
Gegen das Vergessen erschien als 11-teilige Geschichtsserie in der linksradikalen Zeitschrift radikal, mit dem Anspruch, den historischen Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse umfassend darzustellen und ihn so vor dem Vergessen zu bewahren.
Von den Anfängen der Arbeiterbewegung über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus bis hin zu den oppositionellen Bestrebungen in der DDR wird die deutsche Gegengeschichte in den ersten 8 Teilen aus linksradikalem Blickwinkel beleuchtet und analysiert. Die letzten drei Kapitel hingegen zeichnen die Geschichte des Patriarchats und des Frauenwiderstandes vom Mittelalter bis in die Neuzeit nach.
Aufgrund der Parteilichkeit der AutorInnen und der angenehm unwissenschaftlichen Sprache ist Gegen das Vergesssen ein Buch, das wieder Spaß an Geschichte zu wecken vermag, gerade auch bei der jüngeren Leserschaft.
Rezensionen "...'Gegen dasVergessen' [ist] ein wichtiges und nützliches Buch, das sowohl Grundlagen wie auch die Anhaltspunkte für eine weitergehende Beschäftigung mit der Geschichte von Widerstand und Verweigerung liefert auch gegen den modischen Trend in der akademischen Geschichtsschreibung, der Geschichte von unten mittlerweile in eine politisch harmlose kulturelle Alltagsgeschichte verwandelt hat."
Bermd Hüttner, Contraste
"... [D]as Buch [ist] ein wichtiiger Beitrag gegen die Geschichtslosigkeit der radikalen Linken. Das Buch sei daher allen ans Herz gelegt: Nur wer die Geschichte kennt, kann die Zukunft erobern!"
DANN, ARRANCA
Inhalt Vorwort: „Geschichte wird gemacht …“
Teil I: ArbeiterInnenbewegungen, Novemberrevolution
und Weimarer Republik
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 139 vom November 1989)
Novemberrevolution und Weimarer Republik – Impressionen aus den Revolten 1847/48 – Gründung der SPD – Der 1. Weltkrieg – Berlin 1918-19 – Die Novemberrevolution – Der Reichs-Rätekongreß – Die Konterrevolution – Der Spartakus-Aufstand 1919 – KPD Teil I – Der Ruhraufstand 1920 – Die Aufstände 1921-1923 – KPD Teil II – Konzeption der KPD – Der RFB – 1930-1933 – KPD und der Widerstand
Teil II: Die letzten Jahre der Weimarer Republik
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 140 vom Juni 1990)
„Von ihnen, die unten das Ihre tun, wird nie die Rede sein“ – Der anarcho-syndikalistische Widerstand – Ausflug zur SPD – Der unselige Glauben
Teil III: Der Faschismus an der Macht 1933 bis 1938
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 141 vom November 1990)
Faschismus und Kapital – Rassismus und Antisemitismus – Die Verdinglichung der Menschen – Völlige Durchdringung der Gesellschaft – Verbot von „entarteter Kunst“ und Durchsetzung der NS-Kunst – Perfektionierung der politischen und sozialen Kontrolle – Es gibt keinen ruhigen Platz zwischen Mündungsfeuer und Aufschlag – Zwischen Anpassung und Arrangieren – Der schmerzliche Prozeß des Umdenkens der KPD – Und die SPD-Führung – Der erste organisierte Widerstand – Solidarität mit Spanien – Betrieb – Sabotage-Aktionen – Säuberungen – Der 9. November 1938
Teil IV: Faschismus, Krieg, Sowjetunion und Widerstand
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 142 vom März 1991)
