Bei unrast:

Mythos Identität: Fiktion mit Folgen.

Einleitung zu:

Alfred Schobert / Siegfried Jäger (Hg.)
Mythos Identität
Konstrukt mit Folgen
Edition DISS Bd. 6

Als der Begriff „deutsche Leitkultur“ propagiert wurde, stieß dies zunächst auf erhebliche Resonanz, auf eifrige Zustimmung wie auf heftige Kritik. Kritiker der Formel konnten eindringlich deutlich machen, dass die mit diesem Begriff einhergehenden Vorstellungen von Homogenität und hoher Geistigkeit deutschen Realitäten heftig widersprachen. So war die anfänglich steile Karriere des Begriffs, wenn man von der Übernahme des deutschen Wortes im Programm Een toekomst vor Vlanderen (2003) des separatistischen und neorassistischen Vlaams Blok absieht, recht bald beendet. Der Begriff ist inzwischen aus dem bundesdeutschen mediopolitischen Diskurs getilgt. Dasselbe gilt nicht für die Begriffe „kollektive Identität“ und „nationale Identität“, die gleichsam „in aller Munde“ sind.
Dabei erweisen sich diese politische Kampfbegriffe bei genauerem Hinsehen als ebenso problematisch wie die Formel von der „deutschen Leitkultur“. Auch bei ihnen handelt es sich um Mythen (im übertragenen Sinn), es sind Fiktionen. Ihr fiktiver Charakter bedeutet aber nicht, dass sich aus ihnen nicht durchaus konkrete und häufig schreckliche Folgen ergäben. „Kollektive“ bzw. „nationale Identität“ suggerieren Homogenität, gleichartige Abstammung oder Herkunft. Sie zur staatlichen und gesellschaftlichen Norm zu erheben, führt zur Ausgrenzung all dessen, was nichtidentisch ist bzw. als nichtidentisch gilt. Und damit wird ernst gemacht, und zwar auf allen diskursiven Ebenen - mit den entsprechenden Folgen. Es muss erstaunen, dass das Gerede von der „nationalen Identität“, das vom rückwärtsgewandten Gemurmel rechter Ideologen ausging, inzwischen in der Mitte der Gesellschaft unbefragt akzeptiert und sowohl im mediopolitischen wie im Alltagsdiskurs reproduziert wird.
Im wissenschaftlichen Diskurs wurde ihm längst die Totenglocke geläutet - man denke an die Arbeiten von Stuart Hall und Benedict Anderson, an die Jürgen Links und Ruth Wodaks und zahlreicher anderer Kulturwissenschaftlerinnen. Zu nennen wären hier auch Arbeiten des DISS und kooperierender Wissenschaftlerinnen, die inzwischen in der Edition DISS im Unrast-Verlag erschienen sind, so Angelika Magiros’ Studie „Kritik der Identität“ oder den von Siegfried Jäger und Franz Januschek herausgegebenen Band „Gefühlte Geschichte und Kämpfe um Identität“, in dem die Beiträge des XVI. DISS-Colloquiums (im Dezember 2002) zusammengestellt sind.
Der vorliegende Sammelband, der die Ergebnisse des XVII. DISS-Colloquiums im Dezember 2003 in der Akademie Frankenwarte in Würzburg präsentiert, knüpft daran an und diskutiert das Thema „Identität“ in verschiedenen empirischen Untersuchungen, die zumeist aktuell brisante Themen behandeln.
Kurt Lenk analysiert in seinem Aufsatz „Pax Americana im Zeichen der Bush-Doktrin“ die Konzeptionen von Vordenkern der US-amerikanischen Außenpolitik in ihrer imperialen Wendung, die nicht erst mit dem Mega-Terror vom 11. September 2001 begann, mit den Anschlägen auf New York und Washington allerdings weiteren Auftrieb bekam. Insbesondere setzt sich Lenk mit der Gegenüberstellung von USA und Europa in der von Robert Kagan mit weltweitem Erfolg popularisierten Form, also stilisiert in der Entgegensetzung Hobbes vs. Kant, US-amerikanischer Realismus vs. postmoderne europäische Träumerei, auseinander. Es mag sein, dass bei Erscheinen dieses Buches die US-amerikanischen Wählerinnen die Ära Bush beendet haben werden; Lenks Beitrag wird dennoch aktuell bleiben, weil die von ihm analysierten Grundpositionen der Außenpolitik längst nicht nur von den „Neokonservativen“ in der Bush-Administration vertreten werden.
