Bei unrast:

Leseprobe - MitGift

Prolog

Sie schreit. Ein gräßlicher Schrei. Ein Schrei, den sie sich niemals zugetraut hätte. Josefine hört diesen Schrei, als ob sie neben ihm stünde und weiß nicht, ob sie tatsächlich schreit oder es in ihr schreit. Mitten durch ihren Leib, gellender Strudel. Und dann ist alles vorbei. Blaues Fleisch und blutige Schmiere. Nicht die Geburt ist das Wunder, sondern das Nachlassen des Schmerzes. Der Uhrzeiger springt eine Minute weiter. Zehnuhrzwölf. An ihm hat sie sich festgehalten. Dreizehn Stunden lang. Zuerst galten nur die großen Zahlen auf der Bahnhofsuhr. Ein paar Stunden, vielleicht einmal im Kreis, das wußte sie, das hatte man ihr gesagt. Das war eine überschaubare Strecke, die sie zurückzulegen hatte auf der weißen Scheibe mit den kleinen Strichen, schwarzen Ziffern. Aber dann öffnete sich hinter jeder Zahl ein Abgrund, und sie rutschte in die Stunden, Halbenstunden, Viertelstunden. Und am Ende war jede Minute eine Stunde. Es gab nur noch sie und die Uhr. Und noch eine Minute Abgrund und noch eine.
Es ist ein Mädchen, sagt irgendwer und hält einen Klumpen schreiendes Fleisch vor Josefines Gesicht. Sie überzieht ihr Gesicht mit einem Lächeln, wie es sich gehört. Laurenz hätte das Schicksal heißen können. Das Schicksal hat es nicht gut gemeint, das ist nichts Neues. Laura also. Da hängt kein »enz« dran. Nur Laura. Mit Klitoris. Die wird sie behalten dürfen. Wäre sie eine Tochter Afrikas, könnte es bald ein großes Fest geben. Von überall reiste Verwandtschaft an. Sie kämen mit Scheren oder stumpfen Messern, Rasierklingen oder spitzen Steinen und schnipselten dem Mädchen alles Pfui weg. Die Klitoris auf jeden Fall und die kleinen und großen Schamlippen höchstwahrscheinlich auch – je nachdem, wie lieb sie Laura hätten. Danach nähten sie den zerfetzten Rest zusammen; ein stecknadelkopfgroßes Loch muß bleiben. Eine Frau ist eine Frau, und eine Frau hat ein Loch. Je kleiner das Loch, desto größer die Lust des Mannes, desto größer der Schmerz der Frau.
Ein Jahr nach der Hochzeit das erste Kind, so wäre es auch in Afrika Brauch, im Sudan zum Beispiel. Im Sudan allerdings hätte der Schmerz der Zeugung den der Geburt übertroffen. Denn um das Siegel zu erbrechen, das stecknadelkopfgroße Loch zu erobern, hätte es Wochen grausamer Bohrung gebraucht, und vielleicht hätte der Mann sich in der Harnröhre verirrt oder eine neue Öffnung gestochert.
Aber Afrika ist weit weg. So weit weg, daß Josefine lesen müßte, um das Land zu finden auf dem Globus.
Am Nachmittag kommt der Vater. Klopft an die Tür des Krankenzimmers, tritt ein, verharrt im Türrahmen, stürzt zu Josefine, die Hände voller Blumen. Er legt sie auf das Bett.
Nicht auf das Bett sagt sie, und er legt sie auf das Nachtkästchen.
Wie geht es dir, fragt er und wartet keine Antwort ab, ich konnte nicht eher, so viel Arbeit, aber ich habe jede Stunde angerufen, nun ist es doch ein Mädchen geworden, wie ich immer gesagt habe.
Josefine weint.
War es so schlimm, fragt Johann und streichelt die Tränen über ihr Gesicht. Ich war immer bei dir.
Das sind aber schöne Blumen, sagt eine Krankenschwester und gratuliert dem frischgebackenen Vater.
Kann ich das Baby sehen, fragt er die Krankenschwester, streichelt Josefines Hand: Darfst du schon aufstehen, kommst du mit?
Sie schüttelt den Kopf.
Sie dürfen aufstehen, Frau Rose, sagt die Krankenschwester.
Josefine nickt und vergräbt sich noch tiefer in dem Bett.
Ich bringe Sie zur Säuglingsstation, sagt die Krankenschwester und nimmt die Blumen vom Nachttisch. Johann folgt ihr und erzählt, wie viele Fehler er bei der Arbeit gemacht hat – weil ich dauernd an meine Frau gedacht habe. Deshalb muß ich gleich wieder fort, nur Reklamationen.
Ja, ja, die Väter, sagt die Krankenschwester. Und Johann fragt: Es geht meiner Frau doch gut?
Das renkt sich alles ein, sagt die Krankenschwester.
Abends kommt die nächste Gratulantin. Klein ist sie und rundlich und trägt ihr rotes, widerspenstiges Haar wie die Fahne einer Revolution. Hat keine Schnittblumen dabei, sondern einen Blumenstock. Ein bißchen Garten, sagt sie zu ihrer Tochter. Und: Da bist du also! zu ihrer Enkelin.
Laura sieht nicht, daß ihre Retterin vor der Glasscheibe steht. Laura weiß noch nichts vom fruchtigen Geschmack frisch geernteter Erdbeeren, die ihr die Hände mit den krummen, sommersprossenbesprenkelten Fingern einmal reichen werden. Laura ist neun Stunden alt.

