Bei unrast:

Einleitung zu Corpus delicti

Susanne Spindler: Corpus delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag von jugendlichen Migranten

Jung, männlich, türkisch – und schon entsteht vor dem inneren Auge das Bild eines Jugendlichen, der mit Goldkettchen, Kampfhund und protzigem Körper ausgestattet, andere Jugendliche abzockt, alten Damen die Handtasche klaut und ganze Stadtteile in Angst und Schrecken versetzt. Das Phänomen scheint wissenschaftlich und medial geklärt zu sein: Wir haben es dabei mit dem Typ »türkischer Macho« zu tun. Junge männliche Migranten seien geprägt von patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen, die sie in der Familie gelernt hätten. Gewalt und ein gewalttätiges Geschlechterverhältnis seien für sie normal. Mit emanzipatorischen Verhältnissen in der Bundesrepublik konfrontiert, gerieten sie mit solchen Konzepten von Männlichkeit in einen Kulturkonflikt – und würden ihr Dilemma dann durch Gewalt verarbeiten. Ihre Gewaltbereitschaft schmälere ihre Chancen, sich in der Gesellschaft einen Platz zu erobern (vgl. z.B. Pfeiffer/Wetzels 2000: 21ff, Aslan 2003).
Diese und ähnliche Sichtweisen der Situation männlicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund deuten deren Gewalt als einen Ausdruck längst überholter Vorstellungen von Männlichkeit und als Gegensatz zum gesellschaftlich vorherrschenden Geschlechterverhältnis und -verhalten – denn gerade Männlichkeit sei nicht mehr das, was sie mal war. Allenthalben macht die Rede vom »neuen Mann« die Runde, sind die Geschlechterverhältnisse »im Umbruch«, lässt sich Männlichkeit nicht mehr in alten Stereotypen erfassen. Gleichberechtigung der Geschlechter ist allgemein akzeptiertes gesellschaftliches Ziel, und es gibt Raum für Individualität jenseits von Geschlecht. In der individualisierten Gesellschaft verliere Geschlecht an Bedeutung und an strukturierender Kraft (vgl. Beck 1995: 185ff). Nur einige hätten das noch nicht begriffen: Angehörige bestimmter Milieus verkörpern immer noch einen Typ »Macho«, rückständig, traditionell und patriarchal zugleich. Der »kriminelle türkische1 « Jugendliche ist so einer. Damit wäre der Täter dingfest gemacht: Diese Jugendlichen gilt es zu ändern, ihnen ihre Geschlechterstereotype auszutreiben. Ihr Modernisierungsrückstand, der sich in Einstellungen, Werten und im Lebensstil ausdrücke, müsse bekämpft werden.
Und doch stellt sich ein Unwohlsein ein bei dieser Lösung, denn sie geht gleich von mehreren Annahmen aus, die zu hinterfragen sind. Eine erste Annahme zielt auf das Geschlecht: Es verliere an Relevanz, Geschlechtertraditionen und -konventionen spielten kaum noch eine gesellschaftliche Rolle, Institutionen und Alltagssituationen seien immer weniger von geschlechtlichen Ungleichheiten durchzogen. Geschlecht als Kategorie der Ungleichheit und das Patriarchat sowieso seien »out«. Die zweite Annahme, die mit der ersten zusammenhängt, geht davon aus, dass sich diese Tendenz bei jungen Migranten und deren Familien in eine entgegengesetzte Richtung entwickelt: Deren Lage sei vorrangig kulturell bedingt und »ihre« Kultur – im Gegensatz zu »unserer« – sehr stark von patriarchalen Geschlechterungleichheiten durchzogen; der Machismo der Jugendlichen sei Resultat dieser familiären Situation.
Stellt man diese Annahmen über Geschlecht, Kultur und (die Familienstruktur von) MigrantInnen in Frage, und damit zugleich das (Gegen)Bild gesellschaftlicher Verfasstheit, das sie implizieren, dann schrumpft der »türkische Macho« auf eine reine Beschreibung zusammen; das Verhalten der Jugendlichen ist damit allerdings nicht erklärt. Ein Forschungsdesiderat wird sichtbar: Hängen Gewalt und Kriminalität mit Männlichkeit und Herkunft der Jugendlichen zusammen? Und wenn ja, wie?
Dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in bundesdeutschen Gefängnissen überrepräsentiert2 sind, war der Ausgangspunkt eines an der Universität zu Köln unter Leitung von Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow durchgeführten Forschungsprojektes. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert, von 1999 bis 2002 war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin daran beteiligt. Exemplarisch haben wir eine Untersuchung mit inhaftierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund, deren Lebensmittelpunkt vor der Inhaftierung in Köln war, durchgeführt. Forschungsziel war, die Lage der Jugendlichen zu beschreiben und zu deuten, das Bedingungsgefüge ihrer »Kriminalitätskarrieren« zu analysieren und dann mögliche Maßnahmen gegen die Überrepräsentation dieser Jugendlichen in Haft herauszuarbeiten. Dazu führten wir Interviews mit inhaftierten Jugendlichen sowie mit VertreterInnen der Instanzen sozialer Kontrolle.
Die Ergebnisse in einigen groben Linien zusammengefasst: Die Inhaftierung bedeutet nicht, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund »krimineller« sind als andere, sondern zeigt vielmehr, dass sie auf Grund von Ethnisierungs- und Kriminalisierungsprozessen eher in der Haft landen. Sie wachsen in meist schwierigen Situationen auf, die nicht durch eine besondere Disposition kultureller, religiöser oder »ethnischer« Provenienz bedingt sind, sondern durch verschiedenste Formen der Exklusion. Diese greifen in der biographischen Entwicklung – je nach der entsprechenden Phase oder dem Kontext – als Ausgrenzung (z.B. als Ausländer), als Diskriminierung (z.B. als ressourcenloser Jugendlicher), als Ethnisierung (als verdächtiger Fremder) und als Kriminalisierung (als Objekt erhöhter sozialer Kontrolle).3
Auffällig ist, dass in unserem Untersuchungszeitraum ausschließlich junge Männer und keine einzige weibliche Jugendliche mit Migrationshintergrund und Lebensmittelpunkt in Köln inhaftiert waren. So deuten weitere Ergebnisse auch auf eine Relevanz des männlichen Geschlechts hin: Als in Fremd- und Selbstzuschreibung marginalisierte Jugendliche und Heranwachsende suchen sie sich meist auf risikovolle Weise Plätze in Alltagsnischen. Diese Positionen und ihre Orte sind oft mit Attributen von Männlichkeit belegt, sei es, dass sie in männerbündischer Art und Weise organisiert oder nur mit Hilfe des männlichen Körpers zu erlangen sind. Milieus wie Drogen-, Prostitutions- oder pädosexuelles Milieu, in denen meist gleichgeschlechtliche Begegnungen stattfinden, sind oft durch Männlichkeit konstituiert. Sehr auffällig, aber von anderen Forschungen kaum bearbeitet, hatten viele der von uns interviewten Jugendlichen, die als »Intensivtäter« bezeichnet werden, sexualisierte Gewalt erfahren, auch außerhäuslich in einem pädosexuellen Milieu. Die Auswirkungen dieser Erfahrungen auf ihr Geschlecht spiegeln sich biographisch wider.
An solchen Punkten zeichnet sich ab, dass eine intensivere Beschäftigung mit der Frage des Geschlechts zur Klärung der Problematik der jugendlichen Biographien durchaus ertragreich sein könnte, ihr vielleicht sogar eine maßgebliche Bedeutung zukommen muss. Daher entschied ich mich, nun die Frage der Relevanz von Männlichkeit und Männlichkeitskonstruktionen in den Mittelpunkt zu stellen, wobei Ergebnisse der Projektarbeit einfließen und mit den hier relevanten Fragestellungen reinterpretiert werden.