Erfassung und Kriegsplanung – Arbeitskräfteplanung im Dienste des Krieges und der Selektion – Das Verschwinden der jüdischen Bevölkerung: Alle haben es gewußt – Das Kriegsszenario der Faschisten – Planungen und Ziele – Die innere Front – Kriegswahn, Chauvinismus, Rassismus, Hierarchie: Das Treten nach Unten – Das ZwangsarbeiterInnensystem – Der Arsch beginnt auf Grundeis zu gehen – Erkämpft die Internationale das Menschenrecht?!? – Stalinismus/Leninismus/Marxismus I. Teil – Stalins Ämter – Die Entwicklung des Apparates – Stalinismus/Marxismus II.Teil – Das System der Säuberungen – Kurz vor dem II. Weltkrieg: Änderungen in der sowjetischen Politik – Spanischer Bürgerkrieg – Der Nichtangriffspakt – Die Machtpolitik der SU – Der Kriegsbeginn gegen die SU – Der Große Vaterländische Krieg – Die Gegenoffensive – „Interessenssphären“ – Widerstand gegen den Faschismus – Widerstandsgruppen – Widerstand der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen – Widerstand der Jugend
Teil V: „Mit mir oder ohne mich – aber die gehen drauf” – Der Widerstand in den Konzentrationslagern und Ghettos
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 143 vom Mai 1991)
Konzentrationslager (KZ) – Lagerisierung des gesamten Lebens – Widerstand in den Lagern – Jüdischer Widerstand in den Ghettos Osteuropas
Teil VI: Die Zeit nach dem NS-Faschismus 1945 bis 1948
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 144 vom Oktober 1991)
Alltag im Nachkriegsdeutschland 1945 bis 1948 – 1945: Initiativen von Unten – Streiks und Hungerdemos – Kämpfe in den Westzonen – ‘Aktion Kohleklau’ – Sozialisierung oder Westintegration – die westdeutsche Gewerkschaftsbewegung – Und was machte die KPD nach 1945? – ‘Entnazifizierung’, Persilscheine und Kriegsverbrecherprozesse – Die deutsche Justiz – Die deutsche Polizei – Und die deutschen Bonzen
Teil VII: „Ärmel aufkrempeln, aufbauen, zupacken ...” –
die BRD in den 50er Jahren
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 145 vom Februar 1992)
Die fünfziger Jahre – Die Sozialpartnerschaft – Bruchlandung auf dem Boden der demokratischen Grundordnung – Die Jahre der Illegalität – Die systematische Kriminalisierung – Die KPD in den fünfziger Jahren – Die Wiederaufrüstung und der Widerstand dagegen – Das Potsdamer Abkommen – Truman-Doktrin und Kalter Krieg – Marshall-Plan und Carepakete
Teil VIII: Vom Anfang des deutschen Realsozialismus –
die DDR bis 1953
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 147 vom März 1993)
Exil-KPD und Antifa Ausschüsse – Von der Wiederzulassung der Parteien … zur Gründung der SED – Die Politik der SED – Die Partei, die Partei,die hat immer recht! – Die staatliche Organisierung der Repression – Innerparteiliche Repression – Das Ende des Stalinismus in der UdSSR – Errungenschaften durch die neuen Machtverhältnisse – Die Bodenreform -Die Reform des Bildungswesens – Wie kam es zur Zweistaatlichkeit Deutschlands? – Die Stasi beziehungsweise zur staatlichen Repression in der DDR – Arbeit, Normen und der 17. Juni – Frauen-Arbeit im realen DDR-Sozialismus
Teil IX: Die Zeit der Hexenverfolgungen
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 149 vom März 1994)
Feudalen Gesellschaftsstruktur – Das Ausmaß der Hexenverbrennungen – Erklärungsversuche – Die Kirche – Der Hexenhammer – Grundlage der Verfolgungen – Patriarchale Theologie – Klöster als Zurichtungsstätten zur Sexual- und Frauenfeindlichkeit – Marienverehrung und Minnegesang im 12./13. Jahrhundert – Die sozialreligiösen, oppositionellen Bewegungen Sozialreligiöse Frauenbewegung – Die Reformation oder: „Die Dämme werden nach innen verlegt“ – Die Anerkennung der Ehe, verkleidet als religiöser Fortschritt – Weitere Ausformulierung und Ausweitung des Hexenvorwurfs – Höhepunkt der Hexenverfolgungen
