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Marginalisierte Körper – eine Einleitung

Torsten Junge/ Imke Schmincke
Der Körper hat Hochkonjunktur – sei es in popkultureller, wissenschaftlicher oder politischer Hinsicht. Körperliche Erfahrungen, Materialitäten, Konstruktionsweisen oder Praktiken sind prädestinierte Forschungselemente der Soziologie, Ethnologie und Kulturanthropologie. Die Untersuchungsgegenstände und -themen sind äußerst vielfältig, und es scheint, als ob sich die Fragen nach dem menschlichen Körper in das Ensemble der großtheoretischen Perspektiven einreihen, die bislang um Individuum und Gesellschaft kreisten. In der modernen westlichen Welt auch außerhalb der akademischen Diskurse ist der Körper ein konfliktträchtiger Gegenstand, erinnert sei hier an die Diskussionen um Biotechnologie und Reproduktionsmedizin, an das Verhältnis von zulässigen und verbotenen Körperpraktiken und Körperverhältnissen, an Sexualitäten und Geschlechterverhältnisse, an die Auseinandersetzungen um Künstlich- versus Natürlichkeit oder an den Relativismus und Universalismus von ästhetischen Praktiken.
In der sozialwissenschaftlichen Betrachtung von Körper lassen sich zwei Perspektiven unterscheiden: Zum einen geht es dieser darum, zu beschreiben und analysieren, wie der Körper ›geformt‹ wird und was ihn somit ›sozial‹ gemacht hat. Zum anderen geht es aber auch darum hervorzuheben, welche Funktion dem Körper seinerseits in der Reproduktion des Sozialen zukommt. Liegt der Fokus das eine Mal stärker auf dem Körper und den sich in ihm materialisierenden gesellschaftlichen Bedingungen seiner Möglichkeit, geht es in der zweiten Blickrichtung um Gesellschaft und die Dimension des Körperlichen als deren Matrix. Für beide Perspektiven sind Differenzierungs-, Klassifikations- und Ausschlussmechanismen zentral. Eine systematische Untersuchung des Zusammenhangs von Körper und Exklusion bzw. Marginalisierung und Normalisierung ist jedoch bisher noch nicht vorgenommen worden. Der vorliegende Sammelband möchte diese Lücke füllen und die Frage nach dem anderen, dem marginalisierten Körper in den Vordergrund stellen. Körper verkörpert und verweist auf Differenz und Dualismen: Es ist davon auszugehen, dass der Körper selbst und die Vorstellungen von dem und über den Körper eine Geschichte haben, er also vom kulturellen Kontext, seiner historischen Bedingtheit geformt wurde und geformt wird. Der Körper steht in dieser Historizität immer auch in Machtverhältnissen, die Geschichte des Körpers ist demzufolge auch immer eine Geschichte des ›anderen‹ Körpers, des marginalisierten Körpers. Eine Erkenntnis über ›den‹ Körper kommt an einer systematischen Rekonstruktion des ›anderen‹, marginalisierten Körpers nicht vorbei.
Die hier versammelten Beiträge repräsentieren die erweiterte Dokumentation einer zum gleichen Thema im Sommer 2005 an der Universität Hamburg veranstalteten Tagung. Sie diskutieren den gesellschaftlichen Status marginalisierter bzw. normalisierter Körper und bieten Erklärungsmodelle an.
Wir haben drei unterschiedliche Zugänge zum Thema gewählt. Der erste Teil versucht einen Überblick bzw. einen systematischen Zugang zum Gegenstand. Der Beitrag Außergewöhnliche Körper. Körpertheorie als Gesellschaftstheorie von Imke Schmincke entwirft eine erste Systematisierung der Beziehung zwischen Ausgrenzung und körperlicher Materialität. Schmincke zeigt mit Rekurs auf den Diskurs um das Phänomen der Freak-Shows, dass jede Gesellschaft ›außergewöhnliche Körper‹ hervorbringt und dass diese immer auch körperlich markiert sind. Das bedeutet aber auch, dass die soziale Ordnung – als eine durch In- und Exklusion, Norm und Marginalisierung gekennzeichnete – anhand von körperlich markierten Differenzen stabilisiert wird. Sie fordert daher, Körpertheorie gesellschaftstheoretisch zu fundieren. Anne Waldschmidt verdeutlicht in ihrem Artikel Behinderte Körper: Stigmatheorie, Diskurstheorie und Disability Studies im Vergleich , dass der behinderte Körper als marginalisierter Körper par excellence bisher eine Leerstelle in der Körpersoziologie darstellte. Waldschmidt setzt sich kritisch mit vorhandenen Ansätzen wie Erving Goffmans Stigma-Theorie und unterschiedlichen Modellen der Disability Studies auseinander und plädiert für eine Synthese, um sowohl die soziale und machtvolle Konstruktion marginalisierter Körper wie auch deren alltagsweltliche Relevanz analytisch begreifen zu können.