Folgende Aspekte stehen im Mittelpunkt der Arbeit: Die Jugendlichen konstruieren Geschlecht in einem Umfeld, das Vorgaben macht, bewegen sich in schon geschlechtlich strukturierten gesellschaftlichen Verhältnissen, Situationen und Institutionen. Ihre Geschlechterkonstruktionen sind eng mit ihrer Situation als Jugendliche mit Migrationshintergrund verbunden, die entscheidend ihre Lebenslage prägt. Rassismus wird in institutionellen und alltäglichen Zusammenhängen bedeutsam, betrifft oft unmittelbar oder indirekt ihr Geschlecht. Es zeigen sich Überkreuzungen der Kategorien »Ethnizität« und Geschlecht, die mehrfach Macht produzieren und die Jugendlichen einordnen. Je mehr man über die Bedingungen dieser Jugendlichen erfährt, über die Umstände, unter denen sie aufwachsen, desto deutlicher zeichnen sich die Möglichkeiten und Grenzen von Geschlechterkonstruktionen und deren Ausgestaltungen ab und desto verständlicher werden ihre Verhaltensweisen. In den unterschiedlichen Biographien scheinen die Lebenswege der Jugendlichen zunächst noch relativ offen und verengen sich dann immer mehr. Zugänge zu Bildung, Arbeit oder zu anderen Milieus sind stark reduziert oder bleiben verwehrt, ihre Lebenswege spitzen sich immer weiter in kriminalisierte Milieus zu, bis in die Inhaftierung hinein. Für ihre Konstruktionen von Geschlecht entstehen daraus enge Vorgaben, und es gelingt den Jugendlichen nur manchmal, vor allem in nicht-institutionellen Zusammenhängen, daraus auszubrechen.
Der theoretische Teil der Arbeit ist so konzipiert, dass er Orientierung und Hintergrund für die Interpretation des empirischen Materials bietet. Zum Inhalt im Einzelnen:
Geschlecht wird heute mal als an Bedeutung verlierend, mal als nach wie vor den Alltag dominierende und strukturierende Kraft beschrieben. Zu einer Stellungnahme in dieser Frage bieten die Geschlechterforschung und auch die Männlichkeitsforschung gute Anknüpfungspunkte (Kapitel 1). Der (de)konstruktivistische Ansatz geht davon aus, dass Geschlecht als soziale Konstruktion in und durch alltägliche Interaktion hergestellt wird, somit in jeder sozialen Interaktion produziert wird. »Doing gender« bedeutet aber nicht, dass die Herstellung von Geschlecht gänzlich den Subjekten überlassen ist. Durch tradierte Geschlechterkonventionen, ökonomische und institutionelle Strukturen und gesellschaftlichen Common Sense sind Grenzen gesetzt. Klassenlage und Herkunft entfalten als gesellschaftliche Spaltungslinien Wirkungskraft und sind eng mit spezifischen Zuschreibungen an Geschlechtlichkeit verknüpft, die sich wiederum auf die Positionierung der Subjekte auswirken. Verschiedene Möglichkeiten der Überkreuzungen der Kategorien »race«, class und gender verweisen darauf, dass es nicht nur eine alles überwölbende Geschlechterlage geben kann, nicht die Männlichkeit oder die Weiblichkeit, sondern vielmehr Männlichkeiten und Weiblichkeiten (vgl. Connell 2000: 54, Döge 2000: 18). Im Konzept der hegemonialen Männlichkeit zeigt Connell die ungleichheitsstrukturierende Kraft von Geschlecht auf: In seiner Analyse von Männlichkeitskonstruktionen als Hegemonie beanspruchend, nach Hegemonie strebend und sich um Hegemonie gruppierend verwendet er die Kategorie gender, um Ausgrenzungs- und Privilegierungsmuster entlang einer geschlechtlichen Ordnung zu erkennen. Er deckt dabei ebenso die Mittel auf, mit denen hegemoniale Männlichkeit hergestellt wird, als auch die Funktion, die die Unterordnung bestimmter Gruppen von Männern zur Herstellung oder zum Erhalt der Hegemonie anderer Männer einnimmt.