Teil X: Aufklärung,Geschlechterpolarisation und die
Entdeckung der ‘Liebe’
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 150 vom Juli 1994)
Das ‘Ganze Haus’ – Familienleben im Mittelalter – Widerstand von Frauen in feudalistischen Verhältnissen – Das Zeitalter der Aufklärung – Die verschiedenen Weiblichkeitsentwürfe in der Aufklärung – Der Entwurf der Gelehrsamen – Die Ehe als ziviler Vertrag – „Der Verstand kennt kein Geschlecht“ – Die Frauenzeitschriften – Der Entwurf der ‘Empfindsamen’ – Die Frau als Anhängsel des Mannes – Die ‘Empfindsame’ und die Literatur – Stets zu Diensten – Die Liebe als goldene Fessel – Die liebevolle Familie als Staat im Staat – Die Liebesdienste im goldenen Käfig – … oder ist das alles Liebe? – Olympe de Gouges – eine Frau in den Mühlen der Aufklärung – Die sich ausweitende – Sucht nach Bilderwelten – Die protestantische Ethik und der ‘Geist des Kapitalismus’ oder: Vom kriegerischen Mann zum Helden der Arbeit – Männerbilder …
Teil XI: Erziehung und Sexualität
(zuerst erschienen in ‘radikal’ Nr. 152 vom April 1995)
In männlicher Sache – In gesellschaftlicher Sache – In kindlicher Sache -Geschichte der Erziehung – Installierung des Kindheitsverhältnisses – Der totale Machtanspruch – der Eltern – Schulen – Manipulationspädagogik – Künstliche Welten schaffen – Die Sexualität des Kindes – Ordnungsprinzip – Disziplinierung und Militarisierung – Pädagogik im 19. Jahrhundert – Hysterisierung der Frauen – Geschichte der Hysterisierung – Patriarchale Legitimation durch Freudsche Stunden – Sexueller Mißbrauch – Kampfterrain Säugling -Geschichte der Sexualität – Die ‘alltäglichen’ Verhältnisse – Tabuisierung und/oder Thematisierung der Sexualität – Der Prozeß der Zivilisation – das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenze – Die ‘Sexualitätsbefreier’ – Thematisierung der Sexualität durch Verdrängung? -Wie wird Wahrheit über den Sex hergestellt? – Die vier Komplexe der ‘Wahrheitsproduktion von Sexualität’
Literatur: Tips zum Weiterlesen
Vorwort „Geschichte wird gemacht …“
Geschichte ist gemeinhin die Lüge, auf die sich die Sieger im Nachhinein geeinigt haben. Wer sich nicht durchgesetzt hat, nicht geschichtsmächtig geworden ist, wird vergessen. Wer weiß schon, daß es in Deutschland einmal eine Hunderttausende Mitglieder zählende Rote Ruhrarmee gab? Wer hat schon vom „mitteldeutschen Aufstand“ gehört oder von den PartisanInnen um Max Hölz, die in den Jahren 1919 und 1920 im Vogtland, in der Nähe von Plauen und Hof, operierten? Wer hat schon einmal gelesen, daß es in den 20er Jahren zumindest in den Großstädten eine FrauenLesben-Szene gab?
Ohne tradiertes Wissen beginnt bereits an den Grenzen der eigenen Lebensgeschichte geschichtliches Vergessen. Und so ist für viele heute der Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den 50er Jahren bereits unbekannt. Ebenso unbewußt ist vielen die geschichtliche Gewordenheit all dessen, was über historische Fakten wie Staatenbildung, Kriegsverläufe, Wirtschaftsgeschichte, etc. hinausgeht. Denn auch die Verfaßtheit unserer Psyche, das Geschlechterverhältnis, der Arbeitsbegriff und ähnliches beruhen nicht primär auf biologischen Fakten, sondern sind historisch recht jungen Datums. Diese Form von ‘Subjekt’, wie ‘wir’ uns fühlen und denken, wurde und hat sich erst seit etwa 200 Jahren langsam und gewalttätig durchgesetzt.