Die imperiale Politik der USA bildet auch den aktuellen Hintergrund des Beitrages von Alfred Schobert. Er analysiert die Europa-Konzeption eines der europaweit wichtigsten Ideologen der extremen Rechten, Alain de Benoist. Ausgehend von der Analyse von de Benoists herablassender Kritik an Jürgen Habermas' Vorschlägen für Europa, denen sich Jacques Derrida angeschlossen hat, skizziert Schobert de Benoist Europa-Konzeption(en) seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. „Europäische Identität“ entwarf de Benoist immer in Absetzung von einem „Hauptfeind“. Als solcher gelten ihm seit Jahrzehnten die USA, wobei de Benoists Antiamerikanismus sich zunehmend radikalisiert, und zwar bis zum europäischen Jihad gegen Amerika. Die Vorstellungen de Benoists von einer Achse Paris-Berlin-Moskau und einer „europäischen Monroe-Doktrin“ gegen die USA finden indes nicht nur Anklang in Organen der extremen Rechten wie der Wochenzeitschrift Junge Freiheit oder dem Parteiblatt der REPs. Die „querverbindende Denkweise“ de Benoists und mancher seiner Mitstreiter, insbesondere in Italien, schuf ihnen einen nicht zu unterschätzenden Resonanzboden in Teilen der Anti-Kriegs-Bewegung, was bisweilen zu kruden Allianzen führt.
Gudrun Quenzel präsentiert in ihrem Beitrag „Was ist das Europäische an der europäischen Identität?“ Ergebnisse ihres soeben beendeten Promotionsprojektes. Sie untersucht ein Diskursfeld, das sich vom wissenschaftlichem Diskurs bis zum Feuilleton großer Tageszeitungen erstreckt. Aus dieser Diskursmasse der letzten Jahre destilliert Quenzel elf Typen der Bestimmung „europäischer Identität“. Bei der Untersuchung der Selbstbilder richtet sie auch den Blick auf das von ihnen Ausgeschlossene, wobei sie „interne“ und „externe Andere“ unterscheidet.
Mit dem Beitrag von Ivan Golobolov bewegen wir uns an den Rand Europas, nach Russland. Ausgehend von Prämissen der diskursanalytischen Schule um Ernesto Laclau untersucht Golobolov den „Kampf um die nationale Identität im post-sowjetischen Russland“ anhand reichen russischen Quellenmaterials und präpariert die verschiedenen diskursiven Positionen in der russischen Politik heraus. Golobolov unterscheidet dabei fünf große Komplexe von russischem Nationalismus, die das Russisch-Sein verschieden artikulieren, und zwar abhängig davon, welchen ,Feind’ sie identifizieren.
Die prekäre Identität Israels, das aus ihr resultierende innergesellschaftliche Konfliktpotential wie auch die Konsequenzen für eine Friedenslösung im Nahen Osten behandelt Moshe Zuckermann in seiner Strukturanalyse. Zuckermann geht aus von der singulären Eigenschaft des Zionismus im Vergleich zu anderen Nationalismen, nämlich dass er als „Kopfgeburt“ in die Welt kam. Es gab kein angestammtes Territorium, das durch einen Akt der nationalen Befreiung für die Nation errungen wurde, es gab keine gemeinsame, im Alltagsleben praktizierte Sprache, und selbst die Bevölkerung war über die Welt verstreut und musste erst versammelt werden. In der Ideologie des Zionismus wurde hingegen eine gewisse Einheitlichkeit unterstellt, und so gehen manche der innerisraelischen Krisen von heute bis auf die Gründungszeit des Zionismus zurück. Schon in der vorstaatlichen Zeit und dann mit der Staatsgründung wurden einige Weichenstellungen vollzogen, die ebenfalls bis heute innergesellschaftlich problematische Folgen zeitigen. Zuckermann fundiert in seiner Strukturanalyse nicht nur die Diagnose innergesellschaftlicher Konflikte über Fragen israelischer Identität, sondern er sieht diese schon manifesten oder noch latenten Konflikte auch als eine Ursache, warum sich israelische Gesellschaft und Politik mit einer Friedenslösung so schwer tun, der Friedensprozess auch von dieser Seite (Zuckermann spricht nicht von den Problemen, Konflikten und Selbstblockaden der palästinensischen Gesellschaft) blockiert ist.
In Jobst Pauls Beitrag „Der verweigerte Dialog“ geht es um einen historischen Gegendiskurs zum Identitätsdiskurs der deutschen Nation im 19. Jahrhundert. Dieser wurde über die Beschäftigung mit den ,christlich-germanischen’, völkisch-nationalistischen und schließlich antisemitischen Quellen in der Vergangenheit weitgehend ausgeblendet. Es handelt sich um den Diskurs, in dem deutsche Juden ihren zumeist republikanischen Entwurf einer deutschen Nation formulierten. Thesen Christian Wieses und Susannah Heschels aufgreifend, liefert Pauls „Projektskizze“ eine Annäherung an diese bislang übergangene Dialog- und Debattenliteratur. Paul erörtert zunächst die asymmetrischen Diskursverhältnisse, in denen die meisten Interventionen deutscher Juden während des 19. Jahrhunderts auf herablassende Reaktionen und Dialogverweigerung von nicht-jüdischer Seite stießen. Als Kern der Dialogangebote kristallisiert sich der epochale