Geschichtsschreibung der antideutschen Linken

Bücher über linke Strömungen haben immer ihren besonderen Reiz vor allem, wenn sie von Protagonisten der Bewegungen selbst geschrieben wurden. Für die internationalistische Linke versuchte das im Jahr 1992 erschienene Buch „Odranoel, Die Linke zwischen den Welten“ einigen ältere Debatten darzustellen und neue anzustoßen, ähnlich wie das 2003 erschienene BUKO-Buch „radikal global“. Ein jüngst beim Münsteraner Unrast Verlag erschienenes Buch versucht nun diese Tradition der Darstellung, Analyse und Kritik der „eigenen Bewegung“ aufzugreifen. Es hat den irritierenden Titel „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken“ - mit der Vergangenheitsform will der Herausgeber des Buches wohl dieses Phänomen innerhalb der deutschen Linken verabschiedet wissen, ausserdem spielt es auf eine ältere 70er Jahre Schrift an „Wir warn die Stärkste der Partein“, eine Abrechnung mit den sektiererischen K-Gruppen, die sich nach der antiautoritären Phase der Studentenbewegung etablierten. Seit einigen Jahren treibt nun das sog. antideutsche Phänomen sein Unwesen in der deutschen Linken, angefangen hat es als ein Versuch der Selbstkritik der oftmals nationalistischen und geschichtsblinden Linken hierzulande, doch dieser Versuch, so der dem Rätekommunismus und der frühen Kritischen Theorie verpflichtete Herausgeber Gerhard Hanloser, sei in reiner Affirmation des Bestehenden gemündet. Liest man die einzelnen Beiträge, so ist dieser Diagnose durchaus zuzustimmen: aus der Kritik des Antiamerikanismus wurde eine in der Unterstützung des Afghanistan- und Irakkrieges ersichtliche Pro-US-Position - wie Detlef Hartmann und Wolf Wetzel zeigen; aus der Kritik des linken Antisemitismus und seiner Verkleidung als Antizionismus eine zuweilen fahnenschwenkende und blinde Israelsolidarität - wie der Herausgeber und Moshe Zuckermann zeigen; aus der alt-linken Haltung allen „Verlierern“ und „Verdammten dieser Erde“, die sich gegen Herrschaft wehren, emanzipatorisches Potential zu unterstellen wurde ein „Winner“-Diskurs, der dazu aufruft, „die Welt aushalten zu lernen“, wie der Arbeitssoziologe Holger Schatz herausarbeitet. So stellt sich die Frage, ob diese Verschiebungen linken Denkens tatsächlich „Anpassungsprozessen“ - wie der Herausgeber anklagend schreibt - geschuldet sind, oder ob sie angesichts einer sich verändernden Realität ergeben haben und auf diese in adäquater Weise reflektieren. Vielleicht sind die veränderten Positionen aber auch biographisch überdeterminiert und nur als psycho-dynamischer Prozess einer marginalisierten Linken zu verstehen, die nun nach den alten Fehlern ins andere Extrem überschwenken. Die in dem Sammelband zusammengefassten Stimmen geben ganz unterschiedliche Antworten: die psychologische Dimension arbeitet die Berliner Philosophin Ilse Bindseil heraus: sie beschreibt die Geschichte der Nach-68-Generation als eine der Suche nach Unschuld, die sich in neue Schuld verstrickt. Die radikale kleine Minderheit, die die antideutsche Linke sein will, macht sich historisch in dem Augenblick mit der global mächtigsten Kraft, den USA, gemein, in dem diese auch geächtet wird und sich weltweit in eine zumindest moralisch marginalisierte Rolle katapultiert. Darüberhinaus wähnt sich die antideutsche Linke in der Rolle des Antifaschisten im Kampf gegen „neue Nazis“ - so kann scheinbarer Nonkonformismus, verquere Reflektion auf deutsche Geschichte und das politische Ja zu den Mächtigen sich vereinen. Michael Kiefers kurzer Interview-Beitrag dagegen zeigt, dass einige Punkte, auf die antideutsche Publizisten aufmerksam machen, ernst zu nehmen sind: gerade der islamisierte Antisemitismus als europäischer Export stellt eine große Gefahr dar, der von der traditionellen Linken ignoriert wird. Der Israel-Palästina-Konflikt hat für den Islamwissenschaftler Auswirkungen auf das antisemitische Denken vieler Muslime, ist aber nicht die erste Ursache, Antisemitismus ist auch in seiner islamisierten Form in erster Linie eine projektive Ideologie.