Vor allem Schwarze4 Geschlechterforscherinnen kritisierten schon in den 1980er Jahren, dass Geschlecht als scheinbar immer gleich wirkende, universelle Kategorie der Unterdrückung dargestellt wird, statt es mit der jeweiligen Lage des Individuums und mit anderen gesellschaftlich etablierten Differenzierungsmustern abzugleichen (vgl. Frey/Dingler 2000) (Kapitel 2). Rassismus wird zu einem entscheidenden Macht konstituierenden Element und seine Konstruktion von »Rasse« zur Schlüsselkategorie dieser Analyse: »Rasse« kann nicht einfach nur neben andere Differenzierungskategorien gestellt und addiert werden, sondern beeinflusst je nach Kontext maßgeblich die gesellschaftliche Position – und damit auch Vergeschlechtlichungsprozesse. Die deutsche Migrationsforschung hat diese Erkenntnis allerdings lange ignoriert, auch wenn sie Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in der Migration ständig thematisiert(e) (vgl. Lutz/Huth-Hildebrandt 1998: 159). Meist steht die weibliche Migrantin als Opfer ihres Mannes im Fokus, womit das Geschlechterverhältnis von MigrantInnen als »traditionelles und patriarchales« dem emanzipierten Geschlechterverhältnis geradezu entgegengestellt werden muss. Kritische Migrations- und GeschlechterforscherInnen stellen den bisherigen Diskurs in Frage5 ; dazu rekurrieren sie auf einen Zweig der Migrations- und Rassismusforschung, der schon lange die Kulturdifferenzhypothese und den diskursiven Umgang mit dem Thema Migration kritisiert.6 Auf diesen beziehe ich mich in der Beschäftigung mit der Frage nach der Herstellung und der Funktion des »Anderen«.
Trotz der Ergebnisse dieser Forschungen bricht sich immer wieder ein gesellschaftlicher Konsens Bahn, der ständig die Bedrohung durch »den Fremden« zitiert, wenn es um das Thema Migration geht (Kapitel 3). Der »bedrohliche Fremde« ist nicht nur in medialen Konstruktionen vorhanden, sondern auch in juristischen (z.B. im Ausländergesetz), im Umgang mit Flüchtlingen, in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. Kurzum: Dieses Bild durchdringt die Gesellschaft und ist zudem oft eng mit Bildern von Kriminalität verknüpft. Junge männliche Migranten betrifft das besonders, sie dienen als Folie verschiedenster lauernder Gefahren – Gefahren, die von Jugend, von Migranten und von Männern ausgehen. Im dritten Kapitel geht es um solche Diskurse, die sich um das Thema Kriminalität gruppieren. Medien als Vermittler bestimmter Vorstellungen von Kriminalität werden ebenso betrachtet wie einige ausgewählte kriminologische Untersuchungen, die sich mit Jugendkriminalität allgemein oder der Kriminalität junger Migranten beschäftigen. Der Zusammenhang zwischen Kriminalität, Geschlecht und Herkunft erfährt in der Forschung entweder zu wenig oder zu einseitige Beachtung. Kriminalität junger männlicher Migranten diskutiert die Kriminologie oft noch unter dem Stichwort »Ausländerkriminalität« mit seinen Implikationen.
In ihrer Konzeption ist die Arbeit als qualitative Studie angelegt, Theorie und Praxis sind im Sinne qualitativer Forschung als Wechselspiel entwickelt worden. Im Mittelpunkt des Erkenntnisgewinns stehen die Rekonstruktion und die Analyse der jugendlichen Biographien. Vor deren inhaltlicher Bearbeitung führe ich in Methodologie und Methode ein (Kapitel 4). Für die Analyse habe ich 11 der 23 biographischen Interviews ausgewählt; diese haben wir im Forschungsprojekt mit jungen Männern mit Migrationshintergrund in den Justizvollzugsanstalten Heinsberg, Siegburg und Ossendorf geführt. Die biographische Rekonstruktion rückt das Individuum in den Mittelpunkt, um Vergesellschaftungsprozesse zu erfassen. Das Subjekt gewinnt im Zuge von Individualisierungsprozessen an Bedeutung. Und zugleich sind gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund schon in feste gesellschaftliche Zuschreibungen eingebunden. Deshalb ist es besonders aufschlussreich, wenn sie selber ihre Biographien erzählen, ihre Sichtweisen darlegen. Sie erzählen von migrationsbedingten Problemen politischer, ökonomischer und sozialstruktureller Art und damit vom gesellschaftlichen Umgang mit Migration und MigrantInnen. Nev&SZ3&l Gültekin (2003) nennt die Verflechtung der Sichtweise von Einwanderungsgesellschaft und Einwanderern in der Person des Migranten oder der Migrantin die »Doppelperspektivität« – und diesen Blick auf Migrationsphänomene können ausschließlich MigrantInnen geben. Ihre Biographien sind neben dem individuellen Lebensweg immer auch Dokument der Situation der entsprechenden Bevölkerungsgruppe und zugleich Zeugnis gesellschaftlicher Strukturen (vgl. Alheit 2002: 223). Geschichte und Erfahrungen des Subjekts sind in Zusammenhänge eingebettet, die Handlungsspielräume und Entscheidungsfreiheiten ermöglichen oder verschließen (vgl. Rosenthal 1999: 32). Die Biographieforschung lenkt so den Blick vom Individuum hin zu gesellschaftlichen Zusammenhängen und Ungleichheiten. Mit dem Vorgehen möchte ich den komplexen Lebenswegen, Situationen und Beziehungen, in denen die Jugendlichen stehen, gerecht werden und so offen wie möglich an sie herantreten. Diese Offenheit ist insofern wichtig, weil sich gerade das vorliegende Thema durch die Fragen nach Konstruktion von Geschlecht und Ethnizität in einem Spannungsfeld der dekonstruierenden Analyse des Phänomens und seiner gleichzeitigen Konstitution durch die Kategorienbildung befindet. Insofern müssen während des Forschungsprozesses die Interessen und scheinbar geklärten Kategorien immer wieder reflektiert werden, was sich mit Methode und Methodologie qualitativer Forschung gut vereinbaren lässt.
Um die Jugendlichen kennen zu lernen und einen Eindruck ihrer Lebenswege zu bekommen, stelle ich sie in Kurzbiographien vor (Kapitel 5). Da ich mich für eine nach Kontexten und Themen (und nicht nach einzelnen Biographien) angeordnete Bearbeitung der Ergebnisse entschieden habe, dienen die Kurzbiographien auch zum Nachschlagen.
In der Rekonstruktion der Lebensgeschichten schließlich möchte ich Form, Funktion und Entstehungsgeschichte der Entwürfe von Geschlecht in Verbindung mit der Herkunft und der Erfahrungsgeschichte beleuchten (Kapitel 6-14). Dazu werde ich Situationen, in denen die Jugendlichen leben, biographisch rekonstruieren, um mich der Frage nach Genese und Art und Weise der Geschlechtskonstruktionen der Jugendlichen zuzuwenden. Zentrale Bereiche des jugendlichen Lebens stehen im Mittelpunkt: die Bedeutung von Familie, Schule, Arbeit und Cliquen, das Verhältnis zu Angehörigen des eigenen und des anderen Geschlechts, damit auch verbunden Aspekte von Sexualität und Körperlichkeit. Biographische Themen wie beispielsweise die Auswirkungen sexualisierter Gewalt greife ich ebenso auf wie strukturelle Bedingungen, denen die Jugendlichen als Angehörige der Unterschicht und als Migranten ausgesetzt sind. Nachgegangen wird den Konstruktionen von Männlichkeit, die bei den Jugendlichen sichtbar werden, sowie der Frage, wie sie diese ausgestalten und mit Sinn füllen, warum sie bestimmte Wege einschlagen und andere nicht. Diese ordne ich in ein gesellschaftliches System der Männlichkeiten ein: Es wird deutlich, in welchem Rahmen sich die Männlichkeitskonstruktionen der Jugendlichen bewegen, inwiefern sie mit dem gesellschaftlichen Verständnis übereinstimmen oder nicht. Spielräume werden sichtbar, aber auch verbotene Räume – sie weisen auf die Kontextgebundenheit von Geschlechtskonstruktionen hin. Eine Clique ist z.B. ein anderer Kontext als die Familie, daher zeigen sich verschiedene Formen von Männlichkeit, die hier oder dort ausgelebt werden.