1.
Mutter und Kind lernen stillen. Laura trinkt und wächst, Josefine schrumpft. Neunzehn Jahre alt die Mutter. Vom Elternhaus in die Ehe, wozu es einer Einwilligung ihrer Vormünder bedurfte. Drei Monate nur war Josefine frei. Dann nistete sich der schlürfende Klumpen in ihr ein und machte sie zur Sklavin seiner Launen. So hat Josefine sich das Muttersein nicht vorgestellt. Laura hat keine Ähnlichkeit mit den niedlichen Babys im Fernsehen. Die schreien nicht und rotzen nicht und kommen scheinbar stubenrein auf die Welt. Dafür sind sie schwarzweiß. Der Fernseher war noch vor der Geschirrspülmaschine im Haus. Der kluge Johann hat alle möglichen Krisenherde umsichtig in Maschinen geräumt. Eine beneidenswerte Partie nannten ihn andere Frauen beim Hochzeitsschmaus. Weder Huren noch Kneipen sucht Johann auf. Trotzdem kommt er spät nach Hause. Er will nicht nur Ernährer sein, will seiner Frau etwas bieten. Hübsche Kleider, moderne Möbel, hin und wieder ein Schmuckstück – schließlich hat sie ihre Schönheit in die Waagschale der Ehe geworfen.
Lang die Tage für Mutter und Kind in der großen Wohnung am Stadtrand. Wenn das Kind schreit, und es schreit oft, und eigentlich will Josefine es schreien lassen, da die herrschende Meinung von einer Lungenkräftigung bei Lautstärke ausgeht, klingelt die Vermieterin. Das Kind raube ihr den Mittagsschlaf, den die Vermieterin auch am Vor- und Nachmittag zu halten pflegt. Putzt Josefine das Treppenhaus, finden sich unmittelbar danach unübersehbare Schmutzhaufen, die triumphierend zu zeigen die Vermieterin niemals müde wird. Geht Josefine ohne Filzpantoffeln durch ihre Wohnung, fragt die Vermieterin, wann sie endlich richtig eingezogen sei und das pausenlose Möbelrücken unterlassen würde. So hat Josefine sich ihr Leben in einer eigenen Wohnung nicht vorgestellt. Bald wagt sie sich nur noch schleichend fortzubewegen. Ihren Husten keucht sie in Sofakissen. Wenn Johann zu Hause ist, beweist die Vermieterin ihr herzliches Wesen in Form von Kuchen und fettigen Würsten. Manchmal schenkt sie ihm ein viel zu weites Hemd ihres verstorbenen Gatten, das Josefine genußvoll zerreißt und in die Lumpenkiste quetscht.
Ich weiß nicht, was du hast, sagt Johann zu Josefine, unsere Vermieterin ist eine Seele von Mensch. Gerne repariert er den tropfenden Vermieterinnenwasserhahn und bringt Gebäck und Pralinen zurück – auch für die Frau Gemahlin. Josefine rührt das Zuckerzeug nicht an. Sie befürchtet, es sei vergiftet. Johann macht sich über sie lustig, und Josefine muß sich sehr anstrengen, keinen Pakt zwischen der Vermieterin und ihrem Mann zu vermuten.
Lang die Tage in der großen Wohnung am Stadtrand. Josefine wartet auf Johann. Singt: Ein Jäger aus Kurpfalz und: Kommt ein Vogel geflogen für das Kind, aber das schreit, und da klingelt schon wieder die Vermieterin. Das Telefon klingelt nie. Josefine hat keine Freundinnen. Vielleicht waren ihre Freundinnen nur Bekannte. Egal. Wichtig ist das Heil, und das Heil ist der Mann. Der arbeitet sogar am Wochenende. Josefine wünscht, er hätte mehr Zeit für sie. Hin und wieder sagt sie ihm das. Dann nimmt er sie in die Arme und erklärt ihr alles noch einmal von vorne. Daß sie jetzt zuerst ihre Existenz gründen müßten: Ich weiß, daß das nicht leicht für dich ist, aber du hast doch das Baby. Nun ist das Kind aber nicht so, wie Josefine es sich vorgestellt hat. Will sie spielen, will das Kind nicht. Will sie das Kind schlafend, ist es wach. Immer hat das Kind das Gegenteil dessen im Sinn, was sie glaubt, daß für das Kind gut sei. Josefine gibt sich Mühe. Püriert Gemüse, wechselt die Marke des Babypuders, dreht den schlafenden Kinderkopf einmal auf die rechte, einmal auf die linke Seite, damit er hinten nicht platt wird, fährt das Kind jeden Tag eine Stunde spazieren, singt und füttert und spielt. Quengelt das Kind in der Nacht, steht sie auf. Morgens füttert sie das Kind, während Johann frühstückt, und dann singt sie wieder und wiegt das Kind und wechselt Windeln und bügelt Hemden und putzt und kocht, und die Vermieterin klingelt. Nach und nach begreift sie, daß das Kind an allem schuld ist. Daß sie in eine Falle gegangen ist, als sich ihr Bauch blähte. Nicht ein Kind gedieh in ihrem Fleisch, sondern eine Fessel. Ohne das Kind wäre sie nicht an die Wohnung gebunden. Könnte tun, wozu sie Lust hat. Auch arbeiten. Ein bißchen wenigstens. Selbstverständlich gehört der Haushalt zu ihren Pflichten. Aber sie wäre frei und keine Mutter, sondern Frau. Sie hätten auch mehr Geld, da sie mitverdiente. Am Wochenende könnten sie ausgehen – Tanzen, Kino – es gibt so viel, was sie jetzt versäumt. Niemals zweifelt Josefine an ihrem Mann. Der ist der richtige und einzige. Sogar eine Waschmaschine hat er ihr gebracht, damit sie sich nicht so plagen muß. Nur das Kind ist falsch. Vielleicht liegt es daran, daß es ein Mädchen ist. Ein Bub wäre nicht so schwierig. Beim Einkaufen beobachtet sie das oft. Buben gehen viel liebevoller mit ihren Müttern um als Mädchen. Obwohl auch Mädchen netter zu ihren Müttern sind, als Laura es zu ihr ist.
Josefine sucht in den Gesichtern anderer Mütter nach Zeichen der Erschöpfung, der Überdrüssigkeit. Überall begegnet ihr das strahlende Glück der Mutterschaft. Sie merkt sich, was die anderen Mütter tun und sagen und macht es nach. Aber ihre Taten und Worte finden kein Echo in ihr. Manchmal beobachtet sie, wie Johann mit dem Kind spielt. Da ist ein Leuchten in seinem Gesicht, das macht ihr die Kehle eng und ein stacheliges Gefühl im Bauch. Schnell nimmt sie das Kind aus seinen Armen. Es ist müde, sagt sie über das quietschmuntere Gesicht hinweg. Johann widerspricht nicht. Mit Kindern, glaubt er, kennt sich ein Mann nicht aus.
Wenn Johann von der Arbeit kommt, gilt seine erste Frage dem Kind. Nicht Laura sagt er, sondern: Wie geht es meiner Snitzka. Als das Kind das erste Mal in seinem Arm lag, gab er ihm diesen Namen. Josefine sagt: Gut geht es Laura. Snitzka sagt sie niemals. Sie sagt auch, daß es Laura gut geht, wenn Laura den ganzen Tag geweint hat. Was soll sie ihren Mann belästigen mit Kinderkram.
Immer will Johann dem Kind beim Schlafen zusehen. Steht neben dem Bett, lächelt, zieht an der Bettdecke – auch wenn sie überhaupt nicht verrutscht ist. Erst danach setzt er sich an den Tisch. Lobt das Essen, erzählt von der Arbeit. Aber es ist nicht mehr so wie damals, als das Kind noch nicht da war. Und zählt Josefine die Monate, so waren es nur drei Flittermonate, dann war sie schon schwanger und nicht mehr frei. Auch wenn das Kind schläft – es ist doch da. Im Regal steht die Babynahrung, auf dem Sofa liegt ein Teddybär. In allen Räumen hat sich das Kind ausgebreitet wie eine immer fetter werdende Made.
Viel zu schnell vergeht der Abend. Johann ist müde. Josefine ist auch müde. Am nächsten Tag, fast noch in der Nacht, wird der Wecker klingeln. Sie wird auch nachts einige Male aufgestanden sein. Sie schläft nicht mehr richtig. Ihr Ruhen ist ein ständiges Horchen. Das Kind quengelt immer dann, wenn sie wirklich einmal schläft – als habe es nur darauf gewartet. Am liebsten würde Josefine die Bettdecke über den Kopf ziehen und mit all dem nichts mehr zu tun haben. Statt dessen steht sie auf und trägt das Kind im Zimmer herum. Zwölf Schritte vor und zwölf zurück wiegt sie es leise summend und möchte es an die Wand werfen, damit es endlich, endlich still ist.
Rar geworden sind die Momente der Zweisamkeit zwischen Josefine und Johann. Immer schreit das Kind gerade dann, wenn sie sich einmal nah sind. Oder Johann will damit spielen, es schon morgens ins Bett holen.
Das ist nicht gut, sagt Josefine, das Kind muß lernen, allein zu sein.
Selten widerspricht Johann. Und noch seltener spielen sie zu dritt im Bett. Josefine bekommt dabei dieses enge Gefühl im Hals. Meistens muß sie dann beim Frühstück weinen.
Was fehlt dir denn, fragt Johann.
Josefine zuckt mit den Schultern.
Bald sind wir aus dem Gröbsten, verspricht er. Sie will ihm glauben und bemüht sich zu lächeln, aber die Enge im Hals, die bleibt.

