Medienberichterstattung als Integrationshemmnis. Eine Einleitung
Auszug aus der Einleitung von:
Siegfried Jäger / Dirk Halm (Hg.)
Mediale BarrierenRassismus als Integrationshindernis
Siegfried Jäger/Dirk Halm Neben der weltweiten ökonomischen Globalisierung findet zugleich eine komplexe interkulturelle Globalisierung statt, wie der Politikwissenschaftler Dieter Senghaas in einem kürzlich erschienenen Artikel überzeugend darlegt. (Senghaas 2007) Zugleich bedauert er, dass „von einem inspirierenden Dialog der Kulturen immer weniger die Rede sein“ könne. (Senghaas 2007, 55) Wohlgemerkt: Immer weniger! Dass dies leider der Fall ist, zeigen die in diesem Buch vorgestellten Analysen, die sich schwerpunktmäßig auf das Islambild in den Medien beziehen. Die Medien, insbesondere nach den Terroranschlägen auf das WTC in New York, befeuern einen Diskurs, der Integrationshindernis oder zumindest doch -hemmnis ist, indem sie sich tendenziell uni sono eines „binären Reduktionismus“ bedienen, wenn es um das Bild von Muslimen im Vergleich zu den Mitgliedern jeweiliger Mehrheitsgesellschaften geht. Im Klartext: Es findet eine Schwarz-Weiß-Malerei statt, dergestalt, dass die schlechten Eigenschaften von Muslimen (und anderen Einwanderern) besonders betont werden, die guten Eigenschaften dagegen geleugnet, ignoriert oder abgeschwächt werden. Demgegenüber findet bei den „Eingeborenen“ das Umgekehrte statt: Ihre guten Eigenschaften werden besonders hervorgehoben, während ihre schlechten Eigenschaften verschwiegen, abgeschwächt oder verleugnet werden. Hier sehen wir ein ernsthaftes Hindernis für die Ermöglichung einer „friedlichen Koexistenz“ (Senghaas 2007, 61) der Kulturen weltweit.
Zugleich werden die Forderungen an die Muslime immer lauter, sich zu integrieren, wobei die Latte zur Integration immer höher gelegt wird und teilweise unsinnige Hürden davor aufgebaut werden. Der Anteil der Medien an den somit stattfindenden Ausgrenzungsprozessen ist erheblich, denn sie schüren einerseits Rassismus in der Mehrheitsbevölkerung, der dazu führt, dass die in den Aufnahmeländern lebenden Muslime zunehmend abgelehnt und verfolgt werden, und der andererseits dazu führt, dass die Einwanderer sich zurückziehen, dass, mit anderen Worten gesagt, ihre bisher bereits erbrachten erheblichen Integrationsleistungen sich deutlich zu verringern drohen.
Das heißt insgesamt: „Wer immer sich ... heute anschickt, interkulturelle Dialoge zu inszenieren, sollte die real existierenden Kulturwelten, nicht also die Fiktion von in sich geschlossenen, abgerundeten Kulturen zum Ausgangspunkt nehmen.“ (Senghaas 2007, 63) Und das gilt ebenso global wie regional und lokal.
Die Analysen in diesem Band stützen damit eine skeptische Zukunftsprognose in einer Zeit, in der es ja vorgeblich um eine gesellschaftliche Integration der Muslime und ihrer Organisationen geht, verstanden nicht zuletzt als Stärkung politischer Partizipationsmöglichkeiten - der Islamgipfel des Innenministeriums 2006 formiert diese Zielsetzungen, die sich prinzipiell aber auch in den anderen europäischen Ländern stellen. Tatsächlich verläuft der deutsche Islamdiskurs asymmetrisch, was auch die Medienberichterstattung reflektiert.
Die Partizipation der Muslime ist keine politische Selbstverständlichkeit - viel mehr scheint es bei der Integration des Islams um eine „Domestizierung“ zu gehen. Dabei bestimmt die Aufnahmegesellschaft, wer überhaupt als Dialogpartner Akzeptanz findet und welche Themen auf die Agenda kommen, etwa indem die Kategorie der „Leitkultur“ zu etablieren versucht wird.
Aufgrund der Wahrnehmung des Islams und der Muslime als „Sicherheitsrisiko“, vermehrt seit dem 11. September 2001, scheinen sich zudem der politische Islamdiskurs und der Integrationsdiskurs in Deutschland (und darüber hinaus) immer deutlicher zu überlappen. Integrationsfragestellungen werden vermehrt vor dem Hintergrund des religiösen Bekenntnisses verhandelt. Damit erhält die Integration des Islams eine gesellschaftliche Schlüsselrolle.
Die Präsentation der Muslime in den Medien, die der vorliegende Band analysiert, bekommt damit zusätzliche Brisanz. Letztendlich ist zweierlei gefordert: verantwortliche Berichterstattung gleichermaßen wie Medienkompetenz der Rezipienten. Nicht zuletzt als Beitrag zu letzterer versteht sich auch der vorliegende Band.
