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Algerien: Nützliche Links im Internet: Politische Parteien, Presse u.a.

Dossier 5 zu:

Bernhard Schmid: Algerien. Frontstaat im globalen Krieg?
Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideologie in einem nordafrikanischen Land
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Eine Verantwortlichkeit für Links, deren inhaltliche Gestaltung sich dem unrast e.V. und dem Autor entziehen, kann selbstverständlich nicht übernommen werden.


a) Websites von Regierung und politischen Parteien


* Die Homepage des algerischen Präsidentenamts (französisch und arabisch):
http://www.elmouradia.dz/
* Die Homepage der algerischen Regierung:
http://www.cg.gov.dz/


* Die Homepage des algerischen Parlaments; in arabischer Sprache, links oben können verschiedene Fremdsprachen angeklickt werden:
http://www.apn-dz.org/

* Die Homepage des algerischen Verfassungsgerichts (französisch, arabisch, englisch):
http://www.conseilconstitutionnel-dz.org/

* Und so sieht die Weltbank die Anstrengungen der algerischen Regierung für «Reformen»:

http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:20115775~menuPK:34467~pagePK:64003015~piPK:64003012~theSitePK:4607,00.html




b) Politische Parteien


Nicht alle politischen Parteien und gesellschaftlichen Verbände verfügen zum jetzigen Zeitpunkt über eine eigene, periodisch aktualisierte Webpage. Jene «nicht offizielle» des linkspopulistischen PT etwa wurde zuletzt im Januar 1999 aktualisiert (http://membres.lycos.fr/tribune/). Die wichtigsten Adressen im Internet sind im folgenden aufgezählt.



* Die Homepage der ehemaligen Staats- und Einheitspartei FLN
http://www.pfln.org.dz/


* Die Homepage der legalen islamistischen Partei El-Islah (Die Reform):
http://www.elislah.dz/

* Das Internet-Archiv des berberischen FFS; es handelt sich nicht um eine offizielle Homepage der Partei, sondern um eine von europäischen Sympathisanten aus dem sozialdemokratischen Umfeld – von Genf aus – geschaltete Webesite:
http://membres.lycos.fr/troubles/ffs.htm


* Die Homepage des frankophonen und antiislamistischen RCD:
http://www.rcd-algerie.org/


* Die Homepage des ex-kommunistischen MDS, Überbleibsel des ehemaligen PAGS:
http://www.mds-algerie.com/

* Die Homepage des trotzkistischen PST, einer kleinen Partei, die sowohl gegen die Militärs als auch die Islamisten und gegen das neoliberale Wirtschaftsmodell opponiert:
http://membres.lycos.fr/pstdz/



Vom Ausland aus:

* Homepages des islamistischen FIS (vom britischen Exil aus ins Netz gespeist):
http://www.fisweb.org/

http://www.fis-info.net/


Die Webpage (www.ccfis.org) des FIS-«Konsultativrats» im Ausland, der nach innerparteilichen Konflikten aufgelöst wurde, dagegen ist inzwischen abgeschaltet.







c) Algerische Presse (in französischer und arabischer Sprache):


Alle größeren frankophonen Tageszeitungen aus Algerien finden sich ohne Mühe an fast allen französischen Kiosken. Aber auch im Internet sind oftmals die Ausgaben der letzten zwölf Monate kostenlos einsehbar. Die wichtigsten arabischsprachigen Zeitungstitel des Landes sind ebenso im Internet auffindbar. Zum Jahresende 2002 erschienen in Algerien insgesamt 25 Tageszeitungen in französischer und 15 in arabischer Sprache. Alles in allem verkaufen diese 40 Pressetitel rund 1,5 Millionen Exemplare täglich. Die größten Auflagen haben dabei Le Matin (bis zur Schließung unter dem Druck des Regimes, im August 2004), El-Watan, Liberté (alle drei französischsprachig) und El-Khabar (arabischsprachig). 34 von 40 dieser Presseorgane sind in privater Hand, die übrigen 6 im Staatsbesitz befindlich (1).