Die Frauen am Spielplatz haben glückliche Gesichter. Als hätten sie kleine Totenlichter in ihren Köpfen brennen. Josefine muß ihr Gesicht wie ein Kopfkissen mit einem Lächeln überziehen. Spielt junges Glück und singt noch lauter: Ein Jäger aus Kurpfalz. Manchmal singt sie sogar auf der Straße, obwohl sich das nicht gehört. Eine Mutter kann sich benehmen wie eine Schwachsinnige, und die Menschen lächeln wohlwollend. Der Hohlraum in Josefine wächst. Ein Gefühl der Leere, des Fallens. Als hätte ihr Laura etwas weggenommen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. So gehört sich das nicht. Sie merkt deutlich, wie die anderen Mütter sie ansehen. Als mache sie alles falsch. Sie strengt sich immer mehr an. Läßt Laura niemals aus den Augen, beugt jeder aufkommenden Langeweile vor. Die anderen Mütter lassen nicht ab mit ihren Blicken. Josefine kauft sogar Strickzeug, damit sie sich nicht unterscheidet – es hilft nichts. Immer hat sie das Gefühl, zu wenig oder das Falsche zu tun. Spricht eine Mutter sie an, ist sie überzeugt, man wolle sie aushorchen. Wie geht es Ihnen, fragen die anderen Mütter mit einem seltsamen Blick. Gut, sagt Josefine, und Ihnen. Ach, sagt eine Mutter, wir haben eine schwere Zeit, wir zahnen. Josefine erwidert nichts, weil sie befürchtet, die andere würde sie auffordern, ihr Herz auszuschütten. Josefine will gar nicht wissen, daß sie ein Herz auszuschütten hätte. Sie will, daß Laura ein braves Kind ist und nicht auffällt. Sie sagt nur guten Tag und auf Wiedersehen. Und manchmal: Laura, gib dem Jungen die Schaufel wieder. Aber lassen Sie doch, sagt eine Mutter. Und wenn Josefine nichts sagt, verlangt die andere Mutter: Sagen Sie Ihrer Tochter doch bitte, sie soll meinem Sohn die Schaufel zurückgeben.
Und Josefine füttert und wäscht und wacht und wickelt und wiegt. Immer deutlicher begreift sie: Das Kind ist eine Falle. Johann hat sie in die Falle gelockt und läßt sie nun dort sitzen, denkt sie manchmal weiter und erschrickt.
Johann verspricht: Bald arbeite ich weniger. Wenn wir das Wohnzimmer abbezahlt, wenn wir ein Auto haben. Josefine glaubt ihm gerne, denn das will sie ja auch. Wären die Möbel nicht so teuer gewesen, hätte er sein Auto nicht verkaufen müssen. Am Stadtrand haben alle ein Auto. Im Nachbarhaus gibt es sogar zwei Autos. Eines gehört der Frau Doktor. Hört Josefine das Garagentor des Nachbarhauses quietschen, stellt sie sich ans Fenster und schaut zu, wie die Frau vom Doktor mit ihrem kleinen roten Auto auf die Straße fährt. Dann nimmt sie sich fest vor, nicht mehr traurig zu sein, gleichgültig, wie spät Johann nach Hause kommt.

