Vorwort zu „Die wilden Schafe“

von Siegbert Wolf

Die hier porträtierten Brüder Siegfried Shlomo Nacht, später Stephen Naft (1878-1956) und Max(imilian) Nacht, später Max Nomad (1881-1973), zwei radikale jüdische Existenzen, hatten in Galizien, in der Schweiz, in Frankreich, England und den USA ihre Hauptwirkungsfelder. Sie entstammten einer wohlhabenden Familie aus dem ostgalizischen Buczacz, die der Haskala anhing. Mit dem vorliegenden Buch wird nachgezeichnet, wie entscheidend das jüdische Herkunftsmilieu und das jüdische soziale Umfeld ihr Leben und Wirken geprägt hat. Gemeinsam mit Emma Goldman, Milly Witkop-Rocker1 und anderen gehörten sie zur ersten Generation jüdischer AnarchistInnen, die für die produktive Begegnung zwischen Judentum und Anarchismus in Osteuropa verantwortlich zeichnet und diese Verbindung zwischen jüdischer Tradition und libertärer Utopie infolge millionenfacher Emigration nach Westeuropa, Palästina, Lateinamerika und in die USA transportiert hat. Der ebenfalls aus Buczacz stammende bedeutende hebräische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Samuel Joseph Agnon (1888-1970) hat in seinem Roman “Nur wie ein Gast zur Nacht” (1939, dt. 1964) den Brüdern Nacht gemeinsam in der Figur des Anarchisten Siegmund Winter ein bewegendes Denkmal gesetzt.
Bereits deren Vater, der Arzt Dr. med. Fabius Nacht, gehörte zu den ersten internationalistischen Sozialisten von Buczacz. Ihre soziale Herkunft aus einer weitgehend assimilierten und den Werten der neuzeitlichen Aufklärung verbundenen Familie bewirkte, dass Siegfried und Max Nacht sich nie religiösen Angelegenheiten verpflichtet fühlten und nicht halachisch2 lebten. Sie wurden und blieben radikale Freidenker inmitten eines jüdischen Umfeldes. Beide begnügten sich keineswegs mit der vagen Hoffnung der im Judentum herbeigesehnten Ankunft des Messias, sondern befreiten sich von religiösen Inhalten und begegneten im Anarchismus einer freiheitlichen, säkularen Weltanschauung und sozialrevolutionären Lebenshaltung, mit der sie, ohne abwarten zu müssen, eine Welt der Freiheit, Gerechtigkeit und des menschlichen Glücks erreichen wollten. Dieser Kosmos anarchistischer Bewegungen, in den Siegfried und Max Nacht für viele Jahre ihres Lebens eintauchten, findet sich hier nachgezeichnet – etwa ihre redaktionell verantwortliche Mitarbeit an einer der bedeutendsten deutschsprachigen Zeitschriften zu Anfang des 20. Jahrhunderts: Der Weckruf (Zürich). Zu erinnern ist an Siegfried Nachts Propaganda für den Generalstreik und die revolutionäre syndikalistische bzw. anarchosyndikalistische Bewegung; an Max Nachts Anhängerschaft im Kreis um den ultraradikalen russisch-polnischen Anarchisten Jan Waclav Makhaïski und seine Aktivitäten im polnisch-russischen Untergrund (1908/09). Beide waren überzeugte Antimilitaristen, verabscheuten Elitedenken und propagierten die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus war für sie, denen Judeophobie am eigenen Leib, sogar innerhalb der sozialistischen und anarchistischen Bewegung, widerfuhr, eine Lebensaufgabe. Darauf hatten sie zu reagieren – zugleich ein Beleg dafür, dass auch ihnen, die an der jüdischen Kultur weitgehend desinteressiert waren, die Stigmatisierung als “Juden” entgegenschlug.
Siegfried und Max Nachts Bruch mit jüdischem Leben, ihre (Nicht-)Identität ohne Gottesglauben, gründete sich auf ihrer Überzeugung, dass der jüdischen Kultur emanzipatorisch kaum etwas abzugewinnen sei. Darauf ihre Vorstellungen einer Restrukturierung der Gesellschaft durch die Herstellung völlig neuer sozialer Arrangements im Verhältnis der Menschen untereinander zu begründen, zeigten sie wenig Interesse. Und dennoch blieben sie lebenslang mit jüdischer Kultur verbunden, aus der sie für ihren Kampf um eine freie Welt die im mosaischen Judentum begründeten Gerechtigkeits-, Nächstenliebe- und Gleichheitsgebote ableiteten.
Als Triebfeder ihres Protestes wirkte bei Max und Siegfried Nacht das Gefühl der Empathie und das Bedürfnis, anderen zu helfen, auch hier wieder ein deutlicher Bezug zu ihrer Herkunftskultur und deren sozialen Werten. Die gesellschaftliche Verantwortung für das Wohlergehen und Lebensglück des Mitmenschen ist, ebenso wie auch bei anderen jüdischen AnarchistInnen, begründet in den lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Abkunft, die sie gewissermaßen übertrugen in die anarchistische Sozialutopie.