Zu diesem Band Die hier vorliegenden Beiträge konzentrieren sich allesamt auf das Islambild in den Medien.1 Sie tun dies insbesondere anhand der Berichterstattung zum sog. Karikaturenstreit, der im Frühjahr 2006 (nicht nur) die medialen Gemüter bewegte. Daneben werden einige andere medial-diskursive Ereignisse angesprochen, wie etwa die Darstellung der Versuche junger Afrikaner, die spanische Exklave Melilla zu erreichen, die (diskriminierende) Reaktion auf die Wahl von Evo Morales zum bolivianischen Präsidenten sowie die mediale Befassung mit der Ermordung des holländischen Islamkritikers Theo van Gogh. Einen gründlichen Blick über den Zaun erlaubt die Analyse des Einwanderungsdiskurses in Spanien durch Teun A. van Dijk aus Barcelona. Sie deutet zudem an, dass die westlichen medialen Reaktionen auf den von der dänischen Zeitung Jyllands-Posten provozierten Karikaturenstreit allesamt sozusagen ins gleiche Horn stoßen.2
Die hier vorliegenden Beiträge folgen keinem einheitlichen empirischem sozialwissenschaftlichen Verfahren, was insoweit zu begrüßen ist, als sich hier zeigt, wie stark die verschiedenen methodologischen Ansätze trotz ihrer Unterschiedlichkeit zu sehr nahe beieinanderliegenden Ergebnissen kommen.
So beruht der Beitrag von Dirk Halm u.a. auf der Habitustheorie von Pierre Bourdieu, die Beiträge von Siegfried Jäger, Carolin Koedel und Jürgen Link in teilweise unterschiedlicher Perspektive auf von Michel Foucault inspirierte diskursanalytische Ansätze, während Teun A. van Dijk sich auf seinen seit Jahrzehnten soziokognitiv begründeten diskursanalytischen Ansatz stützt. Der Beitrag von Sabine Schiffer beruft sich dagegen stärker auf linguistisch-textanalytische Erkenntnisse. Der Beitrag Horst Pöttkers bezieht sich auf philosophisch fundierte medien-ethische Grundsätze.
Insgesamt zeigt sich, dass die Art und Weise der Berichterstattung zum Islam bzw. zu islamischen Angelegenheiten ausgesprochen einseitig und tendenziell diskriminierend ist. Somit stellt das gesamte Buch auch einen Beitrag zur Sensibilisierung für ein humanitäres Schreiben und Sprechen dar, ohne dass dabei eine Parteinahme für den Islam oder gar eine Leugnung von aus unserer Sicht negativen Aspekten des Islams und/oder multikultureller Gesellschaften vorliegen würde.
Der Beitrag „Pauschale Islamfeindlichkeit? Zur Wahrnehmung des Islams und zur sozio-kulturellen Teilhabe der Muslime in Deutschland“ der Mitarbeiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien Essen Dirk Halm, Marina Liakova und Zeliha Yetik geht der Frage nach, wie der (sich wandelnde) Diskurs um den Islam zwischen 2000 und 2005 auf das Zusammenleben von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft in Deutschland gewirkt hat.
Dabei galt es zu klären, in welchem Zusammenhang die erwartete Veränderung des Zusammenlebens, Alltagserfahrung, die politische Debatte, das medial vermittelte Islambild und die Beteiligungschancen der Muslime stehen. Die Analyse bedient sich der Protokolle des Deutschen Bundestages, einer Auswertung des SPIEGEL und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, einer Repräsentativbefragung der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland in den Jahren 2000 und 2005 sowie der Diskussion mit Vertretern der islamischen Verbände in Deutschland.
Nach einer grundsätzlichen diskurstheoretisch argumentierenden Auseinandersetzung mit der Frage der Wirkung von Diskursen und der Akzentuierung des Gewichts der (Print-)Medien für die Schaffung eines Massenbewusstseins untersucht Siegfried Jäger die Berichterstattung zum Karikaturenstreit in 25 deutschen Printmedien, wobei der Versuch gemacht wird, das gesamte „Rechts-Mitte-Links“-Spektrum dieser Medien qualitativ abzudecken. Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine Variante seiner Kritischen Diskursanalyse: um eine Strukturanalyse von über 250 Artikeln, die zu dem Ergebnis kommt, dass es beim Karikaturenstreit nicht um Meinungs- und Pressefreiheit ging, wie die Medien fast durchweg behaupten, dass aber die Art und Weise der Berichterstattung über die Auseinandersetzungen um die Mohammed-Karikaturen dazu beiträgt, Rassismus in der Bevölkerung zu schüren und damit einen Dialog der Kulturen oder gar eine Verbesserung der Integration muslimischer Menschen zu unterlaufen.