Einige Leitlinien, die sich durch die Lebenszusammenhänge der Jugendlichen durchziehen, möchte ich hier schon mal umreißen: Zum Ersten leben die Jugendlichen oft in gewalttätigen Formationen, die sich in der ein oder anderen Form kontinuierlich durch das Leben bis in das Gefängnis hinein verfolgen lassen. Flüchtlinge machen oft nach traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland Erfahrungen der Ohnmacht als Asylbewerber in der Bundesrepublik: Hier sind sie mit übermächtiger struktureller Gewalt konfrontiert, leben oft jahrelang in einer Situation der Unsicherheit und des provisorischen Lebens. Alle Jugendlichen berichten von Rassismus und Benachteiligungen in ihrem Alltag, vom Leben in unterprivilegierten und stigmatisierten Quartieren. In einigen Biographien zeigt sich die Erfahrung sexualisierter Gewalt, auch außerfamiliär in pädosexuellen Milieus. Gerade hier wird offenbar, wie sehr die Jugendlichen reduziert werden und wie sehr sich diese Reduktionen auf ihre Körper beziehen. Zudem verbringen sie einen großen Teil ihrer Zeit auf der Straße, wo das Leben in Cliquen, in Kleinkriminalität und Drogenmilieus organisiert wird, auf die wiederum die Kontrollorgane ein besonderes Augenmerk haben.
Zum Zweiten tritt die Konstruktion des Geschlechts in scheinbar überkommenen Vorstellungen von Männlichkeit zu Tage, die sich in Gewalttätigkeit ausdrückt und dabei stereotype Züge annimmt. Die jungen Männer leben diese Formen von Männlichkeit in männerbündischen Zusammenschlüssen aus, denen als weiteres konstitutives Element »ethnische« Zugehörigkeit zu Grunde liegt. Es geht in diesen Cliquen weniger um kulturelle Merkmale als verbindendes Element als vielmehr um einen Solidaritätsverbund von den als »Ausländer« Bezeichneten, die sich durch »doing ethnicity« in auffälligen Formen präsentieren und inszenieren.
Zum Dritten fließen ständig gesellschaftliche Männlichkeitskonventionen und -tradierungen in die Geschlechtskonstruktionen ein – und nicht nur sie, sondern auch die Institutionen und Milieus tragen entscheidend zur geschlechtlichen Positionierung bei. Dazu untersuche ich die Auseinandersetzungen der Jugendlichen in spezifischen Milieus und mit anderen gesellschaftlichen Akteuren, die bestimmte Formen der Männlichkeit repräsentieren, wie z.B. die Polizei oder die Beamten im Gefängnis.
Männlichkeit wird zum widerspruchsvollen Prozess: Als eine von wenigen Ressourcen dient sie den Jugendlichen zunächst der Orientierung, bestreiten sie dann gewollt oder ungewollt einen Großteil des Alltags damit, wird sie aber zur Falle. Die Jugendlichen geraten in einen Kreislauf, der den Einsatz gewalttätiger Formen von Männlichkeit verstärkt, nicht nur eigene Gewalt, sondern auch die der anderen, nicht nur die individuelle, sondern auch die strukturelle. Es ist richtig, dass sich in den Biographien Stereotype des Mann-Seins finden, aber es wird ebenso deutlich, dass diese die Konsequenz der Lebensbedingungen sind und sein sollen. In welchen Zusammenhängen sich die Jugendlichen auch bewegen, immer wird deutlich, dass ihre Ausformulierungen von Geschlecht dann Sinn erhalten, wenn man sie in den größeren Zusammenhang einbettet. Durch Geschlecht und Herkunft werden gesellschaftliche Rangordnungen hergestellt; darin versuchen die Jugendlichen sich zu positionieren und dagegen kämpfen sie auch an.
Im abschließenden Fazit resümiere ich die einzelnen Felder und spitze die Argumentation anhand der Einflüsse zu, die ich als Grundstrukturen der Biographien herausgearbeitet habe: Sie führen von der Verweigerung einer anerkannten Männlichkeit über die Reduzierung auf den Körper hin zur Verunmöglichung einer Positionierung bis zur Ent-Männlichung.
