Bei unrast:

Vorwort: Republican Voices

»History is written by the winners«
Wandgemälde in Belfast
»The Provisional IRA will indeed soon be part of history«
Tommy McKearney

Der Krieg der Irisch-Republikanischen Armee mag vorbei sein. Die Debatte darüber, warum seit Ende der 1960er Jahre innerhalb von kurzer Zeit die älteste Guerilla der Welt von einer schlecht ausgerüsteten Organisation mit einigen Dutzend hauptsächlich republikanischen Veteranen hin zu einer der am meisten gefürchteten und effektivsten Untergrund-Armeen der modernen Zeit transformierte, ist es nicht. Dabei ist in der aktuellen öffentlichen Diskussion gerade nach den Anschlägen vom 11. September zu beobachten, dass die analytisch unscharfe Kategorie des ›Terrorismus‹ wieder Hochkonjunktur hat, bisweilen als Erklärungsmuster für grundverschiedene gesellschaftliche Konflikte und Kräfte. Wird aber versucht, ein allgemeingültiges Klassifikationsschema für ›terroristische‹ Gruppen zu entwerfen, ist dies nicht nur hinsichtlich einer Enthistorisierung bestimmter Konflikte problematisch. Vor allem birgt das Label des ›Terrorismus‹ die Gefahr, fundamentale Unterschiede nicht nur in der Wahl der Mittel, sondern auch hinsichtlich gesellschaftspolitischer Zielvorstellungen zwischen so disparaten Organisationen wie bspw. der IRA und Al-Qaida zu verwischen.
Um ein hinreichendes Verständnis vom modernen irischen Republikanismus zu entwickeln, muss der unmittelbare nordirische Kontext vor allem bei Ausbruch des Konfliktes 1969 in den Mittelpunkt gerückt werden. In dieser Hinsicht tragen zwei jüngst erschiene deutschsprachige Veröffentlichungen über die IRA, in unterschiedlicher Form, nur sehr begrenzt, zu einem Erkenntnisgewinn über den modernen irischen Republikanismus bei. Kaum einen politischen Gebrauchswert hat das 2000 erschienene Buch Ein unperfekter Frieden – Die IRA auf dem Weg vom Mythos zur Mafia von Jochen Bittner und Christian Ludwig Knoll. In diesem Werk wird der irische Republikanismus jeglicher politischer Essenz beraubt, stattdessen wird in einem bisweilen sehr sensationalistischen Sprachstil behauptet, dass sich die IRA in eine »irische Cosa O’Nostra« transformiert habe, die nationalistische Viertel mit einem Terrorregime überziehen würde, um ihre Macht- und Einflusssphären zu sichern. IRA-Mitglieder wären nicht in der Lage, sich an dem Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in Nordirland zu beteiligen, da ihnen dafür »schlicht die Ausbildung und die Intelligenz (fehlt)« , eine Begründung, die keiner weiteren Kommentierung bedarf und eher auf die Geisteshaltung der beiden Autoren schließen lässt. Seriöser kommt die im journalistischen Stil verfasste Monographie IRA – Langer Weg zum Frieden (1999) von Peter Neumann daher. Dieser hat allerdings weitgehend die britische Darstellung des Konfliktes übernommen, in der der britische Staat als ein neutraler, vermittelnder Akteur in Nordirland erscheint. Auch begeht Neumann, wie viele andere Autoren, die sich mit Nordirland beschäftigen, den Fehler, die Existenz der sich 1969 formierenden Provisional IRA zu sehr aus der Geschichte einer republikanischen Widerstandstradition abzuleiten. Solche Annahmen verkennen, dass es weniger ein historischer Imperativ war, das ›unfinished Business‹ der irischen Vereinigung zu komplettieren, sondern vielmehr, wie Kevin Bean und Mark Hayes in ihrer Einleitung argumentieren, die unmittelbaren nordirischen Verhältnisse, die zum Aufstieg der ›Provisionals‹ führten. Neumanns getroffene Charakterisierung des irischen