Manchmal, wenn sie am Wochenende Ausflüge machen und die Menschen sich umdrehen nach ihr, ihrem Mann und ihrem Kind und sie Neid in den Augen der Fremden bemerkt, ist sie glücklich. Johann sieht gut aus, sie sieht gut aus, und Laura ist ein kleines Kind. Josefine fühlt sich wohl und lacht und scherzt mit Laura, und zuweilen bleibt das Kind in ihren Armen, ohne die Ärmchen nach Johann auszustrecken. Dann gibt es wieder Momente, die schnüren ihr die Kehle zu. Der Blick, mit dem Johann das Kind ansieht. So soll er mich ansehen, denkt sie und drängt sich zwischen die beiden, bis er von Laura abläßt und sich ihr zuwendet.
Hin und wieder besuchen sie Johanns Freunde. Josefine ist gern bei ihnen und hat auch gern Besuch. Aber nur am Abend, wenn Laura schläft. Erst dann ist sie wirklich frei. Solange das Kind in der Nähe ist, fühlt sie sich beobachtet. Von dem Kind und von allen anderen. Nervös glaubt sie, beweisen zu müssen, daß sie eine gute Mutter ist und hat fürchterliche Angst, das Kind könnte weinen oder quengeln. Aber Laura weint gar nicht mehr viel. Laura ist brav geworden. Und still.

