
Mit »Der bewegte Marx« liefern die Autoren eine Einführung in die Marxsche Kritik, die so radikal ist wie die Wirklichkeit – um über sie hinauszuweisen. Eingeführt wird in eine »andere« Lesart Marx’, die nicht auf der zirkulationsmarxistischen Ebene der Tauschverhältnisse verbleibt, sondern bis zu den Bedingungen der Produktion und des Klassenkampfes vordringt.
Die Autoren Karl Reitter ist Philosoph und Redakteur der Wiener Zeitschrift »Grundrisse. Zeitschrift für linke Theorie und Debatte“.
Gerhard Hanloser ist Sozialwissenschaftler aus Freiburg und beschäftigt sich mit internationalen linksradikalen Bewegungen. Bei Unrast erschienen Krise und Antisemitismus (2003) und »Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken« (2004).
Leseprobe Der Zirkulationsmarxismus entnimmt sein grundlegendes Verständnis der kapitalistischen Vergesellschaftung der Marxschen Analyse der Oberfläche der Zirkulation, wie sie in den ersten drei Kapiteln im »Kapital« entwickelt wird. Scheinbar finden sich darin bereits alle wesentlichen Kategorien, um den Kapitalismus zu begreifen: es ist von Ware, Tauchwert- und Gebrauchswert, abstrakter Arbeit aber auch vom Wertgesetz, von Verdinglichung und von Fetisch die Rede. Aufbauend auf dem Fehlurteil, der Kapitalismus sei über den Warentausch vergesellschaftet, extrapoliert der Zirkulationsmarxismus diese Bestimmungen zu einem umfassenden Gesellschafts- und Geschichtsbild: das Resultat ist ein Kapitalismus ohne Dynamik, ohne konstituierende Konflikte und ohne emanzipatorische, »verhüllte« Elemente.
Marx hingegen zeigt, dass die Sphäre des einfachen Warentausches gar nicht aus sich begriffen werden kann. Erst der Perspektivwechsel zur Produktion und zum Klassengegensatz enthüllt die konstituierenden Elemente des Kapitalismus: Gleichheit und Freiheit schlagen um in Ungleichheit und Gewalt, der Äquivalententausch in die Aneignung unbezahlter Mehrarbeit, die Statik der Zirkulation in die Dynamik der Produktion. Erst im Zuge dieser Analyse entfaltet Marx die Begriffe Kapital und Proletariat. Die kapitalistische Produktionsweise in »reiner Form« analysiert, erweist sich als Darstellung einer reinen Dynamik. Die in sich ruhende, negative Vergesellschaftung, wie sie sich auf der Zirkulationsebene zeigt, schlägt in die irreversiblen Prozesse der Entwicklung der Produktivkraft und der Reduktion der notwendigen Arbeitzeit um. Will Marx zeigen, dass die Dynamik des Kapitalverhältnisses die materiellen Bedingungen einer klassenlosen Gesellschaft schafft und so eine reale Umwälzungsbewegung ermöglicht, so schafft der Zirkulationsmarxismus die Bedingungen und Möglichkeiten für emanzipatorisches Handeln theoretisch ab: der Klassenkampf wird zum systemimmanenten Binnenverhältnis des Kapitalismus. So entpuppt sich der Zirkulationsmarxismus als eine auf dem Kopf stehende, ins negative gewendete bürgerliche Affirmation der Verhältnisse. Beide entnehmen »Anschauungen, Begriffe und Maßstab für [das] Urteil« (MEW 23; 190f) der Sphäre der Zirkulation, jedoch dominieren nun die Verdinglichung, Verblendung und die Fetischverhältnisse.
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