Teun A. van Dijk, wohl einer der weltweit bekanntesten und erfahrensten Rassismusforscher, der an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona lehrt, untersucht in seinem Beitrag auf dem Hintergrund einer eher grundsätzlichen Diskussion über die Rolle der Medien für die Reproduktion von Rassismus einige Besonderheiten der Medienberichterstattung über Einwanderung und ethnische Angelegenheiten in der spanischen Presse. Insbesondere befasst er sich mit der Berichterstattung über drei neuere Vorfälle: den „Sturmangriff“ afrikanischer Einwanderer auf Melilla, die Wahl des indigenen Evo Morales in Bolivien zum Staatspräsidenten und den Karikaturenstreit.
Bei dem Beitrag von Jürgen Link handelt es sich um einen Vortrag, in dem gezeigt wird, dass der Karikaturenstreit in den Medien durchweg nach dem Konzept einer „binären Reduktion“ ausgetragen worden ist. Die Schwarz-Weiß-Zeichnung von (schlechten) Minderheiten und (guter) Mehrheitsbevölkerung trägt dazu bei, Gegensätze zu konstruieren und vernünftige Alternativen, die es immer gibt, auszuklammern. Link stützt sich dabei insbesondere auf seinen normalismustheoretischen Ansatz und – was sich bei diesem Thema besonders anbietet – auf seine Theorie der Kollektivsymbolik.
In ihrem engagierten Beitrag, der sich insbesondere, aber nicht nur, an Journalistinnen wendet, weist Sabine Schiffer, die Leiterin des Erlanger Instituts für Medienverantwortung anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Themen und gedankenloser sprachlicher Wendungen auf, wie sehr die Printmedien ihre Verantwortung für eine friedliche Integration von Minderheiten missachten, aber auch, was dagegen getan werden kann. Die Gefahr eines „binären Reduktionismus“, so zeigt sich auch hier, kann selbst im kleinen sprachlichen Detail lauern und zeigt sich oftmals in einem „Umschlagen in die entgegengesetzte Richtung“: Selbst die Verneinung einer besonderen Verbindung von Islam und Terrorismus verfestigt diese Verbindung im Bewußtsein der Menschen. Im Zentrum ihrer Beobachtungen stehen daneben insbesondere bildliche Darstellungen und deren Suggestivkraft. Denn: Oft sagt ein Bild mehr als tausend Worte.
Die Sprachwissenschaftlerin und (interkulturelle) Pädagogin Carolin Ködel untersucht die Medienberichterstattung zur Ermordung des Islamkritikers Theo van Gogh und zu den sich daran anschließenden Unruhen in den Niederlanden anhand der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wobei sie diskurstheoretische und im engeren Sinne linguistische Verfahren bei ihrer qualitativen Analyse gewinnbringend miteinander verschränkt. Es zeigt sich, dass ein pauschaler islamfeindlicher Diskurs in Deutschland nicht erst mit dem Karikaturenstreit begonnen hat, sondern eine lange Vorgeschichte hat, längst vor dem Mord an Theo van Gogh und auch bereits vor dem 11.9.2001.
Der Dortmunder Medienwissenschaftler Horst Pöttker diskutiert die Entscheidung des deutschen Presserates zur Medienberichterstattung über den Karikaturenstreit auf dem Hintergrund ethischer Standards und zeigt, dass der Presse-Kodex angesichts der Entwicklung des Medienwesens und der Demokratie zur Mediendemokratie in den letzten Jahrzehnten inzwischen einen Anachronismus darstellt. Seine Analyse unterstreicht zudem, dass nur sehr wenige der veröffentlichen Karikaturen nicht rassistisch sind und das Etikett Satire verdienen.
Im Rahmen der Diskussion über Möglichkeiten und Hindernisse der Integration von Frauen und Männern muslimischer Kultur und Religion in den europäischen Ländern ist eine Reihe von sogenannten Manifesten muslimischer und nicht-muslimischer Herkunft aufgetaucht, die von Jobst Paul in ihrer unterschiedlichen Perspektivierung im Spannungsfeld von Aufklärung, Religionskritik und Gegenaufklärung kommentiert werden.
Anmerkunen 1 Eine Ausnahme ist der Beitrag von Jobst Paul, der sich mit einigen Manifesten von muslimischer Seite und nicht-muslimischer Seite auseinandersetzt, die den Versuch machen, seine reformerischen Kräfte zu Gehör zu bringen, die Differenziertheit des Islams darzustellen oder auch ausgesprochen gegenaufklärerisch einherkommen..
2 Der Karikaturenstreit hatte weltweit ein riesiges Medienecho. Auf der Suchmaschine Google finden sich z.B. über 250000 Einträge.
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Mediale BarrierenRassismus als Integrationshindernis
Unrast Verlag, Münster 2007
ISBN 978-3-89771-742-8