Max und Siegfried Nacht bewegten sich lebenslang in jüdischen (zugleich anarchistischen) Kreisen, ohne die Notwendigkeit einer eigenständigen jüdischen Kultur explizit anzuerkennen. Jüdische Kultur war für sie primär die Kultur des Schtetl. Beide waren nicht gewillt, nationalistische Ideen oder Bewegungen zu unterstützen. Dies schloss konsequenterweise auch ihre Verneinung der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen jüdischen Nationalbewegung des Zionismus, der eine Reaktion auf den anhaltenden europäischen Antisemitismus und die gescheiterten Assimilationsbemühungen der jüdischen Gemeinden und das Scheitern des ihnen gegenüber formulierten Emanzipationsversprechens3 darstellte, mit ein, aber auch jiddischer Kultur wie etwa in den USA. Beide optierten für die vollständige Assimilation des Judentums und blieben doch lebenslang vom Judentum berührt. Vor allem die Shoa, die millionenfache industrielle Vernichtung des europäischen Judentums durch die Deutschen, belegt auf erschütternde Weise, dass den Juden und Jüdinnen im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keine wirkliche Option offen stand, weder Assimilation, Akkulturation, Zionismus oder Sozialismus/Anarchismus, um in den nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaften Europas endlich als Gleiche unter Gleichen akzeptiert zu werden und ohne Furcht vor Ausgrenzung, Stigmatisierung und Pogromen leben zu können. Der Antisemitismus als kultureller Code erhob sich während des Nationalsozialismus zur Vernichtung aller Jüdinnen und Juden, denen die Deutschen auf ihren Eroberungs- und Vernichtungsfeldzügen während des Zweiten Weltkriegs quer durch Europa habhaft werden konnten. Daraus erklärt sich Max und Siegfried Nachts Befürwortung des bewaffneten Antifaschismus, der den militärischen Sturz der NS-Diktatur favorisierte sowie deren Verständnis für das Bedürfnis vieler Shoa-Überlebender, nach einem sicheren Land, ohne damit allerdings dem politischen Zionismus und einem jüdischen Nationalstaat das Wort zu reden.
Das vorliegende Buch eröffnet den an radikaler Veränderung der Gesellschaft Interessierten eine wichtige Grundlage, um etwa auf den von Max Nacht in den 1930er Jahren formulierten “skeptischen Anarchismus” Bezug zu nehmen. Dieser “skeptische Anarchismus” betreibt grundlegende Kritik an sämtlichen Ausformungen von Hierarchie und Herrschaft, auch informeller Hierarchien etwa innerhalb der anarchistischen Bewegungen, bezieht also sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, sogar radikale, herrschaftsfeindliche Ansätze, mit ein. “Skeptischer Anarchismus” meint, auf der Grundlage grundsätzlicher Bedenken gegen jede Form von Herrschaft, eine Kritik am “sentimentalen Traditionalismus” (Max Nacht). Nach den Totalitarismen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit dem Nationalsozialismus und der Shoa, dem Stalinismus, dem italienischen und spanischen Faschismus, den Verheerungen des von den Deutschen begonnenen Zweiten Weltkriegs sowie der damit einhergehenden desaströsen Niederlage der europäischen ArbeiterInnenbewegung, könne mitnichten der zerrissene Faden der anarchistischen Tradition wieder zusammengeknüpft werden. Die meisten bestehenden und überlieferten Vorstellungen im Anarchismus, z.B. die des so genannten Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon, bekanntermaßen Antisemit, Frauenfeind, Homophob und Rassist, sind mit der Welt des 20. (bzw. 21.) Jahrhunderts nicht zu begreifen. Der “alte” Anarchismus sei historisch längst überholt. Keineswegs treffe dies allerdings für die innerhalb der anarchistischen Bewegungen gesammelten Erfahrungen zu. Sie gelte es herauszufiltern und zu aktualisieren, denn die Solidarität mit den Ausgebeuteten, Unterdrückten, Beleidigten und Besiegten bestehe ungebrochen weiter. Auszugehen sei für anarchistische Praxis vor allem von gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen und sozialen Bewegungen, in denen anarchistisch gewirkt werden sollte.
Max und Siegfried Nacht gingen den Weg zahlreicher RevolutionärInnen des 20. Jahrhunderts: vom radikalen, enthusiastischen Aufbruch und Optimismus der Jugendzeit, zu einer erfahrungsgesättigten gemäßigteren Haltung im Alter. Dem Prinzip des revolutionären Kampfes im Anarchismus konnten und wollten sie schließlich kaum noch etwas Emanzipatorisches abgewinnen. Die Hoffnung auf eine selbsttätige Erhebung der ‚Massen’ war längst erloschen. Auch wenn sie anarchistische revolutionäre Perspektiven im Alter verneinten, blieben sie aber bis zuletzt Anarchisten, zumindest in ihren Herzen, und bewahrten sich eines der zentralen Anliegen des Anarchismus, das sie nie revidierten: nämlich einzutreten für die Freiheit, Gleichheit und das Glück aller Menschen.

Anmerkungen

1 Vgl. .Werner Portmann, Siegbert Wolf: „Ja, ich kämpfte" . Von Revolutionsträumen,’Luftmenschen’ und Kindern des Schtetls. Unrast Verlag. Münster 2006.
2 Die Halacha („Norm“) betrifft die verbindlich Auslegung der Überlieferung des Judentums, im Unterschied zur Aggada („Verkündung/Erzählung“), die das religiöse Denken in seiner unverbindlichen Form repräsentiert.
3 Vgl. Detlev Claussen (Hrsg.): Vom Judenhass zum Antisemitismus. Materialien einer verlängerten Geschichte. Darmstadt: Luchterhand, 1987

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Werner Portmann
Die wilden Schafe
Max und Siegfried Nacht. Zwei radikale, jüdische Existenzen.
Mit einem Vorwort von Siegbert Wolf
ISBN 978-3-89771-455-7