Bei unrast:
Vorwort GdV"Geschichte wird gemacht …" Geschichte ist gemeinhin die Lüge, auf die sich die Sieger im Nachhinein geeinigt haben. Wer sich nicht durchgesetzt hat, nicht geschichtsmächtig geworden ist, wird vergessen. Wer weiß schon, daß es in Deutschland einmal eine Hunderttausende Mitglieder zählende Rote Ruhrarmee gab? Wer hat schon vom „mitteldeutschen Aufstand“ gehört oder von den Partisan_Innen um Max Hölz, die in den Jahren 1919 und 1920 im Vogtland, in der Nähe von Plauen und Hof, operierten? Wer hat schon einmal gelesen, daß es in den 1920er Jahren zumindest in den Großstädten eine FrauenLesben-Szene gab? Ohne tradiertes Wissen beginnt bereits an den Grenzen der eigenen Lebensgeschichte geschichtliches Vergessen. Und so ist für viele heute der Widerstand gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den 1950er Jahren bereits unbekannt. Ebenso unbewußt ist vielen die geschichtliche Gewordenheit all dessen, was über historische Fakten wie Staatenbildung, Kriegsverläufe, Wirtschaftsgeschichte etc. hinausgeht. Denn auch die Verfaßtheit unserer Psyche, das Geschlechterverhältnis, der Arbeitsbegriff und ähnliches beruhen nicht primär auf biologischen Fakten, sondern sind historisch recht jungen Datums. Diese Form von ‘Subjekt’, wie ‘wir’ uns fühlen und denken, wurde und hat sich erst seit etwa 200 Jahren langsam und gewalttätig durchgesetzt. Vom Ende der 1980er bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein erschien in der autonomen Zeitschrift radikal die Geschichtsserie Gegen das Vergessen. Zuerst konzipiert als ein längerer Artikel zur Geschichte des Widerstands von Unten in Deutschland und begrenzt auf den Zeitraum von 1847 bis 1933, entwickelte sich dieser zu einer umfassenden Serie über sozialrevolutionären Widerstand und Verweigerung in diesem Land. Inhaltlich verfolgte diese Serie schließlich zwei Stränge. In den ersten acht Teilen wird chronologisch der Zeitraum von 1847 bis 1953 bearbeitet. Schwerpunkte bilden die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und die Gründungsphasen von BRD und DDR. Ein zweiter Strang mit drei weiteren Teilen versucht – ausgehend von den Hexenprozessen und der Reformation – Erziehung, Sexualität und Arbeitsideologie nachvollziehbar und bewußt zu machen. Wie wurden ‘wir’ durch jahrhundertelange Prozesse von Erziehung und Terror zu dem gemacht, was wir heute als unser ‘ich’ und ‘unsere Wünsche’ empfinden? Wiederholt wurde in der radikal darüber nachgedacht, ob ein meist nur unter dem Ladentisch zu erhaltendes Blatt der richtige Ort zur Veröffentlichung einer so umfassenden Serie ist. Zum einen hatte sie als solche kaum mit einer Kriminalisierung zu rechnen und zum anderen mußte sie bei dem beschränkten Platz mit anderen Artikeln konkurrieren. Im Rahmen der Arbeit an dem Buch ‘20 Jahre radikal’ reifte bei einigen Mitarbeiter_innen jenes Buchprojekts der Gedanke zum Vorsatz, die Texte endlich als Gesamtwerk öffentlich zugänglich zu machen. Es dauerte schließlich zwei weitere Jahre, bis alle Texte eingescannt und soweit überarbeitet waren, daß sie nun in Buchform vorliegen. Eine der Stärken der Texte – zu den Schwächen kommen wir weiter unten – liegt für uns (die Menschen, die sich ans Überarbeiten gemacht haben) darin, daß sie sich hervorragend als Einstieg in eine Auseinandersetzung mit der Geschichte dieses Landes eignen. Gerade ihre unfertige Art schafft den Platz zur eigenen Auseinandersetzung mit Geschichtsschreibung. Es wird kein neues, geschlossenes Geschichtsbild präsentiert. Vielmehr geht es um einen Prozeß kritischer Annäherung an die und Aneignung der eigenen Geschichte. Das entworfene Panorama