Teils enttäuschend sind die Beiträge derjenigen, die sich der linksradikalen Bewegungsgeschichte verpflichtet sehen und denen teilweise der Abstand zur eigenen politischen Tradition fehlt. Der in Paris ansässige Journalist Bernhard Schmid zeichnet zwar sehr Detail getreu die Geschichte der aus dem Kommunistischen Bundes (KB) sich entwickelnden Bahamas nach, eine der aggressivsten antideutschen Gruppen, doch dem Beitrag mangelt es an theoretischem Tiefgang. Interessant wäre hier die Frage gewesen, inwiefern sich das populistische Schielen auf die „Neuen Sozialen Bewegungen“ des alten KB bloß in eine lärmende Absage an jede soziale Bewegung verkehrt hat und ob die 70er-Jahre-Faschisierungsthese nun wieder auftaucht als verschwörungstheoretisch anmutende These, hinter Attac, Hamas und Al Quaida stecke eine barbarische proto-faschistische Kraft. Enttäuschend ist auch der Beitrag von Markus Mohr und Sebastian Haunns, die auf die Ähnlichkeiten von autonomer und antideutscher Szene aufmerksam machen wollten, allerdings in ihrer Kritik bloß an einzelnen Phänomenen hängen bleiben. Dies holt Michael Koltan vom Archiv für soziale Bewegungen in Südbaden nach, der der Identitätspolitik der neuen Linken in einem breiten historischen Ausflug durch die bundesrepublikanische Linke nach 1968 nachspürt. Ihm erscheint die antideutsche Politik, die sich im US- und Israel-Fahnen-Schwenken gefällt und politische Gegner besonders gerne in die Nähe des Faschismus rückt als Identitätspolitik par exzellence. Leider ist Koltan wenig gewillt sich auf den Gegenstand selbst, die Antideutschen, einzulassen und ahmt mit seiner teils saloppen, teils psychologisierenden Art, wenn auch in aufklärerischer Absicht, lediglich die Darstellungs- und Verfahrensweise antideutscher Publizisten nach, die auch ihrem Gegenstand wenig gerecht werden wollen.
Der Sammelband soll Fragmente einer radikalen Kritik des Bestehenden liefern. Damit ist eingestanden, dass es sich bei dem Buch nicht um eine Schrift aus einem Guss handelt, auch wenn sich wie ein roter Faden der Bezug auf die Kritische Theorie durchzieht, die die Antideutschen für sich reklamieren. Plausibel wird gezeigt, dass dies den Antideutschen mit ihren alles andere als kritischen und un-dogmatischen Ausführungen nicht gelingt, obwohl es Anknüpfungspunkte gerade an die späte, pessimistische Kritischen Theorie gibt. Tatsächlich scheinen sich über diese losen Bezüge und die teils ergänzende, teils gegenläufige Geschichtsschreibung der Linken nach 1968 hinaus die einzelnen Beiträge auch an wichtigen Stellen zu widersprechen, gerade wenn es um eine an die Wurzel gehende Kritik geht: Den Autorinnen und Autoren der Frankfurter Marx-Gesellschaft zu Folge könne man ungebrochen an Marx anknüpfen, wobei sie in überzeugender Weise die Marxsche Klassen- und Wertbestimmung darlegen und damit auch der unguten Marxverhunzung durch Wertkritiker und negative Theologen wie Joachim Bruhn und Robert Kurz begegnen. In den Augen des Herausgeber ist es nach den historischen Krisenerfahrungen wie beispielsweise 1929 und den antisemitisch-barbarischen Folgen dagegen schwierig geworden, ungebrochen an das Marxsche Geschichts- und Praxis-Verständnis anzuknüpfen, woraus er seine ambivalente Haltung zum Zionismus und zur marxistischen Zionismuskritik ableitet. Michael Koltan dagegen zeichnet das Bild einer subversiven kulturellen Jugend-Revolte auf der einen und einer reformistisch verflachten gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung auf der anderen Seite. Und Detlef Hartmann scheint auf den heutigen Nahen Osten bezogen eine moral economy als revolutionäre Größe hochzuhalten, die sich gegen jeden kapitalistischen Fortschritt und technische Modernisierung richtet, die von US-Neokonservativen wie islamistischen Terroristen gleichermaßen verkörpert werden. Eine zukunftsweisende Manifestation ist „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken“ nicht. In der Kritik der Antideutschen als Produkt der Linken ist der Sammelband stark, auch in der Darstellung der Geschichte des linken Bellizismusdiskurses wird erhellendes zu Tage gefördert. Hier scheinen tatsächlich die globalen Umbrüche nach dem Ende des Kalten Krieges immer wieder Generationen von Linken dazu bewogen zu haben, sich in dichotomer Weise für die Zivilisation, die „offene Gesellschaft“ und ihre heilbringenden Kriege auszusprechen. Das Buch ist im positiven Sinne Kritik als Darstellung und erhellt die kaum noch nachzuvollziehenden Wendungen vieler deutscher Linker nach 68 und 91, alleine deswegen sollte dieser Band in keinem linken Bücherregal fehlen.

Gerhard Hanloser (Hg.), „Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik“, Münster 2004

Mark Schwörer

aus: Feierabend Nr.17, undogmatische, anarchistische Zeitschrift aus Leipzig