Von Ende der 80er bis in die Mitte der 90er Jahre hinein erschien in der autonomen Zeitschrift radikal die Geschichtsserie Gegen das Vergessen. Zuerst konzipiert als ein längerer Artikel zur Geschichte des Widerstands von Unten in Deutschland und begrenzt auf den Zeitraum von 1847 bis 1933, entwickelte sich dieser zu einer umfassenden Serie über sozialrevolutionären Widerstand und Verweigerung in diesem Land. Inhaltlich verfolgte diese Serie schließlich zwei Stränge.
In den ersten acht Teilen wird chronologisch der Zeitraum von 1847 bis 1953 bearbeitet. Schwerpunkte bilden die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und die Gründungsphasen von BRD und DDR.
Ein zweiter Strang mit drei weiteren Teilen versucht – ausgehend von den Hexenprozessen und der Reformation – Erziehung, Sexualität und Arbeitsideologie nachvollziehbar und bewußt zu machen. Wie wurden ‘wir’ durch jahrhundertelange Prozesse von Erziehung und Terror zu dem gemacht, was wir heute als unser ‘ich’ und ‘unsere Wünsche’ empfinden?
Wiederholt wurde in der radikal darüber nachgedacht, ob ein meist nur unter dem Ladentisch zu erhaltendes Blatt der richtige Ort zur Veröffentlichung einer so umfassenden Serie ist. Zum einen hatte sie als solche kaum mit einer Kriminalisierung zurechnen und zum anderen mußt sie bei dem beschränktem Platz mit anderen Artikeln konkurrieren. Im Rahmen der Arbeit an dem Buch ‘20 Jahre radikal’ reifte bei einigen MitarbeiterInnen jenes Buchprojekts der Gedanke zum Vorsatz, die Texte endlich als Gesamtwerk öffentlich zugänglich zu machen. Es dauerte schließlich zwei weitere Jahre, bis alle Texte eingescannt und soweit überarbeitet waren, daß sie nun in Buchform vorliegen.
Eine der Stärken der Texte – zu den Schwächen kommen wir weiter unten – liegt für uns (die Menschen, die sich ans Überarbeiten gemacht haben) darin, daß sie sich hervorragend als Einstieg in eine Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Landes eignen. Gerade ihre unfertige Art schafft den Platz zur eigenen Auseinandersetzung mit Geschichtsschreibung. Es wird kein neues, geschlossenes Geschichtsbild präsentiert. Vielmehr geht es um einen Prozeß kritischer Annäherung an die und Aneignung der eigenen Geschichte. Das entworfene Panorama und seine Mosaiksteine machen Lust auf mehr und laden ein, sich selbst intensiver mit diesen Zeiten zu beschäftigen. Vielleicht auch genau deshalb, weil Gegen das Vergessen an manchen Stellen so offensichtlich auch kritisierbar ist.
Um den Charakter von Gegen das Vergessen als einen Einstieg in die Auseinandersetzung mit Geschichte ein wenig zu verstärken, fügen wir am Ende des Buches einige kommentierte Literaturangaben hinzu, die Neugieriggewordenen Tips zum Weiterlesen bietet.
Ebenso motivierend war für uns die Tatsache, daß es – außer zu Einzelaspekten – keinen weiteren linksradikalen Versuch einer Geschichtsschreibung dieses Landes gibt.
In den Texten suchen die AutorInnen immer wieder den Dialog mit ihren LeserInnen und setzen die historischen Ereignisse in Bezug zu heutigen Situationen. Dabei werden kostbare Erfahrungen und Ideen transportiert, auch wenn nicht zu erwarten ist, daß die Erfahrungen von 1918 der Komplexität des Jahres 2000 gewachsen sind. Aber um auf die Idee zu kommen, daß Widerstand möglich ist, ist es gut zu wissen, daß Widerstand möglich war.