Im zweiten Teil zeigen historische Zugänge die Relevanz körperlicher Marginalisierung in unterschiedlichen Epochen und kulturellen Phänomenen auf. Während die ersten beiden vor allem die Geschichts-Schreibung reflektieren, einmal mit dem an Michel Foucault angelehnten Konzept der ›Problematisierung‹ und einmal mit dem Konzept der Performanz von Judith Butler, legen die weiteren vier Aufsätze vorrangig je empirisch spezifische Diskursanalysen vor. Impliziter Ausgangspunkt der Historiographie ist ein geschärftes Bewusstsein dafür, dass eine wissenschaftliche Beschreibung ihren Gegenstand auch jedes Mal wieder neu hervorbringt, mitunter, bezogen auf das Thema des Buches, also die Marginalisierung oder Normalisierung von Körpern reproduziert oder zuallererst legitimiert. So zeigt Ulrike Klöppel in ihrem Beitrag Problematische Körper? Überlegungen zur Historiographie von Problematisierungsweisen in Anschluss an Foucault am Beispiel der »Intersexualität« wie man mit Foucaults Konzept der Problematisierungsweise aufzeigen kann, dass die wissenschaftliche Problematisierung einer ›Anomalie‹ mehr über Macht-Wissens-Strategien der jeweiligen Wissenschaft als über den Gegenstand selbst aussagt bzw. diesen in der Problematisierung als zu normalisierenden hervorbringt. Erst im Verhältnis zu den Anforderungen und Erwartungen des jeweiligen Kontextes werden Körper als ›problematisch‹ wahrnehmbar. Marginalisierte Körper erscheinen auf diese Weise als Knotenpunkte der Wissensgenerierung und sozialen Regulierung. Gegen die Festschreibungen von (körperlich basierten) Identitäten durch wissenschaftliche Diskurse, konkret im ›jüdischen Körper‹, wendet sich auch Klaus Hödl in seinem Beitrag Der ›jüdische Körper‹ in seiner Differenz. Textuelle und performative Konstruktionen , in welchem er erörtert, ob mit neuen kulturwissenschaftlichen Ansätzen der Konstruktionscharakter eines ›jüdischen Körpers‹ deutlich gemacht werden kann. Hödl stellt hier dem textzentrierten ein performatives Kulturverständnis gegenüber und überprüft, ob Letzteres die identitären körperbasierten Konstruktionen analytisch zu erklären und aufzubrechen vermag. Die Konstruktion differenter Körper steht ebenfalls im Fokus des Beitrags von Jens-Rainer Berg Dunkel, klein, krank, dreckig – ›New Immigrants‹ und die Produktion ›anderer Körper‹ im US-amerikanischen Diskurs um 1900 . Er zeigt, wie die EinwanderInnen um die Jahrhundertwende in der US-amerikanischen Gesellschaft durch körperliche Stigmatisierungen klassifiziert wurden. Die Konstruktion fremder und damit marginalisierter Körper in populären und wissenschaftlichen Diskursen diente zugleich der Konstruktion und Versicherung eines normalisierten ›weißen‹ angloamerikanischen Körpers. In dem Aufsatz ›Firnisschichten auf verfaultem Holz‹. Eine Geschichte des Alters zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Heiko Stoff geht es zentral um die Hervorbringung eines Antagonismus zwischen Alter und Jugend, zwischen alten und jungen Körpern in den 1910er und 1920er Jahren. Die Idealisierung der Jugend, ihrer Attraktivität und Leistungsfähigkeit, die den Imperativen des sich entwickelnden modernen Kapitalismus entsprach, führte zu unterschiedlichen biomedizinischen Verjüngungskuren, die die Jugend verlängern und das Alter zunehmend marginalisieren sollten. In dieser Zeit war auch die Nacktkultur populär, deren körpernormierende Praktiken im Mittelpunkt des Artikels ›Natürliche Scham‹. Marginalisierte Körper in der deutschen FKK-Bewegung von Maren Möhring stehen. Sie arbeitet heraus, wie die Exponierung nackter Körper in der Freikörperkultur die Identifizierung ›natürlicher‹ und damit ›normaler‹ Körper sicherstellte. Zentrale Strategien dieser Normalisierungsprozesse sind zum einen der Status der Sichtbarkeit (des nackten Körpers) sowie der