Bei unrast:

Einladung: Ausnahmezustände und Denormalisierungsängste

Krise und Zukunft der Demokratie

Seminar vom 10.11. – 12.11.2006 in der Akademie Frankenwarte

Eine Veranstaltung der Gesellschaft für Politische Bildung e.V. in Kooperation mit dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung e.V

Gesellschaft fürPolitische Bildung e.V.
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Sehr geehrte Damen und Herren,

fünf Jahre nach den Terroranschlägen in New York und Washington ist festzustellen, dass der enorme Denormalisierungsschub, den diese weltweit auslösten, zum Teil abgefedert wurde und weitgehend wieder „Normalität“ eingekehrt ist. Diese Normalität ist jedoch in mehrfacher Hinsicht gespalten.
Einerseits leben ‚wir’ ‚hier’ im Wohlstand und einer kaum auszubremsenden Fun-Kultur im Medien-Entertainment. Andererseits stehen ‚da unten’, z.B. in Afghanistan ‚unsere Jungs ihren Mann’. Dass Deutschland auch „am Hindukusch verteidigt“ (Peter Struck) werde, ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden.
Gleichzeitig fristen die Menschen in Afghanistan eine Existenz, die aus unserer Sicht nicht als normal bezeichnet werden kann. Weite Teile des Landes stehen nicht unter der Kontrolle der ISAF-Truppen und erst recht nicht der gewählten Regierung. Vermeintliche Terroristen sitzen komplett entrechtet in Guantámo ein; Abu Ghraib ist zu dem Symbol für Folter im ‚befreiten’ Irak geworden. Es gibt also genügend Gründe, warum Giorgio Agambens an Walter Benjamin anschließende Thesen über das „nackte Leben“ und den „Ausnahmezustand“, der zunehmend zur Regel werde, mittlerweile weltweit diskutiert werden.
Doch sind dies nicht die einzigen Tendenzen von Denormalisierung. Auch ‚unsere Normalität’ ist überaus prekär. Ob sich die zunehmende Verarmung im Zuge neo-sozialdarwinistischer Politik noch mit den bisherigen Normalisierungsstrategien zähmen lässt, ist z.B. eine entscheidende Frage. Dass deren Beantwortung durch eine „Große Koalition“ erfolgt, stimmt wenig optimistisch, ist sie doch im politischen System eine für Notstände vorgesehene Ausnahme.
Mögliche Anlässe für „Not-“ oder „Ausnahmezustände“ finden sich aber auch in weiteren Sektoren unserer Gesellschaft. Die volkswirtschaftlichen Kosten, die z.B. die Vogelgrippe auslösen könnte, werden bereits kalkuliert: für die deutsche Volkswirtschaft zwischen 25 und 75 Milliarden € (RWI).
Es bleibt wohl die Ausnahme, dass die Ausrufung des Ausnahmezustandes so relativ harmlos verläuft wie kürzlich in Frankreich. Hier – wie auch bei Parallelphänomen in Deutschland – werden soziale Probleme ethnisiert und gleichzeitig mit der Angst vor Denormalisierung verbunden: auch deutsche Schulen stehen an der Front im „Krieg der Kulturen“.
Man mag sich fragen, ob der clash of civilizations noch bevorsteht oder bereits begonnen hat. Fest steht jedoch, dass eine kriegerische Antwort auf den massenmörderischen Terror diesen nicht bekämpfen kann. Es spricht viel dafür, dass damit islamistische Strömungen stimuliert und eine Konfrontation nur weiter angeheizt wird. Auch ist fraglich, ob dies lediglich eine nicht beabsichtigte Nebenwirkung ist oder ob nicht die einzige Weltmacht genau diese Konfrontation sucht, um die Kontrolle über Schlüssel-Ressourcen zu erlangen.

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Angesichts eines solch finsteren Szenarios muss über Vorschläge zur intelligenten Deeskalation hinaus auch grundsätzlich nach Gegenmodellen im Sinne einer démocratie à venir, einer „zu kommenden Demokratie“ (Jacques Derrida) und nach realen Gegentendenzen gegen den Neoliberalismus, wie beispielsweise der zapatistischen Selbstbehauptung, gefragt werden.
Vor diesem Hintergrund laden wir herzlich zu einem Seminar ein. Wir wollen einen Teil der Zustände analysieren und darüber beraten, auf welche Weise den Denormalisierungen und Ausnahmezuständen begegnet werden kann.

Wir bitten um baldige Anmeldung, da insgesamt nur 50 Teilnehmerinnenplätze zur Verfügung stehen.
Richten Sie bitte Ihre Anmeldung mit beiliegendem Formular an die Akademie Frankenwarte, Würzburg.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Siegfried Jäger
Duisburger Institut für Sprach-
und Sozialforschung e.V.

Georg Rosenthal
Gesellschaft für Politische Bildung e.V