Allein das Wissen um eine andere Geschichte ermöglicht, die herrschende Geschichtsschreibung gegen den Strich lesen zu können. Und delegitimiert diese zumindest.
Im Mittelpunkt der Geschichtsschreibung von Gegen das Vergessen stehen die aktiven, angreifenden Versuche, Widerstand zu leben und einen Umsturz herbeizuführen – das eigene aktive Handeln von unten. Die Subjekte der Geschichte sind die Menschen unten. Immer versuchen die AutorInnen den Mentalitäten der handelnden Personen in den jeweiligen historischen Situationen nachzuspüren. Dieser konsequente Blick von unten und die Präsenz einer feministischen Perspektive kontrastieren die übliche Herrschaftsgeschichtsschreibung radikal. Gegen das Vergessen ist eben keine – wie kritisch auch immer formulierte – Geschichtsschreibung aus dem Blickwinkel der Herrschenden und auch keine Geschichtsschreibung, die die Menschen unten nur zu Opfern macht.
Trotz deutlicher Sympathie der AutorInnen auch allen kommunistischen Ansätzen gegenüber, wird seit der Gründung der KPD 1919 nichts beschönigt und kein Verbrechen verschwiegen.
Doch was ist überhaupt Geschichte und Geschichtsschreibung? Geschichte ist immer eine Konstruktion im Nachhinein. Die Perspektive ist immer die von ‘heute’. Man glaubt, das Ergebnis der historischen Situation, die man betrachtet, zu kennen. Und damit verändert sich die Bewertung dieses Ergebnisses. Und selbst dieses ‘heute’ verändert sich stetig.
Gleichzeitig soll Geschichte auch immer die Gegenwart legitimieren, bzw. delegitimieren. Wer Geschichte schreibt, kämpft um die Definitionsmacht. Wessen Auslegung der vergangenen Ereignisse in Alltag, Medien und Schulbüchern zu finden ist und wer seine Interpretation durchsetzt, dominiert die politischen Strukturen der Gegenwart. Deshalb war zum Beispiel Helmut Kohl das Deutsche Historische Museum so eine Herzensangelegenheit. Und deshalb die Auseinandersetzung über die Gestaltung des Jüdischen Museums in Berlin – wer darf mit welchem Blick auf die Geschichte das Museum gestalten?
Unserer Meinung nach geht es um ein Offenlegen der Methoden und der Interessen, mit denen auf Geschichte geschaut wird. Dies läßt dem/r LeserIn den Raum, diese Interpretation als Interpretation zu erkennen. Trotzdem wollen wir keine postmoderne Beliebigkeit, der eine sieht es eben so, die andere so, und alles steht gleichberechtigt nebeneinander.
Diesem Problem unterliegen strukturell alle Geschichtsschreibungen. Deshalb wird es nie eine ‘wahre’ Geschichte geben. Nur bei Fakten gibt es sehr wohl richtig oder falsch: War der Ruhraufstand nun 1919 oder 1920? An welchem Tag kapitulierte die deutsche Armee in Stalingrad, etc.
Ein paar Beispiele aus der deutschen Geschichte sollen obige Gedanken verdeutlichen. War die DDR mit dem Blick von 1988 eine konstante historische Größe bei einer Geschichtsschreibung des „deutschsprachigen Raums“, ist sie mit dem Blick von 1998 nicht viel mehr als eine Episode von 40 Jahren.
Überhaupt ist jede deutsche Geschichte eine Konstruktion im nachhinein. De facto gibt es Deutschland als Gründung durch die Preußen seit 1871, für viele Landstriche hätte es auch ohne weiteres anders kommen können. Seit der Aufklärung und besonders nach der Reichsgründung waren Hunderte von Historikern damit beschäftigt, an einer deutschen Nationalgeschichte zu basteln, die heute, da sie sich mit den Machtverhältnissen deckt, auch relativ plausibel wirkt. Was wäre aber, wenn es nach dem Zweiten Weltkrieg zur Gründung der Donaurepublik mit Österreich, Bayern und Südwürttemberg gekommen wäre? Dann wäre Bayerns Mitgliedschaft im Deutschen Reich auch nur eine kurze Episode von 75 Jahren „preußischer Fremdherrschaft“ gewesen, um sich dann wieder seiner ‘Eigentlichkeit’, der Zugehörigkeit zum nördlichen Alpenvorland zuzuwenden.
