Bei unrast:
Einleitunggruppe offene rechnungen
»The final Insult« –
Das Diktat gegen die Überlebenden »The final Insult« – die letzte Beleidigung! – diese Worte von Rudy Kennedy, einem ehemaligen Sklavenarbeiter der I.G. Farben und Kämpfer gegen die deut-sche Entschädigungsverweigerung, beschreiben die Geschichte deutscher Schuld-abwehr bis zum heutigen Tag. Sie zeigen die erneute Beleidigung, die die jahre-langen Verhandlungen um eine Entschädigung ehemaliger Zwangs- und Sklaven-arbeiter nach fast 60 Jahren Ignoranz und Verweigerung für die wenigen Überle-benden der deutschen Verbrechen bedeuten. Dies reiht sich ein in die Tradition der Abwehr seit 1945. Die Ignoranz gegenüber den Erfahrungen und Zeugnissen der Überlebenden zog sich bruchlos durch die Geschichte dieser »Vergangenheitsbe-wältigung«. Besonders diejenigen, die nach ihrer Befreiung im Land der Täter versuchten, ein neues Leben zu begründen, erfuhren die aggressive Abwehr beina-he täglich. Sie waren gezwungen, ihren ehemaligen Peinigern auf der Straße zu begegnen, die als angesehene Mitbürger weiterhin in der Mitte der Gesellschaft lebten, sie wurden in die Situation gedrängt, ihre Qualen nachweisen und ihre Verletzungen begutachten zu lassen, um überhaupt Ansprüche auf Unterstützung geltend machen zu können. Sie mussten mit dem Erlebten tagtäglich umgehen und den Verlust ertragen, den die Vernichtung ihrer Freunde und Angehörigen durch die Nationalsozialisten in ihr Leben gerissen hat. Sie standen immer abseits in dieser Gesellschaft von Verdrängern und Verleugnern, die sich in ihrem Innersten, unter sich, weiterhin stolz zu den Taten bekannte. Gerade in der Solidarität mit den Mördern fanden sich die Deutschen vereint. Die hier veröffentlichten Texte und Gespräche unterscheiden sich wesentlich von der Sichtweise der deutschen Öffentlichkeit auf die Verhandlungen. Mit der Ein-richtung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« gelang es der deutschen Wirtschaft und dem deutschen Staat, die Sammelklagen, die in den USA gegen Dependancen deutscher Firmen und Banken von ehemaligen Zwangs- und SklavenarbeiterInnen eingereicht worden waren, abzuwenden. Das Almosen, das gezahlt wurde, dient der Abwehr sowohl einer verspäteten Lohnzahlung als auch dem Versuch einer Entschädigung. Rudy Kennedy hat wie viele andere bereits vor Beginn der ersten Sammelklagen vehement gegen deutsche Wirtschaftsvertreter, Politiker und Historiker für eine Entschädigung gekämpft. Er hat mit seinem unnachgiebigen Kampf maßgeblichen Anteil am Zustandekommen des internationalen Drucks auf die deutschen Unter-nehmen gehabt. Oft wurden ihm die Türen vor dem Gesicht zugeschlagen, manchmal jedoch verschaffte er sich auch Zugang zu Orten, zu denen er nach dem Willen der deutschen Verhandlungsführer keinen Zutritt haben sollte. Für ihn ging es in erster Linie um eine individuelle Entschuldigung und um die Forderung nach der Auseinandersetzung mit den Verbrechen. Felix Kolmer aus Prag und Ludwik Krasucki aus Warschau, ebenfalls ehemalige Sklavenarbeiter, haben als Mitglieder der Delegationen ihrer Länder an den Verhandlungen teilgenommen und die Zu-rückweisung ihrer Forderungen durch die deutsche Seite direkt erfahren müssen. Ludwik Krasucki kämpfte im deutsch besetzten Polen und im Konzentrationslager Stutthof im Widerstand. Diesen setzte er in den Verhandlungen fort. Nicht selten verbündete sich die Delegation Polens mit der der tschechischen Republik, der Felix Kolmer angehörte. Felix Kolmer, der Theresienstadt, Auschwitz und Fried-land überlebte, versuchte zusammen mit Ludwik Krasucki und den anderen osteu-ropäischen Delegationen in den Verhandlungen ein annehmbares Ergebnis für die vielen ignorierten Opfer durchzusetzen. Ihr Resümee beinhaltet Hoffnung und Bitterkeit. Bis heute kämpfen sie durch Gespräche und Veranstaltungen in ihren Ländern und