Umgang mit marginalisierten Körpern innerhalb der Bewegung. Von Sichtbarkeit handelt auch der Artikel Völkerschauen und die Konstituierung rassifizierter Körper von Susann Lewerenz. Sie zeigt, wie sich in den Völkerschauen eine weiße körperliche Identität in der Ausstellung der schwarzen Körper herstellt. Lewerenz begreift die Völkerschauen als eine spezifische, soziale Technologie, die die Konstruktion einer europäischen Identität über den Prozess der Differenzierung und Hierarchisierung ermöglicht. Gleichzeitig kann sie am Beispiel der »Deutschen Afrika-Schau« in den 1930er Jahren zeigen, dass das zugrunde liegende rassistische Ordnungsmuster immer wieder auch durch Selbstbehauptungsstrategien der Schaumitglieder unterlaufen wurde.
Der dritte Teil beleuchtet schließlich ausgewählte aktuelle Diskursfelder marginalisierter Körper. Der Artikel von Jürgen Budde Der Körper als Feld der Aushandlung von Männlichkeit zwischen Schülern wählt insofern eine ungewöhnliche Perspektive auf das Geschlechterverhältnis, als er nicht die Marginalisierung des weiblichen, sondern die Konstruktion des männlichen Körpers untersucht. Er weist nach, dass sich eine männliche Identität über Marginalisierung der als ›weiblich‹ deklarierten Eigenschaften konstituiert, dass Marginalisierungsprozesse somit der Herausbildung männlicher Identität eingeschrieben sind und sich vor allem körperlich manifestieren. Seine empirische Ausgangsbasis sind diverse Szenen aus dem schulischen Alltag, an der seine Thesen zur Funktion von Marginalisierung in Prozessen männlicher Identitätsaushandlung und ihrer körperlichen Erfahrbarkeit dargestellt werden. Torsten Junge arbeitet in seinem Beitrag Unerwünschte Körper und die Sorge um sich selbst heraus, wie die modernen Technologien der Biomedizin jene Grenze zwischen dem ›normalen‹ und dem ›anormalen‹ Körper ziehen. Diese Technologien brechen radikal mit tradierten Vorstellungen von Leben und Schwangerschaft, sie sind deshalb auf Strategien der Normalisierung angewiesen, die sie als institutionalisierte Verfahren legitimieren. Junge legt dar, dass diese Strategien nicht nur im Rahmen rechtlicher Regelungen und finanzieller Unterstützung operieren, sondern mit der Zuschreibung einer individuellen Verantwortung für das ›gesunde‹ Kind. Auch der Beitrag von Charlotte Ullrich Marginalisiert, fragmentiert und technisiert? Der Körper in der medizinischen Behandlung von unerfülltem Kinderwunsch fokussiert das Verhältnis von Marginalisierung und Normalisierung im Bereich der neuen Reproduktionstechnologien, konkret am Beispiel der Kinderwunschkliniken. Allerdings geht es ihr weniger um die Grenzziehungen und Ausschlüsse dieses Diskurses. Ullrich argumentiert, dass die bisherige kritische Rezeption aus (feministisch) wissenschaftlicher Perspektive hinter die Dekonstruktion des Verhältnisses von Natur und Kultur zurückzufallen droht, weil sie in ihrer Kritik der technischen Zurichtung eine Vorstellung vom ›normalen‹, ›natürlichen‹ und damit vorgesellschaftlichen Körper durch die Hintertür wieder einzuführen scheint. Dagegen betont Ullricht die Möglichkeiten eines reflexiven Umgangs mit dem Körper, den der Einsatz der Technologien biete. Den Abschluss bildet der Aufsatz Warenförmige Körper. Über die Kommerzialisierung von Körperstoffen in der Medizin von Erika Feyerabend, in welchem sie die biopolitischen Transformationen beobachtet, in deren Folge der Körper zu einer vollständig verwertbaren Substanz und ›Ware‹ wird. Anders als Ullrich zieht Feyerabend hier ein insgesamt sehr kritisches Resümee. Sie legt anschaulich dar, dass die weltweite Vermarktung von Körpersubstanzen mit den (neo)liberalen Begründungsmustern von Selbstbestimmung und Selbstökonomisierung legitimiert und die Umwandlung des Körpers zur Handelsware nach und nach forciert wird.