Ein weiteres aktuelles Beispiel: Seit einigen Jahren gibt es bei mehreren großen Verlagen „Europäische Geschichte“ im Angebot. Wurde vor 80 Jahren noch genau der Unterschied zwischen ‘den’ Franzosen und ‘den’ Deutschen betont, wird heute an einer gemeinsamen europäischen Geschichte gebastelt.
Viel von der Kritik an der herrschenden Geschichtsschreibung gilt strukturell auch für linksradikale Geschichtsschreibung. Die Serie Gegen das Vergessen war in den Kontext einer militanten autonomen Bewegung und der Zeitschrift radikal eingebettet. Selbst wenn die AutorInnen dies in der Einleitung zu Teil I explizit von sich weisen, geht es genau darum: das heutige (1989) Verhalten als militante autonome Bewegung auch aus der Erfahrung der Geschichte heraus zu begründen und sich in einen historischen Kontext zu stellen. Es werden heutige autonome Positionen aus der Geschichte heraus legitimiert. Selbstverständlich will man sich nicht direkt in die Tradition der Roten Ruhrarmee stellen, doch ein bißchen kokettiert man doch damit. Die Sehnsucht nach einer eigenen Verortung in der Geschichte ist deutlich zu spüren – aber ist dies nicht legitim? Wichtig ist, dies zumindest halbwegs offen zu benennen – ein wenig gegen den Strich gelesen, geschieht dies in der Einleitung zu Teil I.
Auch durch die Auswahl der Ereignisse, die man/frau für berichtenswert hält, geschieht die eigene Verortung. Durch die Betonung des aktionistischen Angreifens richtet sich der Blick von Gegen das Vergessen eben auf das, was die Autonomen auch tun – zumindest in den 80er Jahren. Und im selben Moment ist die Serie Gegen das Vergessen der Versuch, sich gegen dieses nur aktionistische Eingreifen ein theoretisches und historisch reflektiertes Fundament zu schaffen. Praxis ist nicht alles.
Unsere Begeisterung für die Serie Gegen das Vergessen bleibt oft gespalten: Da hätte zu vielen Themenkomplexen viel mehr recherchiert und noch kritischer betrachtet werden müssen. „Überall laufen Demonstrationen“ sagt nichts über ihre zahlenmäßige Größe. Und noch weniger zur politischen und sozialen Relevanz einer solchen Demonstration.
Aus vielen Zeilen dringt deutlich die Sehnsucht, ‘gut’ von ‘böse’ zu trennen und dieses jeweils lokalisieren und beschreiben zu können.
Auch bestimmte Denkschulen kann mensch nicht so abhandeln, wie es die AutorInnen in den Teilen IX bis XI tun. Diese Theorien, z.B. die von Sigmund Freud, sollten mehr nach dem befreienden Potential, das sie in sich tragen, abgesucht, aber auch nach den reaktionären ideologischen Effekten und Anwendungen abgeklopft werden.
Bei der Interpretation einer historischen Quelle sollten selbstkritischer die eigenen Herangehensweisen hinterfragt (was möchte ich eigentlich gern finden) werden. Auch hilft das Stellen von Fragen an die Texte gestellt (inwiefern können sie mir heute etwas sagen, an welchen Stellen nicht, inwiefern sind sie einfach ein Produkt ihrer Zeit, etc.) eher weiter. Beziehungsweise können sie als eine „historisch-kritisch“ zu betrachtende Materialenkiste benutzt werden. In dem Anspruch, Herrschaftsgeschichte kritisch zu beleuchten, gehen die AutorInnen von Gegen das Vergessen oft unkritisch an Geschichtsdarstellungen heran, die von ‘unserer’ Seite geschrieben zu sein scheinen. Auch für ‘uns’ gilt die Frage, wer schreibt was, wann und warum. Zum Beispiel sind manche Texte in einem bestimmten Stadium feministischer Auseinandersetzung entstanden, würden aber heute so nicht mehr geschrieben werden.