Im Vergleich mit der Presse aller anderen arabischsprachigen Ländern, aber auch des übrigen afrikanischen Kontinents (mit Ausnahme von Südafrika) genießt die algerische Presse eine außerordentliche Ausdrucksfreiheit – bisher jedenfalls, denn in den Jahren 2003/04 mehren sich die Einflussnahmen des algerischen Regimes, das Druck auf missliebige Presseorgane ausübt. Seit der Änderung des Strafgesetzbuchs (Code pénal), die am 16. Mai 2001 vom algerischen Parlament verabschiedet wurde, stehen «Beleidigungen» des Staatspräsidenten und diverser anderer Staatsorgane unter Strafandrohungen, die drei- bis zwölfmonatige Haftstrafen und empfindliche Geldbußen (die ggf. die Existenz einer Publikation bedrohen könnten) umfassen. Damals mobilisierte die gesamte staatsunabhängige Presse gegen diese Bedrohung ihrer journalistischen Arbeit. In den folgenden Jahren entschied das algerische Regime sich jedoch dazu, missliebige Journalisten und Presseorgane überwiegend nicht auf der Grundlage dieser Strafbestimmungen zu verfolgen, sondern aufgrund vorgeblicher anderer Straftaten und Vergehen (v.a. im Bereich der Wirtschaftskriminalität) anzuklagen. Das wohl prominenteste Opfer von Repressalien war der Herausgeber der Tageszeitung Le Matin, der infolge seiner wiederholten Angriffe auf Präsident Abdelaziz Boutefliqa eines fingierten Wirtschaftsdelikts angeklagt und im Juni 2004 zu zwei Jahren Haft (ohne Bewährung) verurteilt wurde; im Anschluss wurde auch seine Zeitung geschlossen, unter dem Druck von Schulden, die plötzlich durch die öffentliche Hand eingeklagt wurden (2). Ein weiterer Hauptbetroffener der Repression war der Journalist und Menschenrechtsaktivist Hafnaoui Ghoul, der im Juni 2004 aufgrund von Diffamierungs- und Beleidigungsklagen mehrerer Honoratioren inhaftiert wurde, nachdem er Missstände in einem Krankenhaus in der Stadt Djelfa (300 Kilometer südlich von Algier) aufgedeckt hatte, die zum Tod von 13 Säuglingen geführt hatten. Nach sechs Monaten Haft kam er am 24. November 2004 unter Auflagen frei (3).

Die bis dahin herrschende «unerhörte» Pressefreiheit in Algerien, die eine Konsequenz aus dem Kollaps des vorherigen Einparteienstaates Ende 1988 bildet, ist noch nicht verschwunden; sie ist aber potenziell bedroht. Noch nehmen die meisten Zeitungen kaum ein Blatt vor den Mund. Ihr Tonfall ist mitunter äußerst frech, sei es gegenüber Militärs oder gegenüber Islamisten. Und wenn es um den aktuellen Staatspräsidenten Abdelaziz Boutefliqa geht, wird in einigen Fällen auch klar unterhalb der Gürtellinie argumentiert (oft wird auf seine geringe Körpergröße, und manchmal auch auf seine behauptete Homosexualität angespielt). Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die derzeitige Vielfalt der Presse sich zum guten Teil auch daraus erklärt, dass die Oligarchie in heftig miteinander rivalisierende Flügel gespalten ist. Tatsächlich geht die Gründung von Presseorganen in der Mehrheit der Fälle auf die Initiative dieses oder jenes Kreises, der über Macht und Einfluss verfügt, zurück. Aber ist das, vom Prinzip her, in westlichen Ländern so viel anders, auch wenn dort eher die finanziellen Mitteln großer Medienkonzerne als politischer Einfluss von entscheidender Bedeutung sind?

Stärker einschränkend auf die Wirklichkeit der Meinungsvielfalt wirkt sich aus, dass die einzelnen Presseorgane oft über – verglichen mit denen «im Westen» – geringe materielle Mittel verfügen. Deswegen waren während der Jahre des Bürgerkriegs viele JournalistInnen auf den Informationsfluss seitens der Sicherheitsorgane angewiesen; und manche bequem gewordenen Redakteure haben dann auch später die «Arbeitsweise» beibehalten, einfach solche Nachrichten aus «Sicherheitskreisen» weiter zu verarbeiten. Doch zugleich hat sich eine hohe Improvisationskunst seitens der JournalistInnen entwickelt, die mit oft minimalen Mitteln Investigation betrieben und Reportagen durchführten. Junge Berufseinsteiger und Studierende konnten sich dadurch einen Namen machen, wenn sie bereit waren, im Gegenzug eine höchst magere (oder gar nur symbolische) Bezahlung zu riskieren. Heute haben sich die Arbeitsmöglichkeiten, gegenüber den neunziger Jahren mit Bürgerkrieg und Terror, natürlich verbessert. Kennzeichnend für die algerische Presse ist ferner, dass die Trennung zwischen Berichterstattung und Kommentar oft nur schwach ausfällt.