Gemeinsam ist den Aufsätzen in theoretischer Hinsicht, dass sie auf die Prozesshaftigkeit und Flexibilität der Verkörperung von Norm und Abweichung aufmerksam machen und diesen Prozess gleichzeitig als Ausdruck bestimmter Macht- und Herrschaftsverhältnisse interpretieren. Nicht zufällig beziehen sich dabei viele der Aufsätze auf Foucault. Denn dieser hat als einer der ersten die gesellschaftliche Bedeutung von Körpern für Normalisierungs- und Marginalisierungsprozesse thematisiert. Gerade weil er seinen Blick auf die Herstellungsprozesse von Sinn und Wahrheit richtete und ein Gespür für die feinen ›Normierungen‹ innerhalb der wissensproduzierenden, diskursiven Netze und die teils groben Aus- und Einschlüsse in den Institutionen entwickelte, konnte er die Ebene des Körperlichen erfassen. Um also den Körper, vor allem aber den marginalisierten Körper thematisieren zu können, braucht es einen analytischen Blick vom Rand der Gesellschaft aus, um die Normalisierungs- und Ausschlussprozesse aufdecken zu können, in denen diese prozessiert. Kurz, es ist ein kritisches Denken vonnöten – oder mit Foucault eine »kritische Geschichte des Denkens«, der dieser sich verschrieben hatte und die er definierte als eine »Analyse der Bedingungen, unter denen bestimmte Subjekt-Objekt-Beziehungen in dem Maße ausgebildet oder abgeändert werden, wie sie für ein mögliches Wissen konstitutiv sind«1.
Inhaltlich zeigen alle Beiträge, dass die Formen der marginalisierten und normalisierten Körper nicht ein für alle Mal feststehen, dass sie aber nichts desto weniger immer wieder als bedeutungsvolle Figuren in diskursiven Prozessen auftreten und in der Gestaltung der sozialen Wirklichkeit ihre Wirkungsmächtigkeit entfalten. Die gesellschaftlichen Herstellungsprozesse von Norm und Abweichung und deren körperliche Verankerungen aufzuzeigen, wäre ein erster Schritt in der Unterminierung dieser Verhältnisse. Der Erkenntnisgewinn des Buches läge nicht zuletzt darin, in kritischer Absicht die Naturalisierungsstrategien sozialer Ungleichheit über Körper zu dechiffrieren und von den marginalisierten Körpern aus die Norm zu erschüttern.

Bedanken möchten wir uns bei den Fachbereichen Bewegungswissenschaft und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg sowie der Abteilung für Forschung und Wissenschaftsförderung der Universität Hamburg für die finanzielle Unterstützung der Tagung. Unser größter Dank geht an Dörthe Ohlhoff und Mark Schumacher, die uns bei der Durchführung der Tagung und der Erstellung des Buchmanuskripts tatkräftig unterstützt haben. Ohne deren Beistand in jeglicher Hinsicht wären Tagung und Buch nicht zustande gekommen.


Hamburg im März 2007

Anmerkungen
1 Foucault, Michel (2005): Dits et Ecrits. Schriften. Band 4. Frankfurt/ M.: 777.

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Torsten Junge, Imke Schmincke
Marginalisierte Körper
Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers
ISBN-13: 978-3-89771-460-1
228 Seiten, Br., 16 EUR [D]