Versuch „einer endgültigen religionshistorischen wie kulturellen Richtigstellung“ heraus. Gefordert wird die Anerkennung des Judentums als sozial-ethische Basis des Christentums und, insoweit diese sich als christlich verstehen wollte, entsprechend auch der deutschen Nation. Anhand von Schriften des Dresdner Juristen Emil Lehmann und des Historikers und Pädagogen David Cassel zeichnet der Beitrag nach, dass die Autoren die christliche „Confiscation“ der jüdischen Ethik als den Kern des antisemitischen Unrechts empfanden; auch rekonstruiert Paul, welche Auswege sie als Vision in den Dialog einbrachten. Antworten auf diese Dialogangebote stehen allerdings bis heute aus.
Fragen von Identität und Ausgrenzung im gegenwärtigen deutschen Mediendiskurs stehen im Zentrum von Siegfried Jägers Beitrag „Paradoxe Entschärfungen im Interesse der Nation“. Nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 wurde vielerseits befürchtet, dass der Migrationsdiskurs fortan verschärft rassistisch aufgeladen würde. Siegfried Jäger hat daraufhin einige bedeutende Printmedien (FAZ, Spiegel, Bild und Focus) bis Frühjahr 2003 befragt. Seine diskursanalytische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich diese Befürchtungen nicht realisierten. Zwar wurden der Terror und seine Verursacher erwartungsgemäß scharf (und selbstverständlich völlig zu recht) gebrandmarkt; eine Verschärfung des Migrationsdiskurses war jedoch nicht zu beobachten. Die Ursachen dafür sieht Jäger zum einem in den Folgen des sogenannten „Aufstands der Anständigen“, noch stärker aber in dem medial breit geführten Diskurs zum neuen Einwanderungsgesetz; dieser transportierte einen instutionellen Rassismus, der auch die hartgesottenen Fremdenfeinde zufrieden stellen konnte und den Parteien der extremen Rechten zu diesem Thema den Wind aus den Segeln nahm. (Das durch fragwürdige Praktiken der Innenbehörden gescheiterte Verbotsverfahren gegen die NPD sowie erhebliche Verschärfungen des Sozialdiskurses gaben solchen Parteien jedoch alsbald die Möglichkeit, das Thema Einwanderung wieder in brachialer Form auf ihre Agenda zu setzen.)
Semra Çelik referiert erste Ergebnisse ihres Promotionsprojektes zum Thema „Wir – die – Ich. Nationale Positionierungen türkischer Migrantinnen“, in dem sie anhand der Analyse von Alltagsinterviews mit Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund feststellen konnte, dass deren Vorstellungen über personale wie auch „kollektive“ bzw. „nationale Identität“ sich von jenen zumeist unterstellten Gleichartigkeits- und Einheitlichkeitsvorstellungen unterscheiden; hier entwickeln sich „hybride Identitäten“.
Mit einem weiteren Aspekt individueller (wie auch kollektiver) Identität beschäftigt sich Frank Wichert in seinem Beitrag „Moderne Männlichkeit im hegemonialen Printmediendiskurs: Identität und fiction“, der Ergebnisse seiner Dissertation „Der VorBildliche Mann. Die Konstruktion moderner Männlichkeit in den Print-Medien“ präsentiert. Wicherts Diskursanalyse hegemonialer Printmedien (des Jahres 1997) zeigt, dass es in weitverbreiteten Printmedien wie dem Magazin Focus eine erhebliche Bandbreite an Applikationsvorgaben für heutige Männer gibt. Die Variationsbreite, die ,dem Mann’ dargeboten wird, reicht vom ,bunten Hund’ (Typ Dieter Bohlen) bis zum egoistisch sich Panzernden, den Panik befällt, von seinem Reichtum etwas abzwacken zu müssen, wenn sich Multi-Kulti „bei uns“ breit macht.
Selbstverständlich können die hier versammelten Beiträge längst nicht alle Aspekte des komplexen Themas Mythos Identität als Fiktion mit Folgen abdecken. Einem Colloquium sind zeitliche Grenzen gesetzt, die auch in einem Sammelband nur in Ausnahmefällen überschritten werden können. So verstehen wir diesen Band als Zwischenstation auf dem Wege weiterer kritischer Reflexion und Forschung.
Abschließend bleibt den Herausgebern noch die angenehme Aufgabe, allen Autorinnen und Autoren des Bandes sowie all denen, die an seiner technischen Realisierung beteiligt waren, herzlich zu danken. Unser besonderer Dank gilt Georg Rosenthal von der Akademie Frankenwarte in Würzburg, der uns die Tagung unter höchst angenehmen Umständen ermöglicht hat.
Alfred Schobert
Siegfried Jäger
Dzember 2004

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