Bei unrast:
Nachwort zu 'Exil'von Gabriele Haefs
Pádraic Ó Conaire
Exil Nachwort von Gabriele Haefs Übersetzung Aus dem Gälischen von Gabriele Haefs (ein Auszug) ISBN 3-89771-642-9 http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,107,1.html Nachwort von Gabriele Haefs Pádraic Ó Conaires Exil ist der erste moderne Roman in irischer Sprache. Er erschien erstmals 1910 und erregte durchaus nicht nur Stürme der Begeisterung. Peter O’Leary, selber Schriftsteller und Kirchenmann, der sich sehr für den Erhalt der irischen Sprache eingesetzt hatte, erklärte, wenn er gewußt hätte, daß dermaßen »unmoralische« Werke dabei herauskommen würden, hätte er auf sein Engagement verzichtet. Es fällt uns heute schwer zu erkennen, was an Exil so unmoralisch gewesen sein soll; wie modern dieser Roman dem Publikum damals erschienen sein muß, liegt dagegen auf der Hand. Der Autor Seosamh MacGrianna aus Donegel, damals neunzehn, faßte sein Leseerlebnis später so zusammen: »Es war wie der erste Schluck Wein für jemanden, der bisher nicht gewußt hatte, daß es auf der Welt noch etwas anderes als Wasser gibt.« Ó Conaire hat mit seinem Roman bewiesen, daß Irisch eine Sprache ist, mit der auch komplizierte Großstadtverhältnisse beschrieben werden können – eine Ansicht, die sich trotz zahlreicher Gegenbeweise in vielen Kreisen noch heute nicht durchgesetzt hat, bei allerlei deutschen ReiseschriftstellerInnen z.B., die ohne jegliche Irischkenntnisse die Sprache für dem modernen Leben nicht gewachsen erklären. Ó Conaire konnte auf keinerlei Vorbilder in seiner eigenen Sprache zurückgreifen, irische Prosaliteratur gab es zu seiner Zeit nicht (mehr), wenn wir von mündlich tradierten Märchen und Sagen absehen. Seine wenigen Vorgänger, die im Zuge des gälischen Revival den Versuch unternahmen, die Literaturgattung Roman in ihrer Sprache einzuführen, hatten sich stark an diese Tradition geklammert und kitschige Heimatdichtung geliefert, wie sie um das Jahr 1900 überall in Europa beliebt war; Geschichten, die in einer diffusen Vergangenheit spielen, in der einfach alles besser war, die Menschen edler und tugendhafter, und alles echt und unverfälscht Gälisch. Ó Conaire dagegen zeigt Menschen aus Fleisch und Blut, die sich alles andere als edel und tugendhaft verhalten, er zeigt Verhältnisse, von denen alle wußten, daß es sie gab, die man aber lieber nicht wahrhaben wollte, und in irischer Sprache geschildert werden sollten sie schon gar nicht. Da irische Vorbilder fehlten, mußte Ó Conaire sich anderweitig orientieren. Sein Blick fiel dabei auf einen der berühmtesten Romane der Weltliteratur: Hunger, den ersten großen Erfolg des (späteren) norwegischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun. Das darf nicht so verstanden werden, als habe Ó Conaire kopiert oder plagiiert. Sein Roman hat eine völlig andere Handlung als Hamsuns und steht für sich. Doch Hamsuns Einfluß zeigt sich in der Schilderung der Atmosphäre, den Hungerszenen, in denen Micheál durch die englische Hauptstadt wandert und zwischen Hochmut und Selbsterniedrigung schwankt, wie Hamsuns hungernder Held in der norwegischen Hauptstadt Kristiania, »jener seltsamen Stadt, die niemand verläßt, ohne von ihr geprägt worden zu sein.« Mit seinem orientierungssuchenden Blick auf die Weltliteratur stand Ó Conaire damals keineswegs allein – und der Blick richtete sich durchaus nicht, wie aus sprachlichen Gründen doch zu erwarten gewesen wäre, auf englischsprachige Werke. Holte Ó Conaire sich Inspiration beim Norweger Hamsun, so orientierte O’Leary sich an keinem geringeren als an Goethe, während der Blasketinsulaner Tomás Ó Criomhthann sich von Maxim Gorkis Autobiographie beeinflussen ließ. Auch der größte irischschreibende Autor des 20. Jahrhunderts, Mairtín Ó Cadhain, wurde von Gorki inspiriert, er bezeichnete seine erste Begegnung mit dessen Büchern sogar als »Damaskuserlebnis«! Doch Pádraic Ó Conaire greift in seinem Roman auch auf die gälischen Erzähltraditionen zurück, wie er sie selber bei so manchem seanchaí (Geschichtenerzähler, das Wort ist mit dem lateinischen ›senex‹ verwandt und abgeleitet vom altirischen ›senchas‹, was ›altes Wissen‹ bedeutet) erlebt hat. Die abrupten Tempuswechsel an vielen Stellen des Romans sind dieser Tradition geschuldet, sie entsprechen den ›Rosc‹, Passagen, die wie Versatzstücke in immer neue Erzählungen eingefügt und in anderem Tempo und Tonfall vorgetragen werden als die eigentliche Handlung. Wie eng er dieser Tradition verhaftet ist, zeigt sich z.B. in der Verwendung des Präsens auf S. 15, bei der Wendung »ins Meer werfen«, als es um die Person an Bord geht, die geopfert werden soll, um den Sturm zu beschwichtigen (ein überall in Europa in vielen Varianten vertretenes Motiv). Für Ó Conaire lebte diese Tradition noch, die Geschichte wurde noch erzählt, daher kann hier keine Vergangenheit stehen. Auf den ersten Blick befremden Rückgriffe auf andere Kulturen und Traditionen, wenn Micheál z.B. von »Saturnalien« spricht oder sich in einer Hungerphantasie von Kleopatra und der schönen Helena trösten läßt. Doch das ist nur konsequent, bis ins 19. Jahrhundert war es für irische Dichter selbstverständlich, die griechische und lateinische Literatur gelesen zu haben, und zwar in den Originalsprachen, und wenn sie überhaupt ein Buch besaßen, dann war das eins von Ovid oder Plutarch, nicht von Chaucer oder Shakespeare. Auch, daß Micheál zwischen Dichter und Barde sorgfältig unterscheidet, zeigt seine Verwurzelung in der gälischen Literaturtradition. Ein fertig ausgebildeter Dichter (file oder fili, in der alten Schreibweise, das Wort ist verwandt mit den lateinischen Wörtern für ›sehen‹, ›Vision‹ usw., was annehmen läßt, daß die Filí in vorchristlicher Zeit auch sakrale Aufgaben übernahmen, vielleicht vergleichbar den gallischen Druiden) hatte Anspruch auf ein Gefolge von Barden, die die weniger gelungenen Werke ihres Meisters zur Unterhaltung des einfachen Volkes vortrugen, selber dichteten sie nicht, sie hätten es auch gar nicht gekonnt, weil sie die klassischen irischen Versmaße nicht beherrschten. (...) |