und seine Mosaiksteine machen Lust auf mehr und laden ein, sich selbst intensiver mit diesen Zeiten zu beschäftigen. Vielleicht auch genau deshalb, weil Gegen das Vergessen an manchen Stellen so offensichtlich auch kritisierbar ist. Um den Charakter von Gegen das Vergessen als einen Einstieg in die Auseinandersetzung mit Geschichte ein wenig zu verstärken, fügen wir am Ende des Buches einige kommentierte Literaturangaben hinzu, die Neugieriggewordenen Tips zum Weiterlesen bietet. Ebenso motivierend war für uns die Tatsache, daß es – außer zu Einzelaspekten – keinen weiteren linksradikalen Versuch einer Geschichtsschreibung dieses Landes gibt. In den Texten suchen die AutorInnen immer wieder den Dialog mit ihren LeserInnen und setzen die historischen Ereignisse in Bezug zu heutigen Situationen. Dabei werden kostbare Erfahrungen und Ideen transportiert, auch wenn nicht zu erwarten ist, daß die Erfahrungen von 1918 der Komplexität des Jahres 2000 gewachsen sind. Aber um auf die Idee zu kommen, daß Widerstand möglich ist, ist es gut zu wissen, daß Widerstand möglich war. Allein das Wissen um eine andere Geschichte ermöglicht, die herrschende Geschichtsschreibung gegen den Strich lesen zu können. Und delegitimiert diese zumindest. Im Mittelpunkt der Geschichtsschreibung von Gegen das Vergessen stehen die aktiven, angreifenden Versuche, Widerstand zu leben und einen Umsturz herbeizuführen – das eigene aktive Handeln von unten. Die Subjekte der Geschichte sind die Menschen unten. Immer versuchen die Autor_innen den Mentalitäten der handelnden Personen in den jeweiligen historischen Situationen nachzuspüren. Dieser konsequente Blick von unten und die Präsenz einer feministischen Perspektive kontrastieren die übliche Herrschaftsgeschichtsschreibung radikal. Gegen das Vergessen ist eben keine – wie kritisch auch immer formulierte – Geschichtsschreibung aus dem Blickwinkel der Herrschenden und auch keine Geschichtsschreibung, die die Menschen unten nur zu Opfern macht. Trotz deutlicher Sympathie der Autor_innen auch allen kommunistischen Ansätzen gegenüber, wird seit der Gründung der KPD 1919 nichts beschönigt und kein Verbrechen verschwiegen. Doch was ist überhaupt Geschichte und Geschichtsschreibung? Geschichte ist immer eine Konstruktion im Nachhinein. Die Perspektive ist immer die von ‘heute’. Man glaubt, das Ergebnis der historischen Situation, die man betrachtet, zu kennen. Und damit verändert sich die Bewertung dieses Ergebnisses. Und selbst dieses ‘heute’ verändert sich stetig. Gleichzeitig soll Geschichte auch immer die Gegenwart legitimieren, bzw. delegitimieren. Wer Geschichte schreibt, kämpft um die Definitionsmacht. Wessen Auslegung der vergangenen Ereignisse in Alltag, Medien und Schulbüchern zu finden ist und wer seine Interpretation durchsetzt, dominiert die politischen Strukturen der Gegenwart. Deshalb war zum Beispiel Helmut Kohl das Deutsche Historische Museum so eine Herzensangelegenheit. Und deshalb die Auseinandersetzung über die Gestaltung des Jüdischen Museums in Berlin – wer darf mit welchem Blick auf die Geschichte das Museum gestalten? Unserer Meinung nach geht es um ein Offenlegen der Methoden und der Interessen, mit denen auf Geschichte geschaut wird. Dies läßt dem/r Leser_in den Raum, diese Interpretation als Interpretation zu erkennen. Trotzdem wollen wir keine postmoderne Beliebigkeit, der eine sieht es eben so, die andere so, und alles steht gleichberechtigt nebeneinander. Diesem Problem unterliegen strukturell alle Geschichtsschreibungen. Deshalb wird es nie eine ‘wahre’ Geschichte geben. Nur bei Fakten gibt es sehr wohl richtig oder falsch: War der Ruhraufstand