Deutschland dafür, die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten. Dieses Buch stellt die Berichte der Überlebenden und ihre Erfahrungen der deut-schen Nicht-Entschädigungspraxis ins Zentrum. Es wendet sich damit gegen die abschließende Historisierung der Verhandlungen, deren Dreistigkeiten auch nach Beginn der Auszahlungen noch fortdauern. Es wendet sich aber vor allem gegen die Zurückweisung der Forderungen der ehemaligen Zwangs- und Sklavenarbeiter, der Überlebenden der deutschen Verbrechen und damit gegen die Verleugnung ihrer Geschichte und ihrer Erinnerung. Anders als die deutsche Gesellschaft kön-nen sich die Überlebenden den Erfahrungen der Demütigung und den Erinnerun-gen an die Verbrechen nicht entziehen. Auschwitz und die Vernichtung sind be-stimmend für ihr weiteres Leben. Wir stehen in dieser Auseinandersetzung erst am Anfang und sind doch bereits an ihrem Ende. Denn mit dem Tod der letzten Zeu-gen der Vernichtung droht auch die Erinnerung zu sterben. Die Ignoranz und die Verletzungen der vergangenen Jahrzehnte seit 1945 lassen sich nicht durch ein paar Stunden aufmerksamen Zuhörens rückgängig machen. Sie prägen die Erfah-rungen, die die Überlebenden mit der deutschen Gesellschaft und in der Welt nach Auschwitz gemacht haben. Die meist unzulänglichen und zaghaften Auseinandersetzungen mit der eigenen (Familien-) Geschichte in der Tätergesellschaft, die Jahre der bewussten oder un-bewussten Nichtauseinandersetzung mit den Verbrechen und die Teilhabe an ihrem Verschwinden müssen reflektiert werden, dort wo eine Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Überlebenden versucht wird. Der erste und oft genug unter-lassene Schritt aber ist der, ihnen zuzuhören und sie wahr- und zur Kenntnis zu nehmen. Er kommt heute zu spät, daran besteht kein Zweifel. Jedoch ist er deshalb nicht weniger notwendig. Denn spätestens das Verhalten der deutschen Industrie, Regierung und Gesellschaft bei der Abwehr der Entschädigungsforderungen hat gezeigt, dass jene Verhältnisse bis heute fortwesen, die den Mord hervorbrachten. Der alte und neue Antisemitismus, die Beleidigung der Zeugen, die Diskriminie-rung und der Rassismus gegen Sinti und Roma, die Relativierung der Verbrechen, indem sie zum Auftrag für neues Großmachtstreben gemacht werden, all dies zeigt die Aktualität eines Kampfes, den die Überlebenden seit ihrer Befreiung oft bis zu ihrem Tod geführt haben und von dem sich viele von ihnen mittlerweile resigniert abgewendet haben. Die deutsche Linke hat – von wenigen Ausnahmen abgesehen – den Kampf für eine Entschädigung der wenigen Überlebenden nie zu ihrer Sache gemacht. Dieses Buch soll keine Einladung zu einem alternativen Generationengespräch sein. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Überlebenden, die im Zent-rum dieses Buches stehen, soll keinen »richtigen Umgang« mit den Verbrechen und damit ihre »Sühnbarkeit« suggerieren. Das bloße Anhören oder Lesen der Berichte ohne deren Reflexion wäre die Quelle einer falschen und unmöglichen Versöhnung. Dies übersähe die bis heute fortdauernde materielle und gesellschaft-liche Kontinuität in Deutschland. Dieser Kontinuität müssen wir uns stellen. Nicht die Überlebenden sind in der Pflicht der Kritik dieser Verhältnisse, sondern wir, die wir in sie hineingeboren und mit ihnen aufgewachsen sind. Allzu leicht wurde dies durch die Politisierung in eine deutsche Linke überdeckt. Indem sich diese Linke auf die Seite eines allgemeinen Opferstatus meinte schlagen zu können, trug sie aktiv zur Nivellierung bei. Sie suchte nach positiven Anknüpfungspunkten bei einem idealisierten antifaschistischen Widerstand, der sie die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden vergessen ließ. In ihrer anschließenden begriffli-chen Ausdehnung des Widerstandes bis hin zum »Leben unter der Diktatur« kam sie schließlich beim »Dialog der Generationen« an. Heute reden die ehemaligen Linken darum mit ihren Vätern und Großvätern über deren Kriegserlebnisse. Sie tun dies nicht deshalb, um den Bruch mit ihrer Geschichte zu vollziehen und die von ihren Vätern und Großvätern begangenen Verbrechen zum Ausgangspunkt ihrer Kritik zu machen. Sie sind auf der Suche nach bruchloser Identität längst dort angekommen, von wo sie sich nie wirklich entfernt hatten: der Heimat. Die deut-sche Linke hat in nahezu allen theoretischen und praktischen Erklärungsversuchen der gesellschaftlichen Verhältnisse Schutzideologien vor der Konfrontation mit dem Antisemitismus geschaffen: in der personifizierenden auf die Rettung des Konkreten, der Arbeit, schielenden verkürzten Kapitalismuskritik genauso wie in einer Faschismusanalyse, die die Besonderheit des Nationalsozialismus, den anti-semitischen Vernichtungswunsch und seine Realisierung ausblendet oder rationali-siert; aber auch im linken Antiimperialismus und Internationalismus, der in einem binären System die abstrakte Herrschaft des Kapitals im Widerspruch zwischen den imperialistischen Nationen und den unterdrückten Völkern zu erklären ver-sucht. Diese Verklärung war und ist der Kanal für das alte Ressentiment, das sich nun als Antiamerikanismus gegen die vermeintliche Personifikation des Imperia-lismus, die USA, richtet oder sich im antizionistischen Hass gegen Israel wendet. Heute stehen wir erneut vor den Konsequenzen aus dieser Geschichte. Israel wird zur Projektionsfläche für Globalisierungskritiker, deutsche Nazis und Islamisten gleichermaßen. Mit Israel werden im antisemitischen Wahn alle Juden auf der Welt an den Pranger gestellt. Indem das neue Auschwitz nun Israel vorgeworfen wird, wird auch die staatgewordene Konsequenz aus der Massenvernichtung und damit die Shoah selbst negiert. Die antisemitische Allianz rationalisiert sich die islamistischen suizidalen Massenmorde, die planmäßige und willkürliche Vernich-tung, als Tat von Unterdrückten. Damit hat sich eine solche Linke weltweit als Erbverwalter der deutschen Tat geoutet. Ihre deutsche Sektion, die sich vorwerfen lassen muss, die Überlebenden immer im Stich gelassen zu haben, hat sich spätes-tens heute mit ihrem nationalen Führungspersonal in Übereinstimmung gebracht. Im Stich gelassen wurden die Überlebenden aber oft auch dort, wo ihnen gönner-haft die Möglichkeit eingeräumt wurde zu sprechen; verkannt wird dabei völlig, dass das Sprechen über die nationalsozialistischen Lager eine Last oder ein Zwang ist, den manche unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte auf sich nehmen – weder zum Vergnügen von irgendwem, noch weil es ihnen selbst das Weiterleben auch nur andeutungsweise erleichtern könnte. Hermann Langbein, der Leitungsmitglied der internationalen Widerstandsorganisa-tion in Auschwitz war, erklärte den Teilnehmern eines Symposiums : »Es ist für Sie zu Ihrem Glück nicht völlig vorstellbar, wie es auf einen Menschen wirken muß, wenn er – das ist nicht übertrieben – wie Ungeziefer behandelt wird. Seine Menschenwürde, das kommt in den Büchern vor, wird zerstört. Man kann oft nur schwerlich erreichen, Mensch zu bleiben.« Warum also nehmen einige das leidvol-le Schreiben oder Sprechen überhaupt auf sich? Es ist die Verantwortung und die Verbundenheit den Ermordeten gegenüber. Ihrer zu gedenken ist das wenige, das dennoch kaum zu leisten ist. Das Sprechen steht aber auch in der Hoffnung auf die Zuhörer und deren Bereitschaft, sich mit den Verbrechen zu konfrontieren und die Verhältnisse, die zu Auschwitz geführt ha-ben, zu verändern. Hermann Langbein spricht daher von der Last der nachgewachsenen Generationen, die kennenlernen müssen, was möglich war, und zwar, um Schlussfolgerungen daraus ziehen zu können, was sie zu tun oder zu unterlassen haben, damit sich dies nicht wiederholen kann. Daher erklärt