Für die Buchausgabe haben wir alle Texte neu gesetzt und sprachlich leicht überarbeitet, ohne dabei die lebendige Alltagssprache herauszunehmen. Viele sprachliche Flapsigkeiten haben wir bewußt wie im Original belassen, z.B. ist die Situation „stinkreaktionär“, finden ArbeiterInnen „superschwere Bedingungen“ vor und müssen aufpassen, sich „nicht von oben das Hirn verkleistern zu lassen“. Ausdrücke wie „die Bullen“ und „die Schweine“ haben wir meist durch präzisere Begriffe ersetzt; nur an Stellen, an denen sie einen emotionalen Sinn machen, blieben sie stehen. Geringfügige sachliche Fehler verbesserten wir stillschweigend. An einigen wenigen Stellen haben wir geringfügige Ergänzungen vorgenommen, z.B. wurde der Tatsache, daß 1919 Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, noch das Wahlergebnis beigefügt. All diese Stellen wurden nicht extra kenntlich gemacht. Im wissenschaftlichen Sinne handelt es sich also um keinen originalgetreuen Reprint.
Der Prozeß der Annäherung der AutorInnen an eine etwas ‘seriösere’ Geschichtsschreibung läßt sich gut bei den Quellenangaben beobachten. Insbesondere in den ersten Teilen sind im Original wiederholt Quellen und Zitate nicht belegt. Dagegen verfügt der Teil XI über mehr als fünfzig zum Teil ausführliche Fußnoten. Soweit wenigstens Andeutungen zur Quelle vorhanden waren, wurden diese von uns nachrecherchiert und stillschweigend in den Text eingebaut. An manchen Stellen wäre dies allerdings mit einem unangemessen hohem Arbeitsaufwand verbunden gewesen und wurde deshalb unterlassen.
Die Serie Gegen das Vergessen kann mit den in diesem Buch veröffentlichten elf Teilen in keiner Weise als abgeschlossen gelten. In der Ausgabe 154 der radikal vom Juni 1996 erschien ein Teil XII zur Geschichte des Antisemitismus mit dem Titel „Der Blick zurück ist immer auch ein Blick nach vorne“. Auch wird in diesem Heft ein Teil XIII zur Geschichte der Roma und Sinti angekündigt, der allerdings bisher noch in keiner der zwei weiteren bisher erschienen Ausgaben der radikal veröffentlicht wurde.
Neben dem Kampf gegen das Vergessen formulieren die AutorInnen in der Einleitung zu Teil VIII eine weitere Aufgabe der Serie: „Wir wollen (…) aus den Erfahrungen, aus den Fehlern und aus den Erfolgen, die früher gemacht wurden und die zum Teil ganz bewußt in Vergessenheit geraten sind, lernen.“ Verloren zu haben heißt noch lange nicht, Unrecht gehabt zu haben. Sondern es gilt, sich der Anstrengung zu stellen, beim nächsten Anlauf aus den Fehlern gelernt zu haben und alles besser zu machen.
In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen
aus der Reihe unrast reprint: GdV-Team der radikal - Gegen das Vergessen. Sozialrevolutionärer Widerstand und Verweigerung in Deutschland. B.A.M.B.U.L.E. (Hg.) Der Tod Ulrike Meinhofs. Bericht der Internationalen Untersuchungskommission. Bobby Sands - Ein Tag in meinem Leben AG Spass muß sein! (Hg.) - Spassguerrilla. fantastische möglichkeiten - mögliche fantasien