Republikanismus als »einer statischen, auf sich selbst fixierten Ideologie, die vor allem auf den Tod der eigenen Patrioten reagierte, niemals aber auf die gesellschaftliche Wirklichkeit« , ist sicherlich nicht in der Lage, die politische Dynamik, die hinter dem modernen irischen Republikanismus stand, zu erfassen. Die Formation der Provisional IRA war gerade die Folge und der Ausdruck einer gesellschaftlichen Wirklichkeit in Form eines spezifisch nordirischen Kontextes vor allem der Jahre 1969-1972. Damals formierte sich die republikanische Guerilla in einem politischen Vakuum, dass davon gekennzeichnet war, dass eine Bürgerrechtsbewegung daran gescheitert war, mit friedlichen Mitteln politische Reformen durchzusetzen, nationalistische Viertel – vor allem in Belfast – oftmals schutzlos den Angriffen von Loyalisten ausgesetzt waren und sich die Intervention des britischen Staates in Nordirland vorwiegend in staatlichen Repressionsmaßnahmen gegen die nationalistische Bevölkerungsminderheit äußerte. Wie Anthony McIntyre bemerkte, wurde unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen »die Provisional IRA für viele Nationalisten die einzige politische Ausdrucksform in einem Kontext, in dem konventionellere politische Aktivitäten nicht sonderlich relevant erschienen« .
Warum ein weiteres Buch über die IRA und einen Konflikt, über den es bereits viele tausend Veröffentlichungen gibt und der – nach John Whyte – in Relation zur Größe Nordirlands zu dem am meisten Erforschten der Welt gehört? Viele der Veröffentlichungen zur IRA sind nicht nur dahingehend defizitär, dass sich zu sehr »auf die dominanten Persönlichkeiten innerhalb des Republikanismus (konzentrieren), auf seinen angeblichen militaristischer Ethos, seine ›Falken‹ und ›Tauben‹, seine unauslöschliche terroristische Kultur«, sondern vor allem auch deswegen, weil der Binnenperspektive der handelnden Akteure zu wenig Raum gegeben wird. Hier versucht Republican Voices, ein Korrektiv darzustellen, denn bei diesem Buch handelt es sich um einen republikanischen ›Narrativ‹, um ein Projekt von ›Oral History‹, um ›Geschichte von unten‹: Der Nordirlandkonflikt wird aus der Perspektive derjenigen erzählt, die dreißig Jahre lang mit der Waffe in der Hand gegen den britischen Staat in Nordirland gekämpft haben, den Volunteers der IRA Sechs ehemalige Mitglieder der republikanischen Guerilla stellen ausführlich dar, wie es vor allem die gesellschaftlichen Bedingungen in dem ›Protestant State for Protestant people‹ waren, die sie zu republikanischen Aktivisten werden ließen. Im weiteren Verlauf werden die unterschiedlichen Etappen des republikanischen Kampfes behandelt. Es wird erläutert, warum der Slogan »Victory in a year« zu Beginn der 1970er Jahre bald abgelöst wurde von der Strategie des ›Langen Krieges‹, inwieweit der Hungerstreik von 1981 eine Zäsur in der republikanischen Politik zur Folge hatte, und auch die Wahrnehmung der unionistisch-protestantischen Bevölkerungsmehrheit seitens der republikanischen Bewegung wird problematisiert. Ebenso werden innerrepublikanische Kontroversen, die weder in den bürgerlichen Medien noch in den offiziellen Parteipublikationen von Sinn Fein Erwähnung finden, gerade im Hinblick auf den Friedensprozess in den 1990er Jahren nicht ausgeblendet.
An dieser Stelle sei noch angemerkt, dass ein etwaiger finanzieller Gewinn dieses Buches in politische Projekte in Irland einfließen wird.

Hamburg/ Belfast im Juni 2002, die ÜbersetzerInnen Claudia Knoll, Kirsten Knaack und Torben Krings