er die Bereitschaft von Jean Améry, Primo Levi oder Georges Wellers, mit Büchern und Gesprächen den jüngeren Menschen zu helfen, mit dieser Last fertig zu werden. Die Gespräche in diesem Buch beziehen sich größtenteils auf die Zeit nach der Befreiung. Wir haben vor allem nach den Erfahrungen mit den Verhandlungen um eine Kompensation der ehemaligen Zwangs- und Sklavenarbeiter gefragt. Die Überlebenden berichten über die erneute Ignoranz gegenüber ihren Forderungen und zeigen ihren erneuten Ausschluss und die Geringschätzung, die ihnen im Land der Täter entgegen gebracht wird. Die Erfahrungen mit der Vernichtung, der Ver-lust der Angehörigen und die Zufälligkeit des Überlebens sind der Hintergrund dieser Berichte. Auch wenn diese Erfahrungen hier nicht denselben Raum einneh-men, sind sie bestimmend für die Einschätzung der aktuellen Situation und doku-mentieren so eine Sicht auf die Verhandlungen, die abgewehrt, ignoriert und über-hört wurde. Die Überlebenden, die hier zu Wort kommen, sprechen aus der Perspektive derje-nigen, die nicht oder nicht mehr im Land der Täter leben. Der Alltag derer, die heute noch in Deutschland leben, fehlt in diesem Buch genauso wie die Erfahrun-gen derjenigen, die nicht als Juden verfolgt und vernichtet wurden. Die Erfahrun-gen von Sinti und Roma, die zusammen mit den europäischen Juden in die Ver-nichtungslager verschleppt, zur Sklavenarbeit gezwungen und ermordet wurden, sind hier erneut nicht sichtbar. Sie hatten wie kaum eine andere Gruppe mit der bruchlosen Fortsetzung der Diskriminierung und Verfolgung zu kämpfen. Die Nachkriegsgesellschaft sah keinerlei Veranlassung, den Antiziganismus, die Res-sentiments gegen Sinti und Roma zu tabuisieren. Er trat bis hinein in die Behörden und Justiz offen zutage. Zum Teil wurden die Sinti und Roma mit denselben Do-kumenten von denselben Ärzten, Polizisten und Richtern bedroht, wie vor ihrer Befreiung. Auch die Zwangarbeiter, Kriegsgefangenen und Zivilisten, die aus den besetzten Ländern nach Deutschland verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden, kom-men hier nicht zu Wort. Ihre Erinnerungen und Erfahrungen wurden bis vor eini-gen Jahren überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Der Kalte Krieg ermöglichte es den Deutschen, dieses Verbrechen komplett zu verschweigen, während die in die Sowjetunion zurückkehrenden Zwangsarbeiter zusätzlich zu den körperlichen Folgen ihrer »Arbeit« teilweise dem Vorwurf ausgesetzt waren, die deutschen Besatzer unterstützt zu haben. Die »Entschädigungsverhandlungen« sind auf die Spitze getriebenes Exempel der (Erinnerungs-)Politik in Deutschland. Hier wurde nicht nur deutlich, wie sehr sich die Deutschen bereits selbst wieder gutgemacht haben und ihre Verantwortung leugnen; sie sind Ausdruck von einem »selbstbewusst« auftretenden Deutschland, das sich die Deutungshoheit über die Geschichte angeeignet hat. Jetzt, wo die Verhandlungen abgeschlossen sind, scheint es, dass diese Rechnung aufgegangen ist. Der Entschädigungsfonds ist der Schlussstrich unter die materiellen Konse-quenzen aus den deutschen Verbrechen. Er gelang durch die erzwungenen Ver-zichtserklärungen auf weitere Ansprüche und die gewährte Rechtssicherheit für deutsche Unternehmen. Indem neben der Zwangs- und Sklavenarbeit auch noch der Raub jüdischen Eigentums der Banken, Versicherungen und ihre deutschen Nachbarn in den Fonds miteingeschlossen wurde, soll der materielle Schlussstrich endgültig sein. Die zögerliche Auszahlungspraxis, die Gängelung und Kontrolle der Partnerstiftungen in den osteuropäischen Ländern und der Skandal um den Umtausch der polnischen Entschädigungsgelder in Zloty zeigen die Fortdauer deutscher Überheblichkeit und die Beleidigung der wenigen Überlebenden. Ob die mit dem Fonds bezweckte Abwehr sämtlicher Ansprüche letztlich aufgeht, muss angesichts des Ausschlusses zahlreicher Anspruchsberechtigter wie den zur Zwangsarbeit gezwungenen Kriegsgefangenen fraglich bleiben. Während sich Deutschlands Wiedergutwerdung in steigendem ökonomischen und militärischen Einfluss materialisiert, sollen die offenen Ansprüche gegen Deutsch-land möglichst unter Verschluss bleiben. In Fortsetzung des Ressentiments haben viele Sinti und Roma bis heute gar nichts erhalten. Durch die dominante Rolle Deutschlands in Europa werden die Forderungen aufgrund der Kriegsschäden in Griechenland oder die der ehemaligen italienischen oder sowjetischen Kriegsge-fangenen abgewehrt. Mit wachsender Aggression beansprucht Deutschland die Opferrolle für sich. Dies zeigt sich in jüngster Zeit deutlich an der Forderung nach der Aufhebung der Be-neš-Dekrete und der Entschädigung sudetendeutscher »Vertriebener«. Diese For-derungen leisten der Historisierung und Universalisierung der Shoah weiter Vor-schub. Die Shoah verschwindet in einem nebulösen »Jahrhundert der Lager und Vertreibungen«. Die »Vertriebenen« machen den Transfer der sudetendeutschen Nazis »Heim ins Reich« zu »Todesmärschen«, die die realen Todesmärsche der Häftlinge der Vernichtungslager relativieren und damit in letzter Konsequenz leugnen. Diese bereits von Anfang an bei den »Vertriebenen« und in der deutschen Alltagsvorstellung vorhandenen »Wahrheiten« werden nun Geschichte und Hebel für materielle Forderungen an die ehemals von Deutschen besetzten Länder. Das Beharren der tschechischen und der polnischen Regierung auf staatliche Souverä-nität und die Zurückweisung der Einmischung deutscher Politiker begründete eine aggressive Kampagne gegen diese Länder im Rahmen der Auseinandersetzung um die EU-Osterweiterung. Schon längst sind deutsche Unternehmen und Privatleute damit beschäftigt, die sog. deutschen Ostgebiete wieder »einzudeutschen«, Lände-reien aufzukaufen oder alte Ansprüche geltend zu machen. Mit den Angriffen auf die Beneš-Dekrete jedoch soll neben der faktischen Durchsetzung der eigenen Interessen auch die europäische Nachkriegsordnung revidiert werden, die von den Alliierten in Folge der deutschen Verbrechen geschaffen wurde. Die geglückte Bewältigung der Vergangenheit erfüllt für Deutschland die Funkti-on, sich nun als Hüter über Menschenrechte und Humanität zu präsentieren. Die Menschenrechte sind um ihren auf das Individuum bezogenen Gehalt reduziert und zu Volksgruppenrechten transformiert. Als solche werden sie zum Hebel einer deutschen Außenpolitik, die sich in Europa für die Segmentierung und Separierung nach ethnischen Gesichtspunkten einsetzt. Souveräne Staaten und Regierungen sind dabei längst kein Hindernis mehr, wie die Zerschlagung Jugoslawiens gezeigt hat. Ziel der Anfeindungen ist heute Israel als Staat der Juden. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund positioniert sich »THE FINAL IN-SULT – Das Diktat gegen die Überlebenden – Deutsche Erinnerungsabwehr und Nichtentschädigung der NS-Sklavenarbeit«. Die Gespräche, Berichte und Beiträge dieses Buches schließen sich an die Veranstaltungsreihe »THE FINAL INSULT – Erinnerungsabwehr und Zahlungsverweigerung« an, die im Herbst 2001 in Berlin stattfand. Die Veranstaltungsreihe sollte verdeutlichen, dass auch nach der Grün-dung der deutschen »Entschädigungsstiftung« die Tradition der Entschädigungs-verweigerung und Abwehr weitergeht. Vor allem der weitgehende Ausschluss der Überlebenden und ihrer Organisationen von der Konstruktion und sogar der Förde-rungspraxis des so genannten Zukunftsfonds zeigen die Behauptung deutscher Definitionsmacht. Die Gespräche, Berichte und Beiträge dieses Buches reflektieren auch die Ereignisse seit Herbst 2001. Sie stellen die Entschädigungsverweigerung in den Kontext deutscher »Selbstfindung«, die sich über die Abwehr der Ansprü-che und Erinnerungen der wenigen Überlebenden vollzieht. Berlin im Februar 2002 |