kalkül, da die Verantwortung für die historische Schuld auf Grund der Verbrechen im Nationalsozialismus gegenüber Sinti und Roma von Nachkriegsdeutschland bis heute nicht einschränkungslos übernommen wurde. Im Gegenteil, ihnen wurde sogar mit dem Hinweis, sie seien „asozial“, einerseits eine Entschädigungszahlung verweigert, andererseits die nationalsozialistische Zuschreibung weiterhin angeheftet. Diese auf Abwehr angelegte Politik zeigt sich derzeit ganz konkret in Nordrhein-Westfalen, wo eine Gruppe von mehreren hundert Sinti und Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, die Ausweisung in die nicht mehr existente „Heimat“ vor Augen, seit Wochen für ihren Verbleib in Deutschland demonstriert. Vielen Familien droht eine Abschiebung in unterschiedliche Länder, weil der Vater aus Mazedonien stammt und die Mutter aus dem Kosovo (oder umgekehrt). Die ersten Abschiebungen, bei denen Familien auseinandergerissen wurden, haben bereits stattgefunden. Es braucht nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, dass einige dieser Menschen eher untertauchen werden, als sich abschieben zu lassen. Mit diesem Aspekt der Illegalisierten in Deutschland beschäftigt sich das zweite Buch.Seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die sich ohne gültige Aufenthaltspapiere in Europa aufhalten. Allein für Deutschland liegen die Schätzungen zwischen 500 000 und einer Million OhnePapiere. In der allgemeinen Öffentlichkeit werden diese Menschen zumeist mit Kriminellen gleichgesetzt. Diese Stigmatisierung hat jedoch mit der Realität nicht viel zu tun. Erst langsam wird der Politik, die das Thema bisher auf Asyl und Asylverfahren reduziert hat, bewusst, dass es sich bei dem Phänomen um ein Kernproblem von Zuwanderung handelt. Nun haben Matthias Blum und andere unter dem Titel „Die Grenzgänger. Wie illegal kann ein Mensch sein?“ eine Aufsatzsammlung vorgelegt, die sich mit historischen, juristischen und humanitären Aspekten von Illegalität beschäftigt. Die Sammlung umfasst die Vorträge, die im Sommersemester 2001 unter dem Titel „Menschen – Kirchen – Illegale“ u.a. von Kardinal Sterzinsky, Bischof Huber und Albert Schmid, dem Leiter des „Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge“ an der Freien Universität Berlin gehalten wurden. Es wird deutlich, dass Flüchtlinge nicht nur vor politischer Verfolgung, sondern auch vor der Zerstörung wirtschaftlicher und ökologischer Ressourcen fliehen. Globalisierungstendenzen befördern Migration zusätzlich. Die undurchlässige Grenze ist einerseits ein Konstrukt von Sicherheitspolitik, das der Realität nicht entspricht. Andererseits fordert diese Politik jährlich eine ungenannte Zahl von Menschenleben an den technisch hochgerüsteten, auf Abwehr ausgerichteten Grenzen der wohlhabenden Staaten. Im Rahmen der Migration sind vor allem Frauen und Kinder zusätzlich der Gefahr des Menschenhandels und der Zwangsprostitution ausgesetzt. Ebenso zeigt sich auch ein Wandel der Rolle der Frauen, deren Anteil an der Migration steigt. Sie müssen zunehmend ihren Beitrag zur finanziellen Versorgung der Familien leisten. Ein Trend zur Feminisierung von Flucht- und Wanderungsbewegung ist deutlich zu verzeichnen. Diesen Aspekten geht die Aufsatzsammlung nach. Allerdings liegt ein Manko des Buches in der Reduzierung des Problems auf die deutsche Perspektive. Zwar klingt manchmal an, dass es sich beim Phänomen der Illegalität um eine internationale Erscheinung handelt. Eine Betrachtung des Umgangs mit OhnePapieren in anderen Ländern, die teilweise einen ganz anderen Weg in der Behandlung der Thematik gefunden haben, unterbleibt jedoch. Ein Blick auf die Erfahrungen mit Legalisierungskampagnen in Frankreich, Italien, den USA, Spanien oder Belgien wäre sicherlich gewinnbringend für die Diskussion in Deutschland gewesen.
Matthias Blum, Andreas Hölscher, Rainer Kampling: Die Grenzgänger. Wie illegal kann ein Mensch sein?, Verlag Leske und Budrich, Opladen 2002, 166 Seiten, 12,80 EuroÄnneke Winckel: Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland, UNRAST-Verlag, Münster 2002, 197 Seiten, 14,- Euro
Rassismus gegen Roma und Sinti Von Andreas Bodden
Die junge Kölner Politikwissenschaftlerin Änneke Winckel beschäftigt sich in ihrem Buch Antiziganismus. Rassismus gegen Sinti und Roma im vereinigten Deutschland mit der Diskriminierung von Sinti und Roma nach 1989. Ihre Arbeit stützt sich auf die Auswertung wichtiger überregionaler Zeitungen und Zeitschriften wie Spiegel, Zeit, Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, taz etc. Das Buch ist also eine quellenkundliche und keine empirische Arbeit über die Verbreitung antiziganistischer Vorurteile in der BRD. Eine Einführung über die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland vom 15. Jahrhundert bis heute und eine Erläuterung des Begriffs Antiziganismus ermöglicht auch LeserInnen ohne Vorkenntnisse die Lektüre.