2.
Laura auf dem Dreirad radelt so schnell sie kann durch den Garten und reißt die Köpfe von Tulpen ab, um die Vermieterin zu ärgern, die die Mama ärgert.
Was tust du denn da schon wieder, ruft die Mutter, die alles sieht und alles hört, aus dem Fenster.
Laura zeigt ihr die abgerissenen Blumenköpfe.
Bist du von allen guten Geistern verlassen, ruft die Mutter.
Aber Mama, widerspricht Laura. Du hast doch gesagt, die Vermieterin ist gemein zu uns.
Die Mutter schlägt das Fenster zu. Laura steht vor dem Haus, mit den Tulpenköpfen in der Hand. Mama, fragt sie. Das Fenster bleibt geschlossen. Die Tulpen fallen aus Lauras Hand. Mama, fragt Laura noch einmal und rutscht an der Hausmauer entlang auf den Boden. Mama, warum sagst du nichts, fragt sie an die Hauswand hin, so wie sie der Hauswand manchmal Geschichten erzählt. Denn die Mutter hört selten zu und antwortet wenig. Sie spricht nicht viel mit Laura. Meistens kommen Verbote aus ihrem Mund. Das tut man nicht. Warum, fragt Laura. Weil man das nicht tut. Warum? Weil es sich nicht gehört, sagt die Mutter dann mit ihrer Jetzt-reichts-Stimme. Gibt Laura immer noch keine Ruhe, verkündet die Mutter, Laura würde am Rande einer Ohrfeige spazieren. Gelegentlich fällt Laura auch in die Ohrfeige.

Auf den Treppen zum Haus ringeln sich Regenwürmer. Laura findet ein kleines, rostiges Messer und schneidet einen Wurm entzwei. Schaut fasziniert zu, wie zwei Teile Regenwurm in entgegengesetzte Richtungen kriechen. Da kommt die Mutter aus dem Haus. Laura! Ihr Ruf verheißt nichts Gutes. Immer ruft sie so, daß Laura beim Klang ihres Namens zusammenzuckt und am liebsten nicht Laura wäre, sondern eine andere, die nichts mit Laura zu tun hat.
Guck mal Mama! Ich habe den Wurm abgeschnitten.
Pfui Teufel, ruft die Mutter und gibt Laura eine Ohrfeige. Laura weint. Die Mutter holt das große Messer aus der Küche und fuchtelt damit vor Laura herum: Stell dir vor, da kommt ein böser Riese und schneidet dich entzwei!
Laura träumt von Würmern. Riesengroßen Würmern. Die ringeln sich in ihrem Bett und wollen sie fressen. Laura erzählt der Mutter nichts von diesen Träumen. Sonst erinnert sie sich an die schlimme Tat, die an ein Verbrechen grenzt. Laura denkt an einen Zaun. Wie ein Verbrechen aussieht, weiß sie nicht. Sie weiß auch nicht, warum es ihr nie gelingt, ein braves Mädchen zu sein, das es verdient, von seiner Mama liebgehabt zu werden. Was Laura tut, ist immer das Falsche.