Und nun noch eine Anekdote, um die Funktion, welche die algerische Presse im dortigen politischen System mitunter einnimmt, und die Grenzen ihrer Betätigungsfreiheit verdeutlichen soll – bevor die einzelnen Pressetitel und ihre Erreichbarkeit im Internet vorgestellt werden.



Der «Pressekrieg» der späten 90er Jahre als Lehrbeispiel

Im Sommer 1998 geht es hoch her in den Spalten der algerischen Presse. Da schreibt etwa die Tageszeitung L’Authentique über den Kollegen Chefredakteur von Le Matin, dieser habe «ein Gesicht, das er wohl mit Urin gewaschen hat». Der Angesprochene kantet zurück, der hochverehrte Autor dieses Kompliments nehme «die Rolle des ‹Lieblings› im Harem von (Präsidentenberater Mohammed) Betchine ein». Und weiter: «Man findet Gefallen daran, Sie dabei zu sehen, wie Sie von Ihrem Liebhaber gepeitscht werden.» So werden Wochen lang Koseworte ausgetauscht. Den General a.D. und Berater des Staatschefs fordert Le Matin am 11. August 1998 von der Titelseite aus auf: «Holen Sie Ihre Hunde herein, Monsieur Betchine!» Nicht nur die Komplimente fliegen tief in jenen Wochen; es hagelt auch Enthüllungen und gegenseitige Anschuldigungen. Doch wie kam es soweit?

Den Anfang machte im Juni 1998 der ehemalige Premierminister Noureddine Boukrouh, der in mehreren Interviews mit algerischen Zeitungen, darunter El Watan, den Premierminister der Unterschlagung öffentlicher Gelder und Korruption sowie des Aufbaus eines privaten «Finanzimperiums» bezichtigt. Das Privatvermögen von Mohammed Betchine wird auf eine zwei-, wenn nicht dreistellige Millionenhöhe (in Dollar) geschätzt. Die nächste Etappe bildete die Erregung über das Todesurteil gegen den linken Hochschullehrer Ali Bensaad, der am 7. Juli 1998 unter dem fadenscheinigen Vorwand der Betätigung in einer islamistischen Terroristengruppe – in Abwesenheit – verurteilt wird. Wohl niemand ist von den Vorwürfen auch nur annähernd überzeugt, und ein Großteil der algerischen Presse verteidigt den Betroffenen in ihren Spalten aktiv. Der Hintergrund der Affäre ist durchsichtig: Im September 1995 hatte Ali Bensaad, der als aktiver Gegner der Islamisten bekannt war, in einer Rede erklärt, «die Republik von Abassi Madani (Anm. B.S.: des Vorsitzenden des Front islamique du salut) und genauso die Republik von Mohammed Betchine» abzulehnen; dabei zitierte er letzteren stellvertretend für jene, die skrupellose Selbstbereicherung betrieben. Am folgenden Tag umstellten Militärs sein Haus, doch zu seinem Glück befand Bensaad sich nicht dort, sondern auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Tagung in Tunesien. Daraufhin flüchtete er nach Deutschland. Im März 1996 wurde er zunächst, wegen angeblicher Verunglimpfung eines Staatsorgans sowie Verleumdung, zu sechs Monaten Haft verurteilt. Später sollten ihm jedoch ein Mord sowie die Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe angehängt werden, was zu seiner Verurteilung zum Tode durch ein Gericht in Constantine führt; diese ostalgerische Stadt bildet damals die politische Hochburg von Mohammed Betchine. Vom Ausland aus meldet sich Bensaad jedoch in algerischen Zeitungen zu Wort und schickt Dokumente, die belegen, dass er den ihm angelasteten Mord gar nicht begangen haben konnte, da er sich zum fraglichen Zeitpunkt in Hamburg aufhielt.