Durchaus überzeugend arbeitet die Autorin die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Antiziganismus und Antisemitismus heraus. So wurden Sinti und Roma – ebenso wie Jüdinnen und Juden – Opfer einer Vernichtung in der Zeit des NS-Faschismus. Diese Tatsache ist bisher aber nur bedingt in das Bewusstsein der deutschen Bevölkerung eingedrungen. Noch bis weit in die Siebzigerjahre behauptete die offizielle Politik in der BRD, Sinti und Roma seien wegen ihres »asozialen« und »kriminellen« Verhaltens und nicht wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit von den Nazis verfolgt worden. Dass Sinti und Roma Opfer eines Genozids geworden waren, wurde nicht anerkannt. So folgte auf die Vernichtung die fortdauernde Diskriminierung, die teilweise durch die gleichen BeamtInnen ausgeübt wurde, die auch zwischen 1933 und 1945 die Ermordungen organisierten. Der offizielle Antifaschismus der DDR trug ebenfalls nicht zur Aufklärung über das Schicksal der Sinti und Roma bei.
Seit den Achtzigerjahren sickert das Wissen über den Genozid an den Sinti und Roma zwar langsam in das Bewusstsein größerer Kreise der Bevölkerung, was sich auch in der offiziellen Politik niederschlägt. Aber auch in den Neunzigerjahren blieben Sinti und Roma Objekte massiver Vorurteile. Vor allem nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus aus den Balkanländern eingewanderte Roma gelten als »kriminell« und »asozial«. Winckel weist überzeugend nach, wie sich dies im Verhalten der Behörden, der Presse und der Mehrheitsbevölkerung auswirkt. So weigern sich AusländerInnen- und Asylbehörden hartnäckig, anzuerkennen, dass Roma beispielsweise in Ex-Jugoslawien und Rumänien als Gruppe verfolgt werden, und verweigern ihnen das Bleiberecht. Auch der »Volkszorn« richtet sich immer wieder gegen Sinti und Roma, am schlimmsten 1992 beim Pogrom in Rostock-Lichtenhagen. In der Presse gibt es neben wenigen positiven Berichten viele Beiträge, die entweder das »freie Zigeunerleben« romantisieren oder die bekannten Vorurteile über bei Sinti und Roma angeblich besonders verbreitete Kriminalität, Arbeitsscheu etc. kolportieren. Auch der von den meisten Sinti und Roma als diskriminierend empfundene Begriff »Zigeuner« findet sich immer noch in der Berichterstattung. Alles in allem ist Winckel ein lesenswertes Buch gelungen, das eine Lücke in der Geschichtsschreibung über Antiziganismus in Deutschland schließt.
philtrat nr. 51
Susanne Gannott, ZDFonline: "Nach dem Krieg gingen Sinti und Roma bei der "Wiedergutmachung" zum Großteil leer aus, auch weil deutsche Gerichte lange überzeugt waren, dass die Minderheit bis 1943 nicht aus rassistischen sondern aus "kriminaltechnischen" oder "seuchenhygienischen" Gründen in Konzentrationslager gesperrt worden war. Auch benutzten deutsche Behörden nach 1945 weiterhin ungeniert nationalsozialistische "Rasseforschungs"-Akten etwa für polizeiliche Zwecke und bauten zur weiteren Datenerfassung die "Landfahrerzentrale" in Bayern als Nachfolgeinstitution der NS-Zigeunerzentrale aus. Erst im Oktober 2001 wurde die letzte verbliebene ethnische Sondererfassung von Sinti und Roma in bayerischen Polizeiberichten offiziell eingestellt. Angesichts dieser fortgesetzten Politik der Ausgrenzung spricht Änneke Winkel daher auch von einer Kontinuität der Diskriminierung und Verfolgung vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart."
ZDFonline Eine Auswahl von Bücher zum Thema Antirassismus:
In einem Fremdenland
Susan Arndt (Hg.) – AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland
Nur ein Toter ... - Alltäglicher Rassismus in Deutschland und die Hetzjagd von Guben
Arndt/Hornscheidt – Rassistisches Denken und Sprache. Wie sag ich es nicht.
Sabine Skupsch - Kurdische Migration und deutsche (Bildungs-)Politik
Hito Steyerl, Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hg.) - Gesellschaftstheorie und postkoloniale Kritik
jour fixe initiative berlin – Wie wird man fremd?
Ben Diettrich - Klassenfragmentierung im Postfordismus. Geschlecht Arbeit Rassismus Marginalisierung
Texte bei
Wikipedia :
Judenfeindlichkeit
Rechtsextremismus Informationen des
IDGR