Als Laura einen Kirschkern verschluckt, behält sie das für sich. Schließlich hat die Mutter sie gewarnt: Wer einen Kirschkern verschluckt, dem wächst ein Kirschbaum aus dem Bauch. Laura schweigt, damit der Muttermund nicht böse wird. Auch wenn gar keine Schimpfe rauskommt, wird der oft so knittrig. Es wäre Laura lieber, er würde schimpfen und nicht knittern.
Den Kirschkern im Bauch, läßt sie sich ohne Widerspruch ins Bett bringen und hat solche Angst, daß ein Kirschbaum wächst aus ihrem Bauch. Wie lange das wohl dauert? Ob man schon etwas sieht, wenn der Vater nach Hause kommt? Der lacht vielleicht und sagt, man könne Kirschen pflücken aus Lauras Bauch. Und dann schneidet er den Baum einfach ab. Wenn der Baum weiterwächst, kann Laura nicht mehr dreiradfahren. Der Baum hat keinen Platz auf dem Dreirad. Am Ende muß sie vielleicht sterben. Laura weiß nicht, was sterben bedeutet, nur daß es ganz schrecklich ist und mit nie mehr zu tun hat. Lieber Gott, betet Laura im Vaterbett, mach, daß ich nicht sterben muß. Tagelang tastet sie heimlich ihren Bauch ab. Zu niemandem spricht sie davon. Die Mutter würde schimpfen, und der Vater kommt spät nach Hause. Auch wenn Laura beim Drehen des Vaterschlüssels im Schloß wach im Bett liegt, darf sie nicht aufstehen. Wer einmal im Bett liegt, muß liegenbleiben, lautet ein Muttergesetz. (…)

3.
Laura, Mutter und Oma sitzen im Garten. Laura füttert ihr Stoffpferd mit Gras. So saftig sieht das Gras aus. Und lecker! Was dem Pferd schmeckt, schmeckt mir auch, denkt Laura und beißt herzhaft in das Gras. Iiiiii ist das bitter! Sie widersteht dem Drang das Gras auszuspucken, und schluckt es mitsamt der Erde, die bröselig an den Wurzeln hängt, hinunter. Lang dauert es nicht, bis ihr übel wird. Schnell will sie aufs Clo, damit es keiner merkt, aber sie schafft es nicht und erbricht auf die Steintreppen vor dem Haus.
Was hast du jetzt schon wieder angestellt, ruft die Mutter.
Gras gegessen, jammert Laura.
Die Oma fängt zu lachen an und hört nicht mehr auf. Sitzt auf ihrem Stuhl, schlägt sich auf die Schenkel und lacht und lacht.
Dummes Kind, schimpft die Mutter und duscht Laura zur Strafe kalt ab. Dann muß sie ins Bett. Später setzt sich die Oma zu ihr und fragt, warum sie Gras gegessen hat.
Weil ich dumm bin, sagt Laura artig.
Warum bist du dumm, wenn du Gras ißt?
Das sagt die Mama.
So, so. Und warum hast du wirklich Gras gegessen?
Laura versteht nicht, was die Oma meint.
Hast du das Gras gegessen, weil du Hunger hattest?
Laura schüttelt den Kopf und beginnt zögernd zu erklären. Die Oma unterbricht sie nicht. Laura redet weiter und erwartet, daß die Oma weggeht. Aber die Oma bleibt sitzen. Laura spricht schneller, damit die Oma ganz bestimmt nicht weggeht. Da hat sie den ganzen Hals voll verschluckter Wörter. Die Oma schimpft nicht, sondern wartet, bis Laura wieder Luft kriegt, sich die groben Klotzwörter in Lauras Hals in kleine geschmeidige Teilchen verwandeln und wie Bonbons aus ihrem Mund flutschen.

Bücher von Michaela Seul bei Unrast:

Michaela Seul - MitGift
Michaela Seul – Leben ohne Leander
Michaela Seul – RelaXX


Portrait:

Schonungslos lebendig

oder wie Michaela Seul das richtige Leben
aus dem falschen schälte

Essay von Thomas Nöske