Die ganze Affäre wird schließlich, am 5. Oktober 1998, mit einem Freispruch für den Beschuldigten enden. Doch da ist es für Mohammed Betchine und den mit ihm verbündeten Justizminister Mohammed Adami bereits zu spät: Zahlreiche Kritiker fordern ihren Kopf. Am 12. Oktober 1998 beschuldigt der Offizier Hicham Aboud den ehemaligen General Betchine, für Folterungen während der Oktoberrevolte 1988 verantwortlich zu sein, und veröffentlicht zudem Unterlagen über dessen Vermögen. Am 14. Oktober beschuldigt ein Zollbeamter den Justizminister Adami in der Zeitung El Watan, in einen groß angelegten Handel mit gestohlenen Fahrzeugen verwickelt zu sein. Und am 15. wird der Minister in derselben Zeitung beschuldigt, die Verantwortung dafür zu tragen, dass anlässlich eines Gefangenentransports von Algier nach Relizane 27 Häftlinge ersticken konnten. Daraufhin erfolgt am 19. Oktober der Rücktritt von Justizminister Adami, am 21. Oktober jener von Präsidentenberater Betchine (4).

Die an ihrem «Abschuss» beteiligten Tageszeitungen können sich jedoch momentan nicht darüber freuen: Ihr Erscheinen ist seit dem 17. Oktober 1998 suspendiert, denn die Regierung reklamiert plötzlich Millionensummen für aufgelaufene Druckkosten der letzten Jahre, im Namen staatlicher Druckereien, zahlbar innerhalb von 48 Stunden. Betroffen vom «Zeitungskonflikt» sind übrigens nicht nur El Watan und Le Matin, sondern insgesamt sieben Tageszeitungen: Fünf andere Titel stellen zunächst aus Solidarität ebenfalls ihr Erscheinen ein; mindestens zwei (La Tribune und Le Soir d’Algérie) erhalten daraufhin aber ebenfalls Zahlungsaufforderungen. Solange die Schulden nicht bezahlt sind, werden die Presseorgane nicht gedruckt. Die Kosten sind keineswegs erfunden, sondern echt – doch bisher hatte das Regime sie in jahrelanger Praxis nicht von den Zeitungen reklamiert, die sich dadurch freilich längerfristig in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis begaben. Nunmehr stellt sich der bisherige Vorteil als wunder Punkt heraus: Die Regierung wird die Redaktionen an dieser Achilleferse packen.

Mehrere Wochen im Oktober und November 1998 hindurch werden einige der führenden Zeitungen des Landes nicht erscheinen: Drei Wochen dauert der Konflikt für manche, vier Wochen für andere. El Watan bezahlt seine Schulden; dagegen findet Le Matin eine private Druckerei und kann so wieder erscheinen, auch ohne der Zahlungsaufforderung zu folgen.

Wie soll man diese Konflikte auf der politischen Bühne Algeriens interpretieren? Der tatsächliche Hauptstreitpunkt ist sicherlich jener um die Rolle von Mohammed Betchine. Der General a.D. amtiert zugleich als Koordinator des algerischen Geheimdiensts und als Präsidentenberater – und hat, aus Sicht vieler anderer algerischer Militärs, schlichtweg zu viel Macht allein in seinen Händen konzentriert. Möglicherweise hat er auch auf der geschäftlichen Ebene, also jener der institutionalisierten Korruption und der so genannten «Import-Import-Geschäfte» – mit denen vorhandene Produktionskapazitäten in Algerien zur Stillegung verdammt werden, aber an denen sich sowohl westliche Konzerne als auch an Vermittlungsgeschäften beteiligte Mitglieder der Oligarchie bereichern –, zu viele Stücke des Kuchens monopolisiert. Wahrscheinlich ist, dass er andere «Seilschaften» und «Clans» der algerischen Armee, die sich oft nach regionalistischen Kriterien definieren (seine eigene Hausmacht hat Betchine im ostalgerischen Constantine) stört und ihnen im Weg steht.