nun 1919 oder 1920? An welchem Tag kapitulierte die deutsche Armee in Stalingrad, etc. Ein paar Beispiele aus der deutschen Geschichte sollen obige Gedanken verdeutlichen. War die DDR mit dem Blick von 1988 eine konstante historische Größe bei einer Geschichtsschreibung des „deutschsprachigen Raums“, ist sie mit dem Blick von 1998 nicht viel mehr als eine Episode von 40 Jahren. Überhaupt ist jede deutsche Geschichte eine Konstruktion im nachhinein. De facto gibt es Deutschland als Gründung durch die Preußen seit 1871, für viele Landstriche hätte es auch ohne weiteres anders kommen können. Seit der Aufklärung und besonders nach der Reichsgründung waren Hunderte von Historikern damit beschäftigt, an einer deutschen Nationalgeschichte zu basteln, die heute, da sie sich mit den Machtverhältnissen deckt, auch relativ plausibel wirkt. Was wäre aber, wenn es nach dem Zweiten Weltkrieg zur Gründung der Donaurepublik mit Österreich, Bayern und Südwürttemberg gekommen wäre? Dann wäre Bayerns Mitgliedschaft im Deutschen Reich auch nur eine kurze Episode von 75 Jahren „preußischer Fremdherrschaft“ gewesen, um sich dann wieder seiner ‘Eigentlichkeit’, der Zugehörigkeit zum nördlichen Alpenvorland zuzuwenden. Ein weiteres aktuelles Beispiel: Seit einigen Jahren gibt es bei mehreren großen Verlagen „Europäische Geschichte“ im Angebot. Wurde vor 80 Jahren noch genau der Unterschied zwischen ‘den’ Franzosen und ‘den’ Deutschen betont, wird heute an einer gemeinsamen europäischen Geschichte gebastelt. Viel von der Kritik an der herrschenden Geschichtsschreibung gilt strukturell auch für linksradikale Geschichtsschreibung. Die Serie Gegen das Vergessen war in den Kontext einer militanten autonomen Bewegung und der Zeitschrift radikal eingebettet. Selbst wenn die Autor_innen dies in der Einleitung zu Teil I explizit von sich weisen, geht es genau darum: das heutige (1989) Verhalten als militante autonome Bewegung auch aus der Erfahrung der Geschichte heraus zu begründen und sich in einen historischen Kontext zu stellen. Es werden heutige autonome Positionen aus der Geschichte heraus legitimiert. Selbstverständlich will man sich nicht direkt in die Tradition der Roten Ruhrarmee stellen, doch ein bißchen kokettiert man doch damit. Die Sehnsucht nach einer eigenen Verortung in der Geschichte ist deutlich zu spüren – aber ist dies nicht legitim? Wichtig ist, dies zumindest halbwegs offen zu benennen – ein wenig gegen den Strich gelesen, geschieht dies in der Einleitung zu Teil I. Auch durch die Auswahl der Ereignisse, die man/frau für berichtenswert hält, geschieht die eigene Verortung. Durch die Betonung des aktionistischen Angreifens richtet sich der Blick von Gegen das Vergessen eben auf das, was die Autonomen auch tun – zumindest in den 1980er Jahren. Und im selben Moment ist die Serie Gegen das Vergessen der Versuch, sich gegen dieses nur aktionistische Eingreifen ein theoretisches und historisch reflektiertes Fundament zu schaffen. Praxis ist nicht alles. Unsere Begeisterung für die Serie Gegen das Vergessen bleibt oft gespalten: Da hätte zu vielen Themenkomplexen viel mehr recherchiert und noch kritischer betrachtet werden müssen. „Überall laufen Demonstrationen“ sagt nichts über ihre zahlenmäßige Größe. Und noch weniger zur politischen und sozialen Relevanz einer solchen Demonstration. Aus vielen Zeilen dringt deutlich die Sehnsucht, ‘gut’ von ‘böse’ zu trennen und dieses jeweils lokalisieren und beschreiben zu können. Auch bestimmte Denkschulen kann mensch nicht so abhandeln, wie es die AutorInnen in den Teilen IX bis XI tun. Diese Theorien, z.B. die von Sigmund Freud, sollten mehr nach dem