Die Arbeit endet mit dem Versuch zu verstehen, welcher Mechanismus diese Jugendlichen selektiert und an ihnen ein Exempel statuiert, das zum vollständigen Gesellschaftsausschluss führt. Rassismus bestimmt ihre Lage, trennt sie vom Rest der Gesellschaft, biographisch zeigen sich seine Zäsuren in allen Lebensbereichen, bis der Staat sie letztlich ausschließt und sie somit auch aus seiner Verantwortung entlassen will. Dafür bedient er sich des Geschlechts und zielt dabei immer auf den Körper. Um die anhaltende Wirkungskraft rassistischen Ausschlusses zu verstehen, bin ich abschließend der Frage nachgegangen, ob wir es mit einer modernisierten Variante von Rassismus zu tun haben, die sich als Ausschluss aus Regierungstechniken darstellt und in der Abschiebung manifeste Gestalt annimmt. Den theoretischen Hintergrund dafür bietet Foucaults Konzept der Gouvernementalität, seine Analyse des Verhältnisses von Macht und Subjekt im Neoliberalismus. Foucault beschreibt eine Form der Macht, die sich, statt durch Herrschaft, durch Formen der Führung realisiert, durch Fremdführung wie auch Selbstführung. Dazu sind Subjektivierungsprozesse notwendig, denen ein sehr zwiespältiges Potenzial inhärent ist: Sie sind nicht etwa mit Autonomie des Subjekts gleichzusetzen, sondern davon gekennzeichnet, dass sie Zwänge und neue Zumutungen in das Innere des Individuums verlagern, es sich »selbst regiert«. Es scheint so, als sollten die Jugendlichen von solchen Prozessen nicht erfasst werden. Appelliert man andernorts ständig an »Selbstverantwortlichkeit«, zeigt der Umgang mit den Jugendlichen, wie wenig diese Anrufung an sie gerichtet ist – zugedacht werden ihnen disziplinierende und repressive Behandlungen, die ihre »Andersartigkeit« verdeutlichen sollen und ihre »Machomännlichkeit« legitimiert dieses Vorgehen. Haben für das Leben der Jugendlichen »race«, class und gender als Spaltungslinien eine überwölbende Funktion, erscheint deren Wirkungskraft nun jedoch selbstverschuldet. Ein auf neoliberalen Anrufungen beruhender Gesellschaftskörper kann sich dadurch von seinen »vormodernen« Mechanismen der Selektion freisprechen und sich damit zugleich als nationaler erschaffen, so die abschließende These.


Anmerkungen:
1 »Türkisch« ist alltagssprachlich zum Sammelbegriff und Synonym für MigrantInnen aus der Türkei, dem arabischen Raum und/oder muslimischer Religion geworden (vgl. Jäger 2000: 10); die Konzentration der Diskussion auf »die Türken« macht sie zum Inbegriff der »Anderen« (vgl. Bukow/Heimel 2003: 16ff).
2 Statistisch erfasst durch die höhere Anzahl Nichtdeutscher als Tatverdächtige, Verurteilte sowie in der Untersuchungshaft.
3 Die Projektergebnisse sind erschienen in Bukow et al. 2003.
4 »Schwarz« (in Großschreibung) ist eine politische Kategorie, die den Minderheitenstatus und nicht die Hautfarbe anzeigt; als Selbstbezeichnung wurde der Begriff vor allem im angloamerikanischen Raum aufgebracht (vgl. Lutz 1990: 1). In diesem Sinne werde ich den Begriff »Schwarz« (und analog dazu den Begriff »Weiß« als Zeichen der Zugehörigkeit zur dominanten Gruppe) verwenden, um die politische Dimension und den konstruktiven Charakter der Kategorien zu verdeutlichen.
5 Vgl. z.B. die Studien von Gültekin 2003, Gutiérrez Rodríguez 1999, Inowlocki/Lutz 2000, Lutz 2002, Weber 2003 sowie die Beiträge in Apitzsch/Jansen 2003, beiträge zur feministischen theorie und praxis 2003, Castro Varela/Clayton 2003.
6 Darunter z.B. Bukow/Llaryora 1988, Dittrich/Radtke 1990, Hamburger 1984, Kalpaka/Räthzel 1990, Rommelspacher 1995. Zu den jüngeren Autoren s. z.B. Badawia et al. 2003, Demirovic/Bojadzijev 2002, Mecheril 2001, Terkessidis 2000, 2004, Yildiz 1999.


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Susanne Spindler: Corpus delicti. Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung im Alltag von jugendlichen Migranten