Der Pressestreit ist zunächst eine Widerspiegelung dieses Machtkampfs. Zunächst muss man wissen, dass Algerien, seit der erzwungenen Öffnung des politischen Systems von 1989, über eine tatsächlich vielfältige und nicht direkt vom Regime kontrollierte Presse verfügt. Doch wenn es auch zutrifft, dass die Redaktionsmitglieder und Journalisten keineswegs Befehlsempfänger der politischen Machthaber sind, so bedeutet das hingegen nicht, dass die Presseorgane prinzipiell nicht instrumentalisiert würden. Die unterschiedlichen Fraktionen der Oligarchie sind sehr wohl in der Presse präsent, wenngleich die meiste Zeit über als stille Teilhaber, die ihr Geld einlegen und die Redaktionen – jedenfalls innerhalb bestimmter Grenzen, die u.a. durch die politische Ausrichtung definiert werden – weitgehend autonom arbeiten lassen. Im Falle zugespitzter Konflikte innerhalb der Oligarchie aber lässt sich der Zugang zu diesem oder zu jenem Presseorgan ausnutzen, um Informationen ans Licht der algerischen und internationalen Öffentlichkeit zu befördern, deren Publikation sich für den einen «Clan» nützlich, für den anderen hingegen schädlich auswirkt. Alle diese Informationen stimmen meistens auch, und betreffen etwa die notorische Korruption dieser oder jener Persönlichkeit; gegenseitig vorzuwerfen haben sich die unterschiedlichen Fraktionen in der Regel genug.

Die Zeitungsredaktionen ihrerseits tun in gewisser Hinsicht nur ihren Job, da sie Informationen enthüllen, die keineswegs falsch sind und die ihnen zugespielt werden. Ihr Problem besteht in den meisten Fällen darin, dass sie mit zu geringen Finanzmitteln auskommen müssen, um selbst Recherchen in anderer Richtung zu entfalten. Ein algerischer Journalist sagt dazu im französischen Fernsehen: «Nehmen wir das Beispiel einer Enthüllung über Korruption. Wer kann die Informationen eines Informanten absichern, wenn man nicht über genügend Zeit und Geld verfügt – und vor allem, wer kann ihn gegebenenfalls decken und schützen? Also benutzt man Material, das einem ‹offeriert› wird…« (5) Genau dies sind die Hintergründe des «Zeitungskriegs» im Sommer 1998. Die größeren Tageszeitungen, vor allem Le Matin und El Watan, dienten dabei als Informationskanäle, um die Machtbasis von Präsidentenberater Betchine zu erschüttern. Dass die Leitung von L’Authentique darauf heftig antwortete, ist nicht verwunderlich, denn der Eigentümer dieser – weniger bedeutenden – ist damals Mohammed Betchine. Später schloss sich noch eine zweite Zeitung an, Demain l’Algérie, die über den Pressekonzern Cirta-Com ebenfalls von Betchine kontrolliert wird (6).

Der Ärger, den die größeren Presseorgane einige Wochen später mit der Regierung haben, bildet das indirekte Ergebnis oder in gewisser Weise das «Abfallprodukt» des vorherigen Machtkampfs via Tagespresse. Man kann ihn aller Wahrscheinlichkeit nach als den Versuch der Staatsmacht interpretieren, den algerischen Journalisten zu signalisieren: Bis hierher durftet Ihr die Schlammschacht treiben, aber jetzt ist Schluss! Denn jetzt gilt es, das algerische politische System nicht vollends zu destabilisieren, indem ständig neue Enthüllungen nachkommen. Nunmehr muss das Erreichte konsolidiert werden; Mohammed Betchine kann sich ohnehin nicht länger halten. Die verschiedenen Clans der algerischen Oligarchie einigen sich in der folgenden Periode auf den Nachfolger von Liamine Zeroual als Staatschef, den künftigen Präsidenten Abdelaziz Boutefliqa – der sich in den folgenden Jahren als, gelinde ausgedrückt, kein besonderer Freund der Pressefreiheit erweisen wird.


Die einzelnen Presseorgane


I) Französischsprachige Titel:

* Le Matin: Bis vor kurzem eine der auflagenstärksten Tageszeitungen; entstand 1991 aus einer Spaltung der Redaktion bei der, bis dahin kommunistischen, Zeitung Alger Républicain (siehe folgenden Abschnitt). Später das Sprachrohr der éradicateurs in der politischen Klasse; vor allem die Standpunkte des postkommunistischen MDS und des RCD, aber seit Beginn dieses Jahrzehnts auch der kabylischen Protestbewegungen wurden regelmäßig präsentiert. Der aktuelle Staatspräsident Abdelaziz Boutefliqa wurde scharf bekämpft und angeprangert, weil er den politischen Islamisten den Weg zur erneuten Legalisierung und Anerkennung sowie zur späteren Eroberung der Macht bahne. Vor den Wahlen im April 2004 unterstützte die Redaktion den Boutefliqa feindlich gesonnen Flügel des FLN, und die Kandidatur von Ali Benflis. Die Zeitung musste, wie oben dargestellt, im August 2004 eingestellt werden; ihr Herausgeber Mohammed Benchicou war wenige Wochen zuvor zu zwei Jahren Haft verurteilt worden.
http://www.lematin-dz.net/accueil/


* Alger Républicain: Es handelt sich um die Fortsetzung des dereinst prestigereichen Organs der Algerischen Kommunistischen Partei, das etwa in den 1950er Jahren durch die Kritik an der Folter im französischen Kolonialkrieg von sich reden machte und nach der Unabhängigkeit zunächst weiter erschien. Nach der Öffnung zur Pressefreiheit, zeitgleich mit dem Übergang zum Parteienpluralismus, 1988/89 erschien auch Alger Républicain erneut. Doch durch die Spaltung mit den Begründern von Le Matin (siehe vorigen Abschnitt) wurde die Publikation schwer gebeutelt; im weiteren Verlauf der 90er Jahre musste die Zeitung ihr Erscheinen einstellen. Aber seit 2003 erscheint Alger Républicain wieder regelmäßig, freilich im 14-tägigen Rhythmus, und ist auch an französischen Kiosken zu finden. Schwerpunkt sind soziale Fragen, die Anprangerung der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Heute eines der progressivsten Organe, und eine sinnvolle Ergänzung zur Lektüre der (auch in Frankreich überall erhältlichen) Tagespresse.
http://www.algerep.fr.tc/


* Liberté: Diese Tageszeitung gehört dem kabylischen Milliardär Ibrahim Rabrab. Wirtschaftlich eher pro-liberal, aber der Regierung, vor allem dem Staatspräsidenten Boutefliqa gegenüber (aus z.T. ähnlichen Gründen wie auch Le Matin) eher feindlich gegenüber stehend. Unterstützt den kabylischen RCD unter Saïd Sadi.
http://www.liberte-algerie.com/


* La Tribune: Von dem ehemaligen algerischen Premierminister der Jahre 1989 bis 1991, Mouloud Hamrouche, und seinem Umfeld begründete Tageszeitung. Hamrouche leitete den Übergang vom Einparteienstaat zum Mehrparteiensystem ein, galt als «Reformer» und als «algerischer Gorbatschow». In wirtschaftlicher Hinsicht war er eher sozialdemokratisch bis liberal orientiert. –»Seine» Zeitung liefert heute oft die differenziertesten Informationen und die umfangreichsten Wirtschaftsnachrichten.
http://www.latribune-online.com/


* El Watan (ungefähr: «Die Nation»): Diese Zeitung wurde ursprünglich mit Geldern aus Kreisen der Militärs, um den jetzigen Generalstabschef Mohammed Lamari, begründet. Mitte der neunziger Jahre war sie jedoch mehrere Monate lang «suspendiert», also zeitweise verboten, da die zu unabhängigen JournalistInnen sich nicht an Verbote bezüglich der Veröffentlichung «sicherheisrelevanter» Informationen – die während der Bürgerkriegsphase in Kraft waren – gehalten hatten. Seit zwei oder drei Jahren, nachdem sie einen Relaunch durchmachte und ihr Layout veränderte, sucht El Watan als nüchtern-seriöse Informations- und Qualitätszeitung zu reüssieren. Dazu gehört, stärker als sonst allgemein in der algerischen Presse üblich, eine Trennung von Bericht und Kommentar.
http://www.elwatan.com/


* Le Quotidien d’Oran: Ursprünglich eine reine Regionalzeitung in Westalgerien, die seit drei bis vier Jahren den Aufstieg zur überregionalen Tageszeitung geschafft hat. Zeichnet sich durch eine gewisse Qualität der Recherchen aus. Muss aber als eher regierungsnahe, und Präsident Abdelaziz Boutefliqa tendenziell unterstützend gelten.
http://www.quotidien-oran.com/


* La Dépêche de Kabylie: Eine Neugründung der letzten zwei Jahre. Auf die Kabylei ausgerichtetes und sich teilweise regionalistisch gebendes Organ – aber unterstützt klar den Staatspräsidenten Abdelaziz Boutefliqa. Zeitungsdirektor ist Idir Benyounès, ein zwielichtiger Geschäftsmann und Bruder des ehemaligen Gesundheitsministers unter Präsident Boutefliqa, Amara Benyounès. Beide gelten als skrupellose Karrieristen in den Reihen der algerischen Oligarchie. Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2004 organisierte Amara Benyounès Unterstützungskomitees für Präsident Boutefliqa in der französischen Emigration, die stark kabylisch geprägt ist, und die Zeitung rührte die propagandistische Trommel dazu. Das kommt in der aufmüpfigen Berberregion nicht besonders gut an, weshalb es mehrere Boykottaufrufe gegen das Blatt gibt. Seitdem Besucher der Zeitung im Internet direkt auf die offizielle Homepage der Wahlkampagne «Boutefliqa 2004» weitergeleitet wurden, ist auch der Webmaster der Zeitung zurückgetreten. Seitdem ist die Website «wegen Überarbeitung» nicht mehr zugänglich…
http://www.depechedekabylie.com


* Le Jeune indépendant: Diese Tageszeitung gilt als den militärischen Nachrichtendiensten nahe stehend. Sie wird auch benutzt, um Informationen oder Enthüllungen zu «lancieren».
http://www.jeune-independant.com/


* La Nouvelle République: Eine kleine und nicht sonderlich bekannte Tageszeitung; interessant an ihr sind die Hintergrundartikel des linken Intellektuellen Redouane Osmane. Und in jüngerer Zeit die Berichte zu den lang anhaltenden Streikbewegungen der Lehrer in Algerien, an denen Osmane wesentlichen Anteil trug.
http://www.lanouvellerepublique.com/site/


* Le Soir d’Algérie: Eine Boulevardzeitung, die in den späten Neunziger Jahren entstand – ursprünglich, nach Aussage von MitarbeiterInnen, um Angehörigen der Oligarchie als Anlage zur Geldwäsche zu dienen. Die Zeitung lebt aber ebenso wie die meisten anderen in Algerien vom Improvisationstalent ihrer JournalistInnen, und kann daher auch als (ergänzende) Informationsquelle heran gezogen werden.
http://www.lesoirdalgerie.com/


* El Moudhajid: Offizielles Verlautbarungsorgan in Algerien. Dereinst – im Unabhängigkeitskrieg – die Untergrundzeitung des bewaffnet kämpfenden FLN, wurde die Zeitung später zum öden Propagandainstrument der Staatspartei und betrieb langweilige Phrasendrescherei. Heute ist sie die Stimme des Präsidenten Abdelaziz Boutefliqa. Höchstens insofern interessant, als hier offizielle Texte oder Reden mitunter in voller Länge dokumentiert werden.
http://www.elmoudjahid.com/


II) Arabischsprachige Titel:


* El-Khabar (Die Nachricht) ist die erste arabophone private Tageszeitung in Algerien, die nach der Einführung des Pressepluralismus von 1989 gegründet wurde, und zwar im Jahr 1990. Acht Jahre lang war sie auch die einzige; dann kamen zwei kleinere Presseorgane in arabischer Sprache hinzu, Saout el-Ahrar (Die Stimme der Freien) und Er-Raï (Der Standpunkt, die Meinung). Nach wie vor bleibt El-Khabar die größte und führende arabischsprachige Zeitung im Land und bemüht darum, als seriöse Informationszeitung Anerkennung zu finden – ähnlich wie die französischsprachige El-Watan.
http://www.elkhabar.com/

* El-Youm (Der Tag) wurde 1999 begründet und macht dem anderen großen arabischsprachigen Blatt seitdem erhebliche Konkurrenz. Die Zeitung zeichnet sich, unter Führung von Nacer Aloui, durch die Qualität ihrer Recherchen und ihre unabhängig-kritische Information aus. Auch die Militärs werden nicht mit Kritik verschont.
www.el-youm.com/




d) Sonstige:


* Algeria Interface: Eine 1999 von algerischen Journalisten mit Hilfe ehemaliger schwedischer Diplomaten und mit finanzieller Unterstützung durch die Olof-Palme-Stiftung in’s Leben gerufener Online-Informationsdienst. Geboten wird in aller Regel sachliche Information, in Form von Kurzmeldungen und in unregelmäßigen Abstanden mit Hintergrundartikeln oder Interviews. Sprachen sind Französisch und Englisch.
http://www.algeria-interface.com/

* Algeria Watch: Ein in französischer und deutscher Version bestehender Online-Informationsdienst. Zu den hauptsächlichen Betreiberinnen zählt die in Deutschland lebende Algerierin Salima Mellah. In der französischen Ausgabe werden häufig Artikel aus der (frankophonen) algerischen Presse dokumentiert. Ansonsten bieten die deutsche wie die französische Variante eigene Dossiers und Informationsmappen vor allem zu den Themen «Menschenrechtsverletzungen» und «Flüchtlingspolitik in Europa» an.

Dabei zeichnet Algeria Watch sich durch Engagement und Informationsreichtum aus, was die – berechtigte – Kritik an europäischer Asyl-, Einwanderungs- und Abschiebepolitik sowie die die Dokumentation von staatlichen Menschenrechtsverletzungen betrifft. Wesentlich schwächer wird dagegen das Profil, was die Untersuchung der Rolle algerischer Islamisten, vor allem im Kontext des Bürgerkriegs, betrifft. Der Grund dafür sind nicht Sympathien für deren Taten, sondern vielmehr ein Standpunkt, demzufolge zumindest ein Großteil der islamistischen Gewalt in Algerien auf Manipulationen durch das dortige Regime und seinen Staatsapparat zurückzuführen sei. Diese These, zu deren engagiertesten Verfechterinnen Salima Mellah zählt, hat sich im Laufe der Jahre zu einer tendenziell verselbstständigten Komplott- und Verschwörungstheorie verdichtet. An diesen Punkten sollte man nicht blind auf jenen Diskurs vertrauen. Davon unbenommen hat die Homepage ihre Qualitäten, wenn es sich darum handelt, den oftmals skandalösen Umgang mit algerischen Einwanderern und Flüchtlingen aufzuzeigen.
Deutsche Ausgabe:
http://www.algeria-watch.de/
Französischsprachige Ausgabe:
http://www.algeria-watch.de/francais.htm


Anmerkungen

(1) Angaben nach: http://www.ifa.de/dialoge/falgier_vortrag_elkhabar.htm
(2) Vgl. ausführlich dazu: http://www.trend.infopartisan.net/trd0904/t080904.html
(3) Vgl. El Watan vom 25. 11. 2004.
(4) Vgl. zusammenfassend dazu: Saïd Bouamama, Les racines de l’intégrisme, Brüssel 2000, S. 285 und 314/315 und Le Monde vom 14. 08. 1998 (Le pouvoir règle dans la presse de mystérieuses querelles) und, im Rückblick, Jungle World vom 24. 03. 1999 (Clans, Cliquen, Kandidaten).
(5) Zitiert nach dem Dokumentarfilm von Patrice Barrat u.a., Algérie(s), der erstmals am 18. und 19. 11. 2002 auf dem französischen Sender Canal + ausgestrahlt wurde.
(6) Die beiden Blätter feuerten ihrerseits u.a. eine publizistische Breitseite gegen den General Larbi Belkheir, der zu den mächtigsten Militärs im Lande gehört, ab und beschuldigten ihn, 1993 Mordkommandos zur geheimen Tötung von Islamisten organisiert zu haben. Damit hatten die Betchine-Unterstützer sich aber wohl außerhalb des Konsens‹ der Regierenden gestellt.

© Unrast-Verlag, Jan. 2005

Bernhard Schmid: Algerien. Frontstaat im globalen Krieg?
Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideologie in einem nordafrikanischen Land
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