befreienden Potential, das sie in sich tragen, abgesucht, aber auch nach den reaktionären ideologischen Effekten und Anwendungen abgeklopft werden. Bei der Interpretation einer historischen Quelle sollten selbstkritischer die eigenen Herangehensweisen hinterfragt (was möchte ich eigentlich gern finden) werden. Auch hilft das Stellen von Fragen an die Texte (inwiefern können sie mir heute etwas sagen, an welchen Stellen nicht, inwiefern sind sie einfach ein Produkt ihrer Zeit, etc.) eher weiter. Beziehungsweise können sie als eine „historisch-kritisch“ zu betrachtende Materialenkiste benutzt werden. In dem Anspruch, Herrschaftsgeschichte kritisch zu beleuchten, gehen die Autor_innen von Gegen das Vergessen oft unkritisch an Geschichtsdarstellungen heran, die von ‘unserer’ Seite geschrieben zu sein scheinen. Auch für ‘uns’ gilt die Frage, wer schreibt was, wann und warum. Zum Beispiel sind manche Texte in einem bestimmten Stadium feministischer Auseinandersetzung entstanden, würden aber heute so nicht mehr geschrieben werden. Für die Buchausgabe haben wir alle Texte neu gesetzt und sprachlich leicht überarbeitet, ohne dabei die lebendige Alltagssprache herauszunehmen. Viele sprachliche Flapsigkeiten haben wir bewußt wie im Original belassen, z.B. ist die Situation „stinkreaktionär“, finden Arbeiter_innen „superschwere Bedingungen“ vor und müssen aufpassen, sich „nicht von oben das Hirn verkleistern zu lassen“. Ausdrücke wie „die Bullen“ und „die Schweine“ haben wir meist durch präzisere Begriffe ersetzt; nur an Stellen, an denen sie einen emotionalen Sinn machen, blieben sie stehen. Geringfügige sachliche Fehler verbesserten wir stillschweigend. An einigen wenigen Stellen haben wir geringfügige Ergänzungen vorgenommen, z.B. wurde der Tatsache, daß 1919 Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, noch das Wahlergebnis beigefügt. All diese Stellen wurden nicht extra kenntlich gemacht. Im wissenschaftlichen Sinne handelt es sich also um keinen originalgetreuen Reprint. Der Prozeß der Annäherung der Autor_innen an eine etwas ‘seriösere’ Geschichtsschreibung läßt sich gut bei den Quellenangaben beobachten. Insbesondere in den ersten Teilen sind im Original wiederholt Quellen und Zitate nicht belegt. Dagegen verfügt der Teil XI über mehr als fünfzig zum Teil ausführliche Fußnoten. Soweit wenigstens Andeutungen zur Quelle vorhanden waren, wurden diese von uns nachrecherchiert und stillschweigend in den Text eingebaut. An manchen Stellen wäre dies allerdings mit einem unangemessen hohen Arbeitsaufwand verbunden gewesen und wurde deshalb unterlassen. Die Serie Gegen das Vergessen kann mit den in diesem Buch veröffentlichten elf Teilen in keiner Weise als abgeschlossen gelten. In der Ausgabe 154 der radikal vom Juni 1996 erschien ein Teil XII zur Geschichte des Antisemitismus mit dem Titel „Der Blick zurück ist immer auch ein Blick nach vorne“. Auch wird in diesem Heft ein Teil XIII zur Geschichte der Roma und Sinti angekündigt, der allerdings bisher noch in keiner der zwei weiteren bisher erschienen Ausgaben der radikal veröffentlicht wurde. Neben dem Kampf gegen das Vergessen formulieren die Autor_innen in der Einleitung zu Teil VIII eine weitere Aufgabe der Serie: „Wir wollen (…) aus den Erfahrungen, aus den Fehlern und aus den Erfolgen, die früher gemacht wurden und die zum Teil ganz bewußt in Vergessenheit geraten sind, lernen.“ Verloren zu haben heißt noch lange nicht, Unrecht gehabt zu haben. Sondern es gilt, sich der Anstrengung zu stellen, beim nächsten Anlauf aus den Fehlern gelernt